Familienbild als Ursache?

Missbrauch in der evangelischen Kirche neu gedeutet
Kreuz
Foto: picture alliance

Leitende evangelische Geistliche und Theologen haben einen Band mit Artikeln zum Phänomen sexualisierter Gewalt im Raum der evangelischen Kirche veröffentlicht. Dort wird den Spezifika des „evangelischen Missbrauchs“ nachgegangen. Herausgegeben hat das Buch der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen, der es hier vorstellt.

Wenn es um ein belastendes Thema geht, das zudem noch komplex ist, muss man sich zusammentun, verschiedene Perspektiven und Kompetenzen versammeln. Aber auch dann wird es einem kaum gelingen, das Ganze zu fassen. Aber man ist nicht mehr allein mit den eigenen Fragen und Verstörungen. So war ich sehr froh, eine Reihe von Ko-Autorinnen und Ko-Autoren für ein besonderes Buch zu gewinnen, das jetzt veröffentlicht wurde (siehe nächste Seite unten).

Das Buch handelt von einer der bedrängendsten Gegenwartsfragen der evangelischen Kirche – wie der Gesellschaft insgesamt –, nämlich der Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt. Journalistisch ist dies offensichtlich ein bleibend großes Thema, zu Recht. Inzwischen geschieht auch vieles in der evangelischen Kirche: Krisenmanagement, Aufarbeitung, Gespräche mit betroffenen Menschen, Prävention. Dass hier noch viel zu tun bleibt, zeigen die andauernden Debatten. Doch um zu einer besseren kirchlichen Praxis zu gelangen – so unsere Auffassung –, sind nicht nur juristische, organisatorische oder kommunikative Maßnahmen notwendig. Es bedarf auch einer vertieften Reflexion, eines theologischen Nachdenkens.

Hierzu möchte unser Buch einen Beitrag leisten. Es versucht, darüber nachzudenken, was die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und die Begegnung mit betroffenen Menschen für Theologie, pastorale und diakonische Praxis, kirchliche Strukturen sowie persönliche Frömmigkeit bedeuten. Wir möchten uns darüber klar werden, welche theologischen Konsequenzen zu ziehen sind, wie wir uns, unseren Glauben und unsere Kirche neu, anders und besser verstehen können. Dazu haben wir uns Fragen wie diese gestellt: Wie muss sich unser Verständnis von Schuld und Vergebung, Gerechtigkeit und Rechtfertigung, Liebe und Barmherzigkeit, Macht und Ohnmacht, Scham und Gewalt, Vertrauen und Freiheit verändern? Wie muss zukünftig unsere Einstellung zu Nähe und Distanz, zur Sexualität, zum Verhältnis zwischen Männern und Frauen, zwischen den Generationen aussehen? Von welchen Selbstbildern haben wir Abschied zu nehmen, wie eine selbstkritische Reflexion einzuüben? Nach welchen Grundsätzen müssen wir unsere kirchlichen Systeme und Kulturen verbessern? Wie können wir einüben und sicherstellen, dass bei sexualisierter Gewalt nicht weggeschaut, geschwiegen oder gar vertuscht wird?

Gemeinsames Nachdenken

Uns ist klar, dass wir nicht die Ersten sind, die hierüber nachdenken. So sind fast gleichzeitig das beeindruckende wissenschaftliche Sammelwerk „Sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten“, herausgegeben von Mathias Wirth, Isabelle Noth und Silvia Schroer, sowie das an ein nicht-universitäres Publikum gerichtete Buch „‘Wo warst du, Gott?‘ Glaube nach Gewalterfahrungen“ von Andreas Stahl erschienen. Es ist schön, dass unser Buch nicht allein ist, sondern Teil eines gemeinsamen Nachdenkens (siehe nächste Seite unten). Man könnte noch auf viele aktuelle und sehr hilfreiche Bücher aus der katholischen Theologie hinweisen oder auf die lange Linie feministischer Theologie.

