Verantwortung statt Versorgung

Die evangelische Kirche in Deutschland braucht eine organisatorische Reformation auf vielen Ebenen
Wann wird aus Abbau endlich wieder Aufbau? Der Chorraum des Ulmer Münsters bei der Renovierung 2019.
Foto: epd
Wann wird aus Abbau endlich wieder Aufbau? Der Chorraum des Ulmer Münsters bei der Renovierung 2019.

Kirchenaustritte und Säkularisierung sind keine Naturgesetze. Die evangelische Kirche könnte ihre vielfältigen Ressourcen wirksamer einsetzen. Dann würde aus Abbau endlich wieder Aufbau, meint der Hochschullehrer, Rechtsanwalt und EKBO-Synodale Bernd Schlüter. Er beruft sich dabei auf subjektive Erfahrungen in diversen Funktionen, Ebenen und geografischen Bezügen.

Das Christentum stellt in seiner Vielfalt, seinen Institutionen und Lebensimpulsen ein unschätzbares kulturelles Erbe und Zukunftspotenzial dar. Die mediale, kommerzielle Konsumwelt, die weiter wirksame DDR-Propaganda, ein schräges Wissenschaftsbild und die herrschende Religion des Materialismus haben wenig Interesse daran, religiöse oder kulturelle Inhalte zu vermitteln. Auch Schulen und Rundfunk scheitern oft daran. Die Diskussionen um die Aufarbeitungsprozesse in der römisch-katholischen Kirche und das Interesse an leicht fasslichen Überschriften lassen die Begriffe Missbrauch und Kirchenaustritt dominant erscheinen. Leerstellen im kulturellen, seelischen und geistigen Leben vieler Menschen werden sichtbar und berauben unsere Gesellschaft einer wichtigen ethischen und sinnstiftenden Quelle. Um so wichtiger ist es, dass die beiden großen Kirchen ihre Potenziale nutzen und sie nicht verspielen.

Die evangelische Kirche in Deutschland hat nahezu alles, was sich Religionsgemeinschaften weltweit nur wünschen können: eine große Gemeinschaft, eine reformatorische Botschaft von Freiheit und Verantwortung, die an die Aufklärung und wichtige Kulturtraditionen anschlussfähig ist, eine wissenschaftliche Theologie und Soziallehre von Weltrang, viele engagierte und gut ausgebildete haupt- und nebenberufliche Mitarbeitende, ein Heer ehrenamtlich Engagierter, eine Verzahnung mit Universitäten und Schulen, eine hochleistungsfähige Diakonie, die von Wohnungslosigkeit bis zum Krankenhaus wichtige Schnittstellen in die Gesellschaft abbildet, eine einzigartige professionelle und von begeisterten Laien getragene Kirchenmusik, die wichtige Brücken in die Kunst und zu den Herzen der Menschen schlägt, regelmäßige Kirchensteuereinnahmen, einen zukunftssichernden Immobilienbesitz – mit einem biblischen Wort: Sie hat einen großen ideellen und materiellen Schatz zu verwalten und wird am Ende des Tages gefragt werden, wie sie ihn gehütet und vermehrt hat.

Alle reden über die römisch-katholische Kirche und übersehen die teils hausgemachte Krise der Protestanten. Nach den guten Impulsen des Reformationsjubiläums sind in der Pandemie gefährliche Defizite der Organisation und der Amtsausübung, aber auch viel persönliches Engagement und Innovationspotenzial deutlich geworden. Man verfügt über nahezu alles, was viele Katholiken noch einfordern, und dennoch ist die Zukunft bedroht. Statt die großen, noch vorhandenen Ressourcen zu nutzen, engagierte Menschen zu motivieren, Kirchensteuern und Immobilien wirksam einzusetzen, Mindeststandards kirchlichen Lebens organisatorisch abzusichern und innovativ zu investieren, wird mitunter eher der Abbau begleitet. Das letzte EKD-Reformpapier („Zwölf Leitsätze“, 2020) flüchtet sich in eine etwas hilflose „Offenheit“, denkt aber weiter in der Beamten­systematik. Man will kein rückgebautes Gleiches, hat aber wenig Mut zu Neuem. Man scheut die Durchsetzung von Verantwortung, wirksamer Ressourcenverwendung, Leistung und Qualität. Da die Beamtenversorgung und eine mit ihr nur bedingt vereinbare selbstbestimmte „Freiheit“ des Pfarramtes gesichert werden, kommt es zwangsläufig zu Friktionen mit Gemeinden und Freiwilligen.

