Und das alles für die Mensur

Rohrmasse und Richtwerte - wie mit traditioneller Handwerkskunst eine Posaune entsteht
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In der Advents- und Weihnachtszeit hat sie wieder ihren großen Auftritt - die Posaune. Ein Besuch in der Manufaktur Lätzsch-Brass in Bremen, wo aus hochwertigen Materialien maßgeschneiderte Instrumente gefertigt werden.

Der Begriff "Blechblasinstrument" klingt plötzlich schnöde, wenn man ihr das erste Mal begegnet: Sie glänzt in brillanten Goldmessing- und Neusilbertönen, ihr Rohrwerk ist kunstvoll im Detail geformt, sie schwingt sich auf vom Pianissimo in alles übertönende Lagen. Seit Jahrhunderten macht das "Flächengold" in Häusern und Kirchen, auf Straßen und Plätzen die Advents- und Weihnachtszeit zum festlichen Erlebnis. Wenn "Tochter Zion", "Macht hoch die Tür" oder "Stille Nacht" ertönen, dann hat sie ihren majestätischen Auftritt: die Posaune. Doch wie entstehen diese filigranen Instrumente aus meterlangen, s-förmig gebogenen Rohren und Schallbechern?

Gefühl, Augenmaß - und Kraft

Hans-Hermann Nienaber von der Fir­ma Lätzsch-Brass muss es wissen, hier wird in Handarbeit maßgeschneidert. Die Ma­nufaktur des Metallinstrumentenbauer-Meisters - im Blaumann, schwarzes Hemd, barfuss in Birkenstock, Kurzhaarschnitt - liegt im Bremer "Viertel" in einem traditionsreichen Handwerkerhaus. In der Werkstatt präsentiert sich dem Besucher ein Konvolut aus Regalen voller Rohrstücke, Schachteln mit Kleinteilen und Werkzeugen wie Krummschaber, Hämmer und Feilen. An den Wänden lange Reihen von Instrumenten und Fragmenten, schwere Schraubstöcke ragen aus dem scheinbaren Chaos der Arbeitsplatten.

An diesem Montag bereitet der 59-Jährige das Rohrwerk für eine neue Bassposaune vor. Einige 17mm-Rohrteile müssen für die Mensur (das Maßverhältnis des tonerzeugenden Systems) noch bearbeitet und konisch in die Länge "gezogen" werden. Dazu führt Nienaber das Rohrstück durch ein massives Locheisen im Schraubstock. Solange zieht und dreht er das Rohr, bis das Metall die gewünschten Maße hat. Hier zählen nicht nur Gefühl und Augenmaß: Beim Ziehen ist viel Kraft gefordert.

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Ausgestreckt wäre das Hauptrohr dieser Bassposaune 2,70 Meter lang. Deshalb muss es durch eine Vielzahl von Bögen auf ein handliches Maß gebracht werden. Dafür hat Assistent Sven Hartwig nebenan in der so genannten Bleiküche Rohrstücke für spätere Bögen mit flüssigem Blei gefüllt. Der Füllstoff soll beim Biegen der Rohre ein Knicken des dünnwandigen Materials verhindern.

Den Bogen raus haben

Für einen Bogen biegt Nienaber das bleigefüllte Rohrstück über einem Stahlzylinder an der Drehbank zu einem U; danach geht es weiter an den Schraubstock. In einer eingespannten Bleiform wird das Teil immer wieder gepresst, bis es den Bogen "raus" hat. Danach folgt das Glätten mit gekonnten Schlägen eines kleinen Hammers.

Noch nicht vollkommen ist bis jetzt der Innendurchmesser des Rohres, das "Kaliber". Dafür wird der Bogen wieder vom Blei befreit, die Füllung erhitzt und ausgegossen. Jetzt kommt das Kalibriergerät zum Einsatz. Mit Druckluft schießt es Stahlbolzen in verschiedenen Größen durch das Rohr, solange, bis das Innere geglättet ist und das gewünschte Kaliber aufweist.

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An diesem Vormittag werden auf diese Weise acht verschiedene Elemente für die zukünftige Posaune kalibriert. Posaunenbau heißt Rohre sammeln, biegen, löten, feilen, schleifen, polieren - erste Feilgeräusche im Hintergrund kündigen an, dass die verrußten Werkstücke bald in ihrem vollem Glanz erstrahlen. Einzig den Schallbecher, einen speziellen Zuschnitt, lässt Nienaber nach eigenen Vorgaben zuliefern. Alles andere entsteht in Handarbeit vor Ort.

Rohre sammeln, biegen, löten, feilen, schleifen, polieren

Warum nun ist eine handgefertigte Posaune besser als eine aus Industrieproduktion? Hans-Hermann Nienaber hält inne und kräuselt die Stirn. Es fällt dem zurückhaltenden Mann schwer, seine Arbeit zu bewerten, gar zu loben. "Eine Posaune sollte den ganz persönlichen Wünschen des Spielers entsprechen", sagt er. Und erwähnt wie nebenbei, dass er kürzlich einem Contergangeschädigten, dem eine Hand fehlte, ein Instrument nach Maß gebaut hat. "Jeder, der sich so ein Instrument kauft, kann damit ein Leben lang auskommen", ergänzt er. Und räumt mit einem Vorurteil auf: "Ein gutes Blechblasinstrument kann man nicht verblasen. Die Posaune verändert sich nur, wenn sie nicht regelmäßig gereinigt und gepflegt wird."

