Das Konzert der Ismen

Warum die Vielfalt der Feminismen Konflikte und Kritik hervorruft
Feminismus ist immer Herrschaftskritik.
Foto: akg
Feminismus ist immer Herrschaftskritik.

Feminismus kritisiert die herrschenden Geschlechter- und Gesellschaftsvorstellungen und fordert persönliche und gesellschaftliche Veränderungen. Doch dahinter steckt eine Vielfalt, so dass die emeritierte Soziologieprofessorin Ilse Lenz eher von Feminismen sprechen will.

Der Feminismus ist heute so vital wie vielfältig, obwohl er immer wieder totgesagt wurde. Allerdings hat diese Vielfalt auch paradoxe Ergebnisse: Innere Konflikte und Polarisierungen nehmen zu, und viele fragen: „Ist das (noch) feministisch?“ Was wird also unter Feminismus verstanden?

Insgesamt kann man Feminismus als Denken von Herrschaftskritik und Veränderung bezeichnen. Er kritisiert die herrschenden Geschlechter- und Gesellschaftsvorstellungen und fordert persönliche und gesellschaftliche Veränderungen. Aber dahinter steht eine Vielfalt von Denkweisen und Sprecher*innen, so dass man eher von Feminismen sprechen sollte. Ich sehe den Feminismus als ein Konzert von Stimmen aus unterschiedlichen Positionen, die teils harmonieren, teils gegeneinander ansingen, aber alle letztlich auf Herrschaftskritik und umfassende Selbstbestimmung und Gleichheit hinwirken wollen. Im feministischen Gesamtkonzert kann man Feminismen nach Leitfragen verorten. Zuallererst: Was verstehen sie unter Frauen und Geschlecht? Wollen sie universale Gleichheit oder betonen sie die Differenz von Frauen zu Männern? Oder wird Geschlecht vor allem als kulturell geprägt und gestaltet – als „sozial konstruiert“ – verstanden? Als Zweites: Wird Geschlecht intersektional betrachtet, also in seiner Wechselwirkung mit weiteren Ungleichheiten wie zum Beispiel nach Klasse, „Rasse“, das heißt nach Ethnizität?

Ein Drittes: Wie werden die bestehende Gesellschaft und die damit verbundenen Probleme gesehen? Um einige Varianten aufzuführen: Erscheint sie als Männergesellschaft, als patriarchale, kapitalistische oder als heteronormative Gesellschaft?

Und als letzte Leitfragen: Wie wird die postkoloniale Weltgesellschaft wahrgenommen? Sieht man nur die „heimischen Verhältnisse“ im Nationalstaat, werden sie eurozentrisch zum Maßstab der Emanzipation gemacht oder die postkolonialen Ungleichheiten und die Feminismen des globalen Südens und Ostens entsprechend einbezogen? Bis vor kurzem gingen die Feminismen von einem durchgehenden Geschlechtsunterschied zwischen Frauen und Männern aus, sie folgten also einem zweigeschlechtlichen Modell. Aber sie zogen daraus unterschiedliche Konsequenzen: Der liberale wie auch der sozialistische Gleichheitsfeminismus berief sich auf die Gleichheit aller Menschen, die trotz des Geschlechtsunterschieds gelten sollte, und forderte gleiche Rechte in Staat, Gesellschaft und Familie. Während der liberale Feminismus auf Antidiskriminierung setzte, rief der sozialistische Feminismus dazu auf, das patriarchale und kapitalistische System grundlegend zu verändern. Differenzfeminismen begründeten ihre Forderungen eben mit einer natürlichen Andersartigkeit von Frauen, die nicht an Männer angepasst werden, sondern ihre eigenen Potenziale einbringen wollten.

Kulturelle und soziale Prozesse

Nach 1990 brach der konstruktivistische Feminismus das hegemoniale zweigeschlechtliche Modell auf. Er arbeitete heraus, dass Gender ein Ergebnis kultureller und sozialer Prozesse darstellt, also sozial gestaltet oder konstruiert wird. Das bewirkte eine grundlegende Revolution im Denken über Geschlecht und führte zu Ansätzen von Geschlechtervielfalt, die den queeren Feminismus ab den 2000er-Jahren beflügelten.

