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Geld sucht Land

Auch in Ostdeutschland wird fruchtbarer Boden mehr und mehr zum Spekulationsobjekt

Text: Jan Rübel / Fotos: Isabell Zipfel

Ein Gespenst geht um in Ostdeutschland, das "Landgrabbing", das bislang vor allem in Entwicklungsländern spukte. Doch auch in Brandenburg gehören bereits 15 Prozent des Agrarlands großen Investoren. Und das bedroht die Zukunft der Familienbetriebe.

Die Zahl der kleinbäuerlichen Betriebe nimmt in Ostdeutschland stetig ab, seitdem sich Finanzinvestoren auch für deutsches Ackerland interessieren. Foto: Isabell Zipfel
Die Zahl der kleinbäuerlichen Betriebe nimmt in Ostdeutschland stetig ab, seitdem sich Finanzinvestoren auch für deutsches Ackerland interessieren. Foto: Isabell Zipfel

So sieht nun die Zukunft Brandenburgs aus - zumindest im Sommer, unweit der polnischen Grenze: Alles flieht gen Himmel, Blätter und Stiele und Früchte. Kein Laut in dieser grünen gotischen Kathedrale auf grauem kaltem Grund. Soweit das Auge reicht in diesem kahlen Dickicht steht der Mais aufrecht in Dutzenden von Reihen, zwei Männer hoch.

Die Süßgräser lohnen sich. Seit Deutschland sich der Energiewende verschrieben hat, wandern sie zunehmend in Biogasanlagen; speichert der Mais doch so gut die Sonnenenergie. Getreide, Kartoffeln oder Rüben weichen ihm, der Tank schlägt den Teller, die Margen der in Strom umgewandelten Gase jene der Nahrungsproduktion. Brandenburg vermaist. Auch Grünland verschwindet dafür. Manche nennen dies die Renaissance der ländlichen Räume in Deutschland. Nur findet sie ohne die Menschen statt.

"Brauchst Du Geld?"

Zwanzig Kilometer östlich steht Udo Kutzke auf dem Acker und mustert das Stroh seines gemähten Hartweizens. Der Wind war gut hinein gefahren, der letzte Regenguss vergessen. "Kannst gleich die Ballen machen", spricht er ins Handy. Es ist Mitte August, Erntezeit im Oderbruch. Udo Kutzke, der mit seinem Vollbart und der einst blonden Mähne auch als Matrose auf hoher See durchginge, dirigiert einen 1200 Hektar großen Hof mit zwölf Angestellten. "Unseren Mais verfüttern wir", sagt er. Vieh ist dabei, und Raps und der gute Hartweizen für Nudeln. Udo Kutzke ist ein gefragter Mann. Deshalb auch dieser Anruf vor sechs Jahren.

Ein Mann aus Süddeutschland meldete sich, ein Industriemanager. "Der wollte sein Privatkapital bei mir parken, 3,4 Prozent Rendite gab er vor." Das Gespräch dauerte fünfzehn Minuten, Udo Kutzke lehnte ab. Hin und wieder wird ihm eine Telefonnummer zugesteckt, dazu die Frage: "Brauchst Du Geld?" Denn der Markt mit fruchtbarer Erde boomt.

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Noch leben manche Bauern vom privaten Verkauf selbstproduzierten Gemüses oder Geflügels.

Zwischen 2005 und 2011 erhöhten sich die Bodenpreise je Hektar von 8692 Euro auf 13.493 Euro. Da ist das gute Geschäft mit der Biomasse, kräftig subventioniert von den Technikern der Energiewende. Und da war die Finanzkrise, die Inflation, die Idee: Kapital in Land als sichere Anlage, die sich im Schatten steigenden Energie- und Nahrungsbedarfs strategisch positioniert. Doch der Hype erfasst kaum die klassischen Familienbetriebe; in Deutschland hat sich die Zahl der Höfe seit 1991 halbiert. Konzerne rücken nach.

Kaufen, was sie kriegen können

Udo Kutzke steigt in seinen blauen Nissan X-Trail, einige Felder sind heute noch abzufahren. "Die Konsortien kaufen auf, was sie kriegen können." Sobald ein Betrieb schwächelt, stehe ein Agent auf dem Hof. Die Investitionen werden von Brüssel subventioniert, rund 300 Euro fließen jährlich für jeden Hektar. So gelangen Millionen an Steuergeldern in die Kassen der neuen Agrarkapitalisten: KTG Agrar AG beackert in Ostdeutschland 31.000 Hektar, der Immobilienmillionär Jürgen Lindhorst verfügt über 25.000 Hektar, weiterer westdeutscher Geldadel wie die Familien hinter Fielmann, Remondis oder Dornier eilt hinterher. Zudem sammeln Fonds Geld zum Einstieg in das neue Investment. Zwar darf nur Land erwerben, wer eingetragener Landwirt ist. Aber: "Hier in der Region ist schon fast jeder Landwirt gefragt worden, ob er als Strohmann Land aufkauft", sagt Udo Kutzke. "Und mancher willigt ein."

