Verflixtes „Bahn-Tix“

Verflixtes „Bahn-Tix“

Punktum
Foto: Rolf Zöllner

Häufig schrieb ich schon an dieser Stelle über die Bahn und mich, und war dies vor Jahren noch eine Nische für Kenner und Gleichgesinnte, so ist es inzwischen zum  Massenphänomen geworden. Das Jahrhundertproblem Bahn, dieser Stahl- und Schienen-Sisyphos, wird in Analysen, Aufmachungen und düsteren Prophe­zeiungen landauf, landab besungen. Jene Bahn in Deutschland, der Mitte Europas, die verdammt ist, den Schrott, den sie hat beziehungsweise aus dem sie besteht, ungerührt weiter zu nutzen, während gleichsam am offenen Herzen dieses Schrotts – sei es Schienenschrott, Wagenschrott, unbenutzbarer WC-Schrott, unbrauchbarer Türen- oder allgemeiner Pünktlichkeits-Schrott – repariert und restauriert wird, was dann zu weiteren „Störungen im Betriebs­ablauf“ führt. Selbst als  (immer noch) passioniertem Bahnfahrer bleibt einem zurzeit nur der Seufzer: „Meine Enkelin wird es vielleicht einmal besser haben.“ Und ja, natürlich, ich weiß: Auf Einzelschicksale, selbst wenn sie massenhaft vorkommen, kann in diesen Zeiten keine Rücksicht genommen werden.

Doch eines, liebe Bahn, will ich Dir ins Stammbuch schreiben, etwas, was mich neulich wirklich an den nervlichen Rand brachte: Ich musste nach Holland fahren, und da ist die Ticketbucherei via Internet etwas inkommod. So rief ich den Bahnkomfort-Service an, der das für mich erledigte und mir die Karten am Auto­maten hinterlegte. Logo, kein Problem, ich bin ja Profi. Aber dann: Die Auto­maten in Hannover Hbf waren plötzlich alle blau und nicht mehr rot, und ich fand auch nach hektischem Suchen nicht das erlösende Feld „Bahn-Tix“, unter dem sich immer Ticket-Hinterlegungen finden. In letzter Sekunde kam ich da­hinter, dass ich einen der wenigen verbliebenen roten Automaten beim Reisezentrum aufsuchen muss, da war „Bahn Tix“ noch am Start. Fast hätte ich die Reise ohne Ticket antreten müssen, und das wäre teuer geworden. Danke, liebe Bahn, für gar nichts, grrr …

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Politik und Meditation

Eine Stadt im Zeichen der Kunst und des Streits darüber: Noch bis 25. September ist Kassel Schauplatz der Documenta. Die 15.

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Skizzen

Skizzen

Geograf und Künstler

Vor 200 Jahren wurde Otto Delitsch (1821 – 1882) geboren, ein namhafter Leipziger Geograf und Theologe. Aufgewachsen am Rand des Erzgebirges hatte er schon von klein auf bei Beobachtungen im Freien, beim Zeichnen von Flurkarten, bei Vermessungsarbeiten im Gelände und auf ausgedehnten Wanderungen wichtiges Rüstzeug für seine spätere Tätigkeit erworben. Delitsch, der ursprünglich Theologie studiert hatte, war lebenslang als Lehrer in Leipzig tätig. Zuvor hatte er eine weit verbreitete, mehr als 50 Jahre lang immer wieder nachgedruckte illustrierte und kommentierte Familienbibel herausgegeben. Er war Verfasser zahlreicher praktischer sowie methodischer Handreichungen für den Geografieunterricht in Schulen – er führte zum Beispiel eine neue Art der Darstellung von Höhenschichten auf Landkarten ein und entwickelte auf Wachstuch gedruckte abwaschbare „stumme“ Karten. Und er gestaltete eine große Schulwandkarte für das Königreich Sachsen sowie für eine europaweit agierende Manufaktur die Vorlagen für Erdgloben. 1874 wurde er zum außerordentlichen Professor für Geografie an der Universität Leipzig ernannt. Der Drang nach lebendiger Anschauung führte ihn auf zahlreiche Reisen durch Deutschland und halb Europa. Das Gesehene hat Delitsch in „Skizzenbüchern“ aufbewahrt. Über 170 seiner bisher unbekannten meisterhaften Zeichnungen – Motive aus der mitteldeutschen Heimat sowie aus Italien, Frankreich und der Bergwelt der Alpen – legen davon Zeugnis ab und werden nun in einem Buch erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Das ist das Verdienst des früheren Umweltbeauftragten der sächsischen Landeskirche, Joachim Krause, der sich auf die Spuren seines Ururgroßvaters gemacht hat.

