Spektakel und Innerlichkeit

Tschaikowskys „Eugen Onegin“ in Hannover: Große Gefühle und kein Happy End
James Newby als leidender Eugen Onegin in Tschaikowskys gleichnamiger Oper, Hannover 2022.

Fulminante Aufführung der Oper „Eugen Onegin“ an der Staatsoper Hannover! Manche stellen jenseits der großartigen Leistung von Regie und Ausführenden die Frage: Wo bleibt der Bezug auf den Krieg in der Ukraine? Aber muss es den unbedingt geben? Zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick hat sich das Stück angesehen.

Es gibt im Leben ein „Zu spät“. Das muss Eugen Onegin am Ende von Peter Tschaikowskys gleichnamiger Oper schmerzhaft erkennen: Die schöne Tatjana, zu der Onegin, selbst in einer Lebenskrise stehend, plötzlich wieder in Leidenschaft entbrennt, als ER SIE auf einem mondänen St. Petersburger Fest nach Jahren wiedersieht, sagt Njet. Sie will ihrem jetzigen Ehemann, dem Fürsten Gremin, treu bleiben, obwohl sie durchaus Liebesgefühle für Onegin hegt, aber es ist zu spät.

Einige Jahre zuvor, als das junge Mädchen Tatjana den Herrn Onegin fern von St. Petersburg auf dem Lande kennenlernte, war das noch ganz anders gewesen: Da sah SIE IHN, verliebte sich rasend, fasste sich ein Herz, und gestand ihm noch in derselben Nacht in einem wilden Brief ihre Liebe. Ja, sie flehte ihn an, er möge sie aus ihrem eintönigen Leben durch Heirat erlösen und in die weite Welt führen. Jene weite Welt, die das Feld des städtischen Bohème Onegin ist und die sie, Tatjana, nur aus Büchern kennt. Doch Onegin, obwohl er ihr auch sehr zugetan ist, weist Tatjana mit der Begründung ab, dass er sich nicht zu einer dauerhaften Bindung in der Lage sehe. Überdies belehrt er sie aus der Pose des Älteren und Erfahrenen, sie dürfe ihre Gefühle nicht so offen und ungeschützt zeigen, das schicke sich nicht. So lässt er eine verzweifelte, verletzte, beschämte Tatjana zurück. Damit nicht genug: Kurz danach wird es wirklich schlimm, denn Onegin tötet seinen Freund Lenski in einem Duell - letztlich aufgrund einer Nichtigkeit. Tragisch, alles tragisch, und am Ende sieht es also so aus: Die Schuld zeichnet Onegin tief und die neuerwachte Liebe zu Tatjana bleibt unerwidert. Große Gefühle und kein Happy End.

„Eugen Onegin“ von Pjotr Illjitsch Tschaikowsky an der Staatsoper Hannover, Juni 2022: Starke Leistung von Solisten und Ensemble!

Er will mich nicht! Tatjana (Barno Ismatullaeva) ist schockiert, als Eugen Onegin sie zurückweist, Staatsoper Hannover 2022.

 

Regisseurin Barbora Horáková inszeniert aus diesen Gefühlsquerelen an der Staatsoper Hannover einen hinreißenden Opernfilm, in dem die Protagonisten Tatjana, Lenski und Onegin mit ihren Wahnsinnsarien in intimer Nahbarkeit bestens zur Geltung kommen. Gleichzeitig entfaltet sie, getragen von der traumwandlerisch tollen Musik Tschaikowskys, opulente Tuttiszenen, in denen der üppig besetzte Opernchor in tragender Rolle brilliert und organisch in die Inszenierung eingebunden ist. So gehen in Horákovás Inszenierung Spektakel und Innerlichkeit ein inniges Bündnis ein und der zunehmend begeisterte Zuschauer/Zuhörer gerät in einen Tschaikowsky-Flow, der mitnimmt, ja mitreißt.

By the Way und für eine Oper nicht unwichtig: Die sängerischen Leistungen sind überragend – insbesondere von Sopranistin Barno Ismatullaeva (Tatjana), Bariton James Newby (Eugen Onegin) und Tenor Pavel Valuzhin (Lenski). Ohne Fehl und Tadel mit dynamisch großen Amplituden spielt das Niedersächsische Staatsorchester im Graben – energetisch vorzüglich angespornt vom jungen „Hallo-Wach“-Dirigenten James Henry.
Besonders bemerkenswert ist die großartige Leistung des Opernchors und der Statisterie. Sie bewahren das zunehmend mit den Seelennöten der Protagonist:innen mitleidende und mitfiebernde Publikum durch machtvollen Gesang und mitreißende Spiel- und Tanzkunst davor, zu sehr ins Weltschmerzgrübeln zu geraten, denn es darf zwischendurch – dem Tutti sei Dank – immer wieder staunen und (innerlich) herzlich lachen.
Alles in allem ein Fest. Eins mit Sternchen oder anders gesagt: Bravissimo! Und: Drei Aufführungen gibt es noch, am 19. Juni (So), 1. Juli (Fr) und letzmals am 7. Juli (Fr). Nichts wie hin …

Was habe ich nur getan? Verzweifelter Eugen Onegin (James Newby), nachdem er seinen Freund Lenski (Pavel Valuzhin) im Duell getötet hat, Staatsoper Hannover 2022.

Verzweifelter Eugen Onegin (James Newby) am Ende von Tschaikowskys gleichnamiger Oper, Staatsoper Hannover 2022.

 

PS: Manch eine:r mag in der Hannoveraner Inszenierung des Eugen Onegin klare politische Bezüge und Stellungnahmen zum Angriffskrieg auf die Ukraine vermisst haben. Klar, an der einen oder anderen Stelle hätte man sie sich vorstellen können. Andererseits hätte das von Tschaikowskys Werk sehr weit weggeführt, denn hier geht es eben nicht um Geopolitik, nationale Hybris oder militärische Expansion. Sondern hier geht um Gefühle, um Lebensphasen und ganz besonders um jene bestürzende Erkenntnis, die (leider) in allen Zeiten gilt: Es gibt ein „Zu spät“ im Leben eines Menschen. Immer und immer wieder. Damit hat man genug zu tun. Leider. Und kaum jemand bringt dies so sensibel in Klänge, wie Peter Tschaikowsky in seiner Umsetzung des „Eugen Onegin“ von Alexander Puschkin, der als Begründer der modernen russischen Literatur gilt. Aber wer nur ein bisschen das Leben und Ergehen dieser beiden großen Künstler im 19. Jahrhundert betrachtet, kann sich sicher sein: Putin hätte an beiden keine Freu(n)de gehabt!

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Kultur"