Abkehr von der Umkehr

Eine kirchengeschichtliche Besinnung
Die Weihe des großen Altars in der Abtei von Cluny im 10. Jahrhundert nach einer zeitgenössischen Miniatur.
Foto: akg-images/Fototeca Gilardi
Die Weihe des großen Altars in der Abtei von Cluny im 10. Jahrhundert nach einer zeitgenössischen Miniatur.

In gewisser Hinsicht kann die Kirchengeschichte in wesentlichen ihrer Züge als permanente Perpetuierung einer Umkehrsuggestion verstanden werden. Sie beargwöhnt alles „Neue“ und anerkennt nur, was als Rückkehr zu einem Ursprünglichen inszeniert ist. Die schillernden Begriffe der Umkehr und Reform in der Geschichte und für die Zukunft der Kirche beschreibt Thomas Kaufmann, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Göttingen.

Vom Zauber des Anfangs her scheint es unzweifelhaft richtig und zwingend unwiderlegbar zu sein: Das Christentum ist eine Religion der permanenten Umkehr, des immer neuen Anfangens mit dem Anfang, der stetigen Rückkehr zu einem als normativ gesetzten Ausgangspunkt. Entsprechend präzis startete die bisher größte Reformation der lateinischen Kirche mit der Beschwörung des Anfangs aller Anfänge: „Wenn unser Herr Jesus Christus sagt: ‚Tut Buße‘ (Matthäus 4,17), dann will er, dass das ganze Leben der Christen Buße sei“ – so lautet die erste der sogenannten 95 Thesen. Bei seiner Kritik an der sakramentalen Beichtbuße und ihren Folgen in Gestalt der Ablasspraxis setzte Luther also bei Jesu Bußpredigt ein. Von diesem Ausgangspunkt her kritisierte er das, was aus der Buße geworden war. Buße, metanoia, bedeutet Umkehr, Rückkehr zu einem Ausgangpunkt als orientierungsvermittelndem Maßstab, von dem man sich fatalerweise gelöst hat. Als Rückkehr zum Eigentlichen kehrt die Reformation zum predigenden Bußprediger Jesus zurück und folgt seinem Ruf – so jedenfalls lautet ihr Anspruch. Umzukehren, zurückzukehren meint demnach gleichsam klassisch: eine Fehlentwicklung beenden und sich neu am Eigentlichen, dem vorliegend Gültigen, Alten und Ursprünglichen zu orientieren. Wer auf „Umkehr“ programmiert ist, wähnt das, was sein sollte, als ein Früheres, das durch Re-formation, Re-stauration, Re-kreation erneut anzueignen ist.

Das Konzept der Umkehr, wie es die Geschichte des Christentums durchzieht, lebt von der Suggestion der unüberbietbaren, uneinholbaren Heiligkeit der Anfänge: Der Gottessohn hienieden, seine heiligen Apostel, ihr heiliges Wort, das Evangelium, die biblische Urkunde der heiligen Anfänge – an sie hat man allezeit wieder anzuknüpfen. Nur wenn wir umkehren, uns auf die heiligen Anfänge und ihre normativen Botschaften und Texte beziehen beziehungsweise berufen können, bleiben wir der Sache des Christentums treu, so scheint es. „Re-form“, „Re-formation“ ist nicht Revolution; Reformation kann deshalb immer nur bedeuten, zu diesen Anfängen zurückzukehren.

Die Reformation des 16. Jahrhunderts fügte sich kongenial in eine schier endlose Kette an Umkehrbewegungen in der Geschichte des Christentums ein. Der Papstkirche warf sie vor, durch ihr Traditionsprinzip eigenständige, nicht authentisch jesuanische oder apostolische Neuerungen eingeführt zu haben – „Sakramente“ etwa, die die Bibel nicht kennt, Praktiken wie Wallfahrten oder den Ablass, die keinen Anhalt in der Frühzeit der Kirche hatten. In der Sicht der Reformatoren waren die „Romanisten“ Modernisierer, gegen die die eigentliche Gestalt der Kirche wiederhergestellt, re-formiert, werden musste.

In gewisser Hinsicht kann die Kirchengeschichte in wesentlichen ihrer Züge als permanente Perpetuierung einer Umkehrsuggestion verstanden werden, die alles „Neue“ als solches abrogiert oder beargwöhnt und nur das, was als Rückkehr zu einem Ursprünglichen inszeniert ist, anerkennt. Eine Bejahung des Neuen als solchem ist dem Christentum über weite Phasen seiner Geschichte fremd gewesen. Und auch im Rahmen des römischen Traditionsprinzips war „Neues“ ja nur dann akzeptabel, wenn es in der Latenz „immer schon“, „überall“ und „von allen“ (semper, ubique et ab omnibus) geglaubt worden sei – so klassisch Vinzenz von Lerinum –, um dann irgendwann in die in apostolischer Weihesukzession stehende Kirche hinein zu emanieren und sichtbar zu werden.