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Kundig

Kundig

Religiöser Nationalismus

Der Präsident ein notorischer Lügner, der seine Frau betrügt, rassistisch gegen Migranten hetzt, den Schulterschluss mit Rechtsextremisten sucht und gleichzeitig die Unterstützung eines beträchtlichen Anteils der christlichen (weißen) Wähler erfährt. Schwer verständlich und nicht nachvollziehbar?

Ganz im Gegenteil, wie Annika Brockschmidt, Historikerin und Journalistin, in ihrem lesenswerten Buch auf etwa 400 Seiten deutlich macht. Sie zeichnet nach, dass schon seit mehreren Jahrzehnten die Entstehung eines christlichen Nationalismus in den USA erkennbar ist, der erst in jüngerer Vergangenheit in der Unterstützung Trumps und dem Glauben an gestohlene Wahlen in aller Deutlichkeit in die Öffentlichkeit trat. Die Religiöse Rechte ist für Brockschmidt kein Randphänomen des weißen Evangelikalismus. Diese Entwicklung der (lange verdeckten) Politisierung wird bis heute gerne monokausal auf die Gegnerschaft gegen ein liberales Abtreibungsrecht zurückgeführt. Doch es ist komplizierter: Brockschmidt arbeitet in ihrer historisch informierten und kundigen Analyse des weißen Evangelikalismus heraus, wie stark beispielsweise das Ende der Segregation in den USA zur christlichen Konnotation von white supremacy führte. Dabei zeichnet sie ein differenziertes Bild von der religiösen Lage in den USA: Ohne simplifizierend von „den Evangelikalen“ zu reden, beschreibt sie eine Unzahl an Organisationen und Medienimperien, die in den vergangenen Jahrzehnten zu der Herausbildung eines rechten Christentums in der Breite des weißen Evangelikalismus in den USA beigetragen haben. Der Modus der vorherrschenden religiösen Kriegsführung einer „disziplinierten Armee“ religiöser Rechter tritt mit diesen Einblicken offen zu Tage.

Brockschmidt macht auch den Brückenschlag in die Sphäre der politischen Macht: Vor allem die Regentschaften der Präsidenten Reagan und Trump seien durch die Unterstützung des christlichen Nationalismus geprägt gewesen. Nicht zuletzt diese Unterstützung, beispielsweise durch die Besetzung von entscheidenden Richterposten, verwandelte Trump zur messianischen Figur: Trump sei wie König David, der sich ebenfalls nicht ganz integer verhalten habe, aber eben ein Instrument Gottes gewesen sei. Mit dem Personenkult korrespondiert der Glaube an Fake News und Verschwörungserzählungen. Auch analysiert Brockschmidt die gesellschaftspolitischen Dimensionen des rechten Christentums: Neoliberaler Kapitalismus ohne Rücksicht auf soziale Verwerfungen erfahre eine religiöse Legitimation, wenn ökonomischer Reichtum als Ausdruck des segenreichen Handelns Gottes am Menschen interpretiert werde (Wohlstandsevangelium). Problematisierend geht Brockschmidt auf Geschlechterstereotype von starken männlichen Eroberern und hübschen, willenlosen Frauen ein: Jesus werde zum kraftstrotzenden Vorbild für das männliche Dominanzgebaren. Die Identität des christlichen Nationalismus entstehe dabei in Abgrenzung zu vermeintlich dämonischen Sphären der modernen und pluralen Gesellschaft: Nach 9/11 seien dies Muslime gewesen, die rassistische Ausgrenzung erfahren hätten. Heute sei in besonderer Weise die sichtbare sexuelle Vielfalt die Angriffsfläche rechter Evangelikaler.

