Melange der Krisen

Ein Zwischenruf aus dem Pfarrhaus
Foto: Christian Lademann

Inmitten all der Ratlosigkeit unter dem Eindruck der Invasion in der Ukraine fragte ich in der vergangenen Woche scherzhaft meine Kollegen, ob sich eigentlich irgendjemand bei Ihnen erkundigt hätte, inwiefern wir schon wieder bereit seien für die nächste großformatige Krise.

Die Pandemie hat uns alle erschöpft. Und plötzlich entsteht eine Gemengelage auf der politischen Weltbühne, die wieder Kreativität und unmittelbares Handeln von uns kirchlich Aktiven erfordert. Friedensgebete werden aus dem Boden gestampft, bereits geplante Veranstaltungen umgeworfen oder modifiziert, weil sie plötzlich nicht mehr in die Welt zu passen scheinen. All das angesichts der Tatsache, dass die Anstrengungen der vergangenen zwei Jahre bereits so viele Energien gekostet haben.

Es ist eine Krise, welche die Welt im Krisenmodus trifft. Selbst wenn die Pandemie für den Moment aus dem Fokus der medialen Aufmerksamkeit verschwunden ist, so ist sie ja als Problem weiterhin existent. Und vor allem sind ihre Begleiterscheinungen in Gestalt von kollektiven Verunsicherungen nicht verschwunden, sondern mischen sich in einer toxischen Weise mit den Verunsicherungen, die angesichts der Geschehnisse in der Ukraine um sich greifen.

Alltag radikal verändert

In meinen seelsorglichen Begegnungen erlebe ich das gegenwärtig massiv. Die Sorgen vor weiteren Eskalationen des Konflikts sind sicher nicht unbegründet. Allerdings scheint es mir auch die Erfahrung der Pandemie zu sein, welche diese Sorgen nährt und Ängste verstärkt. Die Menschen haben in den vergangenen zwei Jahren erlebt, dass der Alltag sich von einem Moment auf den anderen radikal verändern kann. All das stärkt nicht gerade die Resilienz-Fähigkeit, sondern die neuen Sorgen angesichts der jüngsten Ereignisse fallen auf einen bereits bestehenden Nährboden der kollektiven Verunsicherung.

Auch im Hinblick auf gesamtgesellschaftliche Dynamiken gehen die beiden Krisen eine komplexe und schwierige Melange ein. Aus medizinhistorischen Diskursen lässt sich lernen, dass Pandemien immer die Begleiterscheinung haben, nationalistische Tendenzen zu verstärken. Die Debatten um Viruseinträge durch Urlaubsrückkehrer und andere Narrative haben Auswirkungen auf das Politische und schüren Ressentiments.

Vor diesem Hintergrund schaue ich mit gemischten Gefühlen auf all die blau-gelben Flaggen in sozialen Netzwerken. Die schrecklichen Bilder des Krieges brauchen ein Gegenbild. Die ukrainische Flagge ist zu diesem Gegenbild der Solidarität geworden. Auf der anderen Seite steht der Fokus auf dem Individuum Putin als psychotischem Aggressor und die daraus folgenden, plötzlich salonfähig gewordenen Rufe nach einem russischen Brutus.

Problematische Ressentiments

Aber es stellt sich die Frage, wie lange diese Sicht auf die Dinge eigentlich trägt. Ohne Zweifel ist Putin der wesentliche Akteur und auch derjenige, der dringend sich selbst in den Arm fallen müsste, um das Blutbad zu beenden. Dennoch frage ich mich, ob dieser monokausale Blick auf das Individuum Putin nicht auch dazu führt, dass sich im Windschatten dieses verengten Blickes gleichsam subkutan doch problematische Ressentiments gegen die russische Bevölkerung entwickeln. In zahlreichen Gesprächen erlebe ich die Verunsicherung von Menschen, die sich fragen, wie wohl ihre russischen Nachbarn zu der Invasion in der Ukraine stehen. Auch diese auftretenden Schwierigkeiten im Miteinander sind eine Realität neben der kollektiven Sichtweise auf Putin als der individuelle Aggressor, die nicht ausgeblendet werden dürfen und die, wenn sie unthematisiert bleiben, ein problematisches Eigenleben entwickeln können.

Als Pfarrerin inmitten dieser Melange der Krisen zu agieren, erlebe ich gerade als Überforderung. Das hat nicht allein etwas zu tun mit den Energieressourcen, sondern auch, damit, dass mir eine innere Haltung zu den Geschehnissen fehlt. Ich stehe gerade immer mittwochs mit Menschen auf dem Marktplatz und mir war eigentlich noch nie so unklar, was ich da gerade tue. Ich bin irgendwie für Frieden. Für den Moment ist das aber auch alles, was ich sein kann, weil mir die friedensethischen Ressourcen für mein pastorales Handeln in dieser Situation fehlen.

Als Bundeskanzler Scholz seine Rede zu den Waffenlieferungen in die Ukraine und zur Stärkung der Bundeswehr hielt, sind mir die Tränen gekommen, weil ich dachte, dass ich ein solches Narrativ Zeit meines Lebens im Bundestag nicht hören werde. Vielleicht ist dieses jahrzehntelange Wiegen in Sicherheit und das Vertrauen auf die Errungenschaften der europäischen Friedensordnung insgesamt kein unwesentlicher Teil des Problems.

Nicht hinter Grundüberzeugungen zurückfallen

Ich würde gern meine Stimme dafür erheben, dass wir hinter Grundüberzeugungen der deutschen Nachkriegspolitik nicht zurückfallen dürfen. Und dennoch merke ich, dass es gerade nicht eindeutig ist, was dem Frieden dient. Wie lässt sich eine Friedensethik denken, welche diese Ambivalenz aushält und mitdenkt?

Als Predigerin stehe ich vor der offenen Frage, wie sich der Wille zum Frieden in dieser komplexen Situation eigentlich ausformulieren kann. Mein großer Wunsch wäre gerade, mich eine Zeitlang mit Kolleginnen und Kollegen zurückzuziehen und diese Fragen nach einer angemessenen Friedensethik sorgsam zu bedenken, um dann mit einer gewonnen Haltung wieder mittwochs auf den Marktplatz zu gehen.

Für dieses Nacheinander bleibt keine Zeit. Am Mittwoch werde ich wieder mit Menschen auf dem Marktplatz stehen, durch FFP2-Masken singen und „irgendwie für Frieden sein“. Menschen Räume eröffnen, damit sie bei aller Ohnmacht angesichts der Ereignisse zumindest ihre Füße bewegen und ihre Stimmen zum Singen vereinen können. Aber mit Worten und Deutungen werde ich sparsam sein, denn diese Worte fehlen mir gerade.

Wenn ich nach Hause komme, lese ich vielleicht www.zeitzeichen.net und bin dankbar dafür, dass andere erste Denkbewegungen hin zu einer situationsangemessenen Friedensethik versuchen. Und vielleicht wachsen dann langsam da Worte, wo jetzt noch Erschöpfung und Ratlosigkeit sind.

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