zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Konspiration am Küchentisch

Die Kirchengemeinde Dahlem pflegt ein ungewöhnliches Erbe

Jürgen Wandel (Text) / Rolf Zöllner (Fotos)

Der Berliner Ortsteil Dahlem dürfte vor allem als Villenviertel und Standort der Freien Universität bekannt sein. Dabei ist dort in der Nazizeit Bedeutendes passiert. Jürgen Wandel ist auf Spurensuche gegangen.

Der 1913 erbaute U-Bahnhof Dahlem-Dorf sieht wie ein norddeutsches Bauernhaus aus, Wände aus Fachwerk, reetgedecktes Dach. Wer ihn verlässt, erblickt auf der linken Straßenseite ein ebenerdiges weißes Gebäude, den Dorfkrug, und schräg gegenüber eine Kirche. Sie ist der Heiligen Anna geweiht, der Großmutter Jesu. Das um 1300 erbaute Gotteshaus, gekrönt von einem Holztürmchen, ist mit seinen Mauern aus Feld- und Backsteinen eine typische brandenburgische Dorfkirche.
Wer in der Annenkirche predigt, muss, bevor er die 1679 eingebaute Kanzel besteigt, eine Tür öffnen, auf der Jeremia 1, 8 steht: „Fürchte dich nicht für ihnen. Denn ich bin bey dir.“ Dass das nicht nur ein frommer Spruch ist, zeigt sich am frühen Abend des 8. August 1937: „Mehrere hundert“ Frauen und Männer (so ein Augenzeugenbericht) wollen an diesem Sonntag in der Kirche einen Fürbittgottesdienst für Martin Niemöller halten, den geschäftsführenden Pfarrer der Dahlemer Gemeinde.

Renitente Protestanten

Das NS-Regime hatte ihn wegen „Kanzelmissbrauch“ verhaften und vor Gericht stellen lassen. Niemöller erhielt nur eine milde Strafe und konnte das Gericht als freier Mann verlassen, wurde aber auf Anordnung Hitlers sofort ins KZ verschleppt und acht Jahre, bis zur Befreiung Deutschlands vom Nazismus, festgehalten.

Weil die Polizei an jenem Sonntagabend die Annenkirche abriegelt, halten Niemöllers Unterstützer den Fürbittgottesdienst auf der Straße. Jemand stimmt den Lutherchoral „Ein feste Burg ist unser Gott“ an, und alle fallen ein. Die letzte Zeile der letzten Strophe, „das Reich muss uns doch bleiben“, verstehen die Polizisten vielleicht als Angriff auf das „Dritte Reich“. Jedenfalls nehmen sie sofort diejenigen fest, die an der Kirchhofmauer stehen. Die Demonstranten singen den Lutherchoral „Erhalt uns Herr, bei Deinem Wort, und steure deiner Feinde Mord“, sprechen miteinander das Apostolische Glaubensbekenntnis und das Vaterunser. Inzwischen sind Lastwagen der Polizei eingetroffen, um die Festgesetzten zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz zu transportieren.
Das dörfliche Ambiente, das auch heute noch die Gegend um die Annenkirche prägt, erweckt einen falschen Eindruck. Ab 1901 ließen sich in Dahlem Offiziere, höhere Beamte und Wissenschaftler nieder. 1910 errichtete die Kirchengemeinde neben der Annenkirche ein Pfarrhaus im englischen Landhausstil, geplant von dem Architekten Heinrich Straumer (1876-1937), der später den Berliner Funkturm entwarf. Und zwischen 1930 und 1932 wurde die Jesus-Christus-Kirche gebaut, weil die Kirchengemeinde auf 12.000 Mitglieder angewachsen und die Annenkirche zu klein geworden war. Mit einem jährlichen Kirchensteueraufkommen von rund 800.000 Reichsmark war Dahlem eine der reichsten Gemeinden der preußischen Landeskirche, die vom Rhein bis an die Memel reichte.
1931 bezog Martin Niemöller (1892-1984) mit seiner Familie das Pfarrhaus an der Annenkirche. Heute trägt es seinen Namen, beherbergt eine Ausstellung über die Bekennende Kirche in Dahlem und Räume für Seminare und Vorträge.

