Gewaltig stiller Melodist

Vor 400 Jahren wurde Johann Crüger Kantor in Berlin
Der Berliner Kantor, Komponist und Gesangbuchschöpfer Johann Crüger (1598 – 1662). Gemälde von Michael Conrad Hirt aus dem Jahr 1663.
Foto:privat
Der Berliner Kantor, Komponist und Gesangbuchschöpfer Johann Crüger (1598 – 1662). Gemälde von Michael Conrad Hirt aus dem Jahr 1663.

Leipzig hat seinen Johann Sebastian Bach als (Thomas-)Kantor schlechthin, Hamburg mit Telemann und dessen Nachfolger Carl Philipp Emanuel Bach gleich zwei historische Kirchenmusik-Größen. Was aber ist mit Berlin? Berlin hat Johann Crüger, den Kantor Paul Gerhards, der in diesem Monat in Berlin gefeiert wird. Eine Spurensuche des Erlanger Theologieprofessors und Universitätsmusikdirektors Konrad Klek.

Zu Berlins Historie fallen gebildeten Menschen eher Namen von Preußenherrschern ein als musikalische Größen, zumal im Bereich Kirchenmusik. Erst ab dem 19. Jahrhundert sammeln sich da ein paar Namen (und Institutionen). Schließlich war der in Berlin aufgewachsene Felix Mendelssohn-Bartholdy in den 1840er-Jahren auch mal kurz für die Musik am Berliner Dom verantwortlich …

Jetzt ist in Berlin allerdings ein Jubiläum angesagt: „CRÜGER 1622. Ein Berliner Kantor schreibt Musikgeschichte“ titelt das Buch zum 400-Jahr-Jubiläum der Amtsübernahme des Stadtkantorats durch den damals erst 24-jährigen Johann Crüger. Es hat schon Sinn, Jubiläen nicht (nur) an den Lebensdaten von bedeutenden Menschen zu orientieren, sondern an kulturgeschichtlich entscheidenden Weichenstellungen: Vor 500 Jahren erschien Luthers erste deutsche (Teil-)Bibelübersetzung („Septembertestament“), im nächsten Jahr kann Leipzig an die Amtsübernahme des Thomaskantorats durch J. S. Bach erinnern, und heuer vor 400 Jahren gab es so einen Stellenwechsel eben in Berlin. Wer aber kennt Johann Crüger (1598 – 1662) und die Bedeutung seines immerhin 40-jährigen Wirkens in Berlin?

Gesangbuchkundige Christenmenschen haben den Namen sicher parat und können den Konnex herstellen: Crüger – das ist doch der Kantor Paul Gerhardts (1607 – 1676)! Ja, in der Regel nimmt man Johann Crüger als musikalisches Pendant zum barocken Dichterstar Paul Gerhardt war. Dabei sind heute nur wenige Gerhardt-Lieder mit Crüger-Melodien in Gebrauch, zum Beispiel „Wie soll ich dich empfangen“, „Fröhlich soll mein Herze springen“, „Auf, auf, mein Herz mit Freuden“, „Zieh ein zu deinen Toren“, also signifikante Titel im Kirchenjahr, sowie das knapp-prägnante „Nun danket all und bringet Ehr“ mit der jetzt so wichtigen Bitte: „Er lasse seinen Frieden ruhn auf unserm Volk und Land“ (Evangelisches Gesangbuch, kurz EG, 322,6).

Die derzeit beliebtesten Gerhardt-Lieder haben musikalisch aber nichts mit Crüger zu tun (beispielsweise. „Geh aus, mein Herz“; „Du, meine Seele, singe“; „Sollt ich meinem Gott nicht singen“). Stattdessen sind Kirchenlieder von anderen Textautoren dank Crügers Melodiefindung zum Hit geworden: vor allem „Nun danket alle Gott“, dann aber auch zwei Titel, die durch J. S. Bachs Weiterverarbeitung Weltgeltung erlangt haben: „Jesu, meine Freude“ (Motette BWV 227, Choralvorspiel BWV 610) und „Schmücke dich, o liebe Seele“ (Kantate BWV 180 und Choralvorspiel BWV 654).

Dass Johann Crüger Gesangbuchgeschichte geschrieben hat, gehört allerdings zum hymnologischen Grundwissen: Erstmals 1640 legt er in Berlin ein Gesangbuch vor, dessen Titel in aller barocken Umständlichkeit viel verrät: „Neues vollkömmliches Gesangbuch/in welchem nicht allein vornehmlich des Herrn Lutheri, und anderer gelehrten Leute/Geist- und Trostreiche Lieder/so bishero in Christl. Kirchen gebräuchlich gewesen sondern auch viel schöne neue Trostgesänge/insonderheit des vornehmen Theol. und Poeten Herrn Johan Heermans/zu finden/mit Auslassung hingegen der unnötigen und ungebräuchlichen Lieder/in richtige Ordnung gebracht“ (Textfassung leicht modernisiert). Neue Lieder also braucht das Land beziehungsweise die Stadt Berlin. Alte „unnötige“, die zwar aus den goldenen Zeiten der Reformation stammen, aber de facto nicht gesungen werden, kann man jetzt (erst), knapp einhundert Jahre nach Luthers Tod, aussortieren. Vollkommen ist ein Gesangbuch darin, dass es den Ausgleich zwischen „bisherigem“ und dem „vielen (!) schönen“ neuen Liedgut herstellt. Das inhaltliche Gütesiegel heißt „Trostgesänge“.

