Vermittlung versucht

Fünf Landeskirchen äußern Ideen für den Nahostkonflikt
Israelische Soldaten nach dem Rückzug aus dem Gaza-Streifen im Januar 2009.
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Israelische Soldaten nach dem Rückzug aus dem Gaza-Streifen im Januar 2009.

Im Mai 2019 hat der Bundestag die Boykott-Kampagne (BDS) gegen Israel verurteilt. Im September kommt die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Karlsruhe zusammen. Im Vorfeld haben fünf evangelische deutsche Landeskirchen ein Papier zum Frieden im Nahen Osten veröffentlicht, das einen Teilboykott Israels nicht ausschließt. Diese Erklärung analysiert der Theologe Peter Noss vom „Zentrum Ökumene“ der hessischen Landeskirchen.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen: Wenn die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) vom 31. August bis 8. September in Karlsruhe zusammenkommt, werden dort bei den erwarteten bis zu 800 Delegierten und 5 000 Gästen aus aller Welt auch Fragen zu „Israel – Palästina“ wichtig werden.

Das christologisch akzentuierte Motto der Vollversammlung „Christ’s love moves the world to reconciliation and unity“ lässt bei entsprechender Lesart durchaus Spielräume im Verständnis – auch im Blick auf das Verhältnis der Kirchen zu anderen Religionen. Selbstverständlich kann, ja muss bei allem interreligiösen Reden über Frieden und Versöhnung in der Region des Nahen Ostens der Bezug zum Judentum eine wichtige Rolle spielen. Möglicherweise aber wird es Polarisierungen in die eine oder andere Richtung geben, denn verschiedene Gruppen gehen bereits in Stellung.

Wissend um die mögliche Brisanz des Themas haben sich fünf evangelische Landeskirchen im Frühjahr 2019 zusammengetan, um einen gemeinsamen Text zu veröffentlichen, der im November 2021 zunächst in deutscher, im Februar 2022 in englischer Sprache erschienen ist. Auslöser waren Debatten über einerseits zunehmenden Antisemitismus in Deutschland, aber auch weltweit, und anderseits die Lage in der Region des Nahen Ostens: „Die Stärke der ‚Leitgedanken‘ liegt in ihrer differenzierten Betrachtung, die alle Beteiligten im Blick behält. [...] Eine einseitige Parteinahme ist schwer möglich“, betont Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen (und seit November auch EKD-Ratsvorsitzende). Sie ist eine der Unterzeichner:innen.

Während die Kirchenkonferenz der Evangelischen Landeskirchen in Deutschland Ende 2021 das Papier wohlwollend zur Kenntnis genommen hat, hat die Synode der EKD sich gar nicht damit befasst. Das könnte ein Hinweis darauf sein, wie schwer ein breiter Konsens in diesen Fragen zu erreichen ist. Als gemeinsames Grundlagenpapier ist das von dem ständigen Arbeitskreis der EKD, der Evangelischen Mittel-Ost-Konferenz (EMOK) 2009 beschlossene (und 2016 noch einmal bestätigte) Konsenspapier immer noch in Geltung.

Umstrittener Bericht

Worum geht es im Kern: Antisemitismus ist ein weltweit verbreitetes Phänomen, Verschwörungstheorien, zuletzt auch angefacht durch rechte Kreise, Politiker und Corona-Leugner, sind häufig antisemitisch aufgeladen. Der kürzlich veröffentlichte Bericht von Amnesty International zur Lage der Palästinenser beschreibt den Nahostkonflikt nicht als einen politischen, sondern als einseitiges Diskriminierungshandeln, Israel wird als „Apartheid-Staat“ verunglimpft.

Das Phänomen und Übel eines „Antisemitismus gegen Israel“ haben kürzlich die Autoren Klaus Holz und Thomas Haury in ihrem gleichnamigen Buch anschaulich beschrieben und analysiert: Sie vertreten die These, dass Antisemitismus wesentlich „Identitätspolitik“ ist, die vor allem auf ein positives Selbstbild zielt – und deshalb vermeintlich so attraktiv und nützlich ist (siehe dazu etwa das ausführliche Gespräch des EKD-Kulturbeauftragten Johann Hinrich Claussen mit dem Soziologen Klaus Holz: www.zeitzeichen.net/node/9534).

Die Situation in Israel-Palästina ist im Laufe der vergangenen Jahre immer schwieriger geworden, Israel als demokratischer Staat ist nach wie vor durch Iran und andere Nachbarn in seiner Existenz bedroht, eine wie auch immer definierte staatliche Souveränität der Palästinenser ist vorerst in weite Ferne gerückt. Die Fronten im Nahen Osten sind an dieser Stelle verhärtet, auch wenn es nach der Installierung der aktuellen Viel-Parteien-Regierung in Israel eine vorsichtig begründete Hoffnung auf Bewegung gibt.

