Leicht daneben

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Punktum
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Ehrensache, dass ich mich direkt vor der Haustür auf digitalen Plattformen informiere und engagiere. So habe ich der einen zufolge 1031 direkte Nachbarinnen und Nachbarn mit 13502 Aktivitäten. Dazu gehören: Pakete annehmen, E-Bike, Lesen, Yoga, Brettspiele, Tango, Hundesitting und ein Feldenkrais-Seminar. Auf dem Marktplatz in meiner Nähe finden sich gerade ein gußeiserner Wok, ein Sisselball, ein Drahtbügelglas und die Einladung in eine Naginatagruppe (!?).

Nur einen Klick im Netz weiter liest sich der aktuelle Wunschzettel der Arbeiterwohlfahrt, „AWO erleben“, für die Ukraine-Hilfe.

Hier geht es um Hygieneartikel, Schulmaterialien, Fahrräder, Schlafsäcke, Konserven oder Haushaltsgeräte. Beim Thema „Verschließbare Dosen für den Transport von Lebensmitteln“ kamen mir drei längst vergessene Behältnisse aus dem Küchenbuffet in den Sinn, das Geschenk von Freunden nach dem Motto Sommer-Sonne-Strand-Feeling.

Dabei handelt es sich um drei Getränke-Spezial-Behälter für den individuellen Trinkgenuss unterwegs, weit erkennbar mit einem Designerlabel. Je eine mit Sensitive-Teesieb, Vitalisierungs-Filter und Safety-Verschlusskappe. Die Ausführung in poliertem Edelstahl, Pulverbeschichtung und Sicherheitsglas. Neuware.

Unterm Strich also drei Getränkeflaschen, die sich unter improvisierten Verhältnissen vielleicht nützlich machen könnten, so dachte ich. Meine Offerte unter „Zu Verschenken“ war kaum getippt, schon kamen die Anfragen über das Portal.

Als erste die ukrainische Mutter mit drei Kleinkindern: eins, drei und vier. Danach Yosip aus dem Flüchtlingsheim. Meine Gewissensnöte: Mutter mit Kleinkindern war die Schnellste, braucht aber Fläschchen. Ich aber hatte Hightech. Entscheidung für die Asylsuchenden, vielköpfig, vielseitig, technikaffin. Yosip hat beim Anblick skeptisch die Stirn gerunzelt, die Flaschen dann aber doch mitgenommen

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

Ein "Himmelfahrtskommando“

Patrizia Schlosser (*1986), Autorin preisgekrönter Podcasts, hat einen persönlichen Zugang zum Thema des mörderischen Attentats 1972 auf die Olympischen Spiele in Mün

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Das Gute

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Ganz im Sinne Goethes

"Memoiren einer Idealistin“ nannte sie ihre Lebenserinnerungen – einer der großen Bucherfolge des 19. Jahrhunderts. Der Titel richtete sich gegen den Zeitgeist ihrer Jugend, der eher auf Wissenschaft und Materialismus schwor, der spätere, am Ende des Jahrhunderts, hielt es, wo er sich idealistisch gab, mit besoffener Vaterlandsbegeisterung. Sie aber bekannte sich zu Idealismus und Humanität im Sinne Goethes, wie sie ihn verstand – zum Guten schlechthin, das sich eines Tages allem dunklen Naturerbe der Menschheit entringen würde. Wohlgemerkt: Die Natur, das war für sie das Gute, nur leider eben nicht durchweg.

Diese einst so berühmte Frau verfügte über ein überragendes Talent: nämlich das zur Freundschaft. Ihre Freunde und Freundinnen priesen sie ihrer Lebtag in höchsten Tönen, im gegebenen Fall lange über ihren Tod hinaus.

Malwida von Meysenbug (1816 – 1903) stammte aus einer Hugenottenfamilie, also aus privilegiertem Milieu, erst der Vater wurde geadelt. Die Tochter aber empfand ihre Verhältnisse als eng – zumindest geistig. Als das Jahr 1848 herankam, sehen wir sie als eine Revolutionärin, zumindest eine der Gesinnung. Der revolutionäre Impuls brach bei ihr immer mal wieder durch, allem humanen Pazifismus zum Trotz: Mal begeisterte sie sich für anarchistische Attentäter, dann war sie Feuer und Flamme für den und natürlich innig befreundet mit dem italienischen Freiheitskämpfer Mazzini.

