zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Eine andere Schweizer Stimme

Huldrych Zwingli wurde bewundert. Wer war der Reformator Zürichs?

Thomas Kaufmann

Huldrych Zwingli fiel am Nachmittag des 11. Oktober 1531 bei einer Schlacht im sogenannten Ersten Kappeler Krieg. Martin Luther bezweifelte, dass der Reformator Zürichs, den er abfällig „Zwingel“ nannte, selig werden könne. Der Göttinger Kirchenhistoriker  Thomas Kaufmann zollt dem großen Reformator dagegen Respekt.

Das Denkmal von Huldrych (Ulrich) Zwingli vor der Wasserkirche in Zürich. Foto: dpa/ Meinrad Riedo
Das Denkmal von Huldrych (Ulrich) Zwingli vor der Wasserkirche in Zürich. Foto: dpa/ Meinrad Riedo

Sein grausames Ende bewies dem Wittenberger Berserker, dass der Zürcher Widersacher von Gott gestraft worden war. Denn dass Feinde der wahren Kirche schlimme Tode stürben, wusste man von weither. Huldrych Zwingli war am Nachmittag des 11. Oktober 1531, im sogenannten Ersten Kappeler Krieg, auf grausame Weise umgekommen. Für seine Stadt, die gegen fünf katholische eidgenössische Orte im Feld stand, hatte er die Hellebarde geführt, war dreimal zu Boden gegangen, hatte sich wieder erhoben. Doch dann war er durch den Stich eines Spießes unter dem Kinn niedergestreckt worden. Sein Leib soll von Fliehenden und Verfolgern überrannt worden sein. Luther verurteilte, dass Zwingli die Waffe genommen hatte. Er bezweifelte, dass der Reformator Zürichs selig werden könne - ein Schicksal, das „Zwingel“, wie er ihn abfällig nannte, mit anderen Gegnern Luthers, etwa Karlstadt oder Müntzer, teilte.
Nach dem Ende der Schlacht war Zwingli durch ein Kriegsgericht der katholischen Orte verurteilt worden; wegen Landesverrats wurde sein Leichnam gevierteilt; als Ketzer wurden die Stücke verbrannt. Dem Feuer mengte man Abfälle einer nächtlichen Schweineschlachtung bei, damit die, die Zwinglis Asche auflesen wollten, dies zusammen mit Sauasche taten - die bizarre Manifestation einer altgläubigen Siegerjustiz, die den radikalen Kritiker des Reliquienwesens postmortal dadurch demütigte, dass sie seine kultische Verehrung verhinderte oder verunreinigte! Vor diesem Hintergrund erschien es einigen Freunden, die Zwinglis Leichnam auf dem Schlachtfeld suchten, als ein Wunder, dass sie sein Herz unversehrt fanden.
Zwinglis erster Biograph Oswald Myconius überlieferte die Nachricht, dass ein Anhänger ein Stück dieses Herzens in einer Kapsel bei sich trug. Die nachfolgenden Historiographen der Schweizer Reformationsgeschichte - Simon Stumpf und Heinrich Bullinger - erwähnten dies nicht. Auch dadurch dienten sie dem Vermächtnis des wichtigsten Führers der frühen Reformation im Süden des deutschen Sprachgebietes. Denn noch in den letzten von Zwingli überlieferten Worten im Getümmel der Schlacht („Was tut’s? Den Leib können sie töten, nicht aber die Seele.“) klang die für seine Theologie charakteristische platonisch - kurz: augustinische Antithetik von Seele und Leib, Äußerem und Innerem, Buchstaben (litera) und Geist (spiritus), Begrenztem (finitum) und Unendlichem (infinitum) an.

