Asyl für die „Höllenbrände“

An Fulda und Weser siedelten vor dreihunderten Jahren Glaubensflüchtlinge aus Frankreich
„Der Trupp der Armseligen“: Aufnahme aus dem Deutschen Hugenottenmuseum in Bad Karlshafen. 170 000 Menschen verließen innerhalb weniger Monate ihre Heimat Frankreich.
Foto: Martin Glauert
„Der Trupp der Armseligen“: Aufnahme aus dem Deutschen Hugenottenmuseum in Bad Karlshafen. 170 000 Menschen verließen innerhalb weniger Monate ihre Heimat Frankreich.

Vor genau dreihundert Jahren gründeten Hugenotten und Waldenser die Orte Gottstreu und Gewissenruh an der Weser. Die Probleme und Erfolge bei der Integration dieser Glaubensflüchtlinge weisen aufschlussreiche Parallelen zur heutigen Migration auf, wie der Arzt und Journalist Martin Glauert aufzeigt.

Soeben ist die Weser in Hannoversch Münden aus dem Kuss von Werra und Fulda entstanden und schlängelt sich gemütlich durch den Reinhardswald nach Norden. Der Uferweg ist beliebt bei Wanderern und Radfahrern, die die Natur genießen. Auf genau diesem Weg wanderte im Sommer 1722 eine Gruppe von 24 Familien, Hugenotten und Waldenser, die es auf der Flucht vor den blutigen Verfolgungen in Frankreich hierher verschlagen hatte. Ihr Ziel waren die Orte Gottstreu und Gewissenruh, die ihnen zugewiesen waren. Da sie wenig mehr als ihr Leben hatten retten können, hießen sie bald überall nur der „Trupp der Armseligen“. Auf einem alten Stich kann man sehen, dass es ein abenteuerlicher Haufen war. Die Kleinsten werden von Müttern und Vätern auf den Armen getragen. Die älteren Burschen laufen vorneweg und halten Ausschau nach Wegmarkierungen. Kühe werden mit Stöcken angetrieben, Schweine laufen grunzend mit. Auf kleinen zweirädrigen Pferdekarren werden einige Habseligkeiten transportiert. Einen langen Fußweg haben sie hinter sich. Im Piemont, dem Grenzgebiet zwischen Frankreich und Italien, war ihnen als protestantischer Minderheit die Ausübung ihrer Religion verboten, immer wieder erlebten sie Unterdrückung und brutale Gewalt.

Reformatorisch schlicht: die Kirche in Gewissenruh.
Foto: Martin Glauert

Reformatorisch schlicht: die Kirche in Gewissenruh.

 

In dieser verzweifelten Lage erfuhren sie von der Freyheits Concession und Begnadigung vom 18. April 1685. Darin sicherte der Landgraf Karl von Hessen-Kassel Manufakturisten, Kaufleuten und Handwerkern der reformierten Religion die freie Niederlassung in seinen Gebieten zu. Die Einladung geschah dabei nicht nur aus Christlicher Compassion, sondern auch aus eigenem wirtschaftlichen Kalkül. Die Einwanderer sollten die Bevölkerungsverluste aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ausgleichen, zudem versprach Karl sich von den berühmten handwerklichen Fähigkeiten der Franzosen die Gründung neuer Industrien und eine Stärkung der hessischen Wirtschaft.

Gottstreu und Gewissenruh

Zunächst wurden die Ankömmlinge in der Residenzstadt Kassel aufgenommen, wo ein eigenes modernes Stadtviertel für sie erbaut wurde, die Oberneustadt. Schon bald jedoch wurde die großherzige Christliche Compassion des Landgrafen ernüchtert durch die Feststellung, dass die eintreffenden Migranten meist weder die gewünschten Fertigkeiten noch das erhoffte Kapital mitgebracht hatten. Enttäuscht klagte er 1699: „Man hat Mir Handwerker und einigermaßen bemittelte Leute versprochen. Letzteren gestattet aber die Schweiz die Niederlassung dortselbst. Mir schickt man Arme und Notleidende ab, meist Landleute, denen Ich zunächst Unterhalt gewähren und – sehr zum Nachteil Meiner eigenen Untertanen – Landparzellen zuweisen muß.“ So entstanden die „Kolonien“, eigens für Hugenotten und Waldenser angelegte Siedlungen auf dem flachen Land. Meist lagen sie in „Wüstungen“, die im Mittelalter schon einmal besiedelt und dann verlassen worden waren.