Lehrer im Grauen Kloster

In jenem Jahr 1640 übernimmt der später „Großer Kurfürst“ genannte Friedrich Wilhelm in Berlin das Zepter. Der große Krieg, der noch weitere acht Jahre dauern wird, hat Land und Stadt ziemlich ruiniert. Berlin hat fast die Hälfte seiner Einwohnerschaft verloren. Crüger ist da schon 18 Jahre lang im Kantorenamt an der Nikolaikirche, verbunden mit dem Schulamt am Grauen Kloster. Die Zeiten sind nicht dergestalt, dass man mit Kultur groß auffallen kann. Gleichwohl ist Crüger seinen Job in Berlin künstlerisch ambitioniert angegangen, musiziert neben viel alter Musik italienischer(!) Herkunft auch groß besetzte eigene Magnificat-Vertonungen (auf Deutsch!) in den Vesper-Gottesdiensten an den Sonn- und Festtagen und publiziert diese auch. Zudem lässt er musiktheoretische und musikpädagogische Schriften drucken. Anders als der berühmte Kollege einhundert Jahre später in Leipzig nimmt er sein Schulamt ernst. Persönlich ist Crüger wie viele Menschen in dieser Zeit von Schicksalsschlägen betroffen: Frau und Kinder sterben an der Pest, er selbst wird wohl depressiv, dann auch pestkrank und in einem Ratsprotokoll 1639 bereits für tot erklärt. Die zweite Ehe mit einer gerade mal 16-Jährigen, die ihn um fast ٤٠ Jahre überleben wird, bringt wirklich neues Glück und ١٤-fachen Kindersegen, der sich aber durch zeittypisches Kindersterben schnell drastisch reduziert. „Trostgesänge“ sind da wahrlich angesagt, wie sie der selber sehr leiderfahrene Dichter Johann Heermann (1585 – 1647) geschaffen hat. Er wird im Gesangbuchtitel sogar eigens genannt in wohl verkaufsfördernder Absicht.

„Übung der Gottseligkeit“

1640 kennt Crüger Paul Gerhardt noch nicht. Der kommt erst zwei oder drei Jahre später nach Berlin. Im Jahr 1647 haben sich wohl die wirtschaftlichen Verhältnisse etwas konsolidiert. Crüger wagt wieder ein Gesangbuchprojekt: Praxis Pietatis Melica heißt der neue Titel (sogleich übersetzt: „Übung der Gottseligkeit“). Auch die inhaltliche Konzeption ist modifiziert und vor allem gibt es wesentlich mehr neue Lieder, darunter jetzt 18 von Paul Gerhardt. Neuauflagen (auch in Frankfurt und Stettin) mit jeweils erweitertem Liedbestand folgen fast rasend schnell. Drei Auflagen später, 1653, sind 64 weitere neue Gerhardt-Lieder aufgenommen, wiewohl Gerhardt jetzt in Mittenwalde als Pfarrer dient. In der letzten von Crüger bewerkstelligten Editio X. von 1661 sind es 90 von insgesamt 550 Liednummern.

Nur knapp fünf Jahre, von 1657 bis 1662, agieren beide auch amtlich als Team in der Berliner Nikolaikirche. Johann Crüger hat sich als junger Mensch auf einer großen Lern-Wanderschaft nicht nur musikalische Kompetenz zugelegt, sondern auch zwei Jahre in Wittenberg Theologie studiert. Das Faszinierende an Crügers Gesangbuchprojekt ist das perfekte Wechselspiel beider Bereiche. Seine Liedauswahl und Rubrizierung überzeugt inhaltlich voll, musikalisch setzt seine Zuweisung von bekannten Melodien, zusammen mit „Generalbass“ notiert, ebenso Maßstäbe wie die eigenen Neuerfindungen. Musikalisch ausgebaut wird dies in einer Art Choralbuch mit ausgesetzten vierstimmigen Sätzen plus durchaus virtuos geführtem instrumentalem Oberstimmenpaar. Dieser Satztyp, der schlichten Liedgesang mit konzertierendem Gestus verbindet, ist eine Erfindung Crügers. Heutige Weihnachts-Chorsänger kennen das im gut verbreiteten „Fröhlich soll mein Herze springen“. Allerdings war dieses Zuckerl lange Zeit ein Einzelgänger in der Crüger-Rezeption. Es ist es noch keine zehn Jahre her, dass erstmals alle Crüger-Sätze in einer Edition vorgelegt wurden – und nun beim Verlag als Ladenhüter lagern.