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Die entsprechenden Schäden demonstriert Ronny Hübner, seit 35 Jahren Instrumentenbauer in der Werkstatt Lätzsch: „Es fängt an mit kleinen roten Punkten und endet in großen Löchern. Wenn Speichel und Kondensat im Instrument verbleiben, können sie eintrocknen und eine Kalkschicht bilden.“ „Entzinkung“ nennt der Fachmann diese Korrosionsart, die bei Instrumenten aus Gelbmessing zu Löchern führt. Und: „Dabei helfen schon ein paar Tropfen Öl gleich nach dem Blasen, um das gute Stück in Form zu halten.“

Die Posaune - wenig hat sich an diesem Instrument verändert, seit es laut Quellen 1468 am Hof von Burgund erstmals auftauchte. Über fünf Jahrhunderte baute man die Posaune mit dem Stimmauszug, in jüngster Zeit auch mit Ventilen zur leichteren Handhabung. Die Bauweise geht ursprünglich auf ein anderes Instrument zurück: Der zylindrische Rohrverlauf und die Verwendung eines Kesselmundstücks weisen die Posaune eindeutig als Mitglied der Trompetenfamilie aus.

Biblisches Instrument

Mit ihrer Präsenz und Signalwirkung findet die vermeintliche Posaune schon in biblischen Zeiten Erwähnung. So im Alten und Neuen Testament immer dann, wenn ein klangstarkes Instrument zum Einsatz kommt. Wie etwa in der Offenbarung, in der die Stimme Gottes als ein "Posaunenton" beschrieben wird. Und nicht zu vergessen die "Posaunen" von Jericho, die eine ganze Stadt zum Einsturz gebracht haben sollen. Oder die "Posaunen", die die sieben Plagen auslösten.

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Zweifellos tönten in biblischen Zeiten keine Zugposaunen, sondern das Widderhorn Shofar oder eine lange, schlanke Metalltrompete, Bucina genannt. Im Mittelalter entwickelte sich die Busine, danach die Pusune, schließlich die Zugposaune. Martin Luther wählte also zu seiner Zeit ein sehr modernes, gerade erst erschaffenes Instrument, um in seiner Bibelübersetzung einen mächtigen Klang zu beschreiben.

Nach 1500 hält die von ihm benannte Posaune als maßgebliches Metallblasinstrument ihren Einzug in die Kirchenmusik. Dass sich fortan seine "Posaunenengel" in den Sprachgebrauch einprägten, konnte der Reformator nicht ahnen. Doch wundert es nicht, dass die Maler und Bildschnitzer ihren "Engeln" an Altären, Portalen oder als Bekrönung der Orgeln ein Instrument mit so starker Symbolkraft in die Hände gaben.

"Mobile Allwetterorgeln"

Die Anfänge der heutigen Posaunenchorarbeit liegen in der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts. "Mobile Allwetterorgeln" nannte man sie, wenn sie bei Zeltmissionen oder Freiluftgottesdiensten Choräle bliesen. Auch das ist längst Geschichte.

Zurück in der Werkstatt: Zum Rohrgewerk addieren sich unzählige Präzisionsteile wie Ventile, Schubstangen und das Mundstück, alles ist einzeln handgefertigt und verlötet.

Meister Nienaber gestattet einen Blick ins Allerheiligste, in den Schrank mit den Ventilen: Je nach Bauart besitzen Posaunen neben dem Zugrohr Ventile zur Veränderung der Stimmlage. Das Besondere: Selbst die Ventile sind bei einer Lätzsch-Posaune handgefertigt. Sie bestehen aus Karbon und nicht mehr aus Metall, sind also leichter und widerstandsfähiger im Gebrauch. Für ein Instrument mit biblischen Wurzeln ist diese Konstruktion ein Stück HighTech.

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Vieles an diesem Tag sieht nach reinem Handwerk aus. Für den Laien unsichtbar sind die Erfahrungswerte, verbunden mit ausgeklügelten mathematischen Fakten. Mit ihrer virtuosen Rohrkunst sind die Altposaune in Es oder die Tenorposaune in B völlig verschiedene Persönlichkeiten. Hängt doch ihr musikalischer Charakter entscheidend von buchstäblich ausgefeilten Rohrmassen und Richtwerten ab. Was die Mensur, also die individuelle Klangkonzeption angeht, bringen die Instrumentenbauer Nienaber und Hübner ein Wissen ein, das sie über die Jahrzehnte gesammelt haben.

Bis zur "Hochzeit", wie Ronny Hübner den Zusammenbau der Einzelteile nennt, hat der Instrumentenbauer noch einige Stunden gut zu tun. Aber auf jeden Fall noch rechtzeitig vor dem Fest wird diese Bremer Bassposaune zum Einsatz kommen. Vielleicht in den Händen einer der 120.000 Bläserinnen und Bläser in den evangelischen Posaunenchören und nicht zu überhören in einer der größten Laienbewegungen im deutschen Protestantismus. information

www.laetzsch.com
www.epid.de
www.grassimuseum.de

Text: Kathrin Jütte Fotos: Hans-Jürgen Krackher

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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