zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Rotorenhilfswerk

Die "Helimission" hilft Menschen in schwer zugänglichen Gebieten

Text: Klaus Sieg / Fotos: Martin Egbert

Ein deutscher Hubschrauberpilot fliegt im weitläufigen Äthiopien Material und Menschen in entlegene Regionen, und oft geht es dabei um Leben oder Tod.

Wenn der Hubschrauber gelandet ist, läuft das ganze Dorf zur Begrüßung zusammen. Foto: Martin Egbert
Wenn der Hubschrauber gelandet ist, läuft das ganze Dorf zur Begrüßung zusammen. Foto: Martin Egbert

Markus Lehmann drückt das Höhensteuer nach unten. Der Flickenteppich aus braunen und grünen Feldern kommt näher. Von den Grasdächern auf den runden Hütten sind fast die einzelnen Halme zu erkennen. Eine Herde Ziegen spritzt auseinander. Menschen werfen den Kopf in den Nacken, halten die Hand vor die Augen, um trotz des gleißenden Sonnenlichts etwas erkennen zu können. Einen Hubschrauber bekommt man im Süden Äthiopiens nicht alle Tage zu sehen. Noch dazu im freien Fall, bei dem der Pilot den Anstellwinkel der Rotorblätter so verändert, dass sie nur noch von der Luft angetrieben werden, die von unten durch sie hindurchströmt.

"Sie drehen weiter wie Ahornsamen, die vom Baum fallen", erklärt Pilot Lehmann beruhigend. Der freie Fall aus gut dreihundert Metern Höhe gehört zum Testflug. So wie der Powercheck: Um die Leistung des Triebwerkes zu überprüfen, fliegt der Pilot in festgelegter Höhe und Geschwindigkeit. Dabei werden verschiedene Parameter wie Kompressordrehzahl, Drehmoment und Abgastemperatur verglichen. "Das machen wir alle hundert Flugstunden."

Extreme Bedingungen

Zur Vorbereitung haben Markus Lehmann und der Mechaniker Andrew Foster zwei Tage an dem Eurocopter AS 350 BA herumgewerkelt. Sie haben die Rotorblätter abmontiert, Lager, Muffen und Leitungen überprüft, die Steuerstangen nach Rissen abgesucht und den feinen Staub aus den Verkleidungen gewischt, der in alle Ritzen dringt. "Wir fliegen hier unter extremen Bedingungen", sagt der Pilot und kuppelt das Triebwerk wieder ein. Wenig später steuert er den Hubschrauber in einem Halbkreis über den Awassa-See zum Landeplatz zurück. Flusspferde stehen in dem seichten Wasser des Ufers; nur ihre Ohren, Nasenlöcher und Augen sind zu sehen. Das ihnen unbekannte Flugobjekt würdigen sie keines Blickes.

Foto: Martin Egbert
Foto: Martin Egbert

Aus der Luft betrachtet offenbart sich der Süden Äthiopiens als vielfältige Landschaft, mit trockenen Hochebenen, ...

Foto: Martin Egbert
Foto: Martin Egbert

... Flickenteppichen aus grünen Feldern ...

Foto: Martin Egbert
Foto: Martin Egbert

... oder wolkenverhangenen Bergen.

Markus Lehmann setzt den Helikopter auf den kleinen Kreis aus Beton mitten auf der großen Rasenfläche. Hinter dem Gartenzaun vor dem Haus warten seine drei Kinder. Als die Rotorblätter still stehen, gibt Lehmann ihnen ein Zeichen. Freudestrahlend kommen Naomi, David und Simeon auf ihn zugestürmt. Zwar war er gerade einmal zehn Minuten in der Luft. Oft genug aber verschwindet Lehmmann für mehrere Tage von dem idyllischen Anwesen am See. Dann fliegt er Medikamente und Ärzte in Flüchtlingslager, Baumaterial zu entlegenen Missionsstationen und Notfallpatienten aus dem Busch in das nächste Krankenhaus. "Oft geht es um Leben oder Tod." Organisationen wie "Humedica", "World Food Programme", "Ärzte ohne Grenzen" oder der "Lutherische Weltbund" nehmen seine Dienste in Anspruch. "Ich fliege für alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe."

Die starke Frau 

Markus Lehmann ist im Einsatz für die Helimission. Die 1971 in der Schweiz gegründete Organisation hilft Menschen in abgelegenen, schwer zugänglichen Gebieten. Die Stiftung unterhält zurzeit vier Hubschrauberbasen, auf den indonesischen Inseln Papua und Sulawesi, auf Madagaskar und in Äthiopien.

Seit vier Jahren arbeitet der 35-Jährige auf der Basis in Äthiopien. Davor war er in Kenia und Madagaskar. Dort hat Lehmann auch seine Frau Esther kennengelernt, die damals die Verwaltung der Helimission vor Ort organisierte. "Sie ist wirklich eine starke Frau", sagt Lehmann und stößt die Tür zum Wohnhaus auf. Im Flur hängen Postkarten mit Grüßen von Freunden aus aller Welt. Duplosteine liegen über den Fußboden verstreut. Der Blick aus dem Fenster geht über den silbrig glitzernden Awassa-See. Das Gewässer ist Teil einer Seenkette im ostafrikanischen Grabenbruch, ein Vogelparadies in spektakulärer Landschaft.