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Mehr Geld lässt sich mit Energiepflanzen verdienen, zu denen auch zunehmend die Zuckerrübe zählt, aus der Bioethanol gewonnen wird.

Ein Gespenst geht um in Ostdeutschland, es ist das "Landgrabbing". Bisher spukte es nur in Afrika und anderen armen Regionen, wo Boden zum globalen Spekulationsobjekt verkommt mit meist schlimmen Folgen für die lokalen Bauern. Brandenburg unterscheidet sich von Botswana indes dadurch, dass sich der große Landtransfer im Rahmen des Rechtsstaats vollzieht. In Brandenburg gehören nach Schätzungen des Bauernbunds schon 15 Prozent des Agrarlands großen Investoren.

Landwirtschaft vom Tieflader aus

Landwirtschaft geschieht zunehmend vom Tieflader aus: Wenn Wanderarbeiter die Mähdrescher ausladen, die Felder abernten, ihre Maschinen wieder aufladen und mit den Trucks weiter durchs Land ziehen. Weder die Wertschöpfung noch der Gewinn bleiben mehr im Ort, das ganze Kulturleben stirbt, maisgrüne Ödnis bricht sich Bahn wie in den Weiten der USA. In einem Dorf habe ein Hahn zu krähen, sagt Udo Kutzke, eine Schule zu stehen, und eine Kneipe. All das hat er nicht mehr in seinem Dorf Küstrin-Kietz an der Grenze zu Polen. 

Die industrielle Landwirtschaft macht sich breit, auch mit bisher nicht absehbaren Folgen für die Umwelt: "Welche Beziehung zum Boden hat ein Aktionär? Weiß er, wie er riecht?", fragt Kutzke. Das Haar steht jetzt etwas wirr ab. "Ein Landwirt denkt immer in Generationen, versucht nicht, das Maximale aus dem Boden herauszuholen." Das könnte den nämlich auslaugen. Und ob die neuen Agrarspekulanten die Fruchtfolgen, den Anbau unterschiedlicher Pflanzen, einhalten, müsse sich erst zeigen. "Monokulturen stressen den Boden, züchten Krankheiten heran." Wechselnder Fruchtanbau dagegen hält die Erde intakt.

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Udo Kutzke, Leiter einer ehemaligen LPG, sieht die Entwicklung mit großer Skepsis.

Doch für die ortsansässigen Bauern wird es eng. In Udo Kutzkes Nachbarschaft haben sich unlängst zwei Bauern erfolglos um Land bemüht, sie verloren die Ausschreibung gegen Investoren. Die haben zwar oft keine Erfahrung in der Landwirtschaft, aber tiefe Taschen. Beim Bieten sind die Kräfte ungleich verteilt.

Wenn die Preise anziehen, haben die Bauern oft das Nachsehen. In Brandenburg bewirtschaften sie zu 75 Prozent gepachtete Stellen. Müssen sie mehr dafür zahlen, steigt der Druck auf die Ernte. Und Jungbauern kommen kaum zum Zug.

Auch Schäubles Schuld

Ein Anruf bei Johannes Erz, der 29-Jährige hat Landwirtschaft studiert und träumt vom eigenen Hof, gerade ist er auf der Autobahn irgendwo zwischen seiner alten Heimat bei Stuttgart und seiner neuen im brandenburgischen Friedensdorf. "Zehn Hektar würden uns reichen", sagt er, "wir würden uns auf Nischen wie Grünspargel, Beeren oder Obst konzentrieren". Dem Land täte diese Vielfalt gut, in Berlin würde man ihnen die Bioprodukte aus den Händen reißen. Doch Land wird meist in größeren Zellen verkauft, da haben es Einsteiger schwer. "Und bei den Preisen muss man sich schon fragen, ob sich traditionelle Landwirtschaft noch lohnt." Johannes Erz und seine Freundin Hanna Stiehler, ebenfalls studierte Landwirtin, gingen bislang jedenfalls leer aus. Nur zwei Kilometer von ihrem Ein-Hektar-Hof wurden vor einem Jahr 250 Hektar versteigert. "Man redet, dass die unter anderem an Investoren gegangen sind. Man weiß nie, wer dahinter steckt."

Das liegt auch an Wolfgang Schäuble. Es gäbe ja das Land. Rund 250.000 Hektar ostdeutsches Agrarland stehen bei der bundeseigenen Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG) zum Verkauf oder zur Pacht bereit, alles ehemals volkseigene Güter der DDR, die nach dem Fall der Mauer der Staat schlicht übernahm. Der Bundesfinanzminister pocht darauf, dass die BVVG nach Marktpreisen veräußert, der globale Trend der Bodenspekulation bringt so mehr Einnahmen. Es ist eine tragische Geschichte, bei der Viele Gutes wollen, eine Energiewende zum Beispiel, oder einen ausgeglichenen Etat, aber dies auf Kosten von Wiesen, des Landlebens und kleinbäuerlicher Eigeninitiative.