Die Stärke des Buches liegt unzweifelhaft in der kleinteiligen Entschlüsselung zahlreicher Akteure des christlichen Nationalismus in den USA. Dieser Einblick lässt pessimistisch auf die demokratische Zukunft der USA blicken. Der theologische Tiefgang fehlt dagegen bei der Auseinandersetzung um wortfundamentalistische Auslegungen des biblischen Textes. Auch auf die Rolle von Dietrich Bonhoeffer für religiöse Rechte wartet man vergeblich. Doch wer die politische Agenda des christlichen Nationalismus und die gesellschaftliche Entzweiung in den USA verstehen will, dem sei Annika Brockschmidts Buch empfohlen.

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Hans-Ulrich Probst

Hans-Ulrich Probst ist Referent für die Themen Populismus und Extremismus Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelische Landeskirche in Württemberg. 2008 und 2009 arbeitete er für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Minsk.


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Für Gemeinden

Für Gemeinden

Islam kurz erklärt

Siebenundsiebzig Fragen und Antworten zum Islam auf 109 Seiten? Nimmt man noch die Anlagen weg, so bleiben 62 Seiten, also wenig Platz für zum Teil komplexe Fragen. Kann das gut gehen? Nun sind die Autoren ausgewiesene Experten: Gerhard Duncker war ein Jahrzehnt evangelischer Pfarrer in Istanbul und dann 15 Jahre Islambeauftragter der westfälischen Kirche. Reinhard Hempelmann leitete zwanzig Jahre die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der EKD. Beide haben vor 15 Jahren die seinerzeit umstrittene EKD-Handreichung zum Dialog mit Muslimen „Klarheit und gute Nachbarschaft“ mitverfasst.

Die Fragen werden auf 13 Themenfelder aufgeteilt: „gute Nachbarschaft“, „islamische Vielfalt“, Nutzung kirchlicher Gebäude, Moschee(bau), natürlich Kopftuch, auch Konversionen und christlich-muslimische Ehen. „Integration“ folgt als letztes Kapitel auf „Tod und Bestattung“. Diese Fragen hätten programmatisch auch gut an den Anfang zur „guten Nachbarschaft“ gepasst.

Positiv ist herauszustellen, dass die komplexen Themen gut nachvollziehbar auf Einzelfragen aufgeteilt wurden. Dadurch ist das Büchlein sehr gut lesbar, der Umfang schreckt auch nicht ab. Bei 77 Fragen wird kaum eine ausgelassen: Die Vielfalt der muslimischen Vereine und ihrer Verbände wird benannt. Mit welchen Gemeinden kann eine Kirchengemeinde in einen Dialog eintreten (kommt auf jeden Einzelfall vor Ort an, pauschale Urteile sind zu vermeiden). Für Kirchenvorstände interessant: Aufgrund des demografischen Wandels steht gelegentlich auch der Verkauf von kirchlichen Gebäuden zur Debatte. Dabei gelte für die Autoren: „Je höher die religiöse Zeichenfunktion des … Gebäudes, desto weniger kommen Vermietung oder Verkauf … in Betracht.“ Bei Kirchen wäre ein Verkauf noch konflikt­reicher, auch wenn die Autoren ihn nicht prinzipiell ausschließen.

Anders beim gemeinsamen Gebet von Christen und Muslimen: Das könne es aufgrund des unterschiedlichen Gottesverständnisses nicht geben, wohl aber das Gebet in Anwesenheit der jeweils Anderen. Darin komme die Verbundenheit zwischen Christen und Muslimen zum Ausdruck. Bei den Hinweisen für solche Feiern wird betont, dass Unterschiede nicht übergangen werden. Dabei hätten auch vermeintliche „Äußerlichkeiten“ wie Gewänder ihre besondere Bedeutung.