Foto: Martin Egbert
Foto: Martin Egbert

Die Dörfer bestehen überwiegend aus Rundhütten mit Grasdächern.

Äthiopien ist drei Mal so groß wie Deutschland, bei gleicher Einwohnerzahl. Viele Menschen leben in sehr entlegenen Gegenden. Das zum Teil stundenlange Fliegen dorthin geht an die Substanz. Lärm, Vibration und Hitze fordern ihren Tribut. Kein Landeplatz ist so komfortabel wie der eigene in Awassa. Doch selbst der liegt auf sechzehnhundert Metern Höhe, so hoch wie der höchste Flugplatz Europas in St. Moritz. Und von Awassa aus fliegt der Pilot noch viel höhere Orte an. Äthiopien hat vierzehn Berge mit über viertausend Metern Höhe. "Um über so einen rüber zu fliegen, brauchst du eigentlich eine Sauerstoffmaske." Hinzu kommt häufig extremes Wetter, für das es keine Voraussagen gibt. "Du schaust über den See - das ist alles."
Markus Lehmann grinst und zeigt auf die Wolken, die sich hinter dem Gebirge am Horizont auftürmen.

Bezahlt wird er für das alles nicht. Zwar unterhält die Helimission die Basis, für den Unterhalt seiner Familie aber muss Lehmann sich um einen eigenen Spenderkreis bemühen. Menschen aus seiner schwäbischen Kirchengemeinde, einige Freunde, die Familie oder der ehemalige Arbeitgeber Rotorflug bei Frankfurt/M. unterstützen seine Mission. Dort hat Markus Lehmann als Flugmechaniker gearbeitet. Gelernt hat er diesen anspruchsvollen Beruf bei Röder Präzision, dem bedeutendsten zivilen Instandsetzungsunternehmen der deutschen Luftfahrtindustrie.

"Wie ein schlechter Charakter" 

Das entsprach dem einen Jugendtraum von Lehmann. Der andere war das Fliegen. Bereits mit dreizehn Jahren begann er mit dem Segelfliegen. Am achtzehnten Geburtstag bestand er den Motorflugschein. Nach der Ausbildung fing Markus Lehmann an, für den Hubschrauberflugschein zu sparen. Bestanden hat er den mit 21 Jahren in den USA, auf einer Bell 47. Heute kann er fast zweitausend Flugstunden vorweisen. Der Helikopter kann Außenlasten transportieren, ob einen Zahnarztstuhl für eine entlegene Klinik oder Reissäcke und Bauholz für ein abgebranntes Dorf im Busch. Er kann in der Luft stehen und in alle Richtungen fliegen. "Aber ein Heli ist wie ein schlechter Charakter, der wartet darauf, dass du einen Fehler machst - und dann zeigt er es dir!"

Foto: Martin Egbert
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Ein fast normales Familienleben: Markus Lehmann zu Hause.

Foto: Martin Egbert
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Wenige Stunden später trifft er Menschen, die weit ab von den Errungenschaften der Zivilisation leben.

Warum nimmt Markus Lehmann das alles auf sich? "Ich kann Leben retten, und mein Glaube an Gott gibt mir Kraft", sagt der Pilot und nimmt am Frühstückstisch Platz. Es gibt Müsli, Obst, Erdbeermarmelade, selbstgebackenes Brot und Greyerzer. Den haben die Schweizer Schwiegereltern beim letzten Besuch mitgebracht. Häufig kommen aber auch lokale Lebensmittel auf den Tisch. Wie Injera, das aus Tef gebacken wird, dem kleinsten Getreide der Welt. Die vierjährige Naomi hat sich das säuerlich schmeckende Fladenbrot sogar für ihre Geburtstagsparty gewünscht.

Sie ist die einzige Europäerin in ihrem äthiopischen Kindergarten. "Unsere Kinder wachsen fünfsprachig auf, sie sprechen Amharisch, Englisch, Hochdeutsch und Schwyzerdeutsch", sagt Markus Lehmann und lacht: "Und sie schwätzet Schwäbisch."

Versorgung für Missionare

Abflug am nächsten Morgen. Für zwei Tage fliegt Lehmann in den Südwesten des Landes, in das Stammesgebiet an der Grenze zu Kenia und dem Südsudan, das die Äthiopier "Region der südlichen Nationen" nennen. Kein Notfalleinsatz, sondern ein Versorgungsflug für Missionare in dem besonders unzugänglichen Omo-Tal. Das Abfluggewicht des Eurocopters AS 350 BA von 2100 Kilogramm muss durchdacht genutzt werden. Damit er maximal laden und weite Strecken zurücklegen kann, lagert der Pilot über das Land verteilt Treibstoff in verplombten Fässern. Lehmann zeigt die Depots auf einer Karte; auf ihr hat er alle 150 Orte eingetragen, die er in Äthiopien bisher angeflogen ist. "Wenn ein Notfallanruf reinkommt, bin ich sehr schnell in der Lage, zu sagen, wann ich wo sein kann."

