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Die City brummt

Über die Bienenzucht in der Großstadt

Text: Kathrin Schlieter / Fotos: Isabell Zipfel

Während viele Dörfer längst bienenfreie Zonen sind, bleibt in manchen Großstädten kein Straßenbaum mehr unbestäubt. Denn eine wachsende Zahl von Stadtbewohnern entdeckt das Imkern als altes Handwerk wieder - und hat dabei auch die Weltrettung im Sinn.

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Ein heftiger Wind weht über das Dach des Berliner Doms. Er fegt die Biene weg von ihrem Einflugloch und drückt sie auf das Kirchendach, wo sie geduckt sitzen bleibt. Uwe Marth, ein kräftiger Zweimetermann, geht auf die Knie, hebt das winzige, schwer mit Pollen beladene Tier behutsam auf und setzt es in den Eingang seines Stocks. "Das macht man ja eigentlich nicht", murmelt er selbstkritisch. "Aber die jüngeren Bienen haben noch nicht genügend Muskeln ausgebildet, um diesem Wind zu trotzen." 

Auf dem Kirchdach

Hier in knapp 30 Metern Höhe, direkt über dem Altar, leben die Dombienen in unscheinbaren Holzkästen. Sie gedeihen gut, obwohl hier oft ein frischer Wind weht, versichert Hobbyimker Marth. Im Hauptberuf ist er Lehrer, und sein Mitstreiter Lars-Gunnar Ziel, der in Anzug und weißem Hemd mit aufs Kirchendach geklettert ist, ist Geschäftsführer im Dom. Marth hat Ziel mit dem Imkern angesteckt. Beide halten auch privat Bienen. Wenn sie fachsimpeln, ist immer ein Lächeln dabei, manchmal auch ein bisschen Selbstironie über so viel geteilte Leidenschaft für die kleinen Wesen. Die Bienen dürfen den größten Teil des Honigs behalten, ab und zu erntet Marth eine kleine Menge mit einem Kindergarten: "Da können die Kinder selber Honig schleudern und mit dem Finger direkt von der Wabe naschen." 

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Rund 4.000 Bienenvölker leben in Berlin, viele von ihnen mitten in der Stadt, so wie hier auf dem Redaktionsgebäude der tageszeitung an der Rudi-Dutschke-Straße in Kreuzberg.

Den Domimkern ist nicht wichtig, wie viel Nektar und Blütenpollen ihre Völker nach oben schleppen. Die Tiere sollen vor allem helfen, eine Botschaft nach draußen zu tragen: Weltweit sterben die Bienen, auch in Deutschland sinkt die Zahl der Völker immer weiter. Die Ursachen des Bienensterbens sind menschengemacht. Wenn der Mensch nicht umsteuert, werden Bienen und Menschen verlieren. Denn ein Drittel unserer Nahrungsmittel sind auf die Bienen-Bestäubung angewiesen, ohne sie ist die Ernährungssicherheit gefährdet. Das vermitteln die Domimker auch erwachsenen Besuchern bei Führungen: "Man sieht diese riesigen Maisfelder in Brandenburg mit anderen Augen, wenn man weiß, was das mit den Bienen macht", sagt Lars-Gunnar Ziel. 

Gefahr durch Pestizidcocktail

Die moderne, industrialisierte Landwirtschaft bekommt den Bienen schlecht: Sie vergiften sich an einem Cocktail von Pestiziden, der ihren Orientierungssinn durcheinander bringt, und wenn die großen Monokultur-Felder abgeblüht sind, fehlt ihnen die Nahrung. Dies macht sie anfälliger für eingeschleppte Parasiten wie die Varroa-Milbe und Krankheitserreger. So sind viele Dörfer inzwischen bienenfreie Zonen. Und die Erträge der Landwirte sinken. In der Stadt dagegen haben es Bienen besser: Hier gibt es die ganze Saison über Nektar und Blütenstaub von unbehandelten Pflanzen. Da die Bienen deren Blüten gleich nach dem Aufblühen absammeln, ist Stadthonig meist schadstofffrei, trotz Abgase und Feinstaub. Auch die Dombienen können in ihrer Umgebung aus dem Vollen schöpfen: Im benachbarten Lustgarten sieht man Lindenbäume, und hinter dem Gotteshaus stehen die Kastanien vor der Blüte. In einem nahen Park finden sie zahlreiche weitere Arten oder begegnen mit etwas Glück anderen Stadtbienen. 