Meine Ko-Autorinnen und Ko-Autoren schließen daran an und versuchen, vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen ihnen jeweils besonders wichtige Aspekte aufzugreifen. Das gibt diesem Band eine inhaltliche und argumentative Vielfalt aus kirchenleitenden, diakonischen, pastoralen, theologischen, kulturprotestantischen und evangelikalen Perspektiven. Vollständigkeit oder gar Endgültigkeit wurde gar nicht erst angestrebt. Ohne dass es geplant war, haben sich einige Paarungen ergeben. Die Bischöfinnen Kirsten Fehrs und Heike Springhart stellen Überlegungen darüber an, warum nicht oder vielleicht doch von Versöhnung gesprochen werden kann. Michael Diener und Thorsten Dietz geben Auskunft über evangelikal-pietistische Problematiken und Lösungsansätze. Reiner Anselm und ich fragen nach Abgründen und den blinden Flecken einer liberal-emanzipatorischen Tradition. Einen zentralen Hauptaspekt reflektiert Thomas Zippert, nämlich Macht und Machtmissbrauch in der Diakonie. Andreas Stahl hat den oft gedankenlos verwendeten Begriff „Aufarbeitung“ theologisch zu fassen versucht. Aus der Exegese und für die pastorale Praxis in Gottesdienst und Seelsorge liest Nikolett Móricz die Psalmen als Trauma-Texte. Elke Seifert schließlich reagiert auf die Beiträge aus der Sicht einer Betroffenen und Pfarrerin, die über sexualisierte Gewalt promovierte, vertieft und erweitert sie mit eigenen Überlegungen.

Niemand von uns hat es sich leicht gemacht. Alle haben wir erfahren, wie langsam und schwer es sich über diese Themen schreibt. Das hat viele Gründe: Wir wollten dem Thema, vor allem den betroffenen Menschen so gut wie möglich gerecht werden. Zudem wurden wir uns dabei selbst zum Thema, mit eigenen Erfahrungen von Macht, Begehren, Bedrängung, Einsamkeit, Sehnsucht, Manipulation, Ohnmacht, Angst, Zorn, Scham oder Gewalt. Dieses Sich-selbst-zum-Thema-Werden hatte für uns allerdings zwei Seiten. Einerseits arbeiten wir in der Kirche oder der universitären Theologie, insofern vertreten wir Institutionen, die sich schwerwiegenden Fragen stellen müssen, wir haben also Rollen. Andererseits möchten wir auf je unsere Weise existentiell und vor dem Hintergrund eigener, ganz unterschiedlicher Erfahrungen schreiben, wir wollen also persönlich Auskunft geben. Diese Ambivalenz ist gewiss nicht unproblematisch und kann zu unlauteren Vermischungen führen. Jedoch gehört sie zum Thema selbst. Umso mehr kommt es darauf an, dass sie offen und präzise bedacht oder eben auch kritisiert wird. Deshalb haben wir intensiv über unsere Texte diskutiert.

Eine der für mich wichtigsten Erkenntnisse in der Arbeit an diesem Buch war dies: Es geht bei sexualisierter Gewalt zentral um Macht, um mal subtilen, mal massiven Missbrauch von Macht; das stellt die evangelische Kirche vor ein besonderes theologisches Problem, möchte sie sich doch von ihren reformatorischen Ursprüngen her und besonders seit den Emanzipationsbewegungen der 1970er-Jahre als eine machtkritische Institution verstehen, als eine Kirche der Freiheit, die nicht mit Gewalt, sondern nur mit der Kraft des Wortes wirken will. Mit dieser und anderen Einsichten hilft unser Buch hoffentlich, das gemeinsame Nachdenken in Kirche, Theologie und Diakonie anzuregen. Ich wünschte mir auch, in ein interdisziplinäres Gespräch mit Pädagogik, Psychologie, Sport oder Kunst einzutreten. Manchmal habe ich nämlich den Eindruck, dass wir mit ihnen, wenn es um Strukturen und Dynamiken sexualisierter Gewalt geht, mehr gemein haben als mit der katholischen Kirche.