Cornelia Kulawick (49), die seit vier Jahren Pfarrerin in Dahlem ist, empfängt den Reporter von zeitzeichen in einem Erker der früheren Pfarrhausküche, deren Einrichtung zum Teil noch erhalten ist. Von hier aus konnte man beobachten, was sich auf der Straße abspielte und hoffen, dass die Gestapo wegen der Küchengeräusche nicht abhören konnte, was gesprochen wurde. Jedenfalls wurde in dem Raum die Gründung des Pfarrernotbundes vorbereitet. Zuvor, am 5. September 1933, hatte die von den nazistischen „Deutschen Christen“ (DC) dominierte preußische Landessynode in der Kirche den „Arierparagraphen“ eingeführt. Danach sollten Pfarrer entlassen werden, wenn ihre Eltern oder ein Großelternteil „nichtarisch“ waren. Der Pfarrernotbund erkärte, die „Anwendung des Arierparagraphen im Raum der Kirche“ verletze das Bekenntnis. Man beachte den Zusatz „im Raum der Kirche“. So protestierten der Pfarrernotbund und die aus ihm erwachsende Bekennende Kirche (BK) nicht gegen den Arierparagraphen im Raum des Staates.

U-Boot-Kommandant

Niemöller, der im Ersten Weltkrieg U-Boot-Kommandant gewesen war und in der Weimarer Republik nsdap gewählt hatte, war kein rabiater Antisemit wie die Nazis. Aber in seinen „Sätzen zur Arierfrage in der Kirche“ vom 2. November 1933 behauptete er, dass „wir als Volk unter dem Einfluss des jüdischen Volkes schwer zu tragen gehabt haben“. Auch wenn Niemöller - anders als die DC - an seinen „nichtarischen“ Pfarrkollegen festhielt und sie unterstützte, forderte er von ihnen den Verzicht auf Leitungsämter, „damit kein Ärgernis gegeben wird“.
Bei den von Hitler angeordneten Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 hatten die „Deutschen Christen“ durch die massive Unterstützung des NS-Regimes in den meisten Gremien die Mehrheit errungen. Der Gemeindekirchenrat (GKR) Dahlem zählte zu den Ausnahmen. Die drei Pfarrer und drei der fünf Gemeindekirchenräte gehörten zur Bekennenden Kirche. Dies und die überregionale Bedeutung Martin Niemöllers führten dazu, dass die BK am 19. und 20. Oktober 1934 eine Synode in Dahlem abhielt. Sie begann mit einem Gottesdienst in der Annenkirche und tagte im Gemeindehaus gegenüber. Die Synode wählte als „rechtmäßige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche“ einen „Rat“, dem auch Niemöller und Karl Barth angehörten.

Ab 1935 änderte das NS-Regime seine Kirchenpolitik. Es versuchte nicht mehr, die evangelische Kirche indirekt durch die DC in den Griff zu bekommen, sondern direkt, unter anderem durch staatliche Finanzabteilungen bei den Konsistorien. Wer ihnen Kirchensteuern vorenthielt, leistete nicht mehr nur Widerstand gegen eine bestimmte kirchenpolitische Gruppe, die DC, sondern gegen den Staat. Und davor schreckten viele Anhänger der Bekennenden Kirche zurück. Ein anderer Teil der BK hielt dagegen an dem Anspruch fest, die rechtmäßige evangelische Kirche zu sein.
Weil der GKR Dahlem mit dem regimehörigen Konsistorium der Provinz Brandenburg zusammenarbeitete, bildete sich unter dem Dach der Kirchengemeinde eine Bekenntnisgemeinde. Ihre Angehörigen kamen aus dem Kreis derer, die in der Annenkirche jeden Abend einen Fürbittgottesdienst für die inhaftierten Mitglieder der BK hielten. Sie baten Helmut Gollwitzer, der für die Theologenausbildung der BK zuständig war, den eingekerkerten Martin Niemöller zu vertreten, was auch dessen Wunsch entsprach. Obwohl der Dahlemer GKR Gollwitzer nur die Erteilung des Konfirmationsunterrichts erlaubte, leitete er Gottesdienste. Sein Gehalt brachten die Mitglieder der Bekenntnisgemeinde auf.
Zu ihnen gehörten auch Adolf und Elsa Freudenberg und ihre Kinder. Der Vater hatte 1934 den diplomatischen Dienst verlassen und ein Studium der Theologie aufgenommen. Seine Tochter Jutta Frost (93) erzählt dem Reporter, dass ihr Nazilehrer am 10. November 1938 gesagt hat, in der Nacht (die heute Reichspogromnacht genannt wird), sei „etwas Schönes“ passiert. Als die zwölfjährige Jutta das ihrer Mutter erzählt, berichtet diese, dass sie beim Einkaufen auf dem Kurfürstendamm eingeschlagene Schaufenster gesehen hat. Und sie vertraut der Tochter an, dass im Keller ein jüdischer Mann mit einem Kind versteckt ist, und schärft ihr ein, ihrem kleinen Bruder nichts davon zu erzählen.

Bayerische Küchenlieder

Die Freudenbergs waren mit den Niemöllers und mit Helmut Gollwitzer befreundet. Der habe mit ihnen oft „rumgealbert“ und „bayerische Küchenlieder gesungen“, erinnert sich Jutta Frost. 1951 heiratete ihn ihre vier Jahre ältere Schwester Brigitte.

