Der entfesselte Riese

Die folgenschwere Übersetzung der Bibel vor fünfhundert Jahren
Die fast fünfhundert Jahre alte Lutherbibel im Augustinerkloster Erfurt wurde 1540 gedruckt und 2017 restauriert.
Foto: epd
Die fast fünfhundert Jahre alte Lutherbibel im Augustinerkloster Erfurt wurde 1540 gedruckt und 2017 restauriert.

Viele sehen in Martin Luthers Bibelübersetzung eine Art Geburt der deutschen Sprache. Sie haben Recht,meint Jochen Birkenmeier. Der wissenschaftliche Leiter und Kurator der  Stiftung Lutherhaus Eisenach beschreibt anlässlich des Jubiläumsjahres der Übersetzung des Neuen Testaments durch Martin Luther vor genau fünfhundert Jahren das Werden und die spätere Aufnahme des epochalen Werkes.

Am Anfang stand eine geheime Mission, die Martin Luther nach Wittenberg führte: Nachdem er sein Versteck auf der Wartburg verlassen hatte, tauchte der Reformator am 3. Dezember 1521 inkognito in Leipzig auf, um kurz darauf an die Elbe weiterzureisen, wo er sich konspirativ mit seinen Gefährten traf. Eine Woche später kehrte der Reformator auf gleichem Wege von Wittenberg heimlich nach Eisenach zurück. Luthers Eskapade war so riskant, dass sie Kurfürst Friedrich dem Weisen, der ihn zu seinem eigenen Schutz auf die Wartburg hatte „entführen“ lassen, unbedingt verborgen bleiben sollte – und so wissen wir heute über die Hintergründe und Inhalte des Treffens nur wenig. Eines aber enthüllte Luther später selbst: dass seine Mitstreiter, allen voran Philipp Melanchthon, ihn gedrängt hatten, die Bibel zu übersetzen.

Mit diesem Wunsch rannten seine Wittenberger Gefährten bei Luther offene Türen ein. In seiner auf der Wartburg verfassten „Weihnachtspostille“ hatte er im November 1521 bereits verkündet, dass Gläubige auf die besten Predigten und theologischen Auslegungen getrost verzichten könnten, wenn sie in der Lage wären, die Heilige Schrift selbst zu lesen. Das Psalmwort „Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet“ (Psalm 85,9) verstand Luther als Auftrag, die Bibel auch jenen zugänglich zu machen, die Lateinisch, Griechisch und Hebräisch nicht verstanden – damit sie Gottes Wort „selbst fassen, schmecken und dabei bleiben.“ Nach seiner Rückkehr auf die Wartburg begann er deshalb am 18. Dezember 1521 mit der Übersetzungsarbeit. Von diesem Tage sind zwei Briefe überliefert – einer an Johannes Lang in Erfurt, in dem er den Beginn der Bibelübersetzung ankündigt, und ein zweiter an Wenzeslaus Link in Nürnberg, in dem er berichtet, dass er mit der Arbeit schon begonnen habe. Sie dokumentieren den Startpunkt eines Projekts, das Luther sein ganzes Leben lang begleiten sollte und das er als Kernanliegen der Reformation betrachtete: „Wenn doch jede Stadt ihren eigenen Dolmetscher hätte und dies Buch allein in aller Zunge, Hand, Augen, Ohren und Herzen wäre!“

Es stellte sich schnell heraus, dass für die Bibel tatsächlich mehr als ein Übersetzer nötig war: Bereits am 14. Januar 1522 bekannte Luther in einem Brief an Nikolaus von Amsdorf, dass er sich „eine Last aufgeladen habe, die über meine Kräfte geht“. Die Übersetzung des Alten Testaments stellte er deshalb zurück und schlug vor, die Übertragung der gesamten Bibel als Gemeinschaftsprojekt anzugehen: Sie sei „ein großes Werk und wert, dass wir alle daran arbeiten, weil es ein Werk für die Öffentlichkeit ist und dem Heil aller dienen soll.“ Das Neue Testament aber bewältigte er selbst, mit großer Disziplin und in atemberaubendem Tempo, innerhalb von nur 73 Arbeitstagen. Im Februar konnte er seine Übertragung der vier Evangelien bereits an seine Mitstreiter senden, und als er am 1. März 1522 die Wartburg endgültig verließ, hatte er das fertige Manuskript schon im Gepäck. Nach einer intensiven Überarbeitung mit Hilfe Philipp Melanchthons und Georg Spalatins erschien das gedruckte Werk im Herbst desselben Jahres – pünktlich zur Leipziger Buchmesse – als „Septembertestament“ und kurz darauf, wegen des großen Erfolgs, in verbesserter Auflage als „Dezembertestament“.

