Als der Bischof die Schlangen vertrieb

Wie Pirmin von der Insel Reichenau aus die Alemannen missionierte
Die Insel Reichenau ist die größte Insel im Bodensee. Foto: TI/Petek
Die Insel Reichenau ist die größte Insel im Bodensee. Foto: TI/Petek
Seit 2000 ist die Reichenau Weltkulturerbe der UNESCO. Von hier aus christianisierte der Heilige Pirmin die Alemannen. Warum er sich dazu eine Insel aussuchte, erläutert die Historikerin und ehemalige Reichenauerin Monika Spicker-Beck.

Wer am 15. August auf der Reichenau weilt, kann dort ein besondere Tradition miterleben. An diesem Tag wird sich die Insel wieder im Festgewand präsentieren. Mit Stolz und Selbstbewusstsein werden die Reichenauer den letzten ihrer drei jährlichen Inselfeiertage begehen. Dazu gehören neben dem Fest Mariä Himmelfahrt auch der Markustag am 25. April und das Heiligblut-Fest am Montag nach dem Dreifaltigkeitssonntag.

Die Arbeit auf den Gemüsefeldern ruht. Behörden, Schule und Geschäfte sind geschlossen, auch wenn der jeweilige Feiertag auf einen Werktag fällt. Die Inselfesttage beginnen stets frühmorgens vor dem Rathaus mit einer Parade der historischen Bürgerwehr mit Bürgermusik und Spielmannszug. Dort nimmt die Bürgerwehr vom Bürgermeister die Fahne in Empfang und begrüßt den Ehrengast des jeweiligen Tages, häufig einen Abt oder einen Bischof, um ihn zum Festgottesdienst in das Münster zu geleiten. Im Anschluss daran werden dieselben Reliquien, die schon vor einem Jahrtausend auf der Insel verehrt wurden, in einer feierlichen Prozession durch die geschmückten Straßen getragen.

Kröten, Würmer und Schlangen

Dass ihre Insel einst eine wichtige Rolle in der Geschichte gespielt hat, ist den Reichenauern bewusst - eine der Voraussetzungen, dass die Traditionen über Jahrhunderte hinweg lebendig geblieben sind. Die Einzigartigkeit der heute noch erhaltenen drei romanischen Kirchen mit den Wandmalereien, insbesondere von St. Georg, und die historische Bedeutung der Klosterinsel im Mittelalter führte dazu, dass sie in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde.

Zu Beginn allerdings war auch die Reichenau "wüst und leer". Unbewohnt und unwirtlich, lediglich von dichtem Gebüsch und Gestrüpp bewachsen, fand Pirmin die Insel vor, als er dort im Jahr 724 eintraf, um ein Kloster zu gründen. In sumpfigem Gelände hausten wilde Tiere, Kröten, Würmer und Schlangen. Allen Widrigkeiten zum Trotz, so heißt es in der Legende, habe Pirmin die Insel als Klosterstandort ausgewählt, als er von Sintlaz, einem "Edelmann alemannischer Abstammung" hierher geführt worden sei, um dem Volk "die Grundlagen des göttlichen Wortes" zu verkünden. "Diese Insel, die ich da sehe, ist nicht weit. Mit Gottes Hilfe kann ich zu Schiff schnell auf sie gelangen", sprach Pirmin zu Sintlaz. "Lass mich eilends mit einem Kahn hinbringen, um das Werk zur Ehre Gottes auszuführen, das du wünschst." Auch der Einwand, wegen der Würmer habe kein Mensch es je gewagt, die Insel zu betreten, ließ ihn nicht davon abhalten.

Ein Geschenk von Karl Martell

Und in der Tat, kaum hatte der Heilige den Boden berührt, da verließ das scheußliche Getier fluchtartig die Insel und suchte "kriechend und schleichend den Weg ins tiefe Wasser." Drei Tage und drei Nächte soll die Flucht gedauert haben; und während dieser Zeit, so heißt es in der Vita des Bischofs Pirmin, war die "ganze Oberfläche des Sees bedeckt von einer erstaunlichen Menge grässlicher Schlangen".