Das Büchlein spricht viele wichtige Themen des Dialogs an, insbesondere solche, die sich aus der Perspektive einer Kirchengemeinde ergeben, und bietet jeweils erste Ansatzpunkte, um sich mit den Themen zu befassen. Zu jedem Thema ist aber auch zu sagen: In Wirklichkeit ist es komplexer. Das ist zwar nichts Neues, ist aber gerade in Bezug auf den Islam wichtig, weil die Berichterstattung sonst schon oft genug auf Vereinfachung und Plakativität setzt. Wer bei den einzelnen Themen mehr ins Detail geht, stellt schnell fest, dass die Antworten oft differenzierter sein müssten; dass manches gar nicht so klar ist wie dargestellt. Was ist zum Beispiel halal (also erlaubt)? Schweinefleisch und Alkohol sind verboten, aber wie sieht es mit Zusatzstoffen aus? Gibt es Spielräume für situationsspezifische Auslegungen koranischer Gebote? Letztlich sind die Antworten von bestimmten muslimischen Auslegungstraditionen abhängig. Das führt zu der Frage, die dann vielleicht doch fehlt: Gibt es im Islam unterschiedliche Arten, den Koran auszulegen? Und: Wie wird „der“ Islam an deutschen Universitäten gelehrt? Fazit: Viele Fragen bleiben offen, aber ein Anfang zum weiteren Nachdenken.

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Innovativ

Innovativ

Eine Religionspsychologie

Während kulturelle Phänomene wie Arbeit, Sport, Musik oder Werbung psychologisch recht gut erforscht sind, fristet die Religionspsychologie im säkularisierten Europa ein Schattendasein. Das ist erstaunlich, denn durch psychologische Studien würde man sowohl dysfunktionalen Glauben (zum Beispiel Fremdenhass, religiösen Missbrauch, Verschwörungstheorien) als auch hilfreiche Formen wie spirituelle Krisenbewältigung oder religiöse Angst- und Trauerbewältigung besser verstehen und gezielter nutzen können. Zwar liegen einige theologische Entwürfe vor, etwa in der Kohlhammer-Reihe „Kompendien Praktische Theologie“ von dem Hamburger Pastor Marks. Der Psychologe Allolio-Näcke hat einen anderen Weg gewählt und geht streng sozialwissenschaftlich vor. Fachlich war die Religionspsychologie bisher der Theologie oder der Religionswissenschaft zugeordnet. Im ersten Teil seines Buches skizziert der Autor den historischen Werdegang einer oft vereinnahmten Disziplin. Deutlich grenzt er sich von den missionarischen Absichten früherer Religionspsychologen ab – viele von ihnen waren protestantische Pfarrer. Wenn man mit dem Autor religiösen Glauben als eine seelische Fähigkeit und ein universales Phänomen, eine „anthropologische Konstante“ quer durch alle Kulturen ansieht, liegt die psychologische Perspektive auf der Hand. Dabei konzentriert Allolio-Näcke seine Religionspsychologie auf die Wachstums- und Entwicklungsdynamik des Menschen.

Als Kernstück des Buches werden die geläufigen Modelle religiöser Entwicklung von Oser/Gmünder, Fowler, Sundén und Vergote analysiert und gewürdigt. Aus kulturpsychologischer Sicht wird vor allem ein unreflektierter Ethnozentrismus der Modelle und der damit verbundenen Grundannahme des Universalismus kritisiert, welche der Autor in Schleiermachers Idee des homo religiosus verwurzelt sieht. Dieses Apriori wird von Allolio-Näcke aus kulturpsychologischer Perspektive als falsch betrachtet, weil damit nicht nur die Sozialisation mit ihren kulturellen Praktiken und sprachlichen Besonderheiten vernachlässigt würde. Gleichzeitig bestehe die Gefahr, nicht-religiös sozialisierte Heranwachsende als defizitär anzusehen.

