Eine Kultur des Frömmlertums

Identitätspolitik trägt oft Züge eines verweltlichten Pietismus
Foto: Rainer Nicolaysen

In den Monaten seit dem 24. Februar, als das Putin’sche Russland die gen Eu­ropa strebende Ukraine militärisch überfiel, scheinen die identitätspolitischen Zuspitzungen an Kraft, wenigstens an öffentlicher Aufmerksamkeit eingebüßt zu haben. Wer mag schon über die letzten Verästelungen von Rassismen, von Weißheiten der Hautfarbe informiert werden, wenn stündlich Meldungen uns aus den östlichen Gebieten unseres Kontinents erreichen, die auf Auslöschung des Landes, das wir als Ukraine kennen, deuten? Identitätspolitisch, so korrekt sei es verstanden, ist das, was Putin und die Seinen kriegerisch, also mörderisch in Szene setzen, in voller Dröhnung zu realisieren: Es geht Russland um das eigene Imperium, ein, wie er es versteht, slawisches, und von dem darf die Ukraine nicht abtrünnig werden.

Und doch gehen auch hierzulande die Debatten um Identitätspolitisches weiter. Neulich wurde ein Fall aus Hannover überliefert, im Mittelpunkt stand eine Musikerin, als deren gröbster Nachteil nicht ihre innige Bereitschaft zum Musizieren bei einer Veranstaltung von Fridays For Future gilt, ganz im Gegenteil, das war ja gerade der Zweck ihres Engagements. Sondern dass sie Dreadlocks trägt, ein, wie ihre Kritiker aus den Reihen von Fridays for Future monierten, unziemliches Aussehen. Das sei, so das Fachwort, „cultural appropriation“, kulturelle Aneignung einer weißhäutigen Frau, die sich des kämpferischen Looks von schwarzen Menschen in den USA rund um „Black Lives Matter“ bemächtigt habe. Großherzig, fast gouvernantenhaft bot man ihr an, doch musizieren zu dürfen, sofern sie ihre Haare anders sortiere.

Davon abgesehen, dass Dreadlocks, also „verfilzte“ Haarsträhnen, aus der Karibik, nicht aus den USA bekannt wurden, kommt die Haltung, einer mit, sagen wir genauer: nicht weißen, sondern penatencremefarbener Haut zu dekretieren, wie sie sich zu frisieren habe, einem Akt hohepriesterlicher Autorität gleich – von ganz weit oben herab. Sorgenvoller stimmen muss vielmehr, dass die klimatransformatorische Bewegung sich wie viele andere linke Bewegungen selbst zerlegt: durch Lifestyleallüren, vor allem mit dem Gestus der Lebensstilpolizei. Es ist ohnehin fragwürdig am Konzept der Kritik an „cultural appropriation“, ob die persönliche Selbst­optimierung dazu beitragen kann, eine politische Bewegung zu vergrößern. Oder nicht vielmehr zu sektisieren: Du bist erst akzeptiert, wenn du dich anpasst an die persönlichen Rahmenbedingungen.

Die beiden Theologen Michael Ramminger und Julia Lis, am Institut für Theologie und Politik in Münster arbeitend, nannten diese Phänomene kürzlich „verweltlichten Pietismus“: eine Kultur des Frömmlertums, der Bezichtigung, der Zensur, der Züchtigung bei Nichtbefolgung – his­torisch erstmals überliefert im frühen 17. Jahrhundert, als das christliche Selbstverständnis nicht das erste Mal, aber in entscheidender Hinsicht in die Krise geriet ob der „Aufklärung“, die zu wirken begann, das Weltverständnis nur mit den Mitteln der Vernunft und Wahrheitsprüfung zu konstituieren.

Schaut man sich die Blüten dieser Bewegung an, der Identitätspolitik, die auf Kollektive setzt, essenzialisierend (schwarz/weiß in puncto Rassismus, queer/heteronormativ et cetera) und auf identitäre Reinheiten setzend, erkennt man die weltlich-pietistisch anmutenden Züge einer Bewegung, die nicht zufällig in den kriselnden Mittelschichten dominiert, die nicht zufällig bei Fridays for Future-Aufzügen in den Metropolen wie dramatisch angehauchte Umzüge bei Abiturfeiern wirken, die eben kaum bis keine Sympathien besitzen in den nicht-intellektuellen Schichten unserer Gesellschaften – und zwar gerade weil sie in Fragen des moralischen (und textilen) Habitus wie eine frömmler­ische Durchblicker-Sekte wirken.

Frömmlerisches hat ja im linken Spektrum immer seinen Platz gehabt, aber die Klügeren – Robert Habeck heutzutage, Olaf Scholz, einst gewiss Willy Brandt oder Rita Süssmuth – achteten immer darauf, das Politische als das Ringen um Allianzen zu verstehen. Und dass man mit Pietistischem keine Mehrheit gewinnt, wussten und wissen sie alle nur zu genau.

Kulturell untersucht werden müsste auch der Umstand, warum in puncto Rassismus die eisigsten Ermittler von Lifestylepannen gerade die geistig nicht unbedingt wachsten Vertreter*innen mit weißer Hautfarbe sind: Sie können oft keinen strategischen Gedanken denken. Aber beim infantilen Spiel der Recherche nach privaten Auffälligkeiten – und Dreadlocks sind nichts anderes als solche – sind sie tüchtig dabei.

Jugendlichkeit hat immer den Furor auf ihrer Seite, sie kann wenigstens spielen, in allem auf der richtigen Seite der Wahrheit zu stehen. Aber als Erwachsene kommt die befreiende Trübsal des Lebens hinzu: Alles ist nur Kompromiss. Nichts ist Reinheit. An dieser Erkenntnis ist noch aller weltlicher Pietismus gescheitert – und an chronischer Freudlosigkeit. 

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