Ein erstes Gespräch über Institutions- und Milieugrenzen hinweg konnte ich schon mit einer Journalistin führen. Wir kennen uns, so dass wir uns gegenseitig etwas sagen können. Ich hatte ihr gesagt, dass mich das Verhalten mancher Medienhäuser, auch des ihren, befremdet. Zurecht recherchieren und skandalisieren sie Fälle sexualisierter Gewalt in den Kirchen. Aber sie hätten Anlass mitzubedenken, dass auch ihre Medienhäuser toxische Orte für Frauen waren und manchmal noch sind. Warum arbeiten sie dies nicht auf? Warum machen sie nicht deutlich, dass Machtmissbrauch auch ihr Problem ist? Wir kommen als Gesellschaft doch nur voran, wenn wir sexualisierte Gewalt nicht bloß als Skandal bei anderen, sondern immer auch als eigenes Thema verstehen. Das musste sie mir zugeben.

Dann aber machte die Journalistin mich auf einen Aspekt aufmerksam, der in unserem Buch fehlt. Sie fragte mich nämlich, ob nicht die „Familie“ für die evangelische Kirche in etwa das sei, was für die katholische Kirche das „Zölibat“ sei, sozusagen ein Funktionsäquivalent, nämlich eine mögliche ideologische und institutionelle Voraussetzung für Machtmissbrauch. Erst stutzte ich, dann leuchtete es mir ein: Sowohl das Ideal der (Pfarr-)Familie (oder der familienähnlichen Gemeinde oder spirituellen Gruppe) wie das des zölibatären Priesters genießen hier wie dort höchste Wertschätzung. In der Tat können beide segensreich wirken. Zugleich aber können sie missbraucht werden oder Instrumente des Missbrauchs werden.

Es ist doch auffällig, dass viele derer, die in der evangelischen Kirche und Diakonie sexualisierte Gewalt ausgeübt haben, verheiratet waren (oder in festen Beziehungen lebten), dass ihnen diese Lebensform als Schutz und Maske diente. Deshalb sollte bei der Aufarbeitung auch darüber nachgedacht werden, inwiefern Familienideologien, familienähnliche Gemeinschaftsbildungen oder die reale Pfarrfamilie Teil des jeweiligen Missbrauchssystems waren – so kompliziert und heikel das auch sein mag.

Fehlendes Kapitel?

Ich finde diese Frage der Journalistin (und Theologentochter) so wichtig, weil sie uns in der evangelischen Kirche darauf stößt, die eigenen Abgründe zu bedenken. Und darauf kommt es bei der Aufarbeitung und Prävention sexualisierter Gewalt vor allem an: die ehrliche Analyse eigener Versuchungen und Abgründe. Ein Kapitel über den Familienbegriff hätte ich unserem Buch also gern angefügt. Doch dafür ist es zu spät. Vielleicht macht es aber auch nichts, denn unser Buch möchte die Debatte über dieses Thema ja nicht abschließen, sondern beleben. 

Literatur

Johann Hinrich Claussen (Hg.): Sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche – Wie Theologie und Spiritualität sich verändern müssen. Herder Verlag Freiburg, 2022. 216 Seiten, Euro 24,–.

Andreas Stahl: „Wo warst Du, Gott?“ – Glaube nach Gewalterfahrungen. Herder Verlag Freiburg, 2022. 208 Seiten, Euro 20,–.Mathias Wirth, Isabelle Noth und Silvia Schroer (Hg.): Sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten – Neue interdisziplinäre Perspektiven. DeGruyter-Verlag Berlin, 2021, 557 Seiten, Euro 79,95.

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Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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