Keine Huldigung

Den sterblichen Resten seines Leibes irgendeine Form der Huldigung entgegenzubringen, hätte Zwingli niemals gewollt. In dieser Hinsicht wäre er sich mit dem zweiten Übervater der reformierten Kirche, dem 1564 auf eigenen Wunsch in Genf anonym beigesetzten Johannes Calvin, einig gewesen.
Die Bilder Zwinglis und die Urteile über ihn unterlagen seit dem 16. Jahrhundert einem stetigen Wandel. Für die Lutheraner war er ein Erzapostat, der die unselige Truppe der „Sakramentierer“ anführte. Sie leugneten die leibliche Gegenwart Christi im Brot und Wein des Abendmahls; von ihnen gingen auch die Täufer aus; sie waren der Quell aller innerreformatorischen Zwietracht. Für die Katholiken war Zwingli ein besonders schlimmer Ketzer; seine Verwerfung der Bilder im Kirchenraum, der Angriff auf Orgeln, Kerzen und Klöster, die radikale Entsinnlichung des allein auf das Wort zentrierten Gottesdienstes disqualifizierten ihn. Sein Nachfolger Heinrich Bullinger, der Vorsteher der Zürcher Kirche, verehrte ihn und legte den Grundstein für ein dauerhaftes Gedenken. In den Staatskirchen Zürichs und Berns und des englischen Königreichs blieben Impulse Zwinglis dauerhaft wirksam.
Seit der Aufklärung erfreute sich die enge Verbundenheit des Zürcher Reformators mit dem Humanismus, sein philosophischer Geist, der im Vergleich mit Luther ungleich rationalere Zuschnitt seiner Gottes-, Vorsehungs-, Christus- und Abendmahlslehre der wachsenden Beliebtheit gebildeter Bürger. Auch die liberalen Theologen der reformierten Tradition knüpften im 19. Jahrhundert gerne an Zwingli an.
Die humanistische Offenheit gegenüber heidnischen Denkern, sein Sinn für Philologie, das Anliegen, Vernunft und Offenbarung zusammenzudenken, die Sympathien für die italienischen Renaissancephilosophen, vor allem die Picos von Mirandola, seine Distanz gegenüber der wüsten Polemik eines Luther ließen die Liberalen in Zwingli einen der ihren sehen. Mit Lutherpomp garniertem deutschnationalen Dominanzgebaren setzten patriotische Zwinglifreunde im späten 19. Jahrhundert den „Luther ebenbürtigen Zeugen des Evangeliums“ entgegen. Dass der Göttinger Professor Karl Barth, der 1922/23 eine erste und einzige Vorlesung über die Theologie Zwinglis hielt, ihn schließlich für keinen „großen Geist“ hielt, war wohl vor allem den kräftigen liberalen Übermalungen eines Paul Wernle geschuldet, die Barth verstörten und die abzutragen er nicht imstande war. Der so anderen „Schweizer Stimme“ Zwinglis wollte Barth - unbeschadet gewisser Annäherungen an den Zürcher Reformator in seiner späten Tauflehre - kein Echo leihen. Eine barthianisierende Lesart Zwinglis, wie sie prominent Gottfried Wilhelm Locher (1911-1996)  vertrat, verhinderte das nicht. Gerade in ihrer Dissonanz repräsentieren die beiden Schweizer Stimmen aus dem 16. und dem 20. Jahrhundert, wie stark und vielfältig der Einfluss der kleinen Alpenrepublik auf die deutsche und internationale protestantische Theologie war und ist.