Auf palästinensischer Seite ist die Lage schwierig, da von einer Demokratie in den selbstverwalteten Gebieten keine Rede sein kann – im Demokratie-Ranking der Universität Würzburg liegt das Westjordanland (unter der Fatah) auf Rang 166 und Gaza (unter der Hamas) auf Rang 168 von 176 Plätzen. Die Christ:innen in diesen Gebieten sind nur noch eine Minderheit, selbst in Bethlehem ist ihr Anteil seit dem Jahr 2002 stark gesunken. Israelische Siedlungs- und Checkpoint-Politik entlang der Trennmauer, die Sorge um die Zukunft des Staates Israel und die terroristische Bedrohung verhärten die Situation, wie es auch die innerisraelischen Konflikte zwischen arabischen und jüdischen Bürgerinnen und Bürgern im Frühjahr 2021 gezeigt haben.

Erinnerungen an die Schoah

Deshalb, so der scheidende badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh, müsse sich das, „was wir als Kirchen zu einem friedlichen Umgang mit Konflikten zu sagen haben, [...] an der Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina bewähren.“ Das Papier will dazu beitragen – und tut dies selbstbewusst: „Die Erinnerung an die Schoah motiviert dabei unseren Einsatz für die Überwindung von Antisemitismus und theologischem Antijudaismus ebenso wie unser Eintreten für die universalen Menschenrechte“, heißt es in der Vorbemerkung zu den fünf Leitgedanken.

Wichtig ist den Unterzeichner:innen, dass Etikettierungen mit Begriffen wie „Apartheid“, „Rassismus“ oder „Genozid“ im Diskurs nicht weiterhelfen würden, weil sie die notwendige „differenzierte Analytik“ ersetzten. Aber auch die pauschale Bewertung von Kritik an der Regierung Israels als „antisemitisch“ führe zu schnell ins Abseits. Nicht zuletzt die Debatte und der Beschluss der Bundesregierung zur BDS-Bewegung haben auch aus Sicht der Autoren die polarisierende Debatte weiter „befeuert“.

Im Mai 2019 hatte der Bundestag einen Antrag von CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen angenommen, in dem die BDS-Kampagne und der Aufruf zum Boykott israelischer Waren verurteilt wurden. Auch dürften keine Organisationen finanziell gefördert werden, die das Existenzrecht Israels infrage stellten, ebenso Projekte, die zum Boykott aufrufen oder die BDS-Bewegung unterstützten. An dieser Stelle versucht das Landeskirchen-Papier zu vermitteln, indem der in Teilen der BDS-Bewegung geforderte Totalboykott als illegitim, Boykottmaßnahmen grundsätzlich aber als legitim und rechtskonform bezeichnet werden (These 3/2). Hier gehen die Autoren den Befürworter:innen von Boykotten doch sehr weit entgegen.

Dem Papier ist nicht nur an dieser Stelle das Ringen um Ausgewogenheit im Diskurs deutlich anzumerken – auch im Ahnen und Wissen darum, dass es im Weitergehen bis Karlsruhe und darüber hinaus diejenigen auf den Plan rufen wird, die gerade das nicht wollen. Für das Ringen steht der erste Leitgedanke, der die „untrennbare“ Verbundenheit mit dem Judentum und zugleich der weltweiten Christenheit untereinander betont – und darin selbstverständlich einbezogen die palästinensischen Christen.

Es ist konsequent, wenn unter anderem in Bezug auf die ÖRK-Studie „Die Kirche: Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision“ von 2013 formuliert wird, dass der Rückbezug der ökumenischen Christenheit auf Jesus Christus „den essenziellen Bezug der Kirche auf das Judentum“ impliziere. Hier stellt sich die Frage, ob diese im christlich-jüdischen Dialog inzwischen selbstverständliche Sicht in den Konfessionsfamilien mitgetragen wird – denn in der ÖRK-Studie lautet die Formel „profoundly related“, also „grundsätzlich verbunden mit“. Mit Spannung wird verfolgt werden können, ob die Vollversammlung in Karlsruhe in dieser Hinsicht einen Entwicklungsschritt hin zu einer noch deutlicheren Verbindung aller Christ:innen zum Judentum machen wird. Denn der Austausch mit Verteter:innen des Judentums wie auch der interreligiöse Dialog sind inzwischen integrale Bestandteile der Arbeit des ÖRK.