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Denn wie andere Großstädte erlebt Berlin seit einigen Jahren einen wahren Bienenboom: Eine neue Generation von urbanen Imkern hält ihre Völker auf Hausdächern, Balkonen, Kirchen und in Gärten. Auch auf den Dächern des Berliner Abgeordnetenhauses, auf Theatern und Museen stehen Bienenbeuten. Die Zahl der Völker ist in der Hauptstadt inzwischen wieder auf über 4000 angewachsen, die Bienendichte ist deutlich höher als auf dem Land. Vor allem in der Innenstadt, wo es kaum nach unberührter Natur aussieht, bleibt wohl kein Straßenbaum mehr unbestäubt. 

Hongkong und Hamburg

Die neue Faszination am Stadtimkern ist international: Bienen fliegen durch die Häuserschluchten von Hongkong und Hamburg, München und Manhattan. Ausgerechnet Großstädter entdecken mit dem Imkern ein altes Handwerk wieder. Politikwissenschaftler zimmern Bienenbeuten, Geologen beobachten nach Feierabend das Sozialverhalten ihrer Völker. Und auf dem Dach der Berliner Zionskirche imkert ein Hochschullehrer. Pfarrerin Eva-Maria Menard lud ihn in einen Familiengottesdienst zum Erntedankfest ein: "Als er dort erzählt hat, wie klug diese Tiere kommunizieren, wie umsichtig sie für ihr Volk sorgen, da hatte man wirklich das Gefühl, das ist ein Wunder der Schöpfung."

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Warum interessieren Bienen moderne Städter so? Vielleicht liegt es daran, dass sie den Menschen in manchem zu ähneln scheinen: "Sie kennen demokratische Abstimmungen", meint Domimker Marth augenzwinkernd. "Mehrere Späherbienen tanzen und werben für die Nektarquellen, die sie gefunden haben. Wer am intensivsten tanzt, wer am besten überzeugt, dem fliegen alle hinterher." Vielleicht hat die neue Bienenfaszination aber auch damit zu tun, dass das Schicksal der Bienen und das der Menschen seit Jahrtausenden miteinander verwoben ist. Und jetzt, wo die Bienen zu verschwinden drohen, rückt dies wieder stärker ins Bewusstsein. Schon ein Mythos aus der Antike beschreibt das Ende der Fruchtbarkeit, den ökologischen Kollaps, der droht, wenn die Bienen sterben. 

Milch und Honig

Zahlreiche Bezüge in der Bibel weisen auf den Wert des Honigs und der Bienen für den Menschen hin. So erhielten die ersten Christen bei der Taufe noch Milch und Honig als Zeichen der Verheißung. Doch nicht nur der Mensch ist auf die Bienen angewiesen. Auch sie sind von seiner Fürsorge abhängig. Denn durch Jahrtausende lange Zucht sind sie Natur- und Kulturwesen zugleich: Ausgewilderte Honigbienen haben heute, in einer menschengemachten Umwelt, schlechte Überlebenschancen. 

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Michael Gütt und den anderen Stadtimkern geht es auch um Politik. Sie wollen eine Landwirtschaft ohne Monokulturen und Pestizid-Cocktails.

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Das Stadtimkern ist zum politischen Bekenntnis geworden, wenngleich die neuen urbanen Bienenhalter eine bunte und heterogene Gruppe sind: Die Dom-imker Marth und Ziel etwa wollen vor allem ein Zeichen für die Bewahrung der Schöpfung setzen und das Thema Nachhaltigkeit in die Medien tragen. Sie arbeiten mit der Initiative "Berlin summt!" zusammen, die für Bienenstandorte auf prominenten Bauten wirbt, um damit auf die Bedeutung der Tiere aufmerksam zu machen. 