Als Alternative stellt der Autor eine Kulturpsychologie religiöser Entwicklung vor, die ein besseres Verständnis der Religiosität vor dem Hintergrund der jeweils individuellen kulturellen Geschichte ermögliche. Ausgangspunkt ist die Her­ausbildung des Urvertrauens im Säuglingsalter, welches das Fundament allen Sozialen und somit auch des Religiösen sei. Dieses Urvertrauen müsse sich auf Gott hin abstrahieren und erfahrungsrelevant werden. Eine solche religiöse Sinnstruktur ist für den Autor folglich nicht vor der Adoleszenz möglich. Einen hohen Stellenwert nimmt die religiöse Sozialisation ein, die jedoch nachgeholt werden kann, Stichwort Konversion. Da jede Kultur andere religiöse Symbole ausbilde und sich das Individuum diese mittels kulturspezifischer Handlungen und Sprache aneigne, müsse jeglicher Anspruch auf eine kulturelle Universalität religiöser Entwicklung fallengelassen werden.

Das Buch ist erfreulich verständlich geschrieben und kommt fast ohne Fachbegriffe aus. Der hier entfaltete kulturpsychologische Blick auf die Religiosität des Menschen bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, Glauben und Hoffen in seiner kulturellen Vielfalt zu schätzen und ihre unterschiedlichen Ausprägungsformen miteinander ins Gespräch zu bringen. In einer durch Feindbilder bedrohten Gesellschaft liefert eine kultursensible Religionspsychologie wertvolle Verständigungshilfen, das Gemeinwohl zu stärken und zu fördern.

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Der Staat Israel

Der Staat Israel

Neues Ziel von Judenhass

Judenfeindschaft – seit dem späten 19. Jahrhundert als „Antisemitismus“ bezeichnet – gehört zur DNA des christlichen, ja sogar des vorchristlichen Abendlandes. Eine Reaktion von Jüdinnen und Juden darauf war Ende des 19. Jahrhunderts der Wunsch, einen wehrhaften und beschützenden Staat ihr Eigen zu nennen. Dieser erst nach dem Holocaust Wirklichkeit werdende Wunsch aber war seit seinen ersten Artikulationen allemal Ziel von Judenhass – geradeso wie der 1948 gegründete Staat Israel bis zum heutigen Tag.

Diesem Phänomen widmet sich ein von Klaus Holz, dem Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland, und Thomas Haury – der zuletzt ein Buch unter dem Titel Antisemitismus von links publiziert hat – gemeinsam verfasstes Buch. Im Zentrum dieses ebenso präzise argumentierenden wie historisch weit ausgreifenden Bandes steht ein Phänomen, das als „Israel bezogener Antisemitismus“ bezeichnet wird.

Zu lernen ist daher nicht nur, dass und wie Stalinismus, DDR sowie linksradikale deutsche Terroristen den Judenstaat verteufelt und zum Inbegriff US-amerikanischen Imperialismus erklärt haben, sondern dass sogar schon Hitler und sein Chefideologe Alfred Rosenberg den Zionismus verteufelt haben, hieß es doch schon in Hitlers Mein Kampf: „Sie [die Zionisten, M. B.] denken gar nicht daran, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen, um ihn etwa zu bewohnen, sondern sie wünschen nur eine mit eigenen Hoheitsrechten ausgestattete, dem Zugriff anderer Staaten entzogene Organisationszentrale ihrer internationalen Weltbegaunerei; einen Zufluchtsort überführter Lumpen und eine Hochschule werdender Gauner.“

Doch geht es bei alledem keineswegs nur um Vergangenheiten, sondern auch – und nicht zuletzt – um christliche Formen von antisemitischer Kritik am Staat Israel, wie sie sich zuletzt im „Kairos-Palästina-Dokument“ des Weltkirchenrates geäußert haben. Dabei rücken auch namhafte evangelische Christen Deutschlands ins Blickfeld, etwa der Heidelberger Theologe Ulrich Duchrow, dem die Autoren angesichts seiner Behauptung, der Staat Israel sei die „Speerspitze des Kolonialismus“, vorhalten, „eine recht krude Variante aus dem Arsenal der Judenfeindschaft“ mit theologischem Antijudaismus verbunden zu haben.