Die Übersetzung des Alten Testaments nahm längere Zeit in Anspruch: Luther hatte auf der Wartburg schon erfahren müssen, „was Dolmetschen heißt und warum es bisher niemand versucht hat, der seinen Namen dazu hergegeben hätte“. Die vollständige Bibel, die nach mühevoller Arbeit 1534 endlich vorlag, trug schließlich seinen Namen im Titel – als selbstbewusstes Markenzeichen, das für die Qualität der Übersetzung stand. Sie war aber, wie er vorgeschlagen hatte, ein Gemeinschaftswerk, das damit nicht nur eine „Lutherbibel“, sondern auch eine „Reformatorenbibel“ war, zu der viele ihr Wissen und Können beigetragen hatten.

Die Wirkung dieser Übersetzung war gewaltig: Sie erlaubte den Leserinnen und Lesern durch das unmittelbare Verstehen einen eigenständigen Zugang zur Heiligen Schrift und schuf damit die Grundlage eines mündigen und persönlichen Glaubens, sie war Ansporn und Mittel für die stetig wachsende Lesefähigkeit der Bevölkerung und damit Motor für die Entwicklung eines umfassenden Bildungswesens, und sie war das Fundament der überaus reichen protestantischen Musikkultur, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Worte der Bibel in geistlichen Liedern, Kantaten und Oratorien zu verbreiten und erlebbar zu machen.

Luthers Bibel überschritt Landes- und Konfessionsgrenzen und regte die Übersetzung der Bibel auch in andere europäische Volkssprachen an, sie beflügelte den Buchdruck und den theologischen Diskurs. Sie inspirierte selbst Atheisten, Apostaten und Kirchenkritiker – von Friedrich Engels über Friedrich Nietzsche bis zu Bertolt Brecht, der die Lutherbibel als das Buch bezeichnete, das den größten Eindruck auf ihn gemacht habe. Selbst Kirchenfeinde wie der langjährige DDR-Staatsratsvorsitzende und SED-Parteichef Walter Ulbricht griffen auf Form und Sprache der Lutherbibel zurück, wenn sie ihren Lehren höhere Weihen verleihen wollten – seine „Zehn Gebote der sozialistischen Moral“ etwa legen offen, wie stark die Prägungen waren, die er meinte, schon überwunden zu haben.

Die stärkste Wirkung aber ging von Luthers Deutsch aus. Und tatsächlich kann sich niemand der Tatsache entziehen, dass jeder Mensch, der deutsch spricht oder schreibt, zwangsläufig auf Luthers Spuren wandelt. Es ist dabei hilfreich, sich vor Augen zu führen, dass es „die“ deutsche Sprache zu Luthers Zeit noch gar nicht gab, um zu begreifen, worin Luthers Leistung eigentlich lag.

Dass sich Luthers Übersetzung durchsetzen konnte, verdankte sich unter anderem seiner Herkunft aus dem mitteldeutschen Sprachraum, der eine vermittelnde Stellung zwischen den oberdeutschen und den niederdeutschen Gebieten einnahm. Denn eine Bibel für alle zu schaffen, konnte schon an der Vielfalt der unterschiedlichen Dialekte scheitern, die dazu führte, dass – wie Luther beobachtete – „Leute, die 25 Meilen entfernt leben, einander nicht gut verstehen können“. Um seine Bibel weithin verständlich zu machen, vermied er deshalb bewusst die Verwendung eines bestimmten Dialekts: „Ich habe keine gewisse, besondere, eigene deutsche Sprache, sondern die allgemeine, so dass mich beide, Oberdeutsche wie Niederdeutsche, verstehen können“, erläuterte Luther später. Da es noch keine deutsche Standardsprache gab, orientierte sich der Reformator am Meißner Kanzleideutsch, das im diplomatischen Schriftverkehr weit verbreitet und daher am ehesten als „allgemeine“ deutsche Sprache geeignet war. Luthers Verdienst bestand darin, dem bürokratischen Konstrukt so viel Kraft und Kreativität einzuhauchen, dass es der Enge der Amtsstuben entfliehen und als lebendiges Deutsch ins alltägliche Leben einziehen konnte.