Die rhetorischen Nebelkerzen mancher Reformpapiere zeigen mitunter eine gewisse Oberflächlichkeit und Realitätsferne. Auch die geschulte Rede und Gesprächsführung ist kein Ersatz für wirksame Strukturen und Zuständigkeiten. Defizite im hauptamtlichen Dienst werden oft zu einem seelsorgerlich zu bearbeitenden Konflikt mit den Ehrenamtlichen umgedeutet, wo eigentlich Weisungen oder proaktive Beratung angebracht wären.

Immerwährende Reformation

Die immerwährende Reformation braucht klare Worte auf der Basis selbstkritischer Analysen. Das EKD-Reformpapier leistet das kaum: Angeblich führen gesamtgesellschaftliche, demografische Faktoren und grundlegende Glaubenskrisen zur Schrumpfung der Kirche, keinesfalls ihre hausgemachten Defizite. Warum wächst der Zuspruch zu anderen Gemeinschaften, warum ist die Kirche wenig bei den Alltagssorgen unter anderem der Menschen in ländlichen Regionen? Die oft mehrere Galaxien entfernte EKD hat keine zentrale Steuerung, könnte aber in ihren Impulsen hilfreicher sein. Als eine Art Oberverband mit prestigeträchtigen Ämtern müsste sie den Menschen momentan zumindest mehr Orientierung geben, als das gelingt. Sie erregt sicher mediale Aufmerksamkeit, wenn sie sehr junge Menschen zu Vorsitzenden macht, die liturgische Texte zeitgeistartig aus dem Handy ablesen. Die Jugendlichkeit erweist sich jedoch in der Substanz, nicht in der Attitüde. Jeder nur kleine Versuch einer Landeskirche, Jugendarbeit systematisch zu fördern und zu garantieren und digitale Standards der Öffentlichkeitsarbeit zu setzen, ist hilfreicher als die jetzigen PR-Verrenkungen. Oft kann man mit einiger Vorsicht und Einsicht schon an lokalen Veranstaltungen und Mitgliederzahlen ablesen, wo gute und wo schlechte Arbeit geleistet, wo in die Zukunft investiert wird und wo engagierte Menschen ihre Arbeit tun. Es gilt, dem launischen Zufall der persönlichen und örtlichen Umstände in den Arm zu fallen und für wirksamere Kompetenzen und Strukturen zu sorgen. Wie fördert man ein gutes Gemeindemanagement, wie wird aus gut gemeintem Gremienhandeln eine informierte und wirksame Tätigkeit? An Formalien fehlt es dabei nicht. Aus der Tradition der Staatskirche kommen das bürokratische Kleinklein, endlose Gesetzbücher und Stellenpläne, lange Versorgungsdebatten, weniger systematisch gesichert und gefördert ist aber der Ethos des guten Dienstes, der rechtmäßigen Amtsführung und der Professionalität.

Auch der Kern der Botschaft und der Gemeinschaft bedarf der Sicherung. Um neben den Themen Schrumpfung und Austritt noch hörbar zu werden, macht man sich manchmal zu Chefanklägern und Verstärkern der medial gelieferten weltweiten Missstände, man springt auf kaum übersehene parteipolitische Themen und Mainstreambewegungen und verfehlt dabei mitunter die eigene, unverwechselbare Aufgabe im Alltag und in der ethischen Fundierung.

