Etwas Demut

Was bei der Auseinandersetzung über den Islam vergessen wird
Etwas Demut wäre bei der Diskussion über den Islam angebracht. Denn wir sollten nicht vergessen: Die Kirchen in Deutschland lehnten Demokratie und Gleichberechtigung lange Zeit ab.

"Die Leitkultur in Deutschland ist die christlich-jüdisch-abendländische Kultur." Mit diesen Worten reagierte der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Hans-Peter Friedrich, auf die Feststellung Bundespräsident Christian Wulffs, auch der Islam gehöre zu Deutschland.

Vor hundert Jahren hätten die meisten Deutschen Friedrich ausgelacht oder zumindest die Stirn gerunzelt. 62 Prozent der Deutschen waren 1910 evangelisch - wie der Kaiser. Und für sie gab es nur eine Leitkultur, die protes­tantische. Genauso absurd wäre ihnen die neuerdings beschworene "christlich-jüdische Tradition" erschienen. Selbst liberale Protestanten, die die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden gegen Antisemiten verteidigten, betrachteten die jüdische Religion als überholt. Und als Feind der Demokratie wurde in vielen Staaten Europas der römische Katholizismus angesehen. Schließlich verdammten die Päpste damals die Werte, die einen liberalen Rechtsstaat auszeichnen.

Falscher Triumphalismus

Aber auch die meisten evangelischen Kirchenleute Deutschlands lehnten bis in die Nazizeit hinein die Demokratie ab. Und die Gleichberechtigung der Frau, die Muslimen heute als christliche Errungenschaft triumpha­listisch entgegengehalten wird, setzte sich hierzulande erst Ende der Fünfzigerjahre durch - gegen heftigen Wider­stand der römisch-katholischen ­Bischöfe und der CDU/CSU.

Etwas Demut, die ja eine christliche Tugend ist, wäre bei der Diskussion über den Islam also angebracht. Umso glaubwürdiger würde dann die Kritik wirken, die auch an dieser Religion zu üben ist. Natürlich müssen muslimische Schülerinnen am Sport- und Sexualkundeunterricht teilnehmen. Die Schulpflicht ist genauso durchzusetzen wie die Einhaltung anderer Gesetze und Regeln. Und natürlich ist es Unsinn, wenn Juristen das bewährte deutsche Staatskirchenrecht ändern wollen, damit islamische Gemeinden Kör­perschaften des öffentlichen Rechts werden können.

Vielmehr müssen sich diese dem geltenden Recht anpassen. Das haben auch die Juden getan, die wie die Muslime keine übergreifende Institution wie die Kirche kennen, sondern nur einzelne Gemeinden. Die jüdischen Gemeinden schlossen sich zusammen, damit der Staat ein Gegenüber bekam und die Anerkennung als Körper­schaft möglich wurde.

Selbstverständlich ist die christliche Prägung Deutschlands bewahrenswert. Aber wird sie wirklich durch vier Millionen Muslime gefährdet, die unter 78 Millionen Nichtmuslimen leben? Warum geht die Zahl der Kirchenmitglieder und Gottesdienstbesucher zurück? Wegen der Muslime? Wer weicht den Sonntagsschutz auf? Die Muslime? Wer verhindert die volle Gleichberechtigung der Frau, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und Zugang zu allen Berufen - auch in den Kirchen? Die Muslime? Und in Berlin waren es Leute wie Thilo Sarrazin, die die Einführung eines ordentlichen Schulfaches Religion verhinderten.

Kritiker des Islam erinnern zu Recht daran, dass dieser die Aufklärung noch vor sich hat. Doch das trifft auch auf die Mehrheit der Christen zu, in Afrika, und zum Teil in den usa und Europa. Denn das wird bei der Diskussion über den Islam ebenfalls vergessen: Religionen und ihre Angehörigen werden nicht nur durch heilige Schriften geprägt, sondern auch durch ihr kulturelles Umfeld.

Jürgen Wandel

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