Bunt

So was kommt von so was

Wer glaubte, Svenja Leiber schreibe sich über ihren letzten grandiosen Roman Staub weiter direkt in die Gegenwart hinein, wähnt sich bei diesem neuen, kraftvoll erschütternden und augenöffnenden Werk zunächst auf falschem Gleis. Denn die Geschichte, mit der sie uns in „Kazimira“ konfrontiert, beginnt vor 150 Jahren, 1871, im Jahr der Reichsgründung und damit in einem von scheinbar endlich gestillten Sehnsüchten und mit großen Erwartungen randvoll gefüllten Jahr.

Schauplatz der Geschichte ist Ostpreußen, das Land des „angeschwemmten Strandsegens“, des Bernsteins, dessen Gewinnung und Verarbeitung im Auf- und Niedergang der Annagrube Ausgangspunkt des Romans ist. Darin bewegt sich zunächst eine Trias prägender Charaktere: Antas Damerau, bester Bernsteinschnitzer und Ureinwohner der Gegend, angestellt beim agilen, liberalen, jüdischen Unternehmer Hirschberg, weltoffener Lautdenker – und, in der Hierarchie dazwischen: Erwin Kowak, „ein ununterbrochen gekränkter und kränkender Mann“, der nur so weit denkt, „wie es ihm passt, das hat sich in seinem Leben bislang bewährt,“ brütender Leisedenker, Protestant, wissenschaftlich-technischer Fachmann im aufgehenden Unternehmen Hirschberg.

In diesen drei Männern spiegelt sich auf sehr unterschiedliche Weise die patriarchal und national verformte Geschichte der Zeit – der herrschsüchtige Krieg der Väter und der geduldige Friede der Mütter. Letztere bilden schließlich den Mittelpunkt dieses Buches: Antas’ Frau Kazimira – die gebändigte, gleichwohl autonome, „glaubt an Naturgötter“ –, dazu die ihr freundlich zugetane, aufgeklärte, kluge Henriette, Hirschbergs Gemahlin, und schließlich die ihrem Leben explosive Kraft schenkende, gepeinigte Frau des Erwin Kowak: Jadwiga, katholische Masurin. Anhand dieser Figuren und ihrer Kinder bis ins dritte, sogar bis ins fünfte Glied im postsowjetischen Leerraum bildet Svenja Leiber klarsichtig deutsche Geschichte ab, wie es vor ihr niemand so vermocht hat in der Balance empathischen Erzählens und faktischen Erinnerns. Jedes wichtige und aus gutem Grund aufgerufene Detail entlarvt tief wurzelnde, staatstreu protestantisch unterfütterte und immer noch präsente patriarchale Deutungshoheit in ihrer kultivierten hohlen Herrschsucht. Jede aufgezeigte Dumpfheit legt technokratisch verbrämten, ewig dumpf raunenden Antisemitismus in seiner deutschnationalen Ausprägung offen. Lakonisch ruft Svenja Leiber die Salonfähigkeit eines Marr und eines Treitschke, den Siegeszug eugenischer Ideen schon im Kaiserreich, Germanophilie und damit Schmähung und Ausgrenzung Andersdenkender als seinerzeit schon obligates Mittel der Macht wach und entlarvt den daran geknüpften nationalistischen Patriotismus, dessen „Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen“ und sich als furchtbar-fruchtbarer Schoß für den fatalen Fortgang der Geschichte erweist.

Das alles ist eigentlich beschämend unerträglich, wären da nicht diese Frauen, allen voran die gesellschaftlich unbedeutendste und beargwöhnteste: Kazimira – die Katz vom Meer –, die alle Härten des Lebens und der Zeit zu spüren bekommt, aber aus einer kraftvollen, dem Ahnenfeld verbundenen Mitte heraus sich selbst treu bleibt und ihren Weg geht, bis zum Graf Kazimir. Die innere Unabhängigkeit, die ihr daraus erwächst, ist Kraftquell – auch für andere, von ihrem Sohn Ake über
Jadwiga bis zu ihrer Urenkelin Jela, geistig behinderter, quicklebendiger Sonnenschein ihrer Familie. 1931 zur Unzeit geboren und darin nicht alt geworden.

In der Beschreibung dieses kurzen, dabei bunt sich verschenkenden Lebens und seiner herzunmittelbaren Wesentlichkeit wächst dieses große, bedeutsame und verstörend aktuelle Buch noch einmal auf geradezu zärtliche Weise über sich hinaus – ein ruhig geschriebenes, dabei dringliches Buch, das sich revolutionär aufrichtig der Zeit stellt und durch die behutsam genaue Sprachkraft Svenja Leibers jenen Mut zur Unerbittlichkeit aufweist, der im Plauderton der Gegenwartsliteratur nicht selbstverständlich ist.

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