Ein gottloser Satz

Die Kirche gehört an die Seite der Armen und Notleidenden
Foto: privat
Aufgabe der Kirche gegenüber dem Staat ist es, "an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten" zu erinnern.

"Wir dürfen uns nicht von der Ohnmacht überwältigen lassen. 'Da kann man nichts machen' ist ein gottloser Satz", schrieb Dorothee Sölle 2001.

Die streitbare Theologin stellte sich damit in die Tradition des Lukasevangeliums. Jesus begann danach sein öffentliches Auftreten mit dem Jesaja-Zitat: "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn." (Lukas 4,18-19)

Die Bibel ruft Christenmenschen und Kirchen in die Verantwortung für die Lebensbedingungen ihrer Mitmenschen und damit auch in politische Verantwortung. In dieser Verantwortung sind die Aufgaben der Kirche aber nicht identisch mit den Aufgaben des Staates. Hier eine notwendige Trennung zu vollziehen, war eines der Anliegen Martin Luthers - auch wenn es ihm praktisch nur in Ansätzen gelang. Luther wollte die weltliche Gewalt von der Bevormundung durch die geistliche befreien und umgekehrt. Doch die Reformatoren übertrugen den evangelisch gewordenen Fürsten nicht nur den Schutz nach außen, sondern auch die Kirchenaufsicht, die Verantwortung für Bildung und evangelische Lebensführung. Umgekehrt versuchte die Obrigkeit, die Kirche für ihre Ziele nützlich zu machen.

Das Spannungsverhältnis zwischen Staat und protestantischen Kirchen blieb bis in die Gegenwart erhalten. Zu den dunkelsten Kapiteln dieser Geschichte gehört die Verführbarkeit der Kirche in der NS-Zeit. In der Auseinandersetzung mit dem NS-Regime klärte die Barmer Theologische Erklärung die Zuordnung von Staat und Kirche in einer für reformatorische Kirchen bis heute verbindlichen Weise: Der Staat hat die Aufgabe, "in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen".

Aufgabe der Kirche gegenüber dem Staat ist es, "an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten" zu erinnern.

Das Themenjahr 2014 im Rahmen der Lutherdekade nimmt das spannungsreiche Verhältnis von "Reformation und Politik" in den Blick. Und auch wenn man darüber streiten mag, wo und inwieweit sich die Kirchen heute in politische Entscheidungen einmischen sollen, klar bleibt: Wer sich an dem Geist ausrichtet, von dem Christus erfüllt war, der weiß sich von dem Herrn der Kirche an die Seite der Armen und Notleidenden gewiesen. Deshalb meldet sich die evangelische Kirche zu Wort, wenn es um soziale Gerechtigkeit oder Bewahrung der Schöpfung geht, wenn der Erhalt des Friedens oder die Menschenwürde von Fremden und Flüchtlingen auf dem Spiel stehen. Sie tut dies nicht, um politische Macht zu erlangen. Sie tut dies, um an Gottes Reich, Gebot, Gerechtigkeit und dadurch an unsere Verantwortung zu erinnern. Lassen wir uns dabei anstecken von der Inspiration der Dorothee Sölle: "'Da kann man nichts machen' ist ein gottloser Satz."

Nikolaus Schneider ist EKD-Ratsvorsitzender und Mitherausgeber von zeitzeichen.

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Nikolaus Schneider

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