Das Wunder von Jerusalem

Ein Radweg in der Heiligen Stadt

Der schreckliche Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine dauert nun schon über einen Monat und ratlos stehen wir vor der Frage, wie der Aggressor gestoppt werden kann und Frieden einkehren kann in ein schwer geprüftes Land. In solchen Situationen der Ratlosigkeit, die schnell in Mutlosigkeit umschlagen kann, hilft manchmal der Blick auf andere Situationen der Rat- und Mutlosigkeit – und das selbst dann, wenn kaum etwas daran wirklich vergleichbar ist außer vielleicht den beiden Empfindungen in unterschiedlicher Intensität.

Seit drei Wochen lehre und forsche ich in Jerusalem, erstmals wieder seit dem Beginn der Pandemie. Wenn man das letzte Mal 2019 physisch in dieser Stadt war und seither nur die dort Lebenden auf den Kacheln diverser Konferenzprogramme sah, fällt einem natürlich sehr schnell und sehr deutlich auf, was sich verändert hat. Neue Hochhäuser sind in den Himmel gewachsen, es gibt neue Straßenlaternen, die schon wieder kaputt sind und man darf endlich die Pfingstkapelle am Abendmahlsaal auf dem Zionsberg betreten, die früher nur zu Pfingsten offen hatte.

Doch die einschneidendste Veränderung kann man ganz leicht übersehen. Präziser: Um sie zu sehen, muss man auf dem Bürgersteig vor einer Häuserfront in der jüdischen Neustadt genau zu Boden blicken. Genauer gesagt, auf der David Hamelech-Straße, der König-David-Straße, die vom Waldorf Astoria zum King-David-Hotel führt, das der Straße ihren Namen gab. Genau gegenüber vom Hebrew Union College, dem einzigen liberalen Rabbiner-Seminar in Israel, wurde der ziemlich breite Bürgersteig irgendwann zwischen März 2019 und März 2022 neu gepflastert. Und es wurden zwei Streifen in andersfarbigen Stein gelegt und so vom Trottoir abgetrennt, die durch kleine, in den Belag eingelegte Aluminium-Fahrräder und ebenfalls eingelegte Richtungspfeile als Fahrradwege ausgewiesen sind.

 

Wer Jerusalem nicht kennt, kann die Revolution, die in diesen paar Hundert Metern Fahrradweg besteht, gar nicht ermessen. Als ich studierte, war niemand in Jerusalem so wahnsinnig, angesichts des chaotischen Verkehrs, der zudem von viel Aggressivität geprägt ist, mit einem Fahrrad zu fahren. Schlaglöcher mitten auf der Straße, dazu Gully-Deckel am Rand, die bei der erneuten Asphaltierung der Straße auf dem Niveau des alten Straßenbelages verblieben, rücksichtsloses Überholen, bei dem jeder Radfahrende aus dem Weg geräumt worden wäre und dazu ständig Stau oder wenigstens zählfließende Kolonnen ohne Platz für überholende Motorräder oder gar Fahrräder. Später erzählte man immer wieder die traurige Geschichte von einem deutschen Studenten, der nach dem Ende des Semesters mit dem Rad den See Genezareth umrunden wollte, von einem LKW-Fahrer erfasst und tödlich verletzt wurde.

Als ich das erste Mal hörte, dass eine Kollegin den Weg aus ihrem Wohnviertel auf den Scopus-Berg, auf dem die Philosophische Fakultät der Hebräischen Universität liegt, per Rad zurücklegt, schwankte ich zwischen ehrlicher Sorge und neidloser Bewunderung. „Ich fahre einfach auf dem Bürgersteig“, sagte sie (auf dem es meiner Ansicht nach ebenso viele eingetiefte Gully-Deckel wie Schlaglöcher gibt), „der ist breit genug und das geht ohne Probleme. Und wenn es regnet, ziehe ich mir ein Regencape an“. Sie ist allerdings auch die einzige Professorin der Hebräischen Universität, die ich kenne (und ich kenne einige), die das Fahrrad verwendet; der Rest fährt Straßenbahn und läuft oder nimmt den Bus oder stellt sein eigenes Auto in die riesigen Tiefgaragen unter den Universitätsgebäuden. Ich gebe auch gern zu, dass man inzwischen den einen oder die andere Radfahrerin sieht – aber bei Wind und Wetter, Schnee wie sommerlicher Hitze und immer unter großen Gefahren sich in den Straßenverkehr zu begeben – zu einer Massenbewegung ist das Radfahren hier wirklich noch nicht geworden. Und: Radwege gibt es selbstverständlich nicht.

Gab es selbstverständlich nicht. Bisher nicht. „Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger“. Der neue Radweg ist eigentlich ziemlich unmöglich. „Da ist doch der Bürgersteig so breit, da braucht man doch gar keinen Radweg“, kommentierte meine Rad fahrende Kollegin den neuen Mini-Radweg in der David-Hamelech-Straße. Ist der Radweg auch ein Wunder, da es doch eine ganze Weile brauchte, bis er in die von Hotels, Antiquitätengeschäften und Mietwagenverleihbüros gesäumte Straße gekommen ist? Wie auch immer, der neue Radweg ist in jedem Fall etwas, wovon in Jerusalem nicht einmal die verrücktesten Visionäre zu träumen wagten. Auch im Nahen Osten braucht man – wie in der Ukraine derzeit – viel Kraft und allerlei Phantasie, um die Hoffnung auf Frieden irgendwann nicht fahren zu lassen. Da hilft es dann dabei, Hoffnung und Mut zu bewahren, wenn Unmögliches und Wunder direkt vor einem auf dem Bürgersteig liegen. So schlicht mit Stein ausgelegt, dass man es glatt übersehen könnte.

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