Gottes Pädagogik

Es ist gut, dass es unterschiedliche Kirchen gibt
Meinen die Unterzeichner von "Ökumene jetzt", dass sich die bestehenden christlichen Konfessionen zu einer Kirche zusammenschließen sollten? Dann müsste man ihnen entschieden widersprechen.

Welches Ziel hat eigentlich die Ökumene, die Zusammenarbeit der christlichen Konfessionen? Diese Frage haben jüngst prominente Mitglieder der evangelischen und römisch-katholischen Kirche Deutschlands in den Mittelpunkt gerückt. In ihrem Aufruf "Ökumene jetzt", der mittlerweile von vielen Kirchenmitgliedern unterschrieben worden ist, fordern sie, "die Ökumene weiter voran zu treiben" und "die organisatorische Einheit anzustreben".

Doch was das konkret heißt, bleibt unklar. Sollte gemeint sein, die bestehenden christlichen Konfessionen sollten sich zu einer Kirche zusammenschließen, müsste man den Unterzeichnern von "Ökumene jetzt" entschieden widersprechen. Sicher war die Entstehung der Konfessionen meist mit Verletzungen verbunden, seelischen und körperlichen, die zum Teil bis heute nachwirken, nicht nur in Nordirland. Kirchenspaltungen sind aber nicht einfach auf menschliche Schwächen zurückzuführen und als historische Betriebsunfälle abzutun. Vielmehr spiegelt die Vielfalt der Konfessionen auch die Vielfalt der Menschen, ihrer religiösen Bedürfnisse und theologischen Einsichten.

Nikolaus Graf Zinzendorf (1700-1760), der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, sah in den unterschiedlichen Kirchen eine von vielen "Erziehungsweisen" Gottes, Menschen Jesus näher zu bringen. Schließlich hat jede Konfession nur einen Teil der christlichen Wahrheit be- und ergriffen. Denn niemand kennt die ganze Wahrheit als Gott allein. So ergänzen die Kirchen einander: Protestanten betonen die Verantwortung des Einzelnen vor Gott und Katholiken die Bedeutung der Kirche für das Heil. Das kann dazu führen, dass Protestanten vergessen, wie wichtig die Kirche für die Weitergabe und Bewahrung des Glaubens ist. Und im Katholizismus können dagegen eher der Einzelne und die Freiheit unter die Räder kommen. Volkskirchen erleichtern den Zugang zum Glauben und werden dem Auf und Ab des Glaubens im Leben des Einzelnen gerecht. Freikirchen erinnern daran, dass Jesus zur Entscheidung ruft. Die ersteren stehen in der Gefahr, Unverbindlichkeit zu fördern, die letzteren, sich zu verengen.

Natürlich sind die Konfessionen, auch die römisch-katholische, historisch entstanden, Menschenwerk, immer der Reform bedürftig. Daher kann und darf es für ihre heutige Gestalt keinen Bestandsschutz bis zum Jüngsten Tag geben. Wie unterschiedliche Gründe zur Spaltung von Kirchen geführt haben, theologische und nichttheologische, können diese auch die Vereinigung von Kirchen nahelegen. So haben sich vor acht Jahren Reformierte, Altreformierte und Lutheraner in den Niederlanden zusammengeschlossen. Zum einen hatten sich die theologischen Unterschiede abgeschwächt, und zum anderen waren die Kirchen allein zu schwach, sich in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft zu behaupten.

Zinzendorf ermunterte seine Mitchristen, "das Beste in allen Konfessionen zu entdecken". Besser könnte man Ökumene nicht beschreiben. Ja, die Kirchen sollten miteinander wetteifern, wie sie die christliche Wahrheit erkennen und leben. Die unterschiedlichen Zugänge zu ihr können gerade Außenstehende anziehen. Abstoßend wirken Konfessionen erst dann, wenn sie dem Konfessionalismus erliegen und so tun, als seien sie allein im Besitz der Wahrheit und unfehlbar.

Jürgen Wandel

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