Der Feminismus als Denken von Herrschaftskritik und Veränderung unterscheidet sich sowohl von Frauenbewegungen wie auch von der Geschlechterforschung. Denn bei Frauenbewegungen handelt es sich um soziale Bewegungen, in denen Frauen, teils auch Männer handeln, um einen grundlegenden Wandel der Geschlechterverhältnisse zu erreichen. Die Geschlechterforschung ist eine interdisziplinäre Wissenschaftsrichtung, die mit wissenschaftlichen Theorien und Methoden arbeitet. Während sie Impulse aus dem Feminismus erhalten hat, setzt sie sich wiederum in ihren Forschungen kritisch mit ihm ausein­ander. Der Feminismus hat seit seinen Anfängen in der Frühmoderne eine Reihe von grundlegenden Neuaufbrüchen und Transformationen durchlebt (siehe auch Seite 25). Im Zuge der Neuen Frauenbewegungen internationalisierten und vernetzten sich die Feminismen weltweit im Zuge des UN-Prozesses zu Gleichheit, Entwicklung und Frieden ab 1975. Sie erreichten erhebliche institutionelle Veränderungen wie globale Normen für Gleichheit und zunehmende Teilhabe für Frauen in Politik und Gesellschaft. Nun werden wichtige Strömungen ab den 1970er-Jahren vorgestellt. Der liberale Feminismus will Chancengleichheit im Rahmen der liberalen bürgerlichen Demokratie erreichen. Er sieht Geschlecht als persönliche Angelegenheit, die die individuellen Chancen nicht beeinträchtigen sollte, und nicht als strukturell verankert. Auch intersektionale Zugänge spielen keine Rolle. Kernthemen sind Antidiskriminierung, berufliche Gleichstellung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Eltern. Der konservative Feminismus fordert ebenfalls Gleichstellung in Beruf und Politik für Frauen im Rahmen der bürgerlichen Demokratie. Er geht eher von der Geschlechterdifferenz aus. Jedoch sieht er heute Frauen nicht vor allem als Mütter und Hausfrauen, sondern setzt sich für Chancengleichheit im Beruf, gerade im Management, in Medien und in der Politik, ein. Dabei argumentiert er teils differenztheoretisch mit weiblichen Fähigkeiten in Kommunikation und Beziehungen, die zugleich Wirtschaft und Politik Vorteile bieten. Der sozialistische Feminismus legt heute ein konstruktivistisches Genderverständnis zugrunde, und er sieht die Geschlechterungleichheit durch das Zusammenwirken von Kapitalismus und Patriarchat verursacht. Das drückt sich in der ungleichen geschlechtlichen Arbeitsteilung aus, nach der immer noch Männer für die Lohnarbeit und Frauen für die Versorgungsarbeit zuhause und in der Pflege zuständig sind, obwohl auch sie mehrheitlich berufstätig sind. Der Care-Feminismus fordert nun eine Neuverteilung und Anerkennung der unbezahlten und bezahlten Versorgungsarbeit und hält sich an Reproduktionskrisen wie die demographische Entwicklung oder die zunehmend prekäre Situation der Pflege und die damit verbundene Ausbeutung von Einwanderinnen. Auch die Sexworker-Bewegung bezieht sich auf die Debatte um Versorgungsarbeit und fordert Deregulierung und Anerkennung der Prostitution.

Weiter hat der sozialistische Feminismus den globalisierten, flexibilisierten Kapitalismus analysiert und intersektionale Sichtweisen, die von Schwarzen Feministinnen eingebracht wurden, weitergeführt. Da er die Geschlechterungleichheit auf soziale Strukturen zurückführt, die er verändern will, kann man auch vom sozialen oder transformativen Feminismus sprechen.

Der radikale Differenzfeminismus geht von einem grundlegenden Unterschied zwischen Frauen und Männern aus und betrachtet die Gesellschaft als Patriarchat, in dem Männer über Frauen herrschen. Dazu gehört auch der radikale lesbische Feminismus. Ein Verdienst liegt in der Herausarbeitung der geschlechtlichen Gewalt. Er setzt auf eigene Frauenräume, weibliche Solidarität und Widerstand. Der ökologische Feminismus kritisiert die Ausbeutung von Natur und Frauen im patriarchalen Kapitalismus. Während er eher differenztheoretisch argumentierte und Frauen tendenziell als naturnah sah, werden im Zuge der Klimakrise nun die zugrundeliegenden Genderkonstruktionen und die Einbindung der Frauen darin kritisiert.