Systematisches Zentrum der komplexen, niemals unbegründeten Kritik an israelbezogenem Antisemitismus aber ist die Auseinandersetzung der beiden Autoren mit jüdischen Kritikern und Kritikerinnen israelischer Politik – hier vor allem mit der bewusst jüdisch auftretenden Judith Butler. Judith Butler – eine „israelbezogene Antisemitin“? Doch sind die Dinge so einfach nicht – ist doch auch Holz und Haury nur zu bewusst, wie kritikwürdig manche Züge der israelischen Politik sind. Weshalb sich die systematische Frage stellt: „Was wäre eine „proisraelische Politik“, die mit einer universalistischen Ethik vereinbar ist und die Antisemitismuskritik nicht unterläuft.“

Diese schwerwiegende Frage beantworten Holz/Haury mit einem Verweis auf die Tradition der idealistischen Philosophie, namentlich auf Hegels „Phänomenologie des Geistes“; sei doch die israelbezogene Antisemitismuskritik „eine Form des unglücklichen Bewussteins“, denn:

„Der ihr inhärente Universalismus lässt sich nur als bedingter Universalismus einlösen. Es ist zu wenig zu fordern, Antisemitismuskritik müsse von Rassismus unterschieden werden [….] Vielmehr ist die antisemitismuskritische Norm, dass keine Ungleichheit gegen Jüdinnen und Juden legitim sein kann, weil sie jüdisch sind, nicht auf eine partikulare Gruppe beschränkbar.[…]Nichts am Antisemitismus ist der Kritik zu entziehen, auch dann nicht, wenn die Kritik in Dilemmata, Ambivalenzen, Ungewissheiten mündet.“

Bei Hegel jedenfalls ist das „unglückliche Bewusstsein“ in sich entzweit, aber eben so, dass es auch immer sein Anderes bei sich hat. Das heißt in diesem Fall, dass eine moraluniversalistische Kritik israelischer Politik immer dann legitim und stimmig ist, wenn sie sich der Gefahr bewusst ist, sich antisemitischer Gedanken zu bedienen.

Es ist im Rahmen einer räumlich begrenzten Rezension nicht möglich, dem historischen Reichtum, der Schärfe der Argumentation sowie der materialen Fülle des übersichtlich gegliederten Bandes gerecht zu werden. Gleichwohl ist er zumal all jenen ans Herz zu legen, die sich aus grundsätzlichen moralphilosophischen oder theologischen Überlegungen heraus mit deutscher Verantwortung angesichts des Holocaust, des Israel-Palästina-Konflikts sowie mit Formen des antimuslimischen Rassismus befassen.

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Denkanstöße

Denkanstöße

Geschlecht und Kirche

Die evangelische Theologin Jantine Nierop hat in diesem Band Aufsätze zum Thema Kirche und Geschlecht zusammengestellt und erweitert, die bis auf einen schon ganz oder teilweise veröffentlicht waren. Die Verfasserin war geschäftsführende Studienleiterin am EKD-Studienzentrum für Genderfragen, zuletzt Hochschulpfarrerin in Heidelberg und lehrt Praktische Theologie an der Universität Heidelberg.

Die ersten beiden Beiträge behandeln die Kategorie Geschlecht, der erste im Gender Mainstreaming als kirchlicher Strategie und in Genesis 1–3, der zweite in Karl Barths Geschlechterverständnis. Zwei weitere Aufsätze thematisieren die Frage nach Frauen in kirchlichen Führungspositionen und beschäftigen sich mit der Studie „Kirche in Vielfalt führen“ (2017), die das Studienzentrum der EKD für Genderfragen im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland in Kooperation mit dem Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation (CeRRI) durchgeführt hat.

