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Den Seelen nahe

Armero - die "weiße Stadt" - ist Kolumbiens modernes Pompeji

Angelika Hornig (Text) / Antonio J. Bonilla (Fotos)

Im Herzen Kolumbiens, in der Provinz Tolima und 180 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bogotá, liegt Armero, das Pompeji Südamerikas. Die Stadt wurde vor dreißig Jahren durch einen Vulkanausbruch ausgelöscht und ist heute ein riesiger Massenfriedhof, wie Angelika Hornig und Antonio J. Bonilla bei einem Besuch feststellten.  

Mit Macht erobern sich die tropischen Pflanzen die Stadt zuru?ck. Foto: Antonio J. Bonilla
Mit Macht erobern sich die tropischen Pflanzen die Stadt zuru?ck. Foto: Antonio J. Bonilla

Blaues Hemd, ein Sombrero, Fernando Ramirez gibt sich cool, lehnt lässig an einem Baum, der ihn vor der tropischen Hitze schützt. Dennoch scheint er ein wenig verloren, hier, am Rande der Schnellstraße, die Bogotá mit der Stadt Manizales verbindet. Außer einer modernen Tankstelle ist auf den ersten Blick kein Gebäude zu sehen. Viele der großen Trucks rauschen vorbei, mit Glück halten einige PKW an. Das ist Ramirez Einsatz, er gerät in Bewegung, winkt mit einer bunten Hülle: Interesse an einer DVD? "Einige Jahre lang wollte die jeder haben. Wir hatten sogar Presseleute aus aller Welt hier in Armero. Dies ist eine Dokumentation des Untergangs meiner Stadt. Jetzt scheint man zu vergessen, dass alle Bewohner hier in einer einzigen Nacht starben."

Zwei Etagen verschüttet

Ein merkwürdiges Szenario ist erst auf den zweiten Blick zu entdecken. Ramirez steht gegenüber einer Ruine, langgestreckt wie ein Bungalow. "Das war einmal das modernste Krankenhaus der Region, es hatte drei Etagen. Nun liegt das obere Stockwerk auf dem Höhenniveau der Straße, der Rest wurde in jener Nacht verschüttet." 

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

Nur wenige Menschen konnten aus den oberen Stockwerken gerettet werden.

Landarbeiter Ramirez verdient gern ein paar Pesos als Touristenführer dazu und erzählt bereitwillig seine Geschichte. Von der Nacht des Infernos, vom 13. November 1983, in der er seine ganze Familie verlor. Und die der damals 15-Jährige nur überlebte, weil er Verwandte in einem höher gelegenen Nachbardorf besuchte. 

Schwefelgeruch am Abend

So wie alle der etwa einunddreißigtausend Bewohner wusste auch er, dass der Vulkan Nevado del Ruiz seit Monaten wieder aktiv war. Häufig bebte die Erde. Seismologen hatten düstere Prognosen gestellt, die unentschlossenen Behörden spielten jedoch die Gefahr herunter. "Wir haben alle schon länger gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war. Die Alten sagten, das Vieh werde krank, die Milch schmeckte uns nicht mehr. An jenem Abend roch es, wie schon öfter, nach Schwefel. Da haben wir uns einfach ein Taschentuch gegen den Gestank vor den Mund gehalten, so wie man es uns empfohlen hatte." 

Kurz vor Mitternacht brach die Hölle los. Die Eruption des 5270 Meter hohen Berges hatte die Schneekappe seines fast immer wolkenverhangenen Gipfels geschmolzen. Diese Wassermassen lösten eine Lawine aus Lava, Asche und Geröll los, und diese Schlammlawine, genannt "lahar", raste ungebremst durch ein Flussbett, breitete sich gigantisch aus und donnerte in die Stadt. 

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

Ein schlichtes Kreuz auf dem größten Massenfriedhof Südamerikas.

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

"Armero ist vom Erdboden verschwunden", fassungslos meldete dies ein kolumbianischer Pilot am anderen Morgen. Von der "Ciudad Blanca", der weißen Stadt, wegen ihrer getünchten Häuser im Kolonialstil so genannt, war nichts mehr zu sehen. Innerhalb von zwei Stunden waren sechsundzwanzigtausend Bewohner erstickt, ertrunken, zerquetscht. Fast alle hatte es im Schlaf überrascht. Noch in der Nacht begannen fieberhafte Rettungsaktionen, doch konnten nur wenige Menschen geborgen werden, fünftausend bleiben vermisst.

Mit blauer Schrift

"Natürlich habe ich lange Zeit gehofft, dass meine Eltern und Brüder zu den Vermissten gehören", sagt Ramirez auf dem Weg durch den Ort. Der erste Stopp ist sein Elternhaus, abseits der Hauptstraße. Auch davon ragt nur noch das obere Geschoss aus der Erde. Ein Gummibaum windet sich durch einen Mauerspalt, und eine Telefonnummer, mit blauer Schrift schräg an die Hauswand geschrieben, erinnert an die Verzweiflung, ist ein Hilferuf. Lange hat er gewartet, doch niemand rief an. "Irgendwann habe ich dann begriffen, dass alle tot sind."

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

Gegen das Vergessen verkauft Fernando Ramirez DVDs am Straßenrand.

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

Weiter geht es mit dem Jeep auf einer frisch geteerten Straße in den ehemaligen Mittelpunkt der Stadt. Ein "Denkmal für das Leben" steht hier, ein großes schlichtes Kreuz. Daneben Hinweistafeln, die fröhliche Menschen in belebten Straßen zeigen, vor der Katastrophe. "Wir trafen uns immer abends auf der Plaza. Musik, Imbiss- und Verkaufsstände, ein turbulenter Platz vor der Kirche, voller Leben", erinnert sich Ramirez wehmütig. Von der Kirche blieb lediglich eine geborstene Glocke übrig. Stille. Nur das Zirpen der Grillen, kein Windhauch. Rote Bougainvilleas, Korallenbäume und Engelstrompeten, wilde Lilien unter hohen Bäumen und grasende Kühe geben ein friedliches buntes Bild. 