Der intersektionale Feminismus entwickelte sich aus dem Schwarzen Feminismus in den USA. Er zeigt die Wechselwirkungen von Geschlecht mit anderen Ungleichheiten nach Klasse, „Rasse“ und Sexualität auf und sieht die Gesellschaft als rassistisch und klassenstrukturiert. Damit hat er den sozialen und den queeren Feminismus grundlegend beeinflusst und die Basis für breite Bündnisse etwa mit den Bewegungen der Einwanderer und Arbeiterinnen erweitert. Der postkoloniale Feminismus kritisiert die Geschlechterverhältnisse im Kontext der globalen Machtverhältnisse und arbeitet die kolonialen Kontinuitäten und die Gewalt in der postkolonialen Welt heraus.

Der queere Feminismus untersucht Ausschlüsse, Grenzziehungen und auch neue Einschlüsse entlang des LGBTTI-Spektrums. Die Gesellschaft sieht er als heteronormativ oder durch Cis-Privilegien strukturiert. Er hat einen Bewusstseinswandel, Antidiskriminierung in Bildung und Beruf und eine weitgehende Gleichstellung von homosexuellen Beziehungen erreicht. Gegenwärtig fordern Trans* wie auch Inter* soziale Anerkennung und eine Aufhebung rechtlicher Diskriminierung. Wie gezeigt wurde, liegen den verschiedenen Feminismen unterschiedliche Vorstellungen von Geschlecht und von Gesellschaft zugrunde. Gemeinsam haben sie aber, dass sie die hegemonialen Bilder davon kritisieren und sich für Geschlechtergerechtigkeit in ihrem Sinne einsetzen.

Geschlecht und Gesellschaft

Gegenwärtig treten Konflikte und Polarisierungen innerhalb der Feminismen auf. Darin treten auch ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Geschlecht und Gesellschaft zutage. Ferner reagieren sie auf neue Herausforderungen, die teils auch aus den Erfolgen des Feminismus herrühren. Das Konzert der Feminismen wird schrill und fragmentiert. So streiten Radikalfeministinnen und Trans* über die Öffnung von Frauenräumen für transFrauen. Dabei prallen konstruktivistische Zugänge und ein differenztheoretischer Ansatz von Geschlecht heftig aufeinander, ohne dass diskursive Brücken gebaut würden. Der Radikalfeminismus und Stränge des sozialen Feminismus wollen die Prostitution als patriarchale Gewalt abschaffen, während der Sex-work-Feminismus ihre Deregulierung als normaler Beruf verlangt. Diese Konflikte können konstruktiv wirken, wenn sie zur Diskussion und Klärung der damit verbundenen Anliegen beitragen. Allerdings braucht es dafür eine respektvolle demokratische Diskussionskultur, die weiterzuentwickeln wäre. Es ist sinnvoll, zwischen dem feministischen Anliegen und dem Politikstil der jeweiligen Bewegung zu trennen. Wer etwa die Sprecherinnen und Sprecher der Gegenpartei im Internet aggressiv abwertet und ein Berufsverbot für sie fordert, praktiziert einen Politikstil, der grundlegenden Frauen- und Menschenrechten widerspricht und nicht hinzunehmen ist. Das gilt auch, wenn das eigentliche Anliegen unterstützenswert ist. So müssen sich die Bewertungen stärker an den Sachargumenten orientieren und weniger daran, wer spricht. Der Satz „Die Betroffenen haben recht“, ist hinterfragenswert – schon weil Betroffene oft unterschiedliche Positionen etwa zur Prostitution haben. Zum anderen: Nicht nur die Differenzen in der Sachfrage, sondern auch die Reflektion der gemeinsamen Ziele wie Autonomie, Gewaltfreiheit, Veränderung können weiterführen.

Das Konzert der Feminismen kann Dissonanzen vertragen, es kann daraus lernen und die Verhältnisse immer wieder neu und vielstimmig zum Tanzen bringen. In diesen Tagen von wiederkehrendem Krieg und Krisen werden Feminismen als Denken von Herrschaftskritik und Veränderung erneut gebraucht. 

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