Am 16. November 1938, dem Buß- und Bettag, thematisiert Gollwitzer in der Predigt die Ereignisse des 9. November: „Es wäre vielleicht das Richtigste, wir würden nicht singen, nicht beten, nicht reden. Wir sind mitverhaftet in die große Schuld, dass wir schamrot werden müssen, wie biedere Menschen sich auf einmal in grausame Bestien verwandeln. Wir sind alle daran beteiligt, der eine durch Feigheit, der andere durch Bequemlichkeit, die allem aus dem Wege geht, durch das Vorübergehen, das Schweigen, das Augenzumachen, durch die Trägheit des Herzens, durch die verfluchte Vorsicht.“
Gollwitzer richtet in Dahlem einen „Dogmatischen Arbeitskreis“ ein und liest mit Nichttheologen Karl Barths Kirchliche Dogmatik. Zu ihnen gehören der Jurist Franz Kaufmann (1886-1944) und einige Frauen. Sie verstecken Juden und versorgen sie mit gefälschten Lebensmittelkarten und Pässen.
Die Nazis hatten den Protestanten Franz Kaufmann wegen seiner Herkunft zum „Volljuden“ gemacht, aber nicht deportiert, weil er mit einer „Arierin“ verheiratet war und ein Kind hatte. Als die Unterstützung untergetauchter Juden aufflog, wurde er aber als „Nichtarier“ ins KZ Sachsenhausen verschleppt und ermordet, während seine „arischen“ Helferinnen mit Gefängnistrafen relativ glimpflich davonkamen. Der „Kaufmannkreis“ bestand wie die Bekenntnisgemeinde vor allem aus Frauen. Sie hielten brieflich Kontakt zu Pfarrer Gollwitzer, nachdem der 1940 aus Berlin ausgewiesen und zur Wehrmacht eingezogen worden war.

Engagierte Laien

Ein Kennzeichen der Bekennenden Kirche waren mündige, engagierte Laien. Und die gibt es in Dahlem auch heute: Ehrenamtliche engagieren sich in der Konfirmandenarbeit. Zuvor gehörten sie oft selber zu den achtzig Jugendlichen, die jedes Jahr konfirmiert werden. Als 2015 in einer Turnhalle gegenüber dem Gemeindehaus Flüchtlinge untergebracht wurden, waren Ärzte und Schwestern zur Stelle. Dann gründeten sie den Verein „Medizin hilft“ (http://medizin-hilft.org). Mit einer Praxis im benachbarten Zehlendorf hilft er Flüchtlingen und Deutschen, die aus dem Gesundheitssystem rausfallen.

Zur Geschichte der Dahlemer Gemeinde, die heute 6.000 Mitglieder zählt, passt auch, dass Frauen die beiden Pfarrämter innehaben. Eine von ihnen ist Cornelia Kulawik. 1988 begann sie ihr Studium am Theologischen Seminar Leipzig, das wie die Kirchlichen Hochschulen der BK staatsfern war. Am 9. Oktober 1989 marschierte sie mit 70.000 Demonstranten, „Wir sind das Volk“ skandierend, über den Ring, ohne zu wissen, wie das SED-Regime reagieren würde. Diese Demonstration war auch eine Frucht der Friedensandachten in der Nikolaikirche, die Kulawik besucht hatte. Damals hat sich ihr die Erkenntnis eingeprägt, dass die Kirche „auch als Minderheit etwas bewirken kann“, wenn sie in einer bestimmten Situation „die richtigen Dinge sagt und tut“.
Das Bewusstsein dafür soll auch die Arbeit im Martin-Niemöller-Haus schärfen. Als Pfarrerin Kulawik bei einem Geburtstagsbesuch erwähnte, dass das Haus einen Leiter benötige, der die ehrenamtlich Tätigen unterstützt, versprach das Geburtstagskind, für fünf Jahre eine hauptamtliche Stelle zu finanzieren. Diese hat der Historiker Arno Helwig inne. Der 34-Jährige betrachtet das historische Erbe der Kirchengemeinde als „Schatz“, der gepflegt werden muss, und möchte gleichzeitig jüngeren Besuchern nahebringen, wie wichtig „Zivilcourage“ ist, zum Beispiel, wenn Mitschüler gemobbt werden.
Auf dem Friedhof neben dem Niemöllerhaus, im Schatten der Annenkirche, sind Helmut Gollwitzer (1908-1993) und andere Frauen und Männer begraben, die praktiziert haben, was das Barmer Bekenntnis von 1934 betont, dass Christen in allen Lebensbereichen „Jesus Christus zu eigen“ sind und nicht „anderen Herren“.

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