Fast Heldinnen

Ein Poesiealbum und seine Folgen

Die Idee ist wirklich gut: Die deutsch-französische Journalistin und Schriftstellerin Pascale Hugues, geboren 1959 in Straßburg, hat ihr altes Poesiealbum hervorgekramt. Diese Alben, so lernen wir, sind in Frankreich eher eine deutsche, eben elsässische Tradition. Darin findet die Autorin neben aufgeklebten Bildchen und Glitzersternchen scheinbar bleibende Sinnsprüche fürs ganze Leben wie diese: „Sei wie das Veilchen im Moose, / sittsam, bescheiden und rein / und nicht wie die stolze Rose, / die immer bewundert will sein.“(Siehe Interview Seite 36.)

Hugues regen diese Verse an und auf. Sie macht sich auf die Suche nach ihren Klassenkameradinnen (Jungs gab es erst in weiterführenden Schulen) ihrer Grundschule in Straßburg: Was ist aus diesen einst so braven Mädchen geworden? Sind sie wirklich „sittsam, bescheiden und rein“ geblieben, wie die Poesiealben es fast ausnahmslos forderten? Wie haben diese Frauen ihr Leben gemeistert: zu jung, um die Umstürze der 68er-Revolution aktiv mitzumachen, geprägt in einer Zeit, in der die sexuelle und die digitale Revolution noch weit weg, in der die großen gesellschaftlichen Umbrüche in Sachen Emanzipation, Genderdiskussion und Globalisierung kaum vorstellbar waren?

Was in der deutschen Publizistik, gelegentlich in der Belletristik, ja selbst in Film und Fernsehen immer wieder einmal durch Beschreibungen von Jahrgangstreffen oder Abi-Jubiläumsfeiern ergründet wird, gleicht in Frankreich eher einer black box. Denn die deutsche Tradition solcher Begegnungen von alten Schulfreunden („meine Frau, mein Haus, mein Auto“) gibt es in Frankreich nicht oder nur sehr selten. So kommt es, dass Hugues tatsächlich die Mehrzahl ihrer damaligen Klassenkameradinnen nach Jahrzehnten das erste Mal sieht und manche natürlich überhaupt nicht wiedererkennt. Umso größer die Überraschungen: Was, das ist aus der geworden?!

Und es gibt Enttäuschungen. Hugues kommt in ihrem Buch schon auf Seite 23 zu einem ziemlich ernüchternden Fazit: „Es gibt nichts Spektakuläres an diesen Berichten … Geburt in sehr bescheidenem Milieu, Schule, Frühkommunion und Erstkommunion, kurze Ausbildung, in seltenen Fällen das Abitur, der erste Job oft für immer, Hochzeit in Weiß, auch für immer, erstes Kind, zweites Kind, manchmal ein drittes, auf jeden Fall weniger als die Mutter, Beförderung bei der Arbeit, bei der sie es weiter bringen als ihre Eltern, Hausbau auf Kredit, Ehekrise, sich zusammenraufen, Hüftoperation, Stimmungstief, neuer Chef schwierig, überschüssige Pfunde … Ärger mit dem Sohn, der in der Schule nichts tut, Diplom der Tochter … die Enkelkinder kommen, während die Rollen sich vertauschen und nun sie es sind, die ihre Eltern mit dem Löffel füttern. All diese kleinen Ereignisse, die das Leben einer Frau ausmachen, zum Teil auch meines.“

Doch es macht die Stärke dieses Buches aus, dass es bei diesem vorläufigen Fazit nicht bleibt, weil Hugues genauer hinschaut: Sie erkennt den Mut und die Aufbrüche ihrer Klassenkameradinnen, die es in der Regel schwerer hatten als sie selbst, weil die Mehrzahl von ihnen meist aus einfacheren, bildungsferneren Schichten kam, nämlich aus dem Arbeiter-, Handwerker- oder Migrantenmilieu. Da war ein Aufstieg vor allem durch Bildung, manchmal zugleich ein notwendiger Bruch mit katholisch-engen Traditionen, schwerer. Auch der Radius des Lebens war oft enger: Viele Klassenkameradinnen blieben in Straßburg und Umgebung. Ein akademisch-kosmopolitisches Leben, das Hugues führen konnte, blieb den meisten ihrer Schulfreundinnen verschlossen.

Dennoch ist daraus kein melancholisches Buch geworden, sondern eines, das die Würde und den Stolz eines jeden Lebens dieser Frauengeneration entdeckt. Am Ende sind es fast durchweg Heldinnengeschichten der leisen Art. Schön, dass Hugues sie gefunden und so fein aufgeschrieben hat.

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