Joachim Radkau, emeritierter Geschichtsprofessor, folgt den Spuren ihres langen Lebens. Er tut es nicht in chronologischer Abfolge, sondern geht den einzelnen Pfaden ihres Weges je für sich nach – das wahrt den Überblick. Und man spürt, er ist von dieser Frau fasziniert; sie war ja von allem nicht nur etwas: Frauenrechtlerin, Revolutionärin, Netzwerkerin. Aber dennoch: Abgesehen von ihren Freundschaften, ihren ständigen Ortswechseln, ihrer Korrespondenz (die Tausende von Briefen umfasste), zählte sie doch eher zu den Stillen im Lande. Verheiratet war sie nie, auch von Liebschaften im landläufigen Sinne ist nichts bekannt, wohl aber von einer vierzehn Jahre, bis zu ihrem Tode, dauernden „geistigen Liebschaft“ – so nennt es Radkau – mit dem ein halbes Jahrhundert jüngeren französischen Schriftsteller Romain Rolland. Rolland wurde nach langer Durststrecke durch seinen monumentalen Roman Jean-Christophe bekannt, in dem er, wahrhaftig noch zur Unzeit, die deutsch-französische Freundschaft beschwor.

Eine von Meysenbugs Freundschaften hat sich in das Gedächtnis zumindest der Geistesgeschichte besonders eingeschrieben: die mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche. Der war 28 Jahre jünger als sie, lange erfolgloses Genie, immer krank, mit 45 wahnsinnig geworden, mit 56 gestorben. Kennengelernt hatte sie ihn bei der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses, denn beide waren leidenschaftliche Wagnerfans und Wagners persönliche Freunde, Meysenbug bezeichnete zeitweise Nietzsches frühe Schrift Wagner in Bayreuth als „ihre Bibel“. Von Nietzsches schroffer Abkehr vom „Meister“ war da noch nicht die Rede. 1876/77 verbrachte der Philosoph ein halbes Jahr zusammen mit zweien seiner Freunde mit ihr in Sorrent.

Ein Buch über ein fast vergessenes Kapitel der Geistesgeschichte. Mag der arg hoch gespannte idealistische Ton der reichlich zu Wort kommenden Protagonistin auch auf Dauer anstrengend sein: „Man bleibt dran“ – Radtkaus Verdienst.

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Inklusiv

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Deutschland nach Corona

Die Auswirkungen der großen Finanzkrise von 2008 waren noch nicht überwunden und die Klimakrise war gerade erst ins gesellschaftliche Bewusstsein gedrungen, da wurde die deutsche Gesellschaft völlig unvorbereitet mit einer neuen Krise konfrontiert: der Corona-Pandemie. Der Armutsforscher und Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge bringt mit dem Titel seines Buches Die polarisierende Pandemie seine Perspektive auf diese Vielfachkrise auf den Punkt. Ungleich ist nicht das Virus, denn seine Infektiosität betrifft alle Menschen gleichermaßen. Vielmehr hat die Coronakrise die gesellschaftliche Spaltung offengelegt und verstärkt.

Butterwegge formuliert deshalb die Grundthese: „Als das neuartige SARS-Coronavirus die Bundesrepublik, ihr Gesundheitswesen und ihren Sozialstaat vor die härteste Bewährungsprobe seit Jahrzehnten stellte, wurde die Ungleichheit nicht bloß deutlicher sichtbar, sondern im Verlauf der Pandemie haben sich die Interessengegensätze zwischen einzelnen Bevölkerungsschichten und die Konflikte zwischen unterschiedlichen Lagern auch schärfer ausgeprägt.“ Die starke Konzentration der Vermögen hatte während der Pandemie um rund 78 Prozent zugenommen. Allein dieser Gewinn entspricht annähernd dem Gesamtvermögen der ärmsten vierzig Prozent, also von 33 Millionen Deutschen. Währenddessen erreicht die Armutsquote in Deutschland mit 16,1 Prozent einen Höchststand. Die politische und soziale Ungleichheit stellt also das Kardinalproblem der deutschen Gesellschaft dar. Nur auf den ersten Blick sind alle Menschen vor einem Virus gleich. Je nach Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnissen, sozialer Lage und Gesundheitszustand waren sie vielmehr ganz unterschiedlich betroffen. Das Infektionsrisiko von Arbeitslosen, sozial Abgehängten und Armen war deutlich höher als das von Reichen. Die Coronakrise wurde zu einem Paternoster, der materiell Privilegierte nach oben und Unterprivilegierte zur selben Zeit nach unten beförderte.

Detailliert zeichnet Butterwegge die politischen Reaktionen auf die Pandemie und gesellschaftlichen Debatten über den Umgang mit dem Virus nach. Unter der Hand gelingt ihm dadurch nicht nur eine äußerst kenntnisreiche und detaillierte Darstellung der Krisenbewältigung durch die Politik. Er buchstabiert auch alle Politikfelder und gesellschaftlichen Bereiche danach durch, wie die Armen, die gesellschaftlich Abgehängten und vulnerable Gruppen vom Coronavirus betroffen waren. Wie ist es den Tafelnutzern, den Obdachlosen, den Geflüchteten, den Alleinerziehenden, den Arbeitslosen, den Jugendlichen und Rentnern in der Coronakrise ergangen?