Hat Crüger außer Gesangbuchgeschichte auch Musikgeschichte geschrieben? Wenn man zwei berühmte Zeitgenossen daneben stellt, den eine Generation älteren Michael Praetorius (gestorben 1621, Jubilar des vergangenen Jahres) und Heinrich Schütz (13 Jahre älter als Crüger, Jubilar dieses Jahres wegen seines Todesjahres 1672), dann kann Crüger in Sachen Musik-„Output“ nicht mithalten. Die beiden Vorgenannten waren in prominenter, höfischer Stellung (Wolfenbüttel, Dresden), hatten Zugriff auf hochprofessionelle Musikerressourcen und bewegten sich im Kreise des europäischen Adels. Crüger aber war und blieb Berliner Stadtkantor und Schulmann.

Stadtkantor und Schulmann

Das Lebenskapitel Crüger und der Berliner Hof lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Einerseits ließ sich der Kurfürst von Crüger den ganzen reformierten Liedpsalter ebenso prächtig mit Oberstimmen in Musik setzen wie die lutherischen Lieder, andererseits wurde er für das Leitungsamt am Hofe nicht berücksichtigt. Ein späterer Chronist mit Insiderwissen schreibt: „Allerdings einige hoffärtige Musikanten hinderten solches auf mancherlei Weise, und wollten ihn pro directore Musicae Electoralis nicht annehmen, weil er ein stiller und ihnen ein allzu demütiger Mann war, welcher sich vor den Augen der Stolzen nicht stattlich genug halten wollte.“ Zudem muss Crüger zu dezidiert als Lutheraner kenntlich gewesen sein. Nicht mehr erleben musste er die Zuspitzung des Streits um das Toleranzedikt des Kurfürsten. Sein Nachfolger Johann Georg Ebeling räumte wohl eben deshalb nach nur fünf Jahren 1667 seinen Berliner Posten und ging ins lutherische Stettin.

Nun denn, ein „stiller und demütiger“ Mann, der sein lokales Schul- und Kantorenamt ernst nimmt, kann immerhin via Gesangbuchprojekt auch Musikgeschichte schreiben, insofern sich Komponisten der Folgejahrhunderte von seinen Melodien inspirieren lassen. So hat das im Text alles andere als moderne Abendmahlslied „Schmücke dich, o liebe Seele“ (EG 218) über Crügers Melodie und Bachs Bearbeitung bis zum Wiener Neutöner Arnold Schönberg durchgeschlagen, der 1922 Bachs Choralvorspiel für großes Orchester instrumentierte. Die Uraufführung erfolgte im Dezember 1922 in der Carnegie Hall in New York. Dabei wird wohl niemand den Namen des Melodisten Crüger zur Kenntnis genommen haben. Es ging ja um Bach und Schönberg. Den stillen und demütigen Mann würde das wohl nicht angefochten haben, ebenso wenig wie beim Erfolgsfilm „Schlafes Bruder“ (1994), dessen Titelmelodie zur Liedstrophe „Komm, o Tod, des Schlafes Bruder“ ebenfalls von ihm stammt.

Tourist und Freund trostreicher Lieder, kommst Du in diesen Zeiten, vielleicht in diesem Jubiläumsjahr, nach Berlin, besuche Du aber Crügern an seiner Wirkungsstätte in der Nikolaikirche, dem wohl eindrücklichsten Kirchenraum Berlins, der zwar säkularisiert (schon seit den 1930er-Jahren), aber als Stadtmuseum-Location ziemlich fein zugerichtet ist. Gehe daselbst auf die Empore zur Orgel (die es zu Crügers Zeit an dieser Stelle nicht gab) und grüße dorten den Meister in dem Gemälde Hirts, das zu seinem Gedächtnis der Gatte der Stieftochter aus erster Ehe schuf, seines Zeichens Hofmaler. Nimm Dir Zeit, ziehe die Schubladen mit allerhand Noten-Preziosen aus Museumsbeständen und lausche Crügers feiner Musik an der Hörstation. Für den Rückweg zum Alexanderplatz gestatte Dir einen Umweg-Bogen über die Klosterstraße. Daselbst findest Du (nach der „Parochialkirche“) mitten im mondänen Berlin tatsächlich eine richtige Ruine, eben von jenem „Grauen Kloster“, wo Crüger 40 Jahre lang seinen Schuldienst verrichtete. Vielleicht fällt es Dir danach leicht, mit Crügers Melodie zu singen: „Gute Nacht, o Wesen, das die Welt erlesen, mir gefällst du nicht …“ (EG 396,5). 

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