Untersucht wurde, wie Frauen auf der mittleren Leitungsebene (Dekaninnen, Superintendentinnen, Pröpstinnen) in den evangelischen Landeskirchen vertreten sind. Im dritten Beitrag stellt Nierop eine Verbindung von der festgestellten Unterrepräsentation von Frauen auf der mittleren Ebene zur wachsenden Bedeutung dieser Ebene durch die zunehmende Regionalisierung der Kirchen her. Im vierten Aufsatz hebt sie ein Ergebnis der Studie hervor, die „Persistenz stereotyper Rollenbilder in der Evangelischen Kirche“, und zeigt auf, wie diese nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Chancen von Frauen in Leitungsämtern beeinflussen. Um dagegenzuwirken, sei es nötig, die entsprechenden Kreise für unbewusste Geschlechterstereotypen zu sensibilisieren.

Es folgen zwei Aufsätze zur Homiletik. Im fünften Beitrag „Männer- und Frauensprache auf der Kanzel?“ stellt die Theologin eine quantitativ-empirische Untersuchung von Genderunterschieden in der Sprache ausgewählter Lesepredigten vor, mit dem Ergebnis, dass es kleine, jedoch signifikante Unterschiede gibt: „Männer scheinen etwas analytischer zu predigen, Frauen etwas narrativer“, jedoch auch viele Bereiche, in denen das nicht der Fall ist. Als Konsequenz daraus plädiert Nierop für eine gendersensible homiletische Ausbildung, die dazu befähigt, im Sinne von Galater 3,27–28 „gemäß [der] eigenen individuellen Begabung und eigenen freien Entscheidung bezüglich des Predigtstils“ zu predigen. Im sechsten Beitrag setzt sie sich mit der Aussage des niederländischen Theologen Gerrit de Kruijf (1952 – 2013) auseinander, „Predigen ist Reden“. Sie entfaltet diese für die Homiletik im Rahmen von Kompetenzorientierung und postliberaler Theologie, mit einem Ausblick auf Genderaspekte.

Ein letzter Aufsatz behandelt Taufgespräche bei Säuglingstaufen als seelsorgerlichen Anlass, bei dem die Veränderung und Retraditionalisierung der Rollen bei jungen, heterosexuellen Eltern thematisiert werden kann. Der Band schließt mit zwei Predigten, einer zu Matthäus 20,1–16 und dem Pay Gap und einer zur Auslegung von Genesis 2–3 unter der Überschrift „biblischer Realismus“ ab.

Der Band bietet interessante Impulse zur Beschäftigung mit Gender in verschiedenen praktisch-theologischen Bereichen. Anregend ist, dass die Theologin Jantine Nierop dabei recht unterschiedliche Themen in unerwarteter Weise miteinander verbindet. Mehrfach betont sie die Notwendigkeit, in Kirche und Gesellschaft die Lebensrealität besonders von Frauen und Müttern im Blick zu behalten. Dieser Fokus gerät an manchen Punkten in Konflikt mit dem Plädoyer der Verfasserin, Lebensmodelle in ihrer Vielfalt wahrzunehmen. Hervorzuheben ist, dass sie neben der inhaltlichen Diskussion auch verwendete Theoriekonzepte und Forschungsmethoden jeweils kurz vorstellt. All das geschieht im Kontext wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Aufgrund der Komplexität, die damit einhergeht, wäre eine ausführlichere Darstellung teilweise hilfreich und interessant gewesen. Dies gilt vor allem für die bibelhermeneutischen Argumentationen, die hier und da etwas knapp sind. Als Denk- und Diskussionsanstöße sind die auf alle Fälle lesenswert.

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Uta Schmidt

 Dr. Uta Schmidt ist Professorin für Feministische Theologie und Gender Studies an der Augustana Hochschule in Neuendettelsau.


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Erfahrung

Erfahrung

Alltagstaugliche Spiritualität

Vieles, was ihr aus der Bibel vertraut war, habe sie erst durch die Achtsamkeitsmeditation ganz von Herzen verstanden, schreibt Helga Ulrich im Vorwort. Thomas Ulrich wiederum erklärt, wie ihm bewusst geworden ist, dass das Christentum nicht nur vom Buddhismus einiges lernen kann, sondern umgekehrt auch die christliche Tradition die Erfahrung der Achtsamkeit bereichert.