Aus einer Bauernfamilie

Wer war dieser Mann, an dem sich die Geister schieden und an dessen Leichnam sich maßloser Hass austobte? Zwingli entstammte einer begüterten, bildungsaffinen Bauernfamilie; 1484 wurde er im ostschweizerischen Toggenburg geboren. Im zarten Alter von fünf Jahren übergaben ihn seine Eltern der Obhut eines Onkels, der Priester war und die Grundlagen seiner Bildung legte. Von 1494 an besuchte Zwingli die Lateinschule in Basel und - seit 1496 - in Bern. 1498 immatrikulierte er sich in Wien, ein Jahr später wurde er aus unbekannten Gründen relegiert, 1500 erneut zugelassen. Seit 1502 setzte er das Studium der Freien Künste in Basel fort, wo er es 1506 mit dem Grad eines Magister Artium abschloss. Im selben Jahr, nach nur wenigen Monaten zünftigen Theologiestudiums, wechselte Zwingli ins Pfarramt nach Glarus, wo er ein Jahrzehnt lang blieb.
In die Glarner und die anschließende Einsiedelner Zeit (1516-1518), wo Zwingli Seelsorger eines Wallfahrtszentrums wurde, fallen Buchanschaffungen im größeren Stil. Unter den Reformatoren hat Zwingli die umfänglichste Bibliothek (heute ZB Zürich) hinterlassen. Sie bezeugt die breiten theologischen und philosophischen Interessen, die Gier nach literarischen Neuheiten aller Art, die Teilhabe an den intellektuellen Diskursen der Zeit, insbesondere denen der Humanisten. Die Bücher spiegeln auch seine autodidaktischen Anstrengungen im Erlernen des Griechischen und das tiefe Fasziniertsein von Sprache und Geisteswelt der Antike, insbesondere der Kirchenväter, an deren Schriftauslegung er sich nun orientierte.
In diesen Jahren wurde Erasmus von Rotterdam Zwinglis geistiger Leitstern. Im Frühjahr 1515 traf er ihn persönlich. Jetzt rückte das Neue Testament ins Zentrum, insbesondere die paulinischen Briefe im griechischen Urtext, die er anhand der Ausgabe des Erasmus von 1516 studierte. In der Predigt legte Zwingli nun ausschließlich biblische Texte aus; später, ab 1523, deutete er dies als seine „reformatorische Wende“. Schon vor dem offenen Streit über das Abendmahl mit Luther, der seit 1525 tobte, war Zwingli daran gelegen, seine geistige Selbständigkeit gegenüber dem Wittenberger Reformator zu betonen - nicht immer ganz zu Recht. Ein Mann für die ‚zweite Reihe’ war der geborene Toggenburger in keiner Lebensphase.
Erasmianisch gesinnte Chorherren beriefen Zwingli Ende 1518 zum Leutpriester ans Großmünster in Zürich, seinem Schicksalsort. Am 1. Januar 1519 begann er hier zu predigen. Dass er in der Tradition der Kirchenväter mit dem fortlaufend ausgelegten Matthäusevangelium begann und die altkirchlichen Texteinheiten, die sogenannten Perikopen, ignorierte, begründete eine entsprechende Tradition bei den Reformierten. Nachträglich wurde dieser Anfang jubiläumstauglich zum Initial von Zwinglis reformatorischer Tätigkeit hochstilisiert. Für die Zürcher Reformation aber war gewiss entscheidend, dass der spätestens seit dem Frühjahr 1522 offen gegen bestimmte Erscheinungen des überkommenen Kirchenwesens auftretende Theologe sich in den vorangegangenen drei Jahren als Prediger und Seelsorger das Vertrauen der Bürgerschaft und ihres Rates erworben hatte. Es war der eindrucksvolle, charismatische, humanistisch gebildete Prediger Zwingli, der den Reformator möglich machte.
Ein Lektürekreis von Laien um den Zürcher Buchdrucker Christoph Froschauer, der engstens mit Zwingli verbunden war, brach in der Fastenzeit 1522 mit den traditionellen Ernährungsreglements. Gegenüber sonstigen Fastenverstößen war unerhört, dass man alles daran setzte, um ein provokatives Wurstessen publik zu machen. Zwingli, der anwesend war, aber selbst keine Wurst aß, rechtfertigte das Vorgehen seiner Anhänger öffentlich - einerseits in einer Predigt, andererseits mit einer Flugschrift.
Bei den nun beginnenden Auseinandersetzungen mit dem Konstanzer Bischof, zu dessen Diözese Zürich gehörte, stellte sich der Rat nach und nach immer deutlicher hinter seinen profiliertesten Prediger und machte sich dessen Kriterium der Biblizität zu eigen: Da die Fastengebote nicht in der Heiligen Schrift begündet seien, habe der Bischof ihre Legitimität zu erweisen. Damit war die Beweispflicht umgekehrt und die Axt an die Geltung des Kirchenrechts gelegt.
Zwinglis entscheidender reformationsstrategischer Coup bestand in der Durchführung mehrerer Disputationen, die unter der Ägide des Zürcher Rates standen. Erstmals im Januar 1523 kam es zu einer solchen Veranstaltung. An ihr nahm außer den Pfarrern aus der Stadt und dem Landgebiet auch eine Delegation aus Konstanz teil. Bei der Disputation wurde die Geltung des Schriftprinzips vorausgesetzt, wodurch die altgläubige Seite von vornherein ins Hintertreffen geriet. Die nach recht kurzen Verhandlungen getroffene amtliche Feststellung, dass niemandem der Nachweis gelungen sei, dass Zwinglis Lehre nicht mit der Bibel übereinstimme, hatte den Charakter einer Richtungsentscheidung. Fortan sollten sich alle Prediger Zürichs an seiner Lehre orientieren.
Durch die in großer Zahl und mit weiter geographischer Streuung verbreiteten Drucke der Akten dieser „Ersten Zürcher Disputation“, ihrer 67 Artikel beziehungsweise der Auslegung Zwinglis, wurde der Leutpriester im Laufe des Jahres 1523 zu einer weithin berühmten und bewunderten Gestalt. Das Modell, einen reformatorischen Entscheidungsprozess durch eine Disputation voranzutreiben, die unter der Verantwortung eines städtischen Magistrates stand, wurde für zahlreiche Stadtreformationen prägend. Ähnlich wie Luther für ‚seine’ Reformation auf die Entscheidungshoheit der kursächsischen Landesherrn und der Territorialfürsten setzte, steht Zwingli für eine von den politischen Eliten der Städte autorisierte Reformation.

