Nachdenken

Die Zukunft des Christentums
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Die Lektüre lohnt: Die Leserinnen und Leser machen sich mit einem Ansatz vertraut, der das Nachdenken über Religion in der modernen Gesellschaft und über Zukunftsmöglichkeiten des Christentums nachhaltig bestimmen wird.

Im Jahr 1910 veröffentlichte der evangelische Theologe, Philosoph und Historiker Ernst Troeltsch einen Aufsatz mit dem Titel: "Die Zukunftsmöglichkeiten des Christentums". Ziemlich genau ein Jahrhundert später legt der katholische Soziologe Hans Joas, ebenso historisch wie theologisch und philosophisch orientiert, ein Buch vor, das den Untertitel "Zukunftsmöglichkeiten des Christentums" trägt. So wie die bedeutende theologische Enzyklopädie Die Religion in Geschichte und Gegenwart, deren erste Auflage (1909-1913) in zentralen Stücken von Ernst Troeltsch geprägt worden war, in ihrer vierten Auflage (1998-2007) den bestimmten Artikel verlor und seitdem nur noch "Religion in Geschichte und Gegenwart" heißt, so verzichtet auch Hans Joas in der Aufnahme von Troeltschs Fragestellung ein Jahrhundert später auf den bestimmten Artikel und fragt offener als jener nach "Zukunftsmöglichkeiten des Christentums".

Er knüpft dabei an Überlegungen des kanadischen Philosophen Charles Taylor an, der in seiner großen Untersuchung über das "säkulare Zeitalter" (deutsche Ausgabe 2009) den Begriff der "säkularen Option" prägte. Dieser Begriff stellt eine Alternative zur Säkularisierungsthese dar, die in einer problematischen Verallgemeinerung das Zurücktreten religiöser Bindungen als einen unaufhaltsamen, mit der Modernisierung verbundenen Prozess ansieht. Zwar bildet spätestens seit dem 18. Jahrhundert eine säkulare Lebenshaltung auf Dauer eine gewichtige Option des Denkens und der Lebensorientierung; doch sie bringt religiöse Einstellungen und Grundüberzeugungen keineswegs zum Verschwinden. Den Begriff der Option wendet Hans Joas nun folgerichtig auf den Glauben an und entfaltet eine neue Sicht auf die religiöse Verfassung der modernen Welt. Sie ist auch hinsichtlich der Religion durch Pluralisierung geprägt; doch diese schließt ein, dass der Glaube in ihr eine nicht nur lebbare, sondern auch lebensdienliche Option bleibt, ja auf neue Weise werden kann.

Mit dem Begriff der "Option" ist also nicht eine Verdünnung des Glaubens zu einer beliebigen Wahlmöglichkeit gemeint. Die Wahl dieses Begriffs hängt vielmehr mit einer weiteren Anknüpfung an Ernst Troeltsch zusammen. Joas kennzeichnet die erweiterten Handlungsmöglichkeiten, vor denen die einzelnen stehen, mit Troeltsch durch den Begriff der Kontingenz. Dieses Wort verweist auf die Spielräume, die durch dasjenige entstehen, was weder notwendig noch unmöglich ist. Es wäre verkürzt, diese Handlungsmöglichkeiten als "zufällig" zu bezeichnen; doch der Begriff der Kontingenz unterstreicht, dass unser Handeln nicht einer inneren Zwangsläufigkeit ausgeliefert ist. Angesichts gesteigerter Optionen suchen Menschen ihr Leben verantwortlich zu gestalten. Diese Gestaltungsaufgabe schließt den Umgang des Menschen mit seiner Selbsttranszendenz ein - deshalb Glaube als Option.

Joas legt sein persönliches Interesse an dieser Option offen, aber er schreibt keine "christliche" oder gar "katholische" Soziologie. Seine Vorgehensweise lässt sich vielmehr mit seinen eigenen Worten schlicht, aber einprägsam so beschreiben: "Auch wer wünscht, dass der Glaube gestärkt wird, sollte klaren Kopf behalten."

Das Nachdenken über Zukunftsmöglichkeiten setzt Kenntnis der Geschichte voraus; denn für eine empirisch gehaltvolle Kenntnis der Gegenwart müssen wir wissen, wie sie zu dem geworden ist, was sie ist. So erneuert Joas das Programm, für das - bei aller Unterschiedlichkeit - die beiden bedeutenden Heidelberger Max Weber und Ernst Troeltsch standen: eine sozialgeschichtlich informierte Soziologie und eine religionsgeschichtlich informierte Religionssoziologie. Aus dieser Perspektive erklärt der Autor bündig, warum die Säkularisierungsthese nicht zu halten ist, verdeutlicht aber zugleich, warum die These von der "Wiederkehr der Religion" oder gar "der Götter" den sich abzeichnenden Wandel allzu übertrieben darstellt. Er zeigt, warum religiöse Vielfalt notwendig zur pluralistischen Gesellschaft gehört und die Kooperation religiöser wie säkularer Universalismen die bessere Option ist als die Vorstellung vom Kampf der Kulturen.

Für großartig halte ich, dass dieses Buch seinen theoretischen Anspruch mit handfester Aufklärung und beherzten Vorschlägen verbindet. Zum aufklärenden Teil zähle ich insbesondere die Überwindung von Geschichtsmythen: Europa war nie ein monolithisches "christliches Abendland" und der christliche Glaube nie eine exklusiv europäische Religion; global betrachtet durchläuft das Christentum gegenwärtig nicht eine Phase der Erosion, sondern des Wachstums. Der Meinung, das Christentum wandere aus Europa aus, kann man entgegenhalten, es wandere geradezu nach Europa ein; denn die Migrationsbewegungen bringen neue christliche Impulse nach Europa.

Für die beherzten Vorschläge nenne ich als Beispiel, dass das Christentum nicht nur die sozialen Wandlungen, sondern auch die kulturellen Herausforderungen der Gegenwart wahrnehmen und annehmen sollte. Soziale Präsenz und intellektuelle Gegenwartskunde schließen sich eben nicht aus. Mit den Themen, an denen die christliche Lebenshaltung heute intellektuell plausibel gemacht werden sollte, nimmt Joas erneut Anregungen von Troeltsch auf: Das christliche Liebesethos, das Verständnis der Person, eine überzeugende Spiritualität, der Zugang zur Transzendenz - das sind die Themen, um die es geht. Erfrischend ist auch die Klarheit, mit der Joas anderen Fragen eine vergleichbare Schlüsselbedeutung abspricht. Doch spätestens mit der Neugier, worum es sich dabei handelt, will ich zur eigenen Lektüre dieses Buchs verlocken.

Denn die Lektüre lohnt: Die Leserinnen und Leser machen sich mit einem Ansatz vertraut, der das Nachdenken über Religion in der modernen Gesellschaft und über Zukunftsmöglichkeiten des Christentums nachhaltig bestimmen wird.

Hans Joas: Glaube als Option. Herder-Verlag, Freiburg/Br. 2012, 257 Seiten, Euro 19,99.

Wolfgang Huber

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