Schonungslos

Harzer liest Paul Celan

Eine außergewöhnliche Lyrik-Lesung: Der Rezitator nimmt sein Publikum mit hinein in seinen eigenen Verstehensprozess. Er stockt, er wiederholt Passagen, er startet von Neuem. Wenn der Schauspieler Jens Harzer Gedichte von Paul Celan liest, dann wird rasch deutlich: Diese Gedichte sind nichts für den schnellen Verzehr, kein schlichter Balsam fürs Gemüt. Wer sich ihnen annähern will, muss genau zuhören, muss Worte und Klang wirken lassen, die zahlreichen Metaphern entschlüsseln. Die beiden unter dem Titel „Paul Celan. Eine Annäherung“ erschienenen CDs beweisen, dass Celan weit mehr ist als der Verfasser der „Todesfuge“ – auch wenn dieses Gedicht zu Recht als der literarische Text zum Holocaust gilt. Kaum jemand anderer hat das Grauen der Judenverfolgung durch die Nazis so dicht und schonungslos zu Papier gebracht.

Aber Celan, der als Paul Antschel 1920 als Kind einer deutschsprachigen jüdischen Familie in Czernowitz in der Bukowina geboren wurde, seine Familie im Holocaust verlor und selbst Ghetto und Arbeitslager überlebte, hat bis zu seinem Tod in Paris im Jahr 1970 eine Vielzahl von Themen bearbeitet. In sieben thematischen Kapiteln hat die Tübinger Celan-Kennerin Barbara Wiedemann zusammen mit Harzer Gedichte aus allen Schaffensperioden Celans ausgewählt. Darunter sind Texte, die sich mit der politischen Gegenwart auseinandersetzen, solche, bei denen es um das Jude-Sein geht, oder auch solche, die sich mit dem Verständnis von Heimat befassen.

Die gelesene Auswahl bietet einen Überblick, der einladen kann, den weitgehend vergessenen Dichter (neu) zu entdecken. Allerdings ist zu empfehlen, die Gedichte während des Hörens mitzulesen, damit sie ihre volle Wirkung entfalten können. Schade, dass im Booklet auf einen Abdruck der Texte verzichtet wurde.


 

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