Nie zeigten sich die Unterfinanzierung, der Ausstattungsmangel und die Personalnot von Kitas, Schulen, der Altenhilfe und den Krankenhäusern deutlicher als während der Pandemie. Eine der wichtigsten Lehren, die aus der Covid-19-Pandemie deshalb gezogen werden müssen, ist die Notwendigkeit eines leistungsfähigen, nicht durch Ökonomisierung, Privatisierung und Kommerzialisierung geschwächten Gesundheitssystems. Butterwegges Lehre aus der Coronakrise lautet: Pflege und Gesundheit gehören als Daseinsvorsorge in öffentliche Hände. Nötig wären eine gesundheitspolitische Kehrtwende von der Gewinn- zur Gemeinwohlorientierung und ein Systemwechsel in der Krankenhausfinanzierung. Da während der Covid-19-Pandemie Zugangsbeschränkungen, Strukturdefizite und Leistungshemmnisse des Sozialstaates deutlich zu Tage getreten sind, plädiert Butterwegge für einen inklusiven Sozialstaat, der auf einer solidarischen Bürgerversicherung und einer bedarfsgerechten, armutsfesten und repressionsfreien Grundsicherung basiert. Dass er diese aber als Alternative zum bedingungslosen Grundeinkommen versteht, wird den Grundeinkommenskonzepten allerdings keineswegs gerecht. Es gibt nämlich sehr wohl Grundeinkommensmodelle, die sich gerade nicht als Alternative zur Bürgerversicherung verstehen, sondern sie vielmehr sogar integrieren.

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Empfindlichkeiten

Empfindlichkeiten

Entwicklung der Zivilgesellschaft

In den vergangenen Jahren haben identitätspolitische Positionen in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik an Bedeutung gewonnen, damit jedoch auch intellektuelle Gegenbewegungen und teils Widerspruch ausgelöst. Da die so aufgekommene Debatte von Vertretern aller Lager teils mit erheblicher Härte geführt wird, sind insbesondere solche Beiträge förderlich, die sich nicht in bisweilen stammtischhaften Allgemeinplätzen verlieren, sondern deren Verfasser ihre spezifische Expertise einbringen und aus der Perspektive ihrer akademischen Profession zu einer begründeten Haltung zur Identitätspolitik gelangen.

In diesem Jahr schaltet sich Bernd Ahrbeck aus der Warte der Erziehungswissenschaft und Psychologie in die Diskussion ein. Unter dem – eingestandenermaßen im besten Sinne polemischen Titel – Jahrmarkt der Befindlichkeiten analysiert er die Entwicklung der (westlichen) Zivilgesellschaft zu einer Ansammlung von Opfergemeinschaften. Gewiss: Der Aufbau seines Essays ist vergleichsweise eklektisch, insofern die Phänomene, die er in den einzelnen Kapiteln behandelt, eher lose nebeneinanderstehen – sie reichen von schulischer Inklusion über Transgender bis zum postkolonialen Diskurs. Zusammengehalten werden sie jedoch durch die kritische Auseinandersetzung mit der Leugnung gegebener Differenzen zwischen einzelnen Menschen beziehungsweise Personengruppen und mit der dominanten Idee einer bedingungslosen „Selbstkonstruktion“ und „Selbstschöpfung“ des einzelnen Individuums. Insbesondere letzter Aspekt lädt dazu ein, Ahrbecks Überlegungen auf theologischer Ebene weiterzudenken. Erkennbar liegen Fragen des Bildungssystems im besonderen Interesse Ahrbecks, sodass er sie immer wieder aufgreift. Dabei prolongiert der Autor seine Kritik an heutigen gängigen Inklusionskonzepten – und begründet seine Verteidigung des Leistungsprinzips gerade vom Gerechtigkeitsgedanken her: „Wer sich unter erschwerten Lebensbedingungen auf den Bildungsweg macht, verfügt mit den erbrachten Leistungen über ein einzigartiges Emanzipationsinstrument.“ Daher wende es sich insbesondere „gegen sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, jene aus ‚bildungsarmen‘ Elternhäusern“, wenn „das Leistungsniveau so lange gesenkt wird, bis niemand mehr hinter den gestellten Anforderungen zurückfällt“.