Foto: Martin Egbert
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Der Hubschrauber wirbelt eine dichte Staubwolke auf. In diesem so genannten Brown Out kann ein unerfahrener Pilot die Orientierung verlieren.

Foto: Martin Egbert
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Menschen drängen sich um den gelandeten Hubschrauber.

Die Vorflugkontrolle ist erledigt. Langsam beginnen die Rotorblätter zu drehen. Immer schneller kreisen ihre Schatten über den Betonboden. Die Kabine vibriert. Am Gartenzaun stehen die Kinder und winken. Mit einem Schub nach vorne startet er über den Awassa-See. Markus Lehmann meldet den Flug bei der Kontrollstelle in der Hauptstadt Addis Abeba an. Zur Landung in dem Dorf Labuc fliegt er tief über den Omofluss, der sich durch das gleichnamige Tal schlängelt. Krokodile stoßen vom Ufer in das bräunliche Wasser. Drei bunte Igluzelte stehen im Schatten einer Baumgruppe. Den US-amerikanischen Bibelstudenten, die hier ihr Lager aufgeschlagen haben, ist ihr kleiner Stromgenerator kaputt gegangen. Der Hubschrauber wirbelt eine dichte Staubwolke auf. In diesem so genannten Brown Out kann ein unerfahrener Pilot die Orientierung verlieren. Sicher setzt Markus Lehmann die Maschine auf den Boden auf. Beim Aussteigen empfängt ihn ein Wind, heiß wie aus dem Backofen.

Kalaschnikows auf der Schulter

Schnell laufen die Bewohner der Handvoll Strohhütten zusammen. Die meisten tragen nur ein Hüfttuch, die Kinder sind nackt und lehmverschmiert. Frauen und Männer haben Stammeszeichen in die dunkle Haut geritzt. Einige junge Männer haben Kalaschnikows geschultert; zwischen den Hirten-Stämmen im Omo-Tal gibt es immer wieder Konflikte wegen des Viehs.

Mit sonnenverbrannten, verschwitzten Gesichtern nehmen die Bibelstudenten den neuen Generator in Empfang. Die Flugzeit von Awassa hierher hat 1 Stunde 40 gedauert. "Mit dem Auto braucht man zwei Tage - wenn man denn durchkommt", sagt einer von ihnen lächelnd. Als er den Generator mit der Anreißschnur startet, laufen die meisten Dorfbewohner panisch weg.

Foto: Martin Egbert
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Nicht wenige der jungen Männer schützen sich und ihre Herden mit der Kalaschnikow gegen Raubüberfälle und wilde Tiere.

Bei der nächsten Landung in einem Dorf in Makki reagieren die Menschen abgeklärter. Markus Lehmann ist schon öfter zu diesem Dorf geflogen, hat einen großen Wassertank gebracht oder Verletzte in das nächste Krankenhaus transportiert. Trotzdem kommen die Menschen vom Stamm der Mursi neugierig zusammen. Die Frauen haben große Löcher in Unterlippe und Ohrläppchen, geweitet von Tellern aus Holz oder Ton, die sie zu Festen tragen.

Lange wurde behauptet, die Mursi hätten ihre so entstellten Frauen damit vor den Sklavenjägern geschützt. "Das ist falsch, sie finden es einfach schön - allerdings beschränken die jungen Frauen den Schmuck mittlerweile meist auf die Ohrläppchen", erklärt Paul. Der Landwirtschaftsexperte lebt seit zehn Jahren bei den Mursi. Gemeinsam mit anderen Missionaren hat er eine Schule aufgebaut. Die Mursi sind ein Volk von wenigen Tausend Menschen. Kaum jemand kümmert sich um sie. Zudem wurde vor kurzem ihr Stammesland am Fluss an Agrarinvestoren verpachtet. Auf dem Rückflug laufen die Farben von Sand, Steinen und Geröll ineinander, verschiedene Stufen und Schattierungen von Ocker, Gelb, Rot, Braun oder Grau. Wie mit dem Schwamm auf eine Leinwand gewischt. Erkaltete Krater von Vulkanblasen erinnern daran, dass der ostafrikanische Grabenbruch noch lange nicht zur Ruhe gekommen ist.

Ein Notfall

Turbulenzen rütteln am Hubschrauber. Mit zwei Fingern am Steuerknüppel und sehr feinen Bewegungen fliegt ihn Markus Lehmann sicher hindurch. Kurz vor der Landung in Awassa kommt ein Funkspruch von Mechaniker Foster. Ein Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" muss wegen eines medizinischen Notfalls aus dem Flüchtlingslager in Dolo Ado, an der Grenze zu Somalia, herausgeflogen werden. Lehmann wird also nur für eine kurze Nacht zu Hause sein. Am nächsten Tag fliegt er bereits im Morgengrauen über den Awassa-See und seinen Flusspferden wieder davon. Leben retten.

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