Um beides geht es in dem Buch, das von der Achtsamkeitsmeditation ausgehend wesentliche Themen des christlichen Glaubens entfaltet und einen spirituellen Übungsweg beschreibt. Das gelingt dem Autoren-Paar glaubwürdig auf dem Hintergrund jahrzehntelanger eigener Praxis und Reflexion. Beide haben Theologie studiert und sich dann psychotherapeutisch weitergebildet, sind in diesem Rahmen eher zufällig der Vipassana-Meditation begegnet, haben sie bei bedeutenden Lehrern weiter geübt, schließlich in Berlin-Neukölln eine Meditationsgruppe gegründet, die immer noch großen Zuspruch findet. Thomas Ulrich hat als Gemeindepfarrer gearbeitet, Helga Ulrich als Psychotherapeutin: Beide verstehen sich darauf, komplizierte Einsichten auf elementare Weise zu vermitteln, haben die ganz normalen, weder christlich noch buddhistisch besonders eingeweihten Menschen von heute im Blick.

So beginnen sie auch voraussetzungslos mit dem allgemein empfundenen Unbehagen an der Unruhe und dem Getriebensein des alltäglichen Lebens und führen von daher in die Grundlagen der Meditation ein: die Beobachtung des Atems, das Getragensein vom Boden, die Erfahrung des Empfangens und der Verbundenheit im Nichts-Tun. Sie erklären, warum Meditation missverstanden wird, wenn sie, wie inzwischen schon üblich, vor allem der Stärkung der Leistungsfähigkeit oder des Wohlbefindens dient. Weil Empfangen und Verbundenheit sich nicht mit der Idee der Selbstoptimierung vertragen, bleibt es unbedingt wichtig, die Meditation als religiöse Praxis zu verstehen, eine Praxis der Gottesbeziehung, zu der auch das Gebet gehört. Die fünf Übungsweisen, die sie vorstellen, sind darum sowohl Übungen der Meditation als auch des Gebets. Und da ihnen daran liegt, dass Meditation und Gebet nicht als separate Bereiche gelegentlicher Spiritualität missverstanden werden, sondern die Grundlagen einer kontem­plativen Lebenspraxis bilden, widmen sie sich im zweiten Teil ihres Buches ausführlich den damit verbundenen Haltungen: Vertrauen, Interesse und Ehrfurcht. Sie erklären, warum im Christentum Sünde und Schuld relevante Begriffe bleiben und wie Vergebung und Feindesliebe durch die Achtsamkeitsmeditation gewissermaßen erlernt werden können. Am Ende jedes thematischen Abschnitts gibt es ein paar Vorschläge für’s eigene Üben im Alltag, durchaus mit Humor gewürzt. Da kann es unter dem Stichwort Ehrfurcht schon auch um den Umgang mit dem Brotmesser gehen oder unter dem Stichwort Pause um das Verweilen auf der Toilette. Aber es werden auch die politischen Implikationen einer kontemplativen Lebenspraxis angesprochen.

Manchmal erscheinen die großen Themen der Theologie ein wenig zu elementarisiert. Es ist ja auch ein großes Projekt, den ganzen Horizont christlicher Theologie gewissermaßen alltagstauglich plausibel zu machen. Erstaunlich genug, wie es gelingt, mit der Überzeugungskraft eigener Erfahrung und ohne die Lesenden zu überfordern. Helga und Thomas Ulrich vermitteln: Meditation ist keine Kunst für Eingeweihte, sie kann in den Alltag integriert werden, Theologie keine Wissenschaft voller Rätsel, sondern in der eigenen Erfahrung nachvollziehbar. Gerade weil das Buch keine Vorkenntnisse voraussetzt, ist es auch für die Fortgeschrittenen sehr anregend. Es lädt dazu ein, eigene Haltungen neu zu bedenken.

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Angelika Obert

Angelika Obert ist Pfarrerin im Ruhestand in Berlin. Sie war bis 2014 Rundfunk- und Fernsehbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).


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