"Es steht viel auf dem Spiel"

Interview mit Volker Kauder über syrische Flüchtlinge
Foto: Laurence Chuperor
Foto: Laurence Chuperor
Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, setzt sich seit Jahren für verfolgte Christen ein. Mit ihm sprach Esther Gardei über die derzeitige Lage in Syrien und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die europäische Flüchtlingspolitik.

zeitzeichen: Herr Kauder, wie schätzen Sie derzeit die Lage der Christen in Syrien ein?

Volker Kauder: Die Entwicklung in Syrien verfolge ich mit großer Sorge. Nach allem, was wir wissen, werden Christen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit nicht generell verfolgt, vertrieben oder gar getötet. Sie leiden allerdings wie alle anderen Syrer auch unter den Auswirkungen des schrecklichen Bürgerkrieges in ihrer Heimat. Gleichwohl gibt es zahlreiche Fälle, in denen Christen gezielt zu Opfern gemacht werden, wie etwa im Fall der zwei entführten orthodoxen Erzbischöfe aus Aleppo, die sich seit mehr als 150 Tagen in der Hand ihrer Entführer befinden. Besonders traurig machen mich Berichte wie die über die Kämpfe in der christlichen Gemeinde Maalula, eines der letzten aramäischsprachigen Dörfer. Es steht viel auf dem Spiel!

Haben Sie persönliche Kontakte zu dortigen christlichen Gemeinden?

Volker Kauder: Ich informiere mich in persönlichen Gesprächen und über weitere mir zur Verfügung stehende Kanäle über die Entwicklung dort. Leider muss ich feststellen, dass die Situation in Syrien sehr unübersichtlich ist. Zum Beispiel in Maalula: Während die eine Seite unterstellt, die Assad-Truppen könnten sich bewusst zurückgezogen haben, um ein Massaker zu provozieren, sieht die andere Seite ihre Befürchtungen bestätigt, radikal-islamische Kämpfer duldeten keine Christen in den von ihnen besetzten Gebieten. Fest scheint nur zu stehen, dass ein Großteil der Bewohner aus Maalula geflohen ist. Wir müssen hoffen, dass diese Entwicklung noch einmal gewendet werden kann.

Wie kann den Christen in Syrien geholfen werden? Ist ein militärisches Eingreifen eine Option?

Volker Kauder: Die Bundesregierung hat ihre Sichtweise immer deutlich gemacht: Die Lage vor Ort wird sich weder durch Waffenlieferungen noch durch ein militärisches Eingreifen lösen oder verbessern lassen. Deutschland hat wiederholt erklärt, dass die Gewalt nur im Rahmen einer Verhandlungslösung wirklich unterbunden werden kann. Die jetzt begonnene Vernichtung der Chemiewaffen kann ein erster Schritt sein. Deutschland leistet nach den usa am meisten Nothilfe für Syrien. Allein die Bundesregierung hat mit mehr als 350 Millionen Euro zur Linderung des Leidens beigetragen, der Umfang privater Spenden ist darüber hinaus enorm. Christen wie Muslime profitieren von dieser Nothilfe.

Sollte Europa als christlich geprägter Kontinent eher christliche Flüchtlinge aufnehmen als muslimische?

Volker Kauder: Aus vielen Gesprächen mit den Menschen vor Ort wissen wir, dass die meisten von ihnen, Christen wie Muslime, so schnell wie möglich in ihre Heimat zurückkehren wollen. Alle Würdenträger der Kirchen vor Ort, die wir sprechen konnten, lehnen die verstärkte Aufnahme von Christen nach Europa ab. Sie gehen davon aus, dass Christen, die erst einmal den langen Weg aus dem Mittleren Osten nach Deutschland, Schweden oder in andere europäische Länder genommen haben, nicht mehr in ihre alte Heimat zurückkehren werden. Die Patriarchen, Bischöfe, Priester und Gemeindevorsteher warnen uns, dass wir mit einem Aufnahmeprogramm für Christen die lange Geschichte und Tradition des Christentums in seiner Ursprungsregion sicher beenden würden, vielleicht noch mehr, als es Terror oder Gewalt könnten.

Was bedeutet das für die von vielen geforderte weitere Aufnahme syrischer Flüchtlinge? Sie hatten sich im Sommer ja ebenfalls dafür ausgesprochen.

Volker Kauder: Ich begrüße, dass Deutschland mit seinem weltweit einzigartigen Programm zur Aufnahme von 5.000 besonders schutzbedürftigen Personen aus Syrien eine Möglichkeit geschaffen hat, in humanitären Notfällen unbürokratisch zu reagieren. Gleichzeitig zeigen die mittlerweile zahlreichen gutmeinenden Forderungen, diese Zahl zu vervielfachen, wie wenig wir in Deutschland von den Wünschen, Zielen und Gedanken der Syrer, Christen wie Muslime, wirklich wissen und verstehen. Natürlich gilt immer auch, dass wir die humanitäre Situation in Syrien beobachten und möglicherweise reagieren müssen.

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Volker Kauder

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