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Wo früher Vieh gehalten wurde, herrscht heute Leere.

Es kommt noch verrückter. Dieser schleichende, aber gewaltige Eingriff in die Kulturlandschaft schmiedet ungewöhnliche Allianzen. "Grüne und CDU unterstützen uns", sagt Johannes Erz, er hat eine Initiative gegründet - "Bauer sucht Land". Auf der anderen Seite stehen SPD und Linkspartei, während die FDP, wie immer, bei Agrarthemen keine Rolle spielt. Tatsächlich setzen sich CDU-Politiker wie der Bundestagsabgeordnete Hans-Georg von der Marwitz für eine Stärkung der Bauern am Ort ein. "Wir können es niemandem verbieten, in landwirtschaftliche Betriebe zu investieren oder mit ihnen zu spekulieren, um immer größere Einheiten zu schaffen", sagt er. "Aber müssen wir diese Konzentrationsentwicklungen auch noch mit Subventionen unterstützen?" 

Konservative und linke Umweltschützer setzen sich für eine "Degression" ein, für eine Senkung der EU-Agrarsubventionen ab einer gewissen Größe - und dass Investoren diese Gelder nicht bei mehreren Betrieben gleichzeitig kassieren können. Solch eine Kappungsgrenze verfolgte auch EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos. Doch gestoppt wurde er mitunter aus Deutschland.

Verkehrte Welt

Die frühere Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner stemmte sich im Brüsseler Ministerrat erfolgreich gegen die Degression. Man sägt doch nicht am Ast, auf dem man sitzt. Im brandenburgischen Ministerium für Landwirtschaft und Infrastruktur zuckt man beim Thema in den alten Reflexen. "Herr von der Marwitz ist Erbe der ostelbischen Junker", sagt Sprecher Jens-Uwe Schade. Und schiebt nach einer längeren Pause nach: "Und sollte deshalb wissen, dass die großen Strukturen mit den natürlichen Gegebenheiten der 'märkischen Streusandbüchse' zu tun haben." Die rot-rote Landeskoalition hat bei ihrer Politik vor allem die riesigen Einheiten der ehemaligen LPG-Betriebe aus DDR-Zeiten im Blick. "Wir sind gegen eine Degression, denn diese würde besonders größere Betriebe wie Agrargenossenschaften, die letztlich Mehrfamilienbetriebe sind, treffen." Dass damit auch die Investoren profitieren, nimmt man in Kauf. Verkehrte Welt in Brandenburg: Hier eine turbokapitalistische SPD und Linke, dort die konservativen Bremser von CDU und Grünen.

Foto: Isabell Zipfel
Foto: Isabell Zipfel

Auf den Äckern dominiert der Mais für die Biogasanlage. 

Auf Udo Kutzkes Hof schleppt ein Fendt einen Anhänger voller Dung für die Biogasanlage heran, zwei Mal 400 Kilowatt schafft sie. "Im Prinzip ist das ja eine gute Sache", sagt er und schaut aus seinem Büro heraus. "Nur sollten die Anlagen nicht überdimensioniert sein, sondern zu den Hofgrößen passen." Müde schaut er aus, die Ernte schlaucht. In seiner Familie waren sie alle Bauern gewesen, während der DDR in der LPG, dort hatte er sich zum Leiter hochgearbeitet, trotz fehlenden Parteiausweises. Nach der Wende machte er mit der LPG als Gesellschafter einfach weiter, hielt den Laden zusammen.

Keine Leidenschaft

"Die Entwicklung seitdem ist schon verrückt. Wir stehen gut da, aber um uns herum wird es einsam." Die Schreibtischwand schmückt ein Holzregal aus vergangenen Jahrzehnten, die Tapete gilbt vor sich hin. Die Zeit scheint still zu stehen. 

Sein Sohn will den Hof nicht übernehmen, keine Leidenschaft. Würde Udo Kutzke verkaufen, wäre er ein reicher Mann. "Aber mit dem Geld könnte ich gar nichts anfangen." Bald wird er den Hof übergeben, an einen jungen Nachbarbauern, "der tickt so wie ich". An den Ställen kräht ein Hahn. Geld? "Irgendwann, ein bisschen, wenn der Betrieb gut läuft. Das Geld ist auf dem Hof besser aufgehoben als unter meinem Kopfkissen."

Draußen steht ein Storch auf dem Acker, bewegt sich nicht. Er wartet auf den Pflug. Und auf die Mäuse, die dann springen.

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