Wirklich Neues hat es schwer

Wirklich Neues hatte es in der Geschichte der Kirche schwer; dennoch hat die dem Christentum in die religionskulturelle DNA eingeschriebene Ursprungsverhaftungs- und Umkehrneurose nicht verhindert, dass tatsächlich immerzu Neues entstand. Allerdings legitimierte es sich zumeist am Ursprünglichen und Anfänglichen. So war es wohl schon bei der vielleicht ersten „Reformbewegung“, den in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts auftretenden Montanisten. Sie wollten zurück zu jener apokalyptischen Naherwartung, die die Frühzeit der Kirche bewegte. Inzwischen aber hatte man sich in der sich dehnenden Zeit einzurichten begonnen. Das zeitigte Konsequenzen: eine sich verfestigende Struktur hierarchischer Ämter beinahe ausschließlich männlicher Amtsträger, die nach und nach laxere Sittlichkeitsstandards in ihren eigenen Reihen duldete. Dem setzten die Montanisten eine vom Geist bewegte, radikale Endzeitethik entgegen; auch Frauen kam in ihren Gemeinschaften eine exponierte Führungsrolle zu. Ob der Anspruch, an die Zeit der heiligen Anfänge der Kirche anzuknüpfen, zu Recht erfolgte oder nur zum Teil? In der Jesusbewegung und im Kontext des paulinischen Missionswerks hatten Frauen in der Tat eine erhebliche Rolle gespielt.

Seit dem vierten Jahrhundert eignete auch den monastischen Bewegungen und ihren Exponenten eine Tendenz, sich als Umkehr zu den reinen und sittlich hochwertigen, asketischen Maßstäben der frühen Christenheit zu stilisieren. Verweltlichungserscheinungen, wie sie der Kirche drohten, je deutlicher sie wuchs und je anerkannter sie in der Gesellschaft des Römischen Reiches war, suchten die monastischen Reformer dadurch zu begegnen, dass sie sich aus den Kulturräumen in die Wüsten oder an abgelegene Orte begaben; als Vorbild galt ihnen der Jesus, der sich in der Wüste (Matthäus 4) harten Versuchungen durch den Teufel ausgesetzt hatte. Und die weitere Geschichte des Mönchtums wurde eben dies: eine ständige Rückkehr zu den heiligen Anfängen des Anfangs, da man die je eigene Gegenwart durch Verweltlichungs- und Laxheitsentwicklungen korrumpiert sah.

Die Mönchtumsreformer der karolingischen Zeit um Benedikt von Aniane kehrten zurück zur ursprünglichen Regelstrenge Benedikts von Nursia. Auch die Anfänge der cluniazensischen Reform lebten aus dem Anspruchspathos, zum eigentlichen, regelstrengen Ursprung der alten Regel und des darin implizierten apostelgleichen Lebensstils zurückzukehren. Ähnliches galt für die Zisterzienser, denen die Cluniazenser zu lasch und zu lax geworden waren. Und auch das Aufbegehren der neuen Orden des späten Mittelalters, der sogenannten Bettelorden, gegen die alten erfolgte in der Absicht und mit dem Anspruch, die ursprünglichen Ideale Jesu, der Apostel und des frühen Mönchtums reiner, authentischer und kompromissloser zu vertreten. Im späten Mittelalter spalteten sich dann strenge – observante – und „normale“ – konventuale – Richtungen innerhalb der einzelnen Orden auf und bekämpften sich zum Teil bis aufs Blut, immer mit dem Anspruch, zur authentischeren, ursprünglicheren Gestalt umzukehren. Ein vergleichbarer Anspruch des Reformators Martin Luther fügt sich kongenial in die Geschichte der lateinischen Kirche als einer sich stetig reformierenden (ecclesia semper reformanda), an der Urgestalt der Kirche abarbeitenden Größe ein.

Von keinem der suggestiven Umkehrvorgänge in der Geschichte des Mönchtums wird man behaupten können, dass er nicht substantiell Neues mit sich gebracht hätte. Die Benediktsregel bietet eine neuartige Verbindung von Gebet und Arbeit; die Zisterzienser leisteten epochale kolonisatorische und missionarische Dienste und propagierten einen neuen Frömmigkeitsstil. Die Bettelorden eroberten den kirchlich verwaisten urbanen Raum und revolutionierten unter anderem die karitative Arbeit. Und dass die Reformation gewiss mehr und anderes war als die Summe der in ihr enthaltenen frömmigkeitsgeschichtlichen und theologischen Traditionsbestände des späten Mittelalters und nicht einfach nur das „ursprüngliche Evangelium“ wiederhergestellt hat, pfeifen die Wetterhähnchen von den Kirchturmspitzen.