Ein Staatskirchentum

Die enge Verschränkung von kirchlicher und politischer Gemeinde unter dem Rat der Stadt wurde zum Charakteristikum des zwinglischen Staatskirchentums. In dieser ekklesiologischen Tendenz ergaben sich wichtige reformatorische Entscheidungen: Die maßgebliche Verantwortung des Rates für die Kirchenzucht in Gestalt eines „Ehegerichts“ etwa, die Umsetzung der Reformagenda einschließlich zwingend gebotener Themen wie der volkssprachlichen Liturgie, der Entfernung der Bilder aus dem Kirchenraum, der Abschaffung der Messe oder der Auflösung der Klöster. Dass Zwingli in Kauf nahm, dass der Rat das Tempo der Maßnahmen bestimmte, kostete ihn einige seiner begabtesten Anhänger - unter ihnen Konrad Grebel, Ludwig Hätzer und Felix Manz, die wichtigsten Exponenten des frühen Täufertums. Zwinglis innerreformatorische Gegner sahen nicht im Rat, sondern in der Gemeinde den entscheidenden Akteur. Auch dass Zwinglis die Säuglingstaufe vornehmlich aus Gründen der Staatsräson anerkannte - so sah er gewährleistet, dass jedes Glied eines Gemeinwesens getauft war und eine christliche Erziehung erhielt - verstörte die sich seit 1524 separierenden Täufer.
Zwingli war Feldprediger und zog deshalb hinaus auch aufs Schlachtfeld gegen fünf eidgenössische Orte, die katholisch geblieben war. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er selbst als Kämpfer beteiligt. Und Zwingli war bis in den Tod ein politischer Reformator. Das Staatskirchentum, das er schuf, begründete eine stabile Symbiose von reformatorischem Christentum und Gesellschaft. Nach dem Ende des konstantinischen Zeitalters erscheint dieses Modell überholt; Zwingli hat viel an Strahlkraft verloren. Doch von den paradoxen und polymorphen Christianisierungseffekten der konstantinischen Ära leben ‚alte’ und ‚neue’ Welt bis heute - auch ohne Reliquienkapsel!

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