Danach habe Pirmin mit seinen Helfern begonnen, das Eiland von dem dichten Gesträuch zu befreien, um es in eine bewohnbare Stätte zu verwandeln. Er schuf mit seinen Helfern "durch Roden eine schöne freie Fläche. Danach erbaute er darauf dem lebendigen und wahren Gott ein liebliches Haus und hinterließ für seine Schüler eine gemeinsame Wohnung". So weit die Vita des Bischofs Pirmin.

Aus anderen historischen Schriftquellen geht hervor, dass er wahrscheinlich als Diözesanbischof in Meaux bei Paris amtierte, bevor er - mit einem Schutzbrief des karolingischen Hausmeiers Karl Martell ausgestattet - nach Alemannien ging. Karl Martell gab wohl dem alemannischen Herzog Lantfrid sowie dem einheimischen Grafen Bertoald den Auftrag, Pirmin zu empfangen. Er habe ihm die Insel, die damals nach ihrem Besitzer den Namen "Sintlazau" trug, zum Wohnen geschenkt, damit er dort ein Kloster gründen könne. Mit in die Schenkung eingeschlossen war weiterer Besitz in der unmittelbaren Umgebung der Insel: Markelfingen, Allensbach, Kaltbrunn, Wollmatingen und Allmansdorf auf dem Bodanrück, also auf dem Festland im Norden, sowie Ermatingen im Thurgau, in der heutigen Schweiz. Die Abgaben aus diesen Orten, die bisher dem Fiskus zugefallen waren, sollten nun dem neu zu gründenden Kloster gehören.

Kleines Handbuch zur Mission

Zwar hatten in vorgeschichtlicher Zeit auf der Insel schon einmal Menschen gesiedelt, doch war sie zum Zeitpunkt der Klostergründung seit Jahrhunderten unbewohnt. Gerade dieser Umstand ließ sie als Klosterstandort besonders geeignet erscheinen, galten doch Berge, Einöden, Wüsten und Inseln den christlichen Missionaren als ideale Stätten klösterlicher Abgeschiedenheit. Nicht ungewöhnlich ist es deshalb, wenn Pirmin sich dieses Eiland für seine Klostergründung aussuchte. Auch auf vielen weiteren Inseln, darunter auf allen Inseln des Bodensees wurden im Mittelalter Klöster gegründet.

Während seine Kollegen Willibrord und Bonifatius die Christianisierung in den nördlichen Regionen des expandierenden Frankenreiches übernommen hatten, sollte Pirmin diese Aufgabe im Süden, bei den noch nicht sehr lange zum Reich gehörenden Alemannen erfüllen. Dazu gehörte der Aufbau der kirchlichen Organisation und die Gründung von Klöstern ebenso wie eine grundlegende Erziehungsarbeit. Wenn auch getauft, so waren die germanischen Völker zu diesem Zeitpunkt noch weit davon entfernt, christliche Lehren und Werte zu kennen.

Auf welche elementaren Grundlagen Pirmin bei der Vermittlung der christlichen Glaubensinhalte eingehen musste, zeigt uns ein kleines Handbuch, das er für die Missionsarbeit verwendete, wenn nicht sogar selber geschrieben hatte: die Dicta Pirminii, geläufig auch unter dem Namen "Scarapsus". In diesem Leitfaden für die pastorale Arbeit sind für die damalige Zeit wichtige Grundsätze aus den anerkannten kirchlichen Schriften exzerpiert und zusammengestellt: Auf eine Kurzfassung der Heilsgeschichte folgt eine Übersicht der Pflichten des christlichen Lebens. Besonders die Abschnitte mit den Geboten und Verboten sind darauf zugeschnitten, eine christliche Haltung einzuwurzeln und heidnische Vorstellungswelten aufzugeben. Kulte an Bäumen und Steinen, Quellen und Wegkreuzen, das Tragen von Amuletten, Zauberei und Wahrsagen, um nur einige Beispiele zu nennen, werden als heidnisch verurteilt und verboten. Die Verbote geben uns zugleich einen Einblick in die mit heidnischen Restbeständen durchsetzte Vorstellungswelt der Germanen wie auch in die praktische Arbeit Pirmins und der anderen fränkischen Missionare.

Eine der bedeutendsten Abteien Europas

Pirmin und seine Begleiter errichteten am nördlichen Seeufer zunächst einfache Holzbauten, die ihnen als Kirche und Wohngebäude dienten. Archäologischen Forschungen zufolge befanden sich diese auf der Nordseite des Münsters in Höhe des heutigen Westquerhauses. Dort befand sich der später erweiterte Klosterbereich bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts. Er wurde abgebrochen, als man die neu errichteten Klostergebäude auf der Südseite fertiggestellt hatte.

