Es weihnachtet sehr

Das Bedürfnis nach Wurzeln
Was nur bringt erwachsene Menschen dazu, auf einmal diese große Sehnsucht zu entwickeln, bloß weil ein Fest ansteht? Eigentlich sind doch alle genervt. Und doch: Die Stimme des Herzens sagt: Ich möchte Weihnachten zu Hause sein.

Was nur bringt erwachsene Menschen dazu, auf einmal diese große Sehnsucht zu entwickeln, bloß weil ein Fest ansteht? Da wird eingekauft, ver­steckt, das Haus dekoriert, ein Speiseplan erstellt, die lang ersehnte Heimreise geplant. Eigentlich sind wir doch alle genervt von Weihnachten. "Driving home for Christmas" dudelt uns all­überall aus den Lautsprechern an. Wir sind abgeklärt, wollen uns dem entziehen. Geht es doch darum, sich zu besinnen auf die wirklichen Fragen und Werte von Weihnachten, sagt die Stimme der Vernunft. Und die Stimme des Herzens sagt: Ich möchte Weihnachten zuhause sein.

Advent und Weihnachten rühren tiefe Gefühle an. Da ist die Sehnsucht nach Heimat: Ich möchte mich verwurzeln, wissen, wohin ich gehöre. Da ist die Sehnsucht nach Liebe: Ich wäre gern zusammen mit Menschen, die mich annehmen, wie ich bin. Da ist die Sehnsucht nach Sinn: Mein Leben soll nicht einfach nur ein genetischer Zufall sein. Pfarrerinnen und Pfarrer allüberall im Land werden lange darüber nachdenken, wie sie den richtigen Ton treffen können, die christliche Botschaft weiterzugeben und die Gefühle der Menschen ernst zu nehmen.

Verwurzelt sein

Ich weiß, Advent und Weihnachten sind vollkommen überladen von Kitsch, Konsum und Ablenkung. Aber sie treffen ein Gefühl. Warum denn nehmen diejenigen, die all dem entfliehen wollen, einen Weihnachtsbaum mit an Bord ei­nes Flugzeugs, das sie in Regionen bringt, wo Wachskerzen schmelzen? Es geht letzten Endes um diese tiefe Sehnsucht nach Leben und Beheimatung.

Die Geschichte von Josef und Maria und dem Kind ist eine wunderbare Erzählung des Evangelisten Lukas. Die Frage nach dieser besonderen Geburt wurde erst nach den Erlebnissen der Kreuzigung Jesu interessant. Und so wurde die Geschichte aufgeschrieben, Jahre nachdem Jesus gestorben war und die Jüngerinnen und Jünger die Erfahrung machten: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Sie ist so eindrücklich, weil sie zeigt: Mitten im Chaos deines Lebens, inmitten von Fragen, die ohne Antwort bleiben, ist die Liebe zwischen Menschen, so fehlerhaft, unsicher, wenig präsentabel sie sein mag, die wichtigste Erfahrung im Leben.

Ich denke an eine Taxifahrt in Atlanta. Der Fahrer ist zunächst muffig, seine Herkunft kann ich nicht erraten. Und dann beginnt er zu reden. Über Haiti. Die Hoffnungen, die er sich gemacht hatte, als Aristide, ein katholischer Priester, zum Präsidenten gewählt wurde. Plötzlich sagt dieser Taxifahrer: "Aber ich habe gelernt: Wir dürfen unsere Hoffnung nicht auf Menschen setzen, sondern nur auf Jesus." Ich erwarte eine fundamentalistische Predigt. Aber er fährt fort: "Jesus hat Frieden gepredigt. Und wenn wir Christen so leben würden, dann würde es doch Frieden geben auf der Welt. Dann gäbe es keine Waffenexporte mehr, wir Amerikaner würden keine Kriege führen und der Verrat am Friedenszeugnis des Jesus von Nazareth hätte ein Ende."

Mitten im Chaos deines Lebens

Das ist Evangelium pur. Martin Luther sagte von sich selbst, er sei ein Weihnachtschrist. Da kann ich nur einstimmen. Die Botschaft des "Friede auf Erden", wie der Taxifahrer sie sieht, und die Sehnsucht nach Liebe, wie sie im Bild von Josef, Maria und dem Kind ausgedrückt wird - das ist eine Kombination, die immer wieder Berge versetzt hat.

Margot Käßmann

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