Gespalten

Das verstörende Porträt eines frommen Massenmörders
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Der nachdenkliche Versuch, die problematische Existenz eines Menschen differenziert zu analysieren, der als frommer Mann Waisenkinder vor rassistischen Pogromen schützte - und die Massentötung psychisch kranker Menschen unterstützte.

Ich habe selten ein Buch gelesen, das mich so aufgewühlt hat wie dieses: der Bericht des Kölner Theologen und Historikers über den frommen, hilfsbereiten Betreuer kleiner, armer Waisenkinder - und mitleidlosen Vernichter kleiner, armer, kranker Kinder und Erwachsener. Es ist nicht nur ein Bericht, sondern der nachdenkliche Versuch, die problematische Existenz dieses Menschen differenziert zu analysieren.

Friedrich Tillmann wuchs in enger Bindung an die katholische Kirche auf, die Treue zur Religion war ihm ein Leben lang wichtig. Gleichzeitig war er von Anfang an für völkisch-nationalistische Gedanken aufgeschlossen. Er stieg zum "Gau­führer" der Schilljugend auf, die ein rechtsradikaler Freikorpsführer und Teilnehmer am Hitlerputsch 1923 gegründet hatte.

Katholisch und völkisch-nationalistisch

Als die Nationalsozialisten 1933 mit Unterstützung durch ihre konservativen Bündnispartner und die Zustimmung des Zentrums die Macht gewannen und als auch die katholischen Bischöfe ihre bisherigen Verbote zurücknahmen, der NSDAP beizutreten, als insgesamt die großen Volkskirchen den pseudochristlichen Sirenenklängen Hitlers erlagen und ihre anfängliche Distanz zum "Neuen Staat" aufgaben und mehrheitlich in Jubel ausbrachen, da trat auch der kleine Angestellte Tillmann in Köln der NSDAP bei.

Schnell wird er nun auch aufgrund seiner Erfahrungen in der Jugendarbeit zum Städtischen Waisenhausdirektor ernannt. Hier sorgt er in den nächsten Jahren verantwortungsvoll und kompetent für seine Zöglinge. Er ist bei den Kindern, den Pflegekräften, meist Nonnen, und den anderen Angestellten der Kölner Waisenhäuser wegen seiner freundlichen Art sehr beliebt - allerdings nicht im­mer bei der Partei, der er angehört. Denn er ist ja nach wie vor ein frommer Katholik: Er bewahrt nicht nur seine Häuser vor der stets drohenden Übernahme durch die NS-Volkswohlfahrt, beschützt nicht nur seine Nonnen und sorgt dafür, dass die Kruzifixe an den Wänden hängen bleiben, sondern zeigt auch seine Abwehr der Rassenpogrome, indem er "halbjüdische" und farbige Wai­senkinder schützt. Verwarnungen sei­ner Partei nimmt er tapfer in Kauf. So weit, so gut. Wenn es dabei geblieben wäre ...

Schmidt schildert dieses Milieu eines braven Deutschen in der Zeit der braunen Willkür sehr subtil: Tillmann repräsentiert in seiner Existenz den begeisterten und anpassungsbereiten Untertanen und Parteigenossen, der zugleich als frommer Katholik zu einer gewissen Widersetzlichkeit bereit ist.

Milieu eines braven Deutschen

Dann aber kommt die katastrophale Chance, zusätzlich zu seinem Hauptamt als Direktor der Kölner Waisenhäuser einen Posten in Berlin, in der Nähe des "Führers", zu gewinnen. Er lässt sich von alten Freunden anwerben, in der "Euthanasie"-Zentrale bei der "Aktion T 4" als Büroleiter mitzuwirken, der die Organisation der Massentötungen psychisch kranker Menschen zu verbessern hat. Sein Ehrgeiz ist geweckt. Er kann hier sein großes Organisationstalent bewähren.

Er schafft in allen Tötungsanstalten Standesämter, die die Tötungen amtlich dokumentieren und in denen auch die Trostbriefe formuliert werden, die den Angehörigen die Gründe mitteilen, die angeblich zum Tod geführt haben. Tillmann besucht die Tötungsanstalten, um die Durchführung seiner Anweisungen zu kontrollieren, und ist auch bei einer Vergasung in Hartheim mitleidloser Augenzeuge, als er durch eine Glasscheibe die sich in ihrer Todesnot aneinander klammernden Menschen betrachtet.

Er wusste also genau, was er tat - dieser einfühlsame und liebevolle fromme Mann. Offenbar hatte er die nationalsozialistischen Normen verinnerlicht, und er konnte sie wohl auch noch christlich begründen, mit seinem Mitleid mit den armen Kranken, denen er auf Befehl des "Führers" den "Gnadentod" gewährt habe. Klaus Schmidt hat dieses Leben eines gespaltenen Menschen in einer tiefgreifenden Problemanalyse dargestellt. Man kann nur wünschen, dass sie viele Leser findet.

Klaus Schmidt: Ich habe aus Mitleid ­gehandelt. Der Kölner Waisenhaus­direktor und NS-"Euthanasie"-Beauftragte Friedrich ­Tillmann (1903-1964). Metropol Verlag, Berlin 2010, 223 Seiten, Euro 19,-.

Günther van Norden

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