Synoden und Predigten entgehen nicht immer der Meinungsblase und atemloser Mainstreamverfolgung. Nach dem Verkämpfen für Landesfürsten und Kaiserreich, für und gegen nationalistische Diktaturen, den Kolonialismus, den Atomausstieg, den NATO-Doppelbeschluss und die Klimabewegung könnte deutlicher werden, dass nötiges gesellschaftliches Engagement von Protestanten am sichersten auf einer soliden Bildung des Geistes, der Seele, des Herzens und des Gewissens fußt.

Weitere Themen der Kirche sind Verteilungskämpfe um kleiner werdende Haushaltsmittel und Stellenpläne. Auch das EKD-Papier verharrt hier im Dualismus Beamtenstelle und Ehrenamt. Das wichtige Feld der nebenberuflichen Honorarkräfte: Fehlanzeige. Die schon kafkaeske Bürokratisierung und die endlosen Lesungen von Kirchengesetzen nützen wenig, die Umsetzung hinkt. Nicht zahlenmäßig, aber durch ihren rhetorischen und hauptberuflichen Wissens- und Handlungsvorsprung werden Synoden und Gremien tendenziell von hauptberuflich Mitarbeitenden und Pfarrpersonen dominiert. Dies kann im Einzelfall zu einer falsch verstandenen, von Standards und Weisungen ungestörten Freiheit und zufälligen Wirkung der Amtsausübung beitragen, verbunden mit allen Vorteilen des Beamtenstatus. Diese ist gerade nicht die doppelseitige Medaille des hergebrachten Berufsbeamtentums und muss die vielen Funktionsträger frustrieren, die eine vorbildliche und erschöpfende Arbeit leisten.

Obwohl die Reformation das Priestertum aller Gläubigen verkündet, hat sich eine neue Art Klerus ausgebildet, der sich teils über-, teils unterbelastet. Von ihm geht viel Engagement aus, er birgt aber auch Gefahren einer Selbstversorgungs- und Selbstverwaltungsmentalität. Bei allen regionalen Unterschieden: Es bedarf einer höheren Konsequenz, um Standards und Qualität der Amtsausübung durch Leitung, Aufsicht, klare Zuständigkeiten und Zielvorgaben abzusichern. Neben Prävention verlangt das auch eine klare Aufarbeitung von Schäden und Pflichtverletzungen, nicht das Bemänteln und Hochloben.

Intransparente Foren

Oft könnte eine deutlichere Trennung der Verantwortlichkeit von Leitung und Aufsicht hilfreich sein. Obwohl eher als Ausnahme vorgesehen, haben Pfarrpersonen oft die Gremienleitung und achten auf deren Zusammensetzung. Im Extremfall bestimmt der vom Pfarrer ausgesuchte und präsidierte Gemeindekirchenrat dessen Dienstplan. Auch Pfarrkonvente sind sicher notwendige, aber eher intransparente Foren der leitenden Profession. Die eigentlich kirchenleitenden Organe, allen voran die Synoden, sind oft mit politischen, rechtlichen und finanziellen Themen beschäftigt, ohne aber realistische Informationen über den Zustand und die Wirkung der eigenen Kirche zu erhalten. Wo sind die Berichte über Disziplinarfälle, Konflikte und lahmgelegte Gemeinden, über die hausgemachten Fehlstellen der Jugendarbeit und der Kirchenmusik, wo hält man trotz frisch sanierter Orgeln den Ghettoblaster für ausreichend? Verlässlich garantiert und pünktlich sind vor allem der Kirchensteuereinzug und die Besoldungs­überweisung. Darüber hinaus wird die Qualität, Zukunftsfähigkeit und Rechtmäßigkeit der Amtsführung von Gremien und Pfarrpersonen mitunter zu einem Produkt des Zufalls und der persönlichen Befähigung. Wo Leitung und Aufsicht aus der befreundeten Kollegenschar rekrutiert wird, nützt mitunter das beste Pfarrerdienstgesetz nichts. Eine durch Theologen ausgeübte Disziplinaraufsicht, die sich weitgehend auf strafrechtlich relevante Verfehlungen beschränkt, ersetzt keine Dienst- und Fachaufsicht und keine zielführenden Hilfen und Weisungen.

