Neue Welt

Klartext
Foto: privat

Innerlich berührt

Karfreitag, 15. April

Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! (Lukas 23,47)

Die Bedeutung, die Jesus von Nazareth für mich hat, prägt ganz entscheidend mein Verständnis des Karfreitags. Dass die möglichen Interpretationen eine große Bandbreite abdecken, ist kein Beleg für eine sich beschleunigende Verfallsgeschichte des Christentums. So lässt die Rede vom guten Menschen Jesus diesen gerade nicht in einer Form eines oft gescholtenen „Gutmenschentums“ aufgehen. Dietrich Bonhoeffer zeigt das sehr schön in der Christologie-Vorlesung, die er 1933 hielt: „Was heißt es, wenn der Proletarier in seiner Welt des Misstrauens sagt: Jesus war ein guter Mensch? (…) Mit dem Wort von dem guten Menschen sagt er jedenfalls mehr, als wenn der Bürger sagt: Jesus ist Gott!“ Was heißt es also, wenn der römische Hauptmann unter dem Kreuz bekennt: „Dieser Mensch war ein Gerechter!“ Sagt er damit womöglich nicht viel mehr als der fromme Kirchgänger, der den am Karfreitag zu Tode Gebrachten als Gottes Sohn bekennt? Dem römischen Hauptmann kommt hier die Rolle dessen zu, der nicht zur Gemeinschaft der legitimierten Interpreten des Todes Jesu dazugehört. Er kann sich nicht einmal auf ein allgemeines Priestertum berufen. Denn er kennt weder die Sprachspiele der theologisch Gebildeten, noch beherrscht er die Regeln des angemessenen religiösen Verhaltens. Er betet nicht, fasst aber in Worte, was er wahrnimmt und was ihn im Innersten berührt. Gerade deshalb wird er zum Prototyp des religiösen Deuters des Karfreitags. Und gerade deshalb hält er auch für mich unter dem Kreuz einen Platz frei. Denn am Karfreitag ist weder meine religiöse Korrektheit gefragt noch die Bereitschaft, mich in den Chor derjenigen einzuordnen, die erklären können, warum dieser schreckliche Tod sein musste. Am Karfreitag gibt es weder etwas zu erklären noch zu verklären. An diesem Tag wird zuallererst offengelegt, wie es um mich und um die Welt steht. Und wenn ich in dem guten Gerechten am Kreuz den Ausweg aus der Todesspirale erkenne, wird dieser Tag zum Guten Freitag, Good Friday, wie der Karfreitag in England heißt.

 

Große Überraschung

Ostersonntag, 17. April

Und sie (die drei Frauen) kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. (Markus 16,2)

Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest. Dies ist einer der Sätze, die ich in der religiösen Welt meiner Kindheit mitbekommen habe und nie mehr loswerde. Also: Herzlichen Glückwunsch, lieber Sonntag! Denn an Ostern feiern wir deinen Geburtstag. Dabei ist das Sonntagsprogramm des Ostermorgens durchaus anspruchsvoll. Gleich vier Punkte fallen ins Auge. Erstens: Früh machen sich die drei Frauen auf den Weg. Die Sonne ist gerade erst aufgegangen. Daher gibt es bei uns so früh einen Gottesdienst. Sonst lockt eher der um 11 Uhr die Menschen in die Kirche. Zweitens: Was die Frauen vorhaben, braucht einen Vorlauf: Gut riechende Öle müssen gekauft werden. So lassen sich die Frauen ihren Gang zum Grab etwas kosten – was die Uhrzeit und den Preis angeht. Die Sonntagskleidung früherer Generationen reflektierte das noch. Drittens: Auch logistisch haben sie mit Hindernissen zu rechnen. Denn der schwere Stein muss noch vom Grab weggerollt werden. Also gerade kein niederschwelliges Angebot, im Gegenteil. Und viertens, das Wichtigste: Die drei Frauen müssen mit einer faustdicken Überraschung fertig, werden. Denn es kommt alles ganz anders als gedacht: Der Stein ist weg. Und der, den sie suchen, auch. Das wäre doch das klassische Ziel jedes Sonntagsgottesdienstes – damit zu rechnen, dass alles anders kommt. Wider alle Erwartung und wider allen Kleinglauben. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Am Ende siegt vielmehr das Leben. Jeden Sonntag – und auch unter der Woche – ist das ein Grund zum Feiern. Das Schweigen und Entsetzen der drei Frauen dauerte nicht ewig. Sonst hätten wir von den Ereignissen am Ostermorgen nichts mitbekommen. Jede Woche freue ich mich neu auf den Sonntag. Und darum feiere ich auch gerne seinen Geburtstag.

 

Starker Neuanfang

Quasimodogeniti, 24. April

Er (Christus) hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war. (Kolosser 2,14)