In den auf die Gründung folgenden Jahrhunderten entwickelte sich das Inselkloster zu einer der bedeutendsten Abteien des Reiches. Schon bei der Gründung hatte es als Besitz die bereits erwähnten Dörfer auf dem Bodanrück und im Thurgau erhalten, deren Abgaben den Mönchen zugute kamen. Günstig war daher die ufernahe Lage der Klostergebäude. In unmittelbarer Nähe konnte eine geeignete Schiffslände angelegt werden, von der aus die kürzeste Verbindung zu den für die Versorgung wichtigen Orten bestand. Bis Allensbach, dem zur Reichenau gehörigen Markt, sind es gerade einmal 1400 Meter über den See.

Nähe zum Adel

Dass sich das Inselkloster zur Zeit der Karolinger und Ottonen zu einem der wichtigsten geistigen und kulturellen Zentren entwickelte, ist allerdings noch verschiedenen anderen Gegebenheiten geschuldet. Die Abtei wurde von hochrangigen adligen Stiftern mit großzügigen Schenkungen ausgestattet, so dass sie bald eine ausgedehnte Grundherrschaft besaß. Die guten Beziehungen zum Adel und die Nähe zur jeweiligen Königsfamilie führten dazu, dass die Äbte als hochrangige Politiker in die Geschichte eingingen. Über Jahrhunderte fungierten sie als Berater der Könige und Kaiser, als Diplomaten und Gesandte. Häufig waren sie Erzieher oder Vertreter der minderjährigen Königssöhne. Abt Hatto III. war beispielsweise Erzkanzler des Reichs und Vormund des sechsjährigen Königs Ludwig des Kindes.

Ebenso gewichtig waren die Leistungen der Abtei auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Dichtung, der Kunst und der Architektur. Bedeutendster Vertreter der lateinischen Literatur war Walahfrid Strabo. Aus seiner Feder stammen zwei heute noch berühmte Werke. Die Visio Wettini schildert in Hexametern die Jenseitsvisionen des Mitbruders Wetti. Der Hortulus, eine lateinische Dichtung über den Gartenbau, gibt Einblick in die mittelalterliche Kräuterheilkunde. Im ehemaligen Klosterbezirk der Insel wurde ein "Kräutergärtlein" angelegt, in dem die von Walahfrid beschriebenen Pflanzen zu sehen sind.

Auf dem Gebiet der Buchmalerei erreichte die Klosterschule höchstes Niveau. Besonders die für die Kaiser Otto II., Otto III. und Heinrich II. illustrierten Prachthandschriften erlangten weltweit Beachtung. Die wenigen erhaltenen, reich verzierten Codices werden in den jeweiligen Bibliotheken als unschätzbare Kostbarkeiten gehütet. Die zehn berühmtesten gehören seit 2003 zum Welterbe "Memory of the World".

Gemüse und Wein

Auch die heutige Siedlungs- und Landschaftsstruktur der Insel ist von der ehemaligen Klosterwirtschaft geprägt. Die Bauern, die "Gotteshausleute", lebten außerhalb des Klosterbezirks, arbeiteten für das Kloster und lieferten den Mönchen die Früchte ihrer Felder und Wein aus den Rebbergen. Aus diesem Grund hat sich kein geschlossener Siedlungskern gebildet. Bis heute ist der Streusiedlungs-Charakter der Insel deutlich erkennbar, auch wenn der jetzt vorherrschende Gemüsebau große Glashausflächen hervorgebracht hat. Dass auf der Gemüseinsel bis heute Gemüse und Wein zu den Haupterzeugnissen gehören, könnte seinen Grund schon in Pirmins Wirken gehabt haben. Heißt es doch in der schon mehrfach zitierten Pirmins-Vita: "Jener Ort hatte von dem Tag an, als ihn Christi Bischof Pirminius betrat, gesunde Luft, angenehmes fließendes Wasser, fruchtbaren Erdboden, schattige Bäume und sehr ergiebige Weinberge." Welcher Bewohner und Besucher der Insel könnte da widersprechen?

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Monika Spicker-Beck

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