Andere urbane Imker wollen Bienen Asyl geben und sich damit gegen das Bienensterben auflehnen. So zum Beispiel Johannes Weber, der die Tiere auf dem Balkon seiner Berliner Altbauwohnung hält. Auch Weber erntet nur einen Teil des Honigs: "Das ist für mich ein schöner Nebeneffekt, dass ich mich selbst mit lokal produziertem Honig versorgen kann." Der Student der erneuerbaren Energien hat eine spezielle Bienenbox konzipiert, die von außen am Balkon befestigt werden kann. Damit will er noch mehr Menschen ermöglichen, dass sie den Bienen in der Stadt einen Rückzugsraum bieten können. 

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Auch vom Berliner Dom aus starten die Bienen in die Parks und Grünflächen der Hauptstadt. Den Honig, den sie erzeugen, dürfen sie weitestgehend selbst behalten. Aus dem ersten Volk sind bereits drei neue entstanden. 

Viele der neuen Bienenhalter sind Teil einer politisch aufgeladenen Do-it-yourself-Bewegung. Und Hand anlegen muss man beim Imkern viel: Holzrahmen für die Waben vorbereiten, diese wöchentlich auf Parasiten und Bienenkrankheiten kontrollieren oder schwärmende Bienen rechtzeitig in ein neues Zuhause umsiedeln. Dabei kommen auch viele praktische Fragen auf, und die diskutieren die urbanen Bienenfreunde lebhaft in Online-Foren oder Blogs. Sie holen sich viel Wissen aus dem Netz und stellen selber Anleitungen auf YouTube ein. 

Verbrannte Füße

Bienenforscher Benedikt Polaczek von der Freien Universität Berlin regt das auf: "Gerade als Anfänger kann man sich nicht auf das Internet verlassen. Da braucht man Hilfe von erfahrenen Imkern." Kürzlich hat Polaczek eine Bienenkönigin mit verbrannten Füßen gesehen, weil ein Anfänger das Volk auf einer Betonplatte in der prallen Sonne hielt. Sorgen macht dem Bienenexperten auch, dass die zahlreichen Parasiten und Krankheiten sich weiter verbreiten können, wenn Unerfahrene sie nicht rechtzeitig bekämpfen. Polaczek schult auch Neuimker: "Zwei Drittel von diesen Begeisterten geben bald wieder auf, weil sie die Arbeit unterschätzt haben." 

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Handwerkszeug eines Imkers.

Doch andere brechen eine Lanze für die neue Generation von Stadtimkern: "Sie haben es geschafft, dass die Medien die Bienen wieder entdeckt haben und stärker darauf schauen, was die Konzerne mit ihrer Profitgier in der Natur anrichten", meint Michael Gütt, der Vorsitzende des Imkervereins Berlin-Weißensee. Gütt war eine Art Vorreiter der neuen Bewegung. Er fing vor sieben Jahren als Freizeitimker an, noch bevor die große Welle kam. Inzwischen hat er aus seiner Leidenschaft einen Beruf gemacht, fährt mit seinen Stadtbienen auch zum Bestäuben aufs Land, wo sie dringend gebraucht werden: "Meine Landwirte spritzen nicht, die wissen, dass ich sonst nicht wiederkomme." 

Gütts Bienen vermehren sich prächtig, die Domimker haben aus ihrem ersten Volk schon drei neue bilden können und auch auf Johannes Webers Balkon sind aus einem Volk zwei geworden. Doch Zahlen des Deutschen Imkerbundes zeigen, dass die Stadtimkerwelle den deutschlandweiten Rückgang der Bienenvölker nicht ausgleichen kann. "Wir dürfen uns hier nicht mit ein paar Bienenstöcken eine heile Welt einrichten", erinnert deshalb Michael Gütt. "Wir müssen über die Entwicklung in der Landwirtschaft reden. So lange, bis sich was verändert."

Foto: Isabell Zipfel
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