Quasimodogeniti, auf Deutsch: wie die neugeborenen Kinder! Das ist für mich der schönste Name für einen Sonntag im Kirchenjahr. Das Bild eines in die Welt geworfenen Bündels prallen Lebens, mal juchzend, mal zappelnd, ohne Argwohn, voller Lebenslust, egal ob sich diese in protestierendem Weinen oder lächelndem Glucksen ausdrückt. So ganz anders, so glücklich könnten wir leben, wenn uns aufginge, dass das, was uns am Leben hindert, eigentlich nicht mehr zählt. Das Bild vom getilgten Schuldbrief ist aktuell in einer Welt, in der Menschen auf Pump leben – im wörtlichen und im bildhaften Sinn. Wie befreiend habe ich es erlebt, als ein aufgenommener Kredit abbezahlt war und die Bank mich darüber informierte. So kann ich dem Bild des Kolosserbriefs einen geistlichen Nährwert abgewinnen. Diese Befreiungserfahrung bringt der Verfasser mit der Taufe in Verbindung. Und er ist kaum zu stoppen in der Wahl der Bilder des Neuanfangs, den die Taufe ermöglicht: begraben und auferweckt. Tot und lebendig. Das Böse entmachtet. Die Zukunft im Triumph. Und eben: die Schulden abgelöst. Vorzeitig. Ohne Bedingungen. Seit den Anfängen der Kirche wird am Sonntag nach Ostern dieser radikale Neuanfang gefeiert. Noch einmal tragen diejenigen, die in der Osternacht getauft wurden, ihr weißes Taufkleid. Der „Weiße Sonntag“ unserer katholischen Schwesterkirche erinnert daran, wenn die Acht- oder Neunjährigen zum ersten Mal die Kommunion empfangen. Etwas von dieser Festtagshaltung möchte ich mir für jeden Sonntag bewahren. Und den Namen dieses Sonntags zum Motto meiner christlichen Existenz machen.

 

Glaube im Fluss

Miserikordias Domini, 1. Mai

Spricht er (Jesus) zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. (Johannes 21,17–18)

Irgendwann im Leben geht einem auf: Mein Glaube hat Geschichte. Er ändert sich. Bleibt im Fluss. Nicht deshalb, weil ich klüger geworden bin oder mehr vom Geheimnis des Glaubens verstanden habe. Geschichte hat mein Glaube vielmehr, weil mein Leben Geschichte ist: Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter. Die Antwort auf die Frage, wie viel Steuerung mir jeweils möglich ist, ist ein gutes Kriterium, um eine Geschichte meines Glaubens in einzelnen Abschnitten zu schreiben. Petrus hat Hoch-Zeiten seines Glaubens erlebt. Der Ruf in die Nachfolge. Die Zueignung des Namens Petrus, auf Deutsch: „Fels“. Der Einsatz seines Lebens für den, der ihm alles bedeutet. Der Mut, beim Prozess gegen Jesus in der ersten Reihe zu stehen – um den Preis des Nicht- Kennen-Wollens. Das leere Grab. Der Gang übers Wasser. Nicht als strahlender Held steht er am Ende da, sondern als einer, der gelernt hat, dass alles Gelingen Geschenk ist. Dass er nur dann nicht untergeht, wenn er die Hände ergreift, die sich ihm hilfreich entgegenstrecken. Nicht als Macher geht Petrus in die Geschichte des Glaubens ein. Vielmehr als einer, der zu dem gemacht worden ist, den wir in Erinnerung haben. Als einer, der sich den Wendungen seines Lebens stellen muss, die er wohl nicht gesucht hätte. Als der, der sich am Ende nicht wehrt, wenn ihm ein anderer die Richtung in seinem Leben vorgibt. Gerade so wird er für mich zu der Art von Fels, an den auch ich mich gerne klammere, wenn die Geschichte meines Lebens mich in stürmische See führt. Diese Art von Petrusdienst, der sich den Biegungen meiner Lebens- und Glaubensgeschichte anpasst, ist mir sympathisch. Und sie reicht mir völlig aus.

 

Mit den Menschen

Jubilate, 8. Mai

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. (1. Mose 1,31)

Ein Satz aus völlig anderen Zeiten. Womöglich beschreibt er von allem Anfang an nur einen Wunsch – dass vieles von dem gut sein möge, was die Menschen seit Jahrtausenden als belastend und niederträchtig, als un-gut empfinden. Die Geschichte der Erde ist ja nie einfach nur gut gewesen. Und Corona hat in Erinnerung gerufen, dass nicht einmal die Schöpfung an sich nur gut ist. Der biblische Schöpfungsbericht verlagert die guten Zeiten in den Anfang, als allein Gott in der Welt agierte. Alles Böse käme dann erst durch den Menschen in die Welt. Ich bezweifle schon ein wenig, dass die Geschichte Gottes mit den Menschen so einfach zu deuten ist. Ich tendiere eher zu der Sichtweise, dass die Vorstellung einer Welt, in der alles gut ist, nicht deren Anfang beschreibt, sondern eher eine Zielvorgabe. Gott will in dieser Welt nicht ohne uns Menschen sein. Daher ist es sinnlos, von einer guten Welt ohne Menschen zu träumen. Es ist vielmehr sinnvoll, sich die Welt als eine gute vorzustellen, mit der wir die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbinden. Auf diese Weise wird die Entstehung der Welt und Erschaffung des Menschen zu einem Hoffnungsprojekt. Die Erde gut – dafür setzen wir uns ein. Der Mensch als Gottes Ebenbild – das stellt vor Augen, wie Gott uns Menschen gemeint hat. Arbeit und Ruhe in einem heilsamen Rhythmus ist ein unveränderliches Kennzeichen der neuen Welt Gottes mitten in unserer alten. Viel zu oft spricht die Wirklichkeit diesem Hoffen noch Hohn. Ruinierte Lebenswelten, Kriege, die unerwartet über uns hereinbrechen, machen die Sehnsucht groß und halten die Hoffnung klein. Der Schöpfungsbericht lässt sich als Protest gegen die Wirklichkeit verstehen. Und als Aufforderung, Gott in unserem Hoffen und der Gestaltung unseres Lebens nicht außen vor zu lassen. Und Gottes gute Welt im Kleinen immer wieder zu erglauben.

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