Wie Egoisten der Umwelt helfen können

Der Lebenswerttreff der Evangelischen Bank suchte Wege zur Nachhaltigkeit
DIW-Präsident Marcel Fratzscher bei seinem Vortrag
Foto: Evangelische Bank
DIW-Präsident Marcel Fratzscher bei seinem Vortrag

Der Transformprozess hin zum nachhaltigen Wirtschaften war Thema bei einer Veranstaltung in Berlin, zu der die Evangelische Bank eingeladen hatte. Diskussionsimpulse kamen von unterschiedlichsten Expert*innen aus der Gesundheits- und Sozialbranche, der Wirtschaftsforschung und aus der Philosophie

Die Frage des Philosophen lautet: Wie können diejenigen zu ökologisch nachhaltigem Handeln motiviert werden, die bisher daran kein Interesse haben? Eine passende Frage, denn schließlich befinden wir uns ja im Berliner „Change Hub“ der Evangelischen Bank mit Sitz in Kassel, die Anfang der Woche zum „Lebenswerttreff“ geladen hatte. Zwei Tage lang diskutierten rund 100 Vertreter*innen vor allem der Sozial- und Gesundheitsbranche über die Möglichkeiten des nachhaltigen Wirtschaftens. Dabei waren zahlreiche Expert*innen, unter anderem eben auch der Philosoph Wilhelm Schmid, der sich der Lebenskunstphilosophie verschrieben hat. Die Antwort auf seine selbstgestellte Frage lautete: Es kommt darauf an, dass so ein Handeln Sinn hat, auch für die, die egoistische Interessen verfolgen. Denn: „Nicht Einsichten regieren die Welt, sondern Interessen!“

Was bedeutet das konkret? Ein Windrad ist dann für eine Dorf-Bevölkerung sinnvoll, wenn sie an dessen Erlösen beteiligt ist. Zweites Beispiel: Dass Energiesparen in ökologischer Hinsicht Sinn hat, interessiert wenige Menschen. Geld sparen wollen hingegen viele. Deshalb sei es gut, dass uns die aktuelle Lage jetzt so fordere und wir in eine Zeit der Askese einbiegen, um als Gesellschaft „fitter zu werden, statt fetter“, sagte Schmidt. Dies sei eine Übung in Resilienz: „Im Rückblick werden wir für diesen Input noch dankbar sein.“

Tiefe Taschen

Die Worte des Philosophen wurden inhaltlich auch unterstützt von einem Wirtschaftsexperten. „Was gute Klimapolitik ist, ist auch gute Wirtschaftspolitik“, sagte Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Denn schon jetzt richte der Klimawandel enormen wirtschaftlichen Schaden an. Und mit Blick auf die gestiegenen Energiepreise im Zusammenhang mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine stellte er fest, dass es nicht nur ein Fehler gewesen sei, sich in die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern aus Russland zu begeben. „Der größere Fehler war, den Ausbau den Erneuerbaren Energien vor zehn Jahren herunterzufahren.“ Wäre der Ausbau weitergegangen, wäre die aktuelle Krisensituation bei weitem nicht so groß.

Nun seien die Energiepreise auf einem sehr hohen Niveau, was sich auch nach dem Ende des Krieges in der Ukraine nicht so schnell ändern würde. Fratzscher rechnet damit, dass sie noch fünf bis zehn Jahre deutlich über dem Vorkriegs-Niveau liegen werden. Denn der Ausbau der Erneuerbaren Energien koste Geld, da in Infrastruktur investiert werden müsse. Dies müsse der Staat leisten, auch über neue Schulden. „Kein Land der Welt hat so tiefe Taschen wie wir“, sagte Fratzscher. Die Investitionen würden sich aber lohnen, denn wenn Deutschland erst zu 90 oder 95 Prozent über Erneuerbare Energien versorgt würde, würden die Strompreise deutlich unter dem Niveau vor dem Krieg in der Ukraine liegen.

Dass sich die Evangelische Bank so intensiv mit der sozial-ökologischen Transformation beschäftigt, liegt einerseits in ihrem Selbstverständnis als kirchliche Bank und dem damit verbundenen Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung. „Nachhaltigkeit ist für uns kein Trend, sondern eine Haltung“, sagt Vorstandsvorsitzender Thomas Katzenmayer. Gleichzeitig liegt es aber auch, ganz im Sinne des Philosophen Schmidts, im Unternehmensinteresse, das Thema voranzutreiben. Denn ein Großteil der Kunden der Bank stammt aus der Gesundheits- und Sozialbranche, die häufig über Kredite Neu- oder Umbauten ihrer Häuser finanzieren. Krankenhäuser und Pflegheime haben aber in der Regel eine schlechte CO2-Bilanz, auch weil es zum Beispiel keine Refinanzierung für die Investition in Wärmedämmung gibt, steigende Energiekosten aber über die Pflegesätze weitergegeben werden können.

Berühmter Kunde

Das wird aber auch zum Problem für die kreditgebenden Banken. Denn ab Anfang 2024 müssen sie nachweisen, welcher Anteil ihres Geschäfts nachhaltigen Kriterien genügt. Dafür wurde mit der Green Asset Ratio (GAR) eine Kennzahl entwickelt, die über alle Banken hinweg einen Vergleich ermöglichen soll. Es liegt also künftig auch im ökonomischen Interesse einer Bank, wenn ihre Kunden möglichst nachhaltig wirtschaften, finanziell, ökologisch und sozial. Einzelheiten dazu regeln die schon bestehenden (Ökologie) und noch geplanten (Soziales EU-Taxonomien, die ebenfalls intensiv während der Veranstaltung diskutiert wurden.

Doch es gibt ja auch die, die von einer Bank keinen Kredit haben wollen, sondern ihr Geld anlegen. Und auch hier steigt das Interesse an nicht nur finanziell, sondern auch sozial und ökologisch nachhaltigen Produkten. Einer von diesen Menschen ist der Schauspieler Hannes Jaennicke, der sich seit langem mit engagierten Dokumentarfilmen über Umwelt- und Artenschutzthemen für nachhaltigeren Umgang mit der Natur einsetzt. Künftig wird die von Jaenicke gegründete „Pelorus Jack Foundation“ einen Teil ihres Kapitals von einer Tochter der EB-Bank verwalten lassen. Jaennicke war als Dinner Speaker bei der Veranstaltung dabei und berichtete von seinen aktuellen Projekten, etwa die Erhaltung eines artenreichen Regenwaldgebietes auf Borneo und einem Film über Meeresschildkröten, die ebenfalls bedroht sind. „Ich bedanke mich bei der EB-Gruppe für eine großzügige Spende an die Stiftung und freue mich, im Schulterschluss mit der Evangelischen Bank und ihrem Tochterunternehmen EB-SIM dieses und weitere Projekte umzusetzen, denn gemeinsam sind wir stärker“, erklärte Jaennicke.

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Foto: Rolf Zöllner

Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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