Durchgehend ist Ahrbecks Argumentation geprägt von der Spannung zwischen einem klaren Bekenntnis zu Antidiskriminierungsbestrebungen, die in der Vergangenheit bei „klar benennbare[n], teils auch juristisch fixierte[n] Benachteiligungen und Diskriminierungen“ ansetzen, und einer klaren Kritik, an heute beherrschenden „gesteigerte[n] Empfindlichkeiten […], die jede Gegenwehr im Keim ersticken sollen“ und einem Schwarz-Weiß-Denken anhängen. So kann er sich auf der einen Seite aus voller Überzeugung dazu bekennen, dass Geschlechtsumwandlungen für viele Menschen „einen unerträglichen Zustand beenden und eine große Befreiung bedeuten“. Auf der anderen Seite kann er sich mit der gleichen Entschiedenheit gegen eine Idealisierung von Transitionen als aus ideologischen Gründen verteidigtes Allheilmittel der Selbstverwirklichung wenden, das möglichst bereits 14-jährigen Jugendlichen ohne elterliche Zustimmung zustehen möge: „Was medizinisch in immer besseren Ausformungen gelingt, ist eine Annäherung, die dem Ideal, dem anderen Geschlecht anzugehören, niemals entspricht.“ Dies lasse sich „nicht durch Selbstkonstruktionen und innere Gewissheiten aus der Welt schaffen. Es gibt kein unkörperliches Selbst. Für den Umgang mit jungen Menschen, die Transitionswünsche haben, ist diese Einsicht von großer Bedeutung“ – und, so lässt sich anschließen, auch hier wäre ein theologisches Weiter-Denken gewiss fruchtbar.

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Lesevergnügen

Lesevergnügen

Erstaunliches Bekenntnis

Für Sibylle Knauss gibt es keinen Zweifel: „Ich bin sicher, dass die Erzählung vom Leiden und Kreuzestod Jesu das größte Narrativ auf Erden ist und dass es seine Auferstehung einschließt. Ein Narrativ, das nicht anders als das Wort Gottes verstanden werden kann, an uns gerichtet.“ Das schreibt sie in ihrem neuen Buch Der Glaube, die Kirche und ich. Ein erstaunliches Bekenntnis, denn das Leben der Schriftstellerin war nicht geprägt von einem geraden Glaubensweg ohne Abzweigungen und Abwege. Ja, die Großmutter hatte sie in frühen Jahren an die christlichen Rituale und biblischen Geschichten herangeführt (das Abendgebet ist ein „Oma-Ding“), und ja, sie hat evangelische Theologie auf Lehramt studiert und danach etliche Jahre in ihrem Beruf gearbeitet. Trotzdem gab es irgendwann eine Entfremdung: von den Inhalten und von der Institution Kirche. Was bis zum Austritt führte. Der ist allerdings längst revidiert. Vermutlich, weil es in der Familie der Autorin, wie sie einräumt, ein „dünnes Rinnsal der christlichen Überlieferung“ gab, das den Weg durch die Generationen gefunden hat.

Einem breiten Publikum bekannt ist die 1944 im westfälischen Unna geborene Sibylle Knauss durch ihr recht umfangreiches literarisches Werk. Bereits ihr erster Roman Ach Elise oder Lieben ist ein einsames Geschäft, die Lebensgeschichte der Geliebten von Friedrich Hebbel, wurde 1982 mit dem Preis der Neuen Literarischen Gesellschaft in Hamburg ausgezeichnet. Ihre zahlreichen Werke werden in ihrer Leserschaft vor allem wegen der gelungenen Verknüpfung historischer Hintergründe mit persönlichen Lebensgeschichten geschätzt. Als ihr Lieblingsbuch bezeichnet Knauss ihren Roman Die Missionarin. Er handelt von einer pietistisch-frommen jungen Frau, die in die Südsee reist, um den christlichen Glauben zu verbreiten. Vorbild dieser Figur ist die Großtante der Schriftstellerin.

Auch in anderen Romanen kommen Fragen des Glaubens zum Tragen. Nun aber hat sich Sibylle Knauss an ein ganz neues Genre herangewagt und damit ein wirklich lesenswertes Buch vorgelegt. Man könnte – auch angesichts von fast acht Jahrzehnten, auf die die Autorin mittlerweile zurückblickt – von einer Art religiöser Lebensbilanz sprechen, die sich vor allem durch einen unverstellten, undogmatischen und unverkrampften Blick auf den christlichen Glauben in Geschichte und Gegenwart auszeichnet. Die Grundfragen des Buches: Was ist mein Bild von Gott? Was ist die Botschaft Jesu? Was hat diese Botschaft mit mir zu tun? Und wie gut wird sie von der Kirche vertreten – einer Institution, die Menschen, die sich entscheiden, ihr den Rücken zu kehren, einfach so ziehen lässt? Da gibt es Reflexionen zu biblischen Geschichten ebenso wie das Hadern über schlechte Predigten und kirchliche Floskeln, Gedanken über die Sünde ebenso wie über das ewige Leben und eine Art persönlicher Christologie.

