Die Mär vom Polit-Protestantismus

Die evangelische Kirche versucht umzusetzen, was Immanuel Kant forderte. Und das ist gut so
Das eigentliche Problem besteht heute in der „Verpolitikerisierung“ kirchlicher Leitungsfiguren.

Nichts ist so langlebig wie das Klischee von gestern. Ein Beispiel dafür ist die Mär von der Politisierung des Protestantismus: spirituell entkernt suche er sein Heil in der Tagespolitik und spiele sich als moralistischer Besserwisser auf. Auch wenn man dafür gelegentlich Belege findet, ist es nötig, dieses Bild zu überprüfen. Denn es entstammt einer vergangenen Zeit. In den Siebziger- und Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts erfasste die evangelische Kirche wie die ganze Gesellschaft eine beispiellose Polarisierung: junge Linke gegen alte Rechte. Unduldsamkeit bestimmte viele kirchliche Äußerungen. Zur ganzen Wahrheit gehört aber, dass dieser Konflikt sein Recht hatte. Eine neue Generation trat gegen Kirchenleitungen an, die oft noch nationalprotestantisch geprägt waren und Erblasten aus dem NS-Regime fortschleppten. Die damaligen Leitungsfiguren sind inzwischen vergessen - auch, dass sie auf den berechtigten Generationenprotest zumeist nur unsouverän-disziplinarisch reagiert haben. Die Folge dieser Konflikte aber ist, dass die evangelische Kirche heute eine ziemlich unautoritäre Institution ist.

All das ist Geschichte. Man wundert sich, warum das alte Klischee noch am Leben gehalten wird. Vielleicht hilft das beliebte Bashing des angeblich so politisierten Protestantismus, sich unbequeme Gewissensfragen vom Leib zu halten. Aber in die kirchlichen Debatten ist längst ein anderer Ton eingezogen. Es wird mehr gefragt und gesucht als verkündigt und behauptet. Es wird zuweilen strittig diskutiert, aber ohne Abwertung der anderen. Wenn etwas in den vergangenen Jahren bedenklich erschien, dann weniger eine politische Polarisierung als eine matte-satte Selbstgenügsamkeit. Darin war die evangelische Kirche ein Abbild der deutschen Gesellschaft.

Die Flüchtlingskrise hat diese Selbstbezogenheit beendet. Viele reagieren darauf aggressiv. Aber der Protestantismus trägt, anders als in früheren Konflikten, nicht zur Polarisierung bei, sondern bemüht sich ebenso wie die katholische Kirche um eine Balance aus Barmherzigkeit und Besonnenheit, aus Nüchternheit und Nächstenliebe. Zudem sind seine öffentlichen Äußerungen durch eigenes Handeln gedeckt. Viele Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen engagieren sich für Flüchtlinge und erfahren dabei eine erstaunliche Vitalisierung. Sie machen aber auch anstrengende Erfahrungen: Gäste, die sich in schwierigen Situationen befinden, sind manchmal eben schwierig.

Deshalb haben die Verantwortlichen gelernt, vorher zu überlegen, welche Hilfe sie verlässlich über einen längeren Zeitraum leisten und wie sie sie beenden können. Zudem nehmen die Protestanten deutlich wahr, dass die Flüchtlingskrise nicht nur eine sozialpolitische, sondern auch eine religiöse Herausforderung ist, die theologisch durchdacht sein will. Vielerorts liest man jetzt die Bibel, das große Flüchtlingsbuch, mit anderen Augen.

Im Grunde versucht die evangelische Kirche das umzusetzen, was Immanuel Kant in seinem Spätwerk „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793) skizziert hat. In kritischer Fortschreibung reformatorischer Einsichten forderte er, dass die Kirchen keine Heilsanstalten oder Nebenregierungen sein sollten, sondern „ethisch-bürgerliche Gesellschaften“. Als religiös-ethische Zwischen-Institutionen gestalten sie den öffentlichen Raum zwischen dem Staat und dem Privaten so, dass hier eine allgemeine und freie ethische Urteilsbildung entsteht. Wie wichtig solche Zwischen-Institutionen sind, merkt man zumeist erst, wenn sie fehlen. Die Verrohung, wie man sie in Teilen Ostdeutschlands, aber nicht nur dort, erlebt, hat auch damit zu tun, dass es zwischen Staat und Privatbereich kaum noch „ethische Gemeinwesen“ gibt, sondern nur das Internet, die große Erregungsmaschine. Wolfgang Schäuble hat es kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ähnlich formuliert: „Für unsere Demokratie ist die Religion eine wichtige Quelle politischen Engagements. Deshalb hat der Politiker ein Eigeninteresse an einem starken politischen Protestantismus, solange dieser sich als Akteur in der pluralen Bürgergesellschaft versteht.“

Das eigentliche Problem besteht heute also nicht in einer Polarisierung des Protestantismus, sondern vielmehr in der „Verpolitikerisierung“ kirchlicher Leitungsfiguren. Um sich in einer unaufmerksamen Mediengesellschaft Gehör zu