Wir lesen nicht, wir beten

Die Schriftstellerin Iris Wolff (44) nahm teil am „Wartburg-Experiment“ und feierte einen ganz besonderen Gottesdienst.
Foto: epd

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ Dieser Absatz aus 1. Korinther 13 stand in einem Literarischen Gottesdienst auf der Wartburg im Mittelpunkt. Der Gottesdienst war Teil des „Wartburg-Experimentes, in dem Uwe Kolbe, Senthuran Varatharajah und ich im vergangenen Jahr jeweils für vier Wochen auf der Wartburg lebten und arbeiteten.

Mein Part in diesem Gottesdienst bestand darin, Fürbittengebete zu formulieren; ich fragte in der Vorbesprechung den Superintendenten Fuchs recht gedankenlos, ob wir im Wechsel unsere Fürbitten lesen würden. Der Fuchs gab dem Wolff den weisen Rat: Wir lesen nicht, wir beten.

Es war kein Gottesdienst, wie man ihn gemeinhin kennt, dafür sorgte schon das Ambiente des Festsaales. Ich kann nicht sagen, was für Erwartungen ich hatte; ich war noch nie ausführender Teil eines Gottesdienstes (abgesehen von meiner zweimaligen Taufpatenschaft und der eigenen Hochzeit). Was dann während Senthuran Varatharajahs Ausführungen zu der Bibelstelle geschah, lässt sich nicht leicht erklären. Er sprach in radikal-persönlich-poetischer Sprache über den Freitod eines Freundes sowie seine Zweifel im Glauben. Es ist schwer vorstellbar, dass auch nur ein einziger Mensch im Saal mit seinen Gedanken woanders war, mehrere weinten. Etwas drehte sich im Raum, verwandelte sich.

Als ich meine Fürbitten formulierte, musste ich nicht darüber nachdenken, aus welcher Haltung heraus ich sprach. Und als der Chor sang: „Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit“ (Johannes Weyrauch), war es, als wäre alles verbunden, Zeiten, Lebensläufe, als ergebe alles Sinn, auch das Äußerste, das Zugemutete, Verlorene. Es war einer jener raren klaren Augenblicke, in denen unter Menschen, die einander nicht kennen, Innigkeit entsteht. In dem die Zuständigkeiten verwischen, nicht mehr wichtig ist, wer die Liturgie ausführt und wer zuhört; Alle waren Zuhörende und Mitwirkende zugleich. Wir waren, so denke ich heute, in unserer Verletzlichkeit, in unserem Wunsch nach Wahrhaftigkeit verbunden.

Wir haben nicht gelesen, wir haben gebetet. Wir haben den Gottesdienst nicht durchgeführt, wir haben ihn gefeiert.

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