Was Sibylle Knauss schreibt, ist wohlüberlegt und theologisch begründet. Und dabei gleichzeitig sehr privat. Das macht den Reiz des Buches aus. Ihren schriftstellerischen Erfahrungen und ihrer Geschicklichkeit im Umgang mit dem geschriebenen Wort dürfte indes zu verdanken sein, dass das Buch im Vergleich zu vielen anderen nicht-wissenschaftlichen Publikationen zu Glaube, Theologie und Kirche ein echtes Lesevergnügen darstellt. Auch dann, wenn man vielleicht nicht mit allem, was sie schreibt, einverstanden ist.

Einverstanden sein aber kann man mit ihrem Fazit: dass reine Lehren auch in Glaubensfragen gefährlich sind, weil sie Religion in Ideologie verwandeln. Was sie dagegen lobt, sind der „gebrochene Glaube“, die „religiöse Nonchalance“, „die es nicht so genau nimmt“, und der Glaubenshumor. In der Tat: Vor allem von Letzteren könnten evangelische Christinnen und Christen manchmal etwas mehr gebrauchen.

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Vorzüglich

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Fußball ist Religion

Dieses Buch, das als von Birgit Weyel betreute praktisch-theologische Dissertation 2021 der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen vorgelegt wurde, macht es sich mit der aufgeworfenen Frage nicht einfach. Es betreibt vielmehr einen bewundernswerten religionstheoretischen, religionsempirischen und vor allem ethnographischen Aufwand und kommt dennoch zu einer klaren Antwort. Ja, Fußball ist Religion, dann, wenn man auf diejenigen Menschen schaut und sie in ihren Motiven und Absichten zu verstehen versucht, denen der Fußball in ihrer Zugehörigkeit zu einem bestimmten Verein und einem seiner Fanclubs etwas Lebenswichtiges bedeutet. Probst lehnt nicht nur die Säkularisierungsthese, wonach die gesellschaftliche Moderne mit einem Bedeutungsverlust der Religion einhergehe, rundweg ab. Er fordert die Praktische Theologie entschieden dazu heraus, das weite Feld der populären Kultur mit einem religionstheoretisch geschärften Blick und unter Aufbietung elaborierter religionsempirischer Methoden differenziert wahrzunehmen. Worauf man dann stößt, so seine These, das sind die „kleinen sozialen Lebenswelten“, in denen Menschen immer auch an der unumgänglichen Sinndeutung ihres Lebens arbeiten, in denen sie Halt und Orientierung in Krisen finden.

In der Zugehörigkeit zum Fanclub eines Fußballvereins kann sich für Menschen eine solche „kleine soziale Lebenswelt“ bilden. Doch wie stellt man sicher, dass der Verweis auf deren Lebenssinn stiftende Bedeutung nicht nur eine von hintergründigen theologischen Interessen motivierte Behauptung ist?

Dazu muss man sich selbst ins Feld begeben, muss zum integralen Bestandteil dieser „kleinen sozialen Lebenswelt“ werden. Man muss am Vereinsleben aktiv teilnehmen, muss die Ritualdynamik, die den Spieltag bestimmt, mitvollziehen, muss zu den Auswärtsspielen mitfahren, zu denen meistens lange Anfahrten im gemeinsamen Bus gehören, muss vor allem auch bei den geselligen Abenden unter der Woche dabei sein.

Probst ist im Rahmen seiner ethnographischen Studie drei Jahre lang ins Feld gegangen, wurde Teil einer Fangemeinschaft der SV Stuttgarter Kickers und gelangte so zu „dichten Beschreibungen“, die die Sinnwelten der Fans in der Binnenperspektive erschließen, die Bedeutungen zeigen, die sie selbst ihrer Zugehörigkeit zur Fangemeinschaft zuschreiben. Dabei tritt hervor, wie wichtig die Gemeinschaftserfahrungen sind, ebenso aber auch, dass diese in Wechselwirkung mit der individuellen Selbstdeutung stehen. Das Sinngefüge, zu dem die Eingliederung in die Fangemeinschaft Zugang verschafft, ist nicht vorgegeben. Es entsteht immer erst dadurch, dass die Einzelnen ihren Fanaktivitäten eine entsprechende Bedeutung geben, wobei wiederum von den Erzähltraditionen der Fangemeinschaft Gebrauch gemacht wird.

