Frage nach Freiheit

Huber im Gespräch

Ob die Landschaft deutschsprachiger Systematischer Theologie noch von Grenzen zwischen theologischen Schulen durchfurcht ist – zwischen Bultmann-Anhängern, Barthianern, Liberalen Theologen und Politischen Theologinnen und Theologen, zwischen Heidelberger Verantwortungsethik und Münchner Ethischer Theologie – darüber lässt sich streiten. Auf jeden Fall sind Gespräche spannend, in denen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der theologischen Positionen deutlich werden. Ein solches Gespräch ist den Autoren des Bandes Es geht vielmehr um eine Lebenshaltung, anlässlich des anstehenden 80. Geburtstages von Wolfgang Huber gelungen. Mit Huber, dem ehemaligen Ratsvorsitzender der EKD (2003–2009), Berlin-Brandenburgischen Bischof (1993–2009), Heidelberger und Marburger Professor (1980–1994) und Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchentages (1983–85), führten der Münchner Ethiker Reiner Anselm, der ebenfalls Münchner Praktische Theologe Christian Albrecht und der Göttinger Jurist und Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD, Hans Michael Heinig, ein „wissenschaftsbiographische[s] Gespräch“. Der entstandene Text gibt auf kurzweilig zu lesende Weise Auskunft über Hubers kirchenpolitische und theologische Positionen sowie Einblicke in biographische Stationen.

Die Anlage von Gespräch und Buch verortet Wolfgang Huber in der Tradition zu Dietrich Bonhoeffer, dem ein erstes Kapitel gewidmet ist. Die folgenden Kapitel behandeln theologisch-ethische Themen jeweils an der Schnittstelle von Hubers Wirkungsfeldern; es geht um den Freiheitsbegriff, Menschenrechte, Ethik, Staat, Kirche, Islam, Kirche und Demokratie, sowie (Öffentliche) Theologie.

Spannend sind dabei zunächst die anekdotischen Einblicke in Hubers Biographie: So erzählt er, wie er als promovierter Kirchenhistoriker zur Systematischen Theologie kam und wie Anfang der 1990er-Jahre die Entscheidung zwischen Kandidatur für ein Bundestagsmandat und dem Bischofsamt in Berlin-Brandenburg fiel. Das Kapitel zu „Staat, Kirche, Islam“ gibt Einblick in die Zusammenarbeit Wolfgang Hubers mit seinem Vater bei der Edition der Quellen zur Verfassungsgeschichte und zeigt so auch, wie Huber in seiner Habilitation zum Thema „Kirche und Öffentlichkeit“ eine eigene Position bezog. Die folgenden Gesprächsgänge machen anschaulich, wie sehr Huber als Bischof von dieser theologischen Arbeit profitierte, wie sehr hier also akademische und kirchliche Praxis zusammenhängen.

Lesenswert ist das Buch auch, weil es Hubers Position profiliert und Missverständnisse dieser Position thematisiert, gerade wenn es ums Thema Freiheit geht. So wird sehr deutlich, dass der deutschsprachige Protestantismus keineswegs erst mit der Demokratiedenkschrift zu einer Bejahung der Demokratie gefunden hat. Und Huber betont, dass es einer wohlverstandenen Öffentlichen Theologie keineswegs nur um Ethik, sondern grundlegend um theologische „Sprachfähigkeit“ geht.

Immer wieder werden in dem Gespräch die Unterschiede und Berührungspunkte von Hubers Verantwortungsethik und der Ethischen Theologie Münchner Tradition deutlich – diese konstruktive Auseinandersetzung macht einen besonderen Reiz des Buches aus. Die Frage nach der Freiheit – genauer: nach dem Verhältnis von Verortung der Freiheit im Individuum einerseits und sozialer Ermöglichung und Verwirklichung der Freiheit andererseits – zieht sich dabei durch die Kapitel. Dabei räumt Huber das Missverständnis aus, ihm sei Sozialität der Freiheit wichtiger als deren Individualität, indem er den Gegensatz beider im „Beziehungscharakter menschlicher Existenz“ aufgelöst sieht. Spannend ist hier auch der von Christian Albrecht angesprochene Zusammenhang zwischen dem „liberale[n] Prae für das Individuum“ und der „Option für den Schwachen“. Eine ausführlichere Thematisierung dessen kann man etwa vermissen, wo es im Kapitel „Kirche und Demokratie“ um den Umgang mit den (potentiellen) Wählerinnen und Wählern rechter Parteien, die digitale Präsenz der evangelischen Kirche und die Spannung von „Integrationspotential“ und „Fragmentierungspotential“ geht. Hier hätte das Prae für das Individuum ja gerade als liberales Plädoyer für die Ausdrucksfreiheit etwa lesbischer Frauen konkret und so die freiheitsgefährdende Dimension aller Integrationshoffnungen noch deutlicher werden können.

Insgesamt ist das Buch ein lesenswertes, weil spannendes und aufschlussreiches – und das sowohl bezogen auf Wolfgangs Hubers Theologie und Biographie, als auch bezogen auf die Traditionen Ethischer und Liberaler Theologie.

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Florian Höhne

Dr. Florian Höhne ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie (Ethik und Hermeneutik) an der Humboldt-Universität zu Berlin.


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