Evangelische Kleinstaaterei

„Reform ist nötig – Reform ist möglich“. Eine vergebliche Hoffnung?
Foto: privat

"Die gegenwärtige Aufbau- und Leitungsstruktur der Gemeinschaft der Landeskirchen ist weithin nur noch historisch erklärbar. Sie schwächt die kirchliche Präsenz in der Öffentlichkeit. Ihre Plausibilität ist weitestgehend verloren gegangen.“

Was meinen Sie: Wann wurden diese Sätze geschrieben?

2002 verschickte Eckhart von Vietinghoff „unfrisierte Gedanken“ unter anderem an den EKD-Rat. Der damalige Präsident des Kirchenamtes der hannoverschen Landeskirche wollte etwas verändern. Es ging ihm um eine bessere Zusammenarbeit der evangelischen Landeskirchen. Die oben zitierten Sätze stehen in seinem Papier „Reform ist nötig – Reform ist möglich“. Nur eine Zahl ist weggelassen: Es waren damals 24 Landeskirchen. Heute sind es immerhin nur noch 20. Im Osten vereinigten sich zwei, in Mitteldeutschland ebenfalls, im Norden taten sich drei Landeskirchen zusammen.

Doch die Analyse von Vietinghoffs ist nach wie vor gültig und aktuell. Was er beschrieb, hat sich in zwei Jahrzehnten noch verschärft: Mit weniger Menschen, weniger Finanzkraft, nachlassender stützender Stabilität durch das staatlich-gesellschaftliche Klima müssen die Kirchen auskommen, zugleich wachsen die missionarischen und ökumenischen Aufgaben. Das waren schon 2002 dramatische, seitdem rasant gewachsene Herausforderungen. Sie „verlangen nach inhaltlichem Profil und Entscheidungskraft“, schrieb Vietinghoff: „Beides muss gestützt werden durch optimale Leitungsstrukturen.“

Diese aber sind kaum möglich, wenn einige Einheiten so klein sind, dass sie ihre Aufgaben als Landeskirche kaum noch erfüllen können, aber deren Struktur – Bischof, Kirchenräte, Landeskirchenamt, Landessynode – aufrechterhalten. Die kleinste Landeskirche in der EKD wollte sich der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland nicht anschließen. Wie eine Insel liegt sie nun dazwischen. Sie hat weniger Mitglieder als der kleinste westfälische Kirchenkreis. Die geografischen Zuschnitte der Gliedkirchen, die überwiegend auf den Wiener Kongress zurückgehen, sind mehrheitlich „nur bei inniger Liebe zu Geschichte nachvollziehbar“, hieß es schon 2002 mit mildem Spott.

Ja, aber die Nähe zu den Menschen, die sich mit ihrer Region und damit auch ihrer Landeskirche identifizieren – diese Nähe sei doch in einer kleinen Einheit viel besser möglich. Der Einwand kommt unvermeidlich. Landesbischof Karl-Hinrich Manzke von der schaumburg-lippischen Kirche: „Das Geheimnis einer prägenden Gemeinde und Kirche sind die Vertrautheit, überschaubare, beinahe familiäre Strukturen, in die die Getauften das eigene persönliche Engagement gut eintragen können.“ Vertraut, überschaubar, vielleicht auch familiär – warum soll die örtliche Gemeinde das nicht auch in einer größeren Landeskirche sein können? Es muss nicht jeden zweiten Sonntag der Bischof kommen, damit Nähe entsteht. Eine Pfarrerin, zugewandt und nah an den Menschen, wird die Gemeinde prägen und gemeinsam mit anderen für Strukturen sorgen, in die man das Engagement „gut eintragen“ könnte, ganz unabhängig von der Größe der Landeskirche. Den allermeisten Protestanten ist es nämlich herzlich egal, ob sie in einer großen oder kleinen Landeskirche leben. Nicht egal ist ihnen, ob ihr Kind in einem wunderbaren Gottesdienst getauft oder konfirmiert wird. Ob sie, wenn sie vor den Traualtar treten wollen, einen Pfarrer finden, der zum schönsten Fest ihres Lebens die richtigen Worte findet. Und ob sie, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, Trost und Verständnis finden. All das ist in Hannover ebenso möglich wie in Anhalt.

Und das Bekenntnis? Wie ernst wird es genommen, wenn ein Theologe, der nicht lutherisch ordiniert ist, Bischof einer lutherischen Kirche werden kann? (Weitere Beispiele ließen sich nennen.) Und welche Konfirmandin lernt heute noch Luthers Kleinen Katechismus, welcher Konfirmand den Heidelberger?

Nun wollte Vietinghoff die konfessionellen Prägungen nicht schleifen. Ihre Vielfalt sei „ein Reichtum des Protestantismus, keine Last“. Es ging ihm um eine andere Frage: Sind die konfessionellen Bünde in der EKD – lutherisch, reformiert, uniert – noch als Institutionen mit eigenem Apparat gerechtfertigt, um diesen Reichtum nutzbar zu machen? Nein. Da sie sich nicht von heute auf morgen abschaffen lassen würden, legte der erfahrene Verwaltungsjurist einen Zeitplan vor, nach dem binnen vier Jahren die neue Struktur verbindlicher Kooperation in Kraft treten sollte: „Dann gibt es nur noch einen einzigen überregionalen Zusammenschluss: die in sich flexibel differenzierbare Evangelische Kirche in Deutschland.“ Das wäre zum 1. Januar 2006 gewesen. Heute gibt es die Bünde immer noch, auch wenn aus der Evangelischen Kirche der Union die Union evangelischer Kirchen geworden ist. Sie war gedacht als Zwischenschritt, als Provisorium, um die EKD zu stärken. Provisorien sind bekanntlich besonders zählebig. 

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Andreas Duderstedt

Andreas Duderstedt (65) ist Journalist und war 16 Jahre Pressesprecher der Evangelischen Kirche von Westfalen und davor zwölf Jahre Öffentlichkeitsreferent der Lippischen Landeskirche.


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