Zusätzlich zu seiner exzellenten ethnographischen Studie bietet Probst ein reiches Arsenal an soziologischen und theologischen Religionstheorien auf. Sie stützen jedoch die These dieser vorzüglichen, die Praktische Theologie in Richtung einer pluralistischen praktischen Kulturtheorie energisch voranbringenden Studie: In pluralistischen und individualistischen modernen Gesellschaften verliert die kirchlich institutionalisierte Religion ihre normative und sozial integrale Bedeutung. Die gelebte Religion, die Menschen Lebensinhalt und Sinnerfüllung gibt, verlagert sich in unzählige „kleine soziale Lebenswelten“. Diese sind fluide, ohne scharfe Abgrenzungen und für einander durchlässig, auch zu den „kleinen sozialen Lebenswelten“ kirchengemeindlich praktizierter Religion. Menschen finden in ihnen das, was die Religion denen, die sie leben, seit jeher gegeben hat, die Gewissheit, nicht vergeblich zu leben.

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Foto: Humboldt-Universität zu Berlin

Wilhelm Gräb

Wilhelm Gräb ist Professor für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.


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Perspektivreich

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Reiz des Einfachen

Fundamentalistisch ist, wer sich dem Reiz des Einfachen hingibt. So legt es der Untertitel dieses interdisziplinären Sammelbands („Vom Reiz des Einfachen in Religion, Politik und Wissen“) nahe, der auf eine 2017 in der Wittenberger Leucorea veranstaltete Tagung zurückgeht. Angesichts der Komplexität unserer krisengeschüttelten Welt werden die meisten wenigstens zeitweise Zuflucht bei einfachen Antworten gesucht haben. Die Stärke des von Constantin Plaul, Marianne Schröter und Christian Senkel herausgegebenen Buchs liegt darin, dass die elf Beiträge darin ausdrücklich selbst nicht der allzu simplen Auffassung folgen, allein die anderen könnten fundamentalistisch sein. Noch der liberalen „Kritik des Fundamentalismus“ eignet vielmehr „ein Moment, das diesem ähnlich ist“, wie Jörg Dierken überzeugend herausarbeitet.

Der Abweis jener tendenziell gewalttätigen Absolutsetzung etwa politischer oder religiöser Sichtweisen mag moralisch legitim sein: Es wird damit aber eine Position geltend gemacht, die auf Fundamenten normativer Art fußt. Dies gilt im Übrigen auch für den modernen Rechtsstaat, der nach Hendrik Munsonius’ subtiler Argumentation „einen eminent fundamentalistischen Zug aufweist“, weil er Recht nötigenfalls per Zwang gegen den beispielsweise religiös begründeten Widerwillen seiner Bürgerinnen und Bürger durchsetzen kann. Aus dem „Paradox, […] dass die Bestreitung von Fundamentalismus ihrerseits nur von bestimmten Grundannahmen aus möglich ist“, leiten Dierken und Munsonius jedoch nicht die relativistische Aufgabe dieser Grundannahmen ab. Sie plädieren völlig zurecht für einen freien Meinungsstreit über die immer wieder neu zu vergegenwärtigenden Grundlagen unseres Zusammenlebens.

Ganz in diesem Sinne fordert Jens Hacke am Ende seiner ideenreichen Analyse die „liberale Demokratie“ ob der aktuellen fundamentalistischen Bedrohung dazu auf, „ihr Fundament zu befestigen“ und das „selbstverständlich Gewordene […] zur gemeinsamen Sache zu machen, ohne einer ans Fundamentalistische grenzenden Selbstzufriedenheit […] zu erliegen“. Als exemplarisch für solche Selbstzufriedenheit kann der öffentliche Umgang mit jenen „besorgten Bürgern“ gelten, die Ende 2014 in Dresden gegen eine vermeintliche „Islamisierung des Abendlands“ zu demonstrieren begannen.

Stefan Locke, FAZ-Korrespondent für Sachsen und Thüringen, erinnert in seinem lesenswerten Beitrag daran, wie eilig eingeflogene „Fallschirmjournalisten“ damals ein stark vereinseitigendes Bild von den Geschehnissen vor Ort zeichneten, indem sie den Fokus gezielt auf die unters Volk gemischten Rechtsextremen legten. Wie die selbsternannten Verteidiger des Abendlands verfielen auch sie dem Reiz des Einfachen.

Dessen Verführungskraft liegt aus Constantin Plauls schlüssiger Sicht im fundamentalistischen Versprechen einer stabilen, weil durch Andersheit und Differenz unangefochtenen Identität begründet. Unter den pluralistischen Bedingungen der Moderne lässt sich ein solches Selbstsein jedoch nur im zwanghaften Anrennen gegen „alle entgegenstehenden Prägungen, Einflüsse und Motive“ stabilisieren. Der Versuch, durch Abwertung des Anderen das eigene Selbstbild zu stärken, mag schon länger Tradition haben, wie Malte van Spankerens gelehrte Studie zu Luthers und Melanchthons Aussagen über Islam und Muslime zeigt. Dennoch gehört das Phänomen Fundamentalismus in den Kontext der Moderne, deren zunehmende Komplexität die gegenläufige Sehnsucht nach festem Grund und Halt gebiert. Diese religionsaffine Sehnsucht ist aber nicht per se zu verurteilen.