Im zweiten Leitgedanken wird die seit geraumer Zeit mehr und mehr in den Blick genommene theologische Frage des „Landes“ aufgerufen: So wird einerseits die „untrennbare Beziehung des jüdischen Volkes zum Land der Verheißung mit Jerusalem in seiner Mitte“ anerkannt – und andererseits das „ungeschmälerte Lebensrecht“ und der Ruf nach politischer Selbstbestimmung des palästinensischen Volkes im Sinne einer tiefen Verbundenheit „mit dem Land der Bibel“ zum Ausdruck gebracht. Interessant an der Entfaltung dieser Frage ist die Feststellung: „Wir ringen um einen Weg zwischen einer völligen Profanisierung und einer religiös-fundamentalistischen Überhöhung der Geschichte Israels.“ Damit ist die politische Brisanz einer entsprechenden Argumentation gemeint, die polarisiert, auch innerhalb der jüdisch-israelischen Gesellschaft.

Auch göttliche Unterstützung

Über die Verbundenheit mit den palästinensischen Christ:innen, deren Anteil an der Bevölkerung in Palästina von einst etwa 15 Prozent auf gegenwärtig rund 1,5 Prozent gesunken ist, und mit dem Verweis auf 1. Kor 12,26 wird der Anspruch des palästinensischen Volkes insgesamt als legitim bezeichnet: Ohne Eigenstaatlichkeit Palästinas bei gleichzeitigem Existenzrecht Israels wird es (mit Verweis auf die Synodalbeschlüsse der Evangelischen Kirche im Rheinland von 2016 und der Evangelischen Kirche von Westfalen 2017) keine Lösung geben.

Für diese Perspektive der Zweistaatlichkeit treten die fünf Landeskirchen ein, wie im vierten Leitgedanken präzisiert wird: „Wir geben unserer Hoffnung Ausdruck und beten für ein versöhntes Miteinander von jüdischen und palästinensischen Menschen im Heiligen Land in einem gerechten und fairen Frieden für alle.“ Mir scheint es wichtig, dass an dieser Stelle keine politischen, sondern theologisch-eschatologische Formulierungen gewählt wurden, die es erlauben, nicht nur auf das eigene Vermögen, sondern eben auch auf göttliche Unterstützung zu setzen. (Gewachsene) Kooperationen mit Partnerorganisationen vor Ort auf allen Seiten werden davon abhängig gemacht, ob diese Frieden und Mitmenschlichkeit fördern beziehungsweise – auf christlicher Seite – sich nicht des christlich-antijudaistischen Musters der Ablösung vom Gottesvolk bedienen.

Dass die Autor:innen so formulieren, zeigt auch, wie emotional aufgeladen ihnen dieses Thema erscheint – und dass es hier noch enormen Diskussionsbedarf gibt. Schon jetzt gibt es erste kritische Stellungnahmen sehr unterschiedlicher Provenienz, die erneut das bestätigen, was im dritten Leitgedanken kritisch gesehen wird: dass Fronten sich verhärten, Gesprächsfäden abreißen, Verständigungsmöglichkeiten schwinden. Einseitig fordern diese Gruppen kompromisslose Solidarität mit Palästina – und gehen so darüber hinweg, was hier zurecht gefordert wird, nämlich Differenzierung und die Bereitschaft zu Offenheit und Kompromiss.

Das wiederum werde gerade auch „von den verantwortlichen Politikerinnen und Politikern auf beiden Seiten“ (These 4/3) erwartet. In diese Linie der Erwartungen passt dann der in These 5/1 zitierte Bittruf, der 2010 in der Antwort der Evangelischen Kirche in Baden auf das sogenannte Kairos-Dokument von 2009 formuliert wurde: „Es ist Zeit für Frieden in Israel und Palästina. Es ist Zeit für ein Nein ohne jedes Ja zu allen Gewalttaten und Rechtsbeugungen auf allen Seiten des Konfliktes.“

Das Motto der Weltversammlung wird als „biblisch genährte Hoffnung“ verstanden, „Versöhnung“ und das Bestreben nach Einheit mit der Bereitschaft in Verbindung gebracht, sich auf Empfindungen, Verlust-, Leidens- und Hoffnungsgeschichten einzulassen. Es ist aus meiner Sicht äußerst bedauerlich, dass die Organisatoren auf deutscher Seite dem Motto die eschatologische Pointe genommen haben, als sie es, anders als in der englischen Vorlage (journalistisch konformer?), so übersetzten: „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt.“

Es zeigt, wie komplex das Feld bestellt ist und wie notwendig sensibel konstruktive Schritte sind. Deshalb zielt das Papier auch auf die Meinungsbildung und Verständigung in den interreligiösen Foren in den Landeskirchen, so Dorothee Wüst, Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche der Pfalz: Es soll „ein Baustein zu konstruktiver Auseinandersetzung sein“. Das ist den Thesen zu wünschen – und vor allem den Menschen im Nahen Osten, egal, welcher Religion und Nationalität sie sind. 

Information

Das Papier ist in deutscher und englischer Version nachzulesen auf den Seiten der beteiligten Landes­kirchen, so unter: www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/israel-palaestina-evangelische-kirchen-veroeffentlichen-positionspapier.html.

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