Ungewohnte Wendungen

Der enorme Erfolg der Lutherbibel trug zur Durchsetzung von Luthers Bibelsprache bei. Obwohl das Werk auch in einer von Johannes Bugenhagen übertragenen niederdeutschen Version verkauft wurde, drängte die deutlich erfolgreichere Originalfassung das Niederdeutsche langsam in den hohen Norden zurück. Auch in den oberdeutschen Sprachraum sickerte Luthers Deutsch ein, wenngleich den Bibeln noch seitenlange Glossare beigelegt werden mussten, um die ungewohnten mitteldeutschen Wendungen zu erklären. Die weite Verbreitung der Lutherbibel öffnete den Raum für überregional verständliche Veröffentlichungen und schuf so das Fundament, auf dem eine gemeinsame Schrift-, Bühnen- und Literatursprache entstehen konnte: „Luthers Sprache“, so urteilte schon Jacob Grimm 1822, „muss ihrer edlen, fast wunderbaren Reinheit, auch ihres gewaltigen Einflusses halber für Kern und Grundlage der neuhochdeutschen Sprachniedersetzung gehalten werden.“

Seit dem 18. Jahrhundert wurde gerade diese sprach- und kulturprägende Wirkung als Luthers größte Errungenschaft gesehen: „Luther ists, der die deutsche Sprache, einen schlafenden Riesen, aufgeweckt und losgebunden“, verkündete etwa Johann Gottfried Herder 1767. In den Nachwehen der napoleonischen Zeit, in der man sich zunehmend mit der Frage beschäftigte, was denn nun eigentlich „Deutsch“ sei, ging man noch weiter. Luther erschien nun nicht mehr nur als Geburtshelfer der deutschen Sprache, sondern als ihr eigentlicher Urheber: „Er schuf die deutsche Sprache“, fasste Heinrich Heine 1834 knapp zusammen und erhob Luthers Bibelübersetzung damit gleichsam in den Rang einer fortgesetzten Schöpfung Gottes: „In der Tat, der göttliche Verfasser dieses Buchs scheint es ebenso gut wie wir andere gewusst zu haben, dass es gar nicht gleichgültig ist, durch wen man übersetzt wird, und er wählte selber seinen Übersetzer und verlieh ihm die wundersame Kraft, aus einer toten Sprache, die gleichsam schon begraben war, in eine andere Sprache zu übersetzen, die noch gar nicht lebte.“

Diese neue Sprache bildete zugleich den Kern einer eigenen, überregionalen „deutschen“ Identität, die nicht an geographische oder territoriale Grenzen gebunden war. In einer Zeit, in der die Vorstellung eines „deutschen“ Staates ins Reich der politischen Utopien gehörte, hatte Ernst Moritz Arndt die Frage „Was ist des Deutschen Vaterland?“ bereits mit dem Hinweis auf die „deutsche Zunge“, also die gemeinsame Sprache, beantwortet. Für Johann Wolfgang von Goethe stand deshalb fest, dass „die Deutschen ein Volk erst durch Luthern geworden“ seien. Die Zugehörigkeit zum deutschen Volk beruhte für ihn also nicht auf biologischen (oder gar „rassischen“) Voraussetzungen, sondern allein auf einer alle verbindenden Sprache.