Vielmehr macht sie auf die „Denk- und Lebensdienlichkeit von Fundamentalem“ aufmerksam, der sich die Beiträge von Markus Buntfuß, Arne Lademann und Christian Senkel widmen. Dabei geht es um die komplexitätsreduzierende Orientierungskraft elementarer Glaubensaussagen, kulturell vorgeprägter Deutungsschemata und religiös-ästhetischer Imagination. „Fundamentalismus“ lässt sich vor diesem Hintergrund als „eine Destruktionsform des Fundamentalen“ verstehen: Anstatt in der herausfordernden Vielfalt moderner Lebensbezüge zu orientieren, soll es diese durch sterile Eindeutigkeit ersetzen. Auch die christliche Religion vermag fundamentalistischer Einfachheit den Boden zu bereiten oder zu einem fundierten Umgang mit Differenzen zu befähigen. Wer Letzteres befördern will, sollte aber bei sich selbst anfangen, bevor er auf die anderen schaut. Dazu ermuntern die in diesem perspektivenreichen Band versammelten Texte.

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Karl Tetzlaff

Karl Tetzlaff ist promovierter Systematischer Theologe und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie/Ethik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.


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Unverblümt

Unverblümt

Church Ladies aus den USA

Sich für den Richtigen aufheben, Sex vor und außerhalb der Ehe sowieso nicht – so haben es die schwarzen „Church Ladies“ aus dem Süden der USA in Deesha Philyaws Erzählband in Sonntagsschule und Kirche gelernt. Aber was, wenn da keiner kommt, es der Grundfalsche war oder es vielleicht eher eine Frau ist? Die Antworten, die ihre Figuren finden, sind allesamt Befreiungsversuche und dabei keineswegs nur auf Sex fixiert. Philyaws Ansatz ist also feministisch und krängt auf der Stoßkante von Bedürfnissen, religiös verbrämten Rollenzuschreibungen, tief verinnerlichten Normen und der Suche nach gutem Leben.

Die neun Geschichten, die sie dazu strikt undogmatisch, unverblümt und sehr lebenspraktisch erzählt, sind so erfrischend wie unterhaltsam. Mitunter geraten sie zwar an den Rand von Verhängnis, gerade weil es immer wieder um schwierige Töchter-Mutter-Beziehungen geht, in denen dann indes doch Sex für Erleichterung sorgt. Männerfeindlich sind sie jedenfalls nicht, illusionsarm aber schon. In den Gattungen variiert Philyaw gekonnt und gefällig. Da ist der Brief, den vier Halbschwestern einer fünften schreiben, die sie bloß vom Hörensagen kennen. Der gemeinsame Erzeuger ist tot. Sie habe ohne ihn nichts verpasst, soll es aber wissen, finden sie. Ansonsten enthält er viel lebhaften Klatsch und eine spürbare Wärme: Man muss diese Schwestern mögen. Dann ist es das Tagebuch einer marodierenden Teenagerin, die auf die Frau des Pastors steht. Ihre Granny liest heimlich mit, was fraglos schlimmer ist. Als einem Sugardaddy später alles um die Ohren fliegt, bleibt die Granny aber auf ihrer Seite. Gleich in der ersten, konventionell und wie sonst auch mit starken Dialogen erzählten Geschichte treffen sich zwei Freundinnen jedes Jahr zu Silvester. Sie feiern, haben Sex und erzählen Eula davon, dass sie jetzt ins Singles-Softball-Team der Gemeinde gehen solle, um endlich einen Mann zu finden. Geparkte Wagen könne schließlich nicht mal der Herrgott lenken. Als Jungfrau enden wolle sie nämlich nicht. Dann weint sie – weil Caroletta einen Tick zu lange schweigt: „Ich weiß gar nicht, was komischer ist: dass Eula glaubt, ich vierzigjährige Schachtel hätte in all diesen Jahren nie mit einem Mann Sex gehabt, oder dass sie uns für jungfräulich hält, nach allem, was wir in dieser Zeit miteinander gemacht haben.“ Was dann passiert, liegt zwischen Kingsize-Bett, Schaumwein und Zanken darüber, was Gott von einer Frau verlangen darf.