Von Plünderern heimgesucht

Fast vergisst man: trotz der für Kolumbien typischen intensiven Farben, des blauen Himmels, all der unterschiedlich satten Grüntöne, ist die ganze Stadt kein Park, sondern ein Massenfriedhof, der größte der südamerikanischen Welt, 1987 von Papst Johannes Paul II. geweiht. Daneben individuelle Gräber, unzählige Kreuze, Gedenktafeln, manche mit Fotos versehen, Namen mit dem immer gleichen Todestag, dem 13. November 1985. Fast unheimlich öffnet sich das schwarze Loch einer Tür zum ehemaligen Safe der Bank des einst wohlhabenden Ortes, der vom Obst- und Baumwollanbau lebte. Das, was darin zu finden war, geplündert noch in der Nacht des Infernos. Was Fernando Ramirez bis heute empört: "Leichenfledderer und Plünderer trafen fast gleichzeitig mit den Rettungsmannschaften ein. Die einen zogen den Toten die Ringe von den Fingern, durchsuchten deren Taschen nach Geld und schleppten Mobiliar davon, die anderen bargen unter Einsatz des eigenen Lebens die wenigen Überlebenden aus dem Schlamm, der schnell erstarrte."

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

Unzählige Kreuze, Gedenktafeln, manche mit Fotos versehen, Namen mit dem immer gleichen Todestag, dem 13. November 1985.

Auf grasüberwachsenen Wegen geht es weiter zu einem besonderen Ort, dahin, wo Omayra Sanchez starb. Hinter einem kleinen bunten Laden mit Rosenkränzen und Heiligenbildchen liegt das mit frischen Blumen geschmückte Grab des Mädchens. Devotionalien, Spielsachen, eine Box mit Bittbriefen: Immer noch kommen Menschen hierher, um zu beten. Wenn auch nicht offiziell, so ist Omayra für die Kolumbianer eine Heilige. Allen ist das grauenhafte Schicksal der Dreizehnjährigen im Gedächtnis. Sechzig Stunden wartete sie in einem Wasser-Schlammloch. Gefangen, eingeklemmt zwischen Geröll, stehend auf einer Leiche, betete sie und hoffte, dass ihre Mutter, die zur Zeit des Unglücks in Bogotá war, käme. 

Presseleute und Geistliche standen ihr bei, versuchten ihr Mut zu machen. Im Fernsehen sah die Frau die Bilder ihrer Tochter, die durch die Weltpresse gingen. Ein erschütterndes Zeugnis des Versagens, denn kein Flugzeug schaffte die Mutter rechtzeitig herbei. Weder die notwendige Pumpe noch andere Hilfsmittel kamen früh genug an. Das Mädchen starb qualvoll an giftigen Gasen und Unterkühlung in diesem Loch, das heute eine Pilgerstätte ist.

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

Ramirez geht weiter, deutet auf eine grüne hügelige Landschaft etwas abseits. "Der unselige Teil unserer alten Stadt!" Er ist einer der wenigen, die sich hierher wagen: auf den alten Friedhof, der wie durch ein Wunder von der Gerölllawine verschont blieb und seitdem als verfluchter Ort gilt. Hier war der Teufel im Spiel, soviel ist sicher. Wie die meisten Kolumbianer, glaubt er fest an "brujas", Hexen und Dämonen und daran, dass sie besonders an Allerheiligen, der Nacht, an der sich die Grenze zwischen hier und dort öffnet, Macht erlangen. 

Magischer Ort

Im Sonnenlicht, bei 34 Grad Hitze, verliert der Ort an Magie. Dennoch - Menschenschädel mit Kerzenstummeln zeugen von okkulten Messen, die selbsternannte Magier und Hexen hier abhalten. Alle Gräber sind geschändet, geplündert. Menschenknochen bilden eine kostbare Grundlage für allerlei Pülverchen und Zaubereien. Obschon gläubige Katholiken, rückversichern sich immer noch viele Südamerikaner in abergläubischen Zeremonien: Doppelt hält besser.

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

Ein Wallfahrtsort ist das Grab von Omyra Sanchez, die in einem Schlammloch den Tod fand.

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

Fototafeln erinnern an den Untergang Armeros und an das Leben davor.

Er kickt mit der Stiefelspitze an den Körper einer toten Beutelratte: "Nicht einmal sie finden hier Frieden." Zwar zeigt der Nager deutliche Bissspuren, die auf einen Kampf hinweisen, doch dass sie ein Opfer der Kämpfe zwischen Dämonen und den Tieren der Nacht sei, davon ist Fernando überzeugt. Wie zur Bekräftigung huscht ein Skorpion über einen Grabstein.

Am alten Portal des Friedhofes hockt eine ausgemergelte Gestalt. Mann oder Frau? "Una loca" - eine Verrückte, flüstert Ramirez und bekreuzigt sich. Sie trägt einen Plastikhandschuh beim Betteln. Nicht berühren ... wovon lebt sie? Ist sie vielleicht eine Hexe?

Zurück zur Hauptstraße geht es über holprige Wege. Überall das gleiche Bild: Die Natur erobert den Ort zurück, Wurzeln drängen sich aus Mauern, Büsche ranken aus Fensterlöchern und lassen die graue Lava, die Spuren von Feuer und Schlamm verschwinden. In einigen Jahren wird von Armero nicht mehr viel zu sehen sein. Ein grünes Tal wie alle anderen in der Provinz Tolima.

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