Vernetzt denken

Komplexe Welt

Dirk Brockmann, Jahrgang 1969, ist Professor am Institut für Biologie der Berliner Humboldt-Universität. Er kommt zwar von der Physik und Mathematik her, hat sich aber schon früh in seiner wissenschaftlichen Karriere auch mit komplexen Phänomenen außerhalb der traditionellen Grenzen der Physik beschäftigt. Sein Hauptinteresse gilt heute den Strukturen und Prozessen in komplexen biologischen und sozialen Netzwerken.

Wir leben in einer vernetzten Welt und daher müssen wir auch vernetzt denken. Nur wer Phänomene stets als Ganzes in den Blick nimmt, vermag auch die komplexen Zusammenhänge etwa von Pandemien, Finanz- und Klimakrisen zu verstehen. Komplexitätsforscher fahnden nach gemeinsamen Mustern, Gesetzmäßigkeiten und Ähnlichkeiten – und dies vorzugsweise hinsichtlich voneinander auf den ersten Blick völlig unterschiedlicher Fragestellungen und Themenkreise. Wer also mit Brockmann in den Wald geht, erfährt weniger etwas über einzelne Bäume, sondern vielmehr über den Wald als systemisches Ganzes.

Brockmann ist ein geradezu virtuoser Vermittler komplexer Sachverhalte. Wer wissen will, was fünf Metronome, eine Dachlatte und zwei Getränkedosen mit Börsenmaklern gemeinsam haben, erfährt Wesentliches über „Koordination“. Wer begreifen will, was ein Sandhaufen mit dem Verlauf einer Pandemie zu tun hat, erkennt zugleich die enorme Bedeutung der „Kritikalität“ für die unterschiedlichen natürlichen und gesellschaftlichen Prozesse. Beim Thema „Kipppunkte“ etwa genügt ein einfaches Murmelspiel, um die eigentliche Problematik der Klimakrise zu verdeutlichen. Und wen universelle „Kollektive Verhaltensmuster“ interessieren, wird erstaunt sein, wie leicht sich die eindrucksvollen Schwarmleistungen der Stare, Heringe oder Wanderameisen mit dem katastrophalen Versagen der Organisatoren der Duisburger Loveparade verbinden lassen.

Zu allen Themen liefert Brockmann einfachste Skizzen aus eigener Hand. Sie sind mühelos nachzuzeichnen und vor allem gedanklich nachvollziehbar. So wird etwa die schier ungeheure Artenfülle (rund eine Billion) der Bakterien gegenüber allen übrigen Lebensformen als großer Kreis veranschaulicht. Ein paar kleine Punkte im Kreis markieren die vergleichsweise wenigen Millionen Arten nicht-bakteriellen Lebens. Um aufzuzeigen, dass wiederum nur ein verschwindend geringer Teil der Bakterien pathogen (krankmachend) ist, bedarf es nur eines winzigen Stecknadelkopfes in einem Kreis von zwei Metern Durchmesser.

Brockmann geht – wenn auch auf lesenswerte Weise – gern ins Risiko, wenn er in erfrischend lockerer Sprache über tiefgründige wissenschaftliche Fragestellungen plaudert. Diese Lockerheit mutiert leider zuweilen zu fahrlässiger Oberflächlichkeit. So etwa beim Thema „Reduktion von Komplexität“. Zur Charakterisierung eines Gesichts genügt ein Smiley – ein Kreis mit zwei Punkten sowie einem Strich. Nase und Ohren sind da in der Tat unwichtig. Brockmann schließt daraus: „Auch die ‚Sonderstellung‘ der Art Homo sapiens führen wir auf lächerlich unwichtige und in meinen Augen vernachlässigbare Eigenschaften wie Kognition zurück.“

Wie bitte? Rekrutiert sich die Leserschaft dieses Buchs etwa aus dem Gros des Artenkreises? Mit ähnlich schlanker Hand werden weitere rätselhafte Behauptungen aufgestellt: „Goethe verstand Mathematik.“ Als Kronzeuge für die Bedeutung der Mathematik indes ist der Weimarer ungeeignet. Er hatte bekanntlich viele Talente. Mathematik gehörte zweifellos nicht dazu. Auf diesem Gebiet bevorzugte der Dichterfürst die polemische Annäherung.

Wäre dieses Buch nun selbst ein großer Kreis, so gäbe es da durchaus einige pathogene Stecknadelköpfe zu viel. Ein sorgfältigeres Lektorat wäre hilfreich gewesen. Der Autor hätte es allemal verdient. Ein Buch für Wissbegierige, nicht aber für Leichtgläubige.

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