Platt ist das nicht, nur lebensnah. Für Skurriles hat Philyaw Gespür. Auch bei dem Mädchen, das Gott und den Reverend für eine Person hält: „An anderen Tagen waren meine Mutter und Gott schon im Schlafzimmer, wenn ich aus der Schule kam. Dann empfingen mich gleich beim Eintreten Stöhnen und ein stampfendes Geräusch. Ich schlich durch die Diele, um zu lauschen. „O Gott!“, schrie meine Mutter. Und Gott hörte ich auch.“ Der vom Geld der Gemeinde wohlhabende Alte ist natürlich verheiratet. Und ihre Mutter verdient als Kellnerin gerade so genug. Ausbeutung und Klassendünkel spießt Philyaw jedoch bloß nebenher auf. Sie konzentriert sich darauf, was Frauen aus sich heraus dagegenhalten. Das ist ein Manko. Philyaw gehörte verschiedenen Denominationen an und besucht heute keine Gottesdienste mehr, will die Zeit aber keineswegs missen: „Mich interessieren Erzählungen, die Schwarze Frauen unter sich oder mit niemandem teilen.“

Diesen Nagel trifft sie, aber nicht aus der Schlüsselloch-Perspektive: Sie reißt die Tür weit auf. Mitunter traut sie der Liebe zu viel zu. Doch dieser Glaube grassiert ja nicht nur unter „Church Ladies“. Ihre stets story-dienliche Bibelkenntnis beeindruckt. Den Geschichten gibt das eine zeitlos-menschheitliche Note, die man durchaus ernüchternd finden mag. Doch auch da kommt es wohl auf den Glauben an. Völlig verloren scheint sie ihn nicht zu haben. Er hört sich hier bloß viel frischer an.


 

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„Doch nicht Friede“

„Doch nicht Friede“

Wu-Lus CD „Loggerhead”

Die Außenmauern sirren vor Hitze. Luftalarm in der ganzen Ukraine. Auch den Klimawandel hält ein Nachbar für Fakenews. Mein Freund ist mit einer Patriot-Raketen-Einheit nun vorn in Sliač, Slowakei. Ein Tag im Juli mit Lähmung und Kriegsphantasien. Wie wird der Sommer gewesen sein? Leben mit dem, was ist. In der CD-Schublade rotiert Loggerhead: düster, nachdenklich, hart, auch noisy – und heimelig, fast wie Zuversicht.

Das Album von Miles Romans-Hopcraft aus South London, der sich nach dem amharischen Wort für Wasser Wu-Lu nennt, hat einen seltsamen Reiz. Er entsteht daraus, wie der Produzent und Sänger mit Bass-Vorliebe Raumerlebnisse überblendet: nächtliche Straßenszenen, paradoxe Kreuzgang-Stille, frivol-aggressive Dichte eines Clubkonzerts oder Kubricks Odyssee im Weltraum etwa. Gebaut ist es zwischen angedeutetem HipHop und Postpunk-Gitarren, Crossover aber nicht. Das Album sprengt die Genregrenzen, arbeitet mit Drum’n’Bass-Patterns, lässt an die frühen Gorillaz denken, hat bestechende Streicherarrangements, Dub-Elemente und die dunkel-schwere Wucht von 80er-Factory-Gitarren mit ihrer eleganten Funktendenz. So erinnert Broken Homes etwa mit quietschenden Gitarren und auf den Punkt tickenden Drums an Winter Hill von den frühen A Certain Ratio. Das ist Newest Wave mit starkem Tanzflächensog. Wu-Lu singt dazu mitreißend tief.

Die Songthemen sind geläufig (zerbrechende Beziehungen, Orientierung im Leben, soziale Kämpfe), und sie sind lebenssatt: Der in einer Musikerfamilie groß Gewordene kommt aus der Sozialarbeit. South, das schon als Single im Vorjahr Furore machte, handelt von Gentrifizierung und deren Folgen. Nach einleitendem Gitarrengeschrammel wird dieser Track dann richtig schwer, mit manischer Basslinie, Halleffekten, Metall, haltlosen Schreien. Dann kommt die wunderbare Rapperin Lex Amor mit einem Flow hinzu, der Tränen in die Augen treibt. South London eben, wo Kooperation über Szenegrenzen hinweg üblich ist.

Die Abfolge suggeriert ein Konzeptalbum, doch das ist Loggerhead nicht. Wu-Lu hat schlicht großartiges Gespür für Kontraste, Widerhall und Dynamik. Seine facettenreiche Collage ist opak, schafft aber gerade so starke Sichtachsen, als sei das Album eine bergende, viel besuchte Kathedrale, die tiefem Selbstgespräch, Beten, Fluchen und Verwirrung ebenso Raum bietet wie dem Gänsemarsch von glotzenden Touristen. Leben mit dem, was ist. „I don’t want to see your mental health go to waste/when you’re trying so hard to speak of the dead“, lautet das Mantra des verhaltenen Calo Paste, das auf South folgt. Insgesamt zwölf Tracks als zugleich donnernder wie hauchzarter Stationenweg, der befreiend viel Luft zum Atmen gibt. Und immer wieder auch Lust zum Tanzen macht. Erstaunlich.

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