Wäre es also nicht überfällig, endlich eine Abkehr von der Umkehr zu vollziehen und einer Legitimität des Neuen, der Veränderung, der Revolution das Wort zu reden? Behaftet es uns nicht mit einem Glaubwürdigkeitsdilemma, wenn wir meinen, all den Herausforderungen, denen Kirche und Christentum heute begegnen, durch „Umkehr“, also die Orientierung an den Anfängen und den heiligen Texten, begegnen zu können? Gilt es nicht, jenem grundlegenden mentalen Wandel der Aufklärungszeit endlich gerecht zu werden und Erneuerung als Fortschritt anzuerkennen und nicht mehr mühsam – wie es noch die Pietisten taten – als vermeintliche Umkehr zu legitimieren? Ist der Umkehrreflex, das ewige Insistieren auf Reformation, nicht lange zur leeren Attitüde erstarrt und schlichtweg eine Lebenslüge?

Umkehr als Neustart

„Umzukehren“ ist dann unerlässlich, wenn man sich auf einem Weg zu verlieren droht. „Umkehr“ bietet dann die Chance eines Neustartes, weil man sich der Richtungskoordinaten versichern kann. „Umkehr“ ist aber auch enervierend normativ befrachtet: Nur, wenn das entlaufene Junge wieder ins Nest zurückfindet, wenn der verlorene Sohn reumütig zum Vater kommt, kann ein neuerlicher Weg gelingen?! Im sozio-politischen Raum sind Umkehrappelle meist hochgradig moralistisch und mit regressiven Phantasien eines vermeintlichen einfachen Lebens befrachtet, so als ob Oma und Opa noch im vorindustriellen
Elysium gehaust hätten und wir einfach nur in diese bergende Heimat zurückfinden müssten. Eia, wär’n wir da!

Der Ruf nach „Umkehr“ suggeriert trügerische Eindeutigkeit – so als ob die Reset-Taste des Lebens gedrückt werden könnte und neue Orientierung durch die Rückkehr zum Ausgangspunkt zu gewinnen ist. Doch das ist naiv und rechnet nicht damit, dass der Umkehrende auf seinem bisherigen Weg ja auch ein anderer geworden ist. Umkehrrhetorik ist durch Herkunftsbesinnung zu ersetzen; dies erscheint einem erwachsenen Leben gemäßer. Unserer Kirche täte eine Herkunftsbesinnung, die sich nicht an das kettet, was war, aber dessen innewird, warum geworden ist, was ist, gewiss gut. Wir kommen aus einer Welt des vormodernen Jedermanns-Christentums. Noch stehen die Kirchen, die Platz bieten sollten für jeden Menschen, der innerhalb der Stadtmauern lebte. Bis weit in die Neuzeit hinein war konfessionsgebundenes Christentum Untertanenpflicht. In dieser Welt brauchte es für jede Pfarrgemeinde, der man qua Wohnadresse automatisch zugehörte, angemessene Räume und eine entsprechende Infrastruktur. Sich von der Kirche abzuwenden, war praktisch unmöglich; von der Wiege bis zur Bahre regulierte, disziplinierte, umsorgte sie das Leben ihrer Mitglieder.

Noch vor einem halben Jahrhundert war man in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen ein suspekter Außenseiter, wenn man nicht der Kirche angehörte. In meinen norddeutschen Schulklassen der 1970er-Jahre gab es einen Katholiken und zwei Konfessionslose, der Rest war „evangelisch“; das war „normal“. Die heutige Gesellschaft hat sich radikal gewandelt. Nicht-Mitglied einer Kirche zu sein, ist gesellschaftlich makellos möglich. Und das ist auch gut so. Wir Kirchenmitglieder sind auf dem Weg in die Minderheit. Was sollte in dieser Situation „Umkehr“ bedeuten? Vor allem: wohin „umkehren“? In vorkonstantinische Minoritätsverhältnisse? Der Umkehrappell hilft nicht, denn er suggeriert, dass Fehler durch Rückbesinnung korrigiert werden können. Doch das ist nicht der Fall. Wir müssen Ballast abwerfen; wir müssen uns von Strukturen und Gebäuden trennen, die für Verhältnisse gemacht waren, in denen alle, alternativlos, zur Kirche gehörten. Wir sollten unserer Herkunft eingedenk sein; gewiss über ein Jahrtausend lang verdankte das Christentum in unseren Breiten seine Geltung obrigkeitlichem Zwang. Eine „Umkehr“ in diese Welt ist weder möglich noch wünschenswert. Ist es nicht erstaunlich, dass noch so viele, erstmals freiwillig, zu uns gehören? Als Kirche erwachsen zu werden, bedeutet, allein aufgrund unserer Botschaft zu überzeugen. Heute müssen wir radikale Schritte tun. Das wird vor allem dann gelingen, wenn wir unser Kerngeschäft treiben: „Tröstet, tröstet mein Volk! Redet ihm zu Herzen!“ 

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