Während Arndt und seine Anhänger die deutsche Identität zusätzlich durch eine Abgrenzung von scheinbar „Un-Deutschem“ herausarbeiten wollten und sich dafür antifranzösischer, antisemitischer und antikatholischer Ressentiments bedienten, betonte Heine im Sinne Goethes die integrative Kraft einer sprachlich fundierten deutschen Identität. Luthers Bibelübersetzung war für ihn eng mit der Entwicklung der „Denkfreiheit“ verknüpft, ohne die Literatur und Philosophie nicht denkbar seien: „Indem Luther den Satz aussprach, dass man seine Lehre nur durch die Bibel selber oder durch vernünftige Gründe widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt, die Bibel zu erklären, und sie, die Vernunft, war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit.“ Diese Freiheit habe auch die Voraussetzungen dafür geschaffen, zu den hebräischen Quellen zurückzukehren, ohne die die Lutherbibel ihre Bedeutung niemals hätte erlangen können. Denn nur die Juden hätten die hebräischen Sprachkenntnisse überliefert, und „so saß dieses gemordete Volk, dieses Volk-Gespenst, in seinen dunklen Ghettos und bewahrte dort die hebräische Bibel; und in diese verrufenen Schlupfwinkel sah man die deutschen Gelehrten heimlich hinabsteigen, um den Schatz zu heben, um die Kenntnis der hebräischen Sprache zu erwerben“.

Ohne diese Bemühungen von Humanisten wie Johannes Reuchlin, der gegen die Auslöschung jüdischer Traditionen durch die vorreformatorische Kirche gekämpft habe, wäre Luthers Bibel nicht denkbar gewesen. Aber „als Reuchlin siegte, konnte Luther sein Werk beginnen.“ Für Heine lag somit auf der Hand, dass die deutsche Kultur auf der deutschen Sprache, die deutsche Sprache auf der Lutherbibel, die Lutherbibel aber wiederum auf unterschiedlichen Voraussetzungen beruhte, die auch das Judentum mit einschlossen.

Aus dieser Perspektive war Luther die Persönlichkeit, der wir die Geistesfreiheit verdanken, auf der die deutsche Kultur beruhe und die zugleich die Sprache geschaffen habe, in der sich diese Kultur entfalten könne. Thomas Mann knüpfte 1945 an diese Gedanken an, als er den über Jahrzehnte für nationalistische Zwecke missbrauchten Reformator verteidigte: „Nichts gegen die Größe Luthers! Er hat nicht nur durch seine gewaltige Bibelübersetzung die deutsche Sprache erst recht geschaffen, die Goethe und Nietzsche dann zur Vollendung führten, er hat auch durch die Sprengung der scholastischen Fesseln und die Erneuerung des Gewissens der Freiheit der Forschung, der Kritik, der philosophischen Spekulation gewaltigen Vorschub geleistet.“

In allen Facetten „schmecken“

Luthers Bibelübersetzung und ihre Wirkungsgeschichte sind für den Freistaat Thüringen Anlass, 2022 ein Jubiläumsjahr unter dem Titel „Welt übersetzen“ zu begehen und neben der Macht der Sprache auch Übertragungen in Musik, Literatur und Kunst in den Blick zu nehmen. Nach der notwendigen Abgrenzung vom problematischen, judenfeindlichen Luther anlässlich der Reformationsdekade bietet sich dabei auch die Chance, mit etwas Abstand auch Luthers andere Seiten zu entdecken und seinen kulturellen Leistungen auf den Spuren der Klassiker neu nachzugehen. Das Jubiläum kann so zu einer Möglichkeit werden, die Kraft des Wortes – ganz im Sinne Luthers – in all seinen Facetten neu zu „schmecken“. 

 

Information

In Thüringen gibt es bis September im Rahmen des Jubiläumsjahres „Welt übersetzen“ zahlreiche Veranstaltungen und Angebote, unter anderem ab Ostern die überarbeitete und erweiterte Dauerausstellung im Lutherhaus Eisenach.

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Foto: Lutherhaus Eisenach

Jochen Birkenmeier

Dr. Jochen Birkenmeier ist Historiker und Direktor des Lutherhauses Eisenach, das neben der preisgekrönten Ausstellung „Luther und die Bibel“ auch eine Schau zum kirchlichen ‚Entjudungsinstitut‘ und die Skulptur „man in a cube“ von Ai Weiwei zeigt.


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