Diese Zustände zeitigen Licht und Schatten. Wo engagierte Pfarrpersonen auf ebensolche Gemeindekirchenräte und Leitungen treffen, kommen kirchliche Angebote und christliche Gemeinschaft zu höchster Blüte, werden Zukunftspläne umgesetzt, der Mitgliederschwund gestoppt.

Wo dagegen Unfähigkeit, Nachlässigkeit, Unkenntnis über Möglichkeiten und rechtliche Pflichten vorherrschen, da beschleunigt die Kirche ihren Selbstabbau. Im Extremfall werden ohne Not und unter den Augen der Vorgesetzten regelmäßige Kirchenmusik und Jugendarbeit abgeschafft, die Ehrenamtlichen vergrault, Gemeinde- und Kitaaufbau, vorgeschriebene Visitationen und Ostergottesdienste unterlassen. Wenn eine kirchenfeindliche Kommune die Finanzierung einer evangelischen Kita verweigert, wird das folgenlos hingenommen, um zusätzliche Arbeit zu vermeiden. Es gibt nach wie vor Gemeinden, die keine eigene Homepage pflegen und kreiskirchliche Internetseiten, auf denen kein einziges Angebot für Kinder und Jugendliche, sondern nur die Kontaktdaten des Verwaltungsbeamten erscheinen, vorhandene Angebote und Veranstaltungen werden nicht zeitnah und zuverlässig abgebildet. Es ist mitunter nicht abgesichert, dass Mails und Anrufe auch bei Kirchengemeinden ankommen und beantwortet werden. Stellen werden abgebaut, ohne über finanzierbare Honorarstellen auch für Küster und Kirchenmusiker und Prädikanten nachzudenken. Die Hauptamtlichen sind für immer größere räumliche Gebiete zuständig. Sie verausgaben sich oder reduzieren ihre Aktivitäten, die Ehrenamtlichen brechen unter der Last der Pflege von Dorfkirchen zusammen.

Die Rolle des Kirchenvorstands sollte realistischer gesehen werden. Er ist nicht überall aus dem gleichen Holz geschnitzt wie zu Luthers oder Weizsäckers Zeiten, bräuchte mehr verlässliche, proaktive Unterstützung durch Beratung, Aufsicht und Geschäftsführungskapazitäten. Es werden Organisatoren gebraucht, die sich mit Projektfinanzierung, sozialstaatlichen Funktionen und Networking auskennen und die Kontakte in die Unternehmensdiakonie fruchtbar machen. Auch für evangelische Kitas und Schulen, Jugendarbeit und Kirchenmusik braucht es eine zentral gestützte Planung und Gründungs- und Nachwuchskompetenz. Anvertraute Menschen und Ressourcen brauchen verantwortliche Strukturen wie Mindeststandards der Gemeindearbeit, in den Haushalten abgesicherte multiprofessionelle, zentrale und dezentrale Teams von Haupt- und Nebenberuflichen, Honorarkräften und freiwillig Engagierten, eine Entlastung von Pfarrpersonen und Ehrenamtlichen vor allem in den neuen Großgemeinden und Gemeindeverbänden, belastbare Hilfe bei Bau- und Verwaltungsfragen, eine verlässliche Unterstützung der Ehrenamtlichen und Honorarkräfte.

Die gänzliche Verantwortungsübergabe an die Basis und die Kirchenkreise klingt gut, ist aber oft nicht zielführend. Kirchenmitglieder können erwarten, dass zwischen einer Mitgestaltung der Basis und einer zentralen Qualitätssicherung professionelle und wirksame Wege gefunden werden und Kirchensteuern effektiv verwendet werden.

Unsere Gesellschaft und künftige Generationen brauchen unsere evangelische Kirche. Auf allen Ebenen der Kirche gibt es gute Neuansätze. Bündelt und stärkt sie und habt Mut zu einer organisatorischen Reformation!

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