„Gewiss ist der Ewige an diesem Ort.“ Kirchenportal in Gewissenruh.
Foto: Martin Glauert

„Gewiss ist der Ewige an diesem Ort.“ Kirchenportal in Gewissenruh.

 

In Gottstreu ist das Museum im alten Schulhaus untergebracht. Über drei Stockwerke, verbunden durch eine steile Holztreppe, wird dort die Geschichte der Hugenotten und Waldenser lebendig, im wahrsten Sinne des Wortes. Lebhaft und leibhaftig nämlich steht Rolf Mazet vor uns. Der Museumsführer in kariertem Hemd und ärmelloser Weste ist 76 Jahre alt, aber wenn er ins Erzählen kommt, wird er wieder jung, und die Zeit dreht sich zurück. „Vor elf Generationen kamen wir hier ins Dorf “, berichtet der Hugenotte, als wäre es gestern gewesen, „und der Anfang war nicht leicht!“ Dabei klang alles so verlockend. Großzügige Privilegien für die „fremden manufacturiers“ hatte der Landgraf versprochen, Land wurde ihnen kostenlos zugewiesen, zehn Jahre lang waren sie von allen Abgaben befreit, die Söhne vom Kriegsdienst verschont. Selbst die Gottesdienste und den Schulunterricht durften sie in französischer Sprache abhalten. „Aber immer wieder kam es zu Spannungen mit den deutschen Einwohnern“, berichtet Mazet. Allein schon die kulturellen Unterschiede waren eine arge Belastungsprobe für beide Seiten. Den Einheimischen erschienen die Neuankömmlinge wie Wesen aus einer anderen Welt. „Wie widerlich klang … jene fremde näselnde Sprache, mit der Geschwindigkeit des Sturmwindes … geschleudert, geziert, deklamiert. Bald handtierten sie mit den Armen wie die Windmühle mit ihren Flügeln. Bald dienerten und knixten sie mit steifen Knien mitten im lebhaften Gespräch, jetzt nach dieser, jetzt nach jener Seite“, weiß ein entrüsteter Zeitgenosse zu berichten.

Geschichte im Comic. Die Hugenotten als Märtyrer.
Foto: Martin Glauert

Geschichte im Comic. Die Hugenotten als Märtyrer.

 

Bei den grundlegendsten Bedürfnissen, etwa der Nahrung, begannen schon die großen Probleme. „Hirse in Bier, Pökelfleisch und Sauerkohl, Mehlklump mit Bollentunke, kräftiges Schwarzbrot mit Kleie und Rettige brachten ihnen Magenschmerzen und Kolik. Rotwein begehrten sie, der hier nicht wächst; Weißbrot, das niemand buk; Wolldecken, unter denen hier Niemand schlief; Zahnbürsten, die Niemand kannte.“

Kirschen und Kartoffeln

Schon rein logistisch war der Zuzug dieser großen Zahl an Menschen innerhalb relativ kurzer Zeit für die ansässige Bevölkerung mit erheblichen konkreten Belastungen verbunden. Probleme gab es bei der Versorgung der Ankömmlinge mit Wohnraum, Nahrungsmitteln und Brennholz, es fehlte an Getreidevorräten und Ackerland. Die Konkurrenz um die Ressourcen Weideland, Huterechte und Wasser führte zu häufigen Reibereien. Neben einer Flut von schriftlichen Protesten kam es immer wieder auch zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Teilweise versuchten bewaffnete Bewohner, die französischen Siedler mit Androhung von Gewalt zu vertreiben. Sie ließen ihr Vieh auf den bestellten Feldern der Kolonisten weiden und zerstörten so deren Ernte. Vielleicht ist es ja unter diesen widrigen Umständen als Trost oder als Selbstermutigung zu verstehen, dass über dem Portal der Kirche in Gewissenruh das Bibelwort steht: „Gewiss ist der Ewige an diesem Ort und ich wusste es nicht.“

Die Waldenserkirche ist die evangelische Kirche von Gottstreu, einem Ortsteil der Gemeinde Wesertal im hessischen Landkreis Kassel.
Foto: Martin Glauert

Die Waldenserkirche ist die, evangelische Kirche von Gottstreu, einem Ortsteil der Gemeinde Wesertal im hessischen Landkreis Kassel.

 

Zum Glück geht Toleranz manchmal durch den Magen. Nach vorsichtigem Beschnuppern übernahmen die Eingesessenen umso freudiger einige Erfindungen der Neulinge. Die bis dahin unbekannten Kirschen und Kartoffeln wurden den Zuwanderern abgekauft, anfangs nur heimlich, gegen die Warnungen der Ärzte und Doktoren, sollten die Bataten doch „eine Schwere und den Schwindel verursachen“. Die Mastochsenzucht und die Haltung von Truthähnen, der „welschen Hühner“, bereicherten bald den Speiseplan der nordhessischen Bauern. Statt der bisherigen Fußlappen trugen die Einwohner nun maschinell gewirkte Strümpfe und irgendwann sogar elegante Handschuhe. Bald genossen die neuen Nachbarn in der Bevölkerung einen tadellosen Ruf, wie eine Untersuchung von 1782 bestätigt: „Fälle der Unkeuschheit des weiblichen Geschlechts scheinen bei ihnen verhältnismäßig weniger gemein zu sein“! Dennoch dauerte die Integration viele Jahrzehnte. Erst um 1820, also mehr als hundert Jahre nach der Einwanderung, wurden allmählich aus den Franzosen Deutsche, die nicht nur im Alltag, sondern auch in Schule und Kirche die Sprache des Gastlandes lernten und in Wort und Schrift beherrschten. Der ausgedehnte Zeitraum der Assimilation und Integration der Hugenotten in Hessen ist vor allem darin begründet, dass im ländlichen Refuge besondere Bedingungen herrschten. Die „Franzosen“ lebten in den neuen Dörfern wie in einem Ghetto unter sich. Deutsche durften nicht zuwandern, weil die besonderen Privilegien, die mit den Höfen dort verbunden waren, nur für die Neubürger Gültigkeit hatten. Hier zeigt sich ein immer wiederkehrendes Dilemma: Was die Immigranten als kulturelle Identität bewahrten, was ihnen Halt und Selbstvergewisserung in einer teilweise misstrauisch und feindlich gesonnenen Umgebung verschaffte, führte gleichzeitig zu einer Selbstisolierung, die ihnen den Zugang zur Mehrheitsgesellschaft versperrte.
So wurde in den Schulen der Kolonien ausschließlich auf Französisch gelehrt und gelernt. „Das Erste, was man auf Deutsch lernte, war Fluchen, das Letzte, was man auf Französisch vergaß, war Beten und Singen“, schreibt der Historiker Jochen Desel. Erst um 1820 gelang es mit viel Mühen und jüngeren Lehrern, die deutsche Sprache über Kirche und Schule in den Dörfern einzuführen.

In Gottstreu ist das Museum im alten Schulhaus untergebracht. Das Foto zeigt eine Wohnung von Bauern im Piemont.
Foto: Martin Glauert

In Gottstreu ist das Museum im alten Schulhaus untergebracht. Das Foto zeigt eine Wohnung von Bauern im Piemont.

 

Die heftigste Abneigung und die größten Widerstände erfuhren Hugenotten und Waldenser ausgerechnet von ihren protestantischen Glaubensgenossen im neuen Gastland. Den gesellschaftlich etablierten Lutheranern waren die von Calvin geprägten Reformierten ein Dorn im Auge, wo immer es ging, legten sie ihnen Steine in den Weg.

Enttäuschte Hoffnung

Ein trauriges und beschämendes Beispiel für die auch damals oft geübte Abschiebepraxis liefert ausgerechnet der „Trupp der Armseligen“. Über die Schweiz und den Rhein waren sie aus dem Piemont hinauf gewandert bis nach Württemberg. Dort schickte man sie weiter nach Brandenburg, wo der König französischen Asylanten Siedlungsland in Aussicht stellte. Diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Als „Wilde unter Allongeperücken“ wurden sie von den lutherischen Theologen beschimpft, als „Höllenbrände“ und „calvinistische Pest“. Obwohl inzwischen der Winter hereingebrochen war, waren die Réfugies gezwungen weiterzuziehen. Über Sachsen und Hamburg irrten sie zu Fuß bis hinauf ins dänische Jütland, ohne irgendwo ein Bleiberecht zu erhalten. Erst nach mehr als 25 Jahren fand diese Odyssee ein Ende. Die Glaubensflüchtlinge, nun teilweise schon in der zweiten Generation unterwegs, durften an der Weser siedeln und gründeten hier die Orte „Gottstreu“ und „Gewissenruh“.

Hugenotten im Krieg.
Foto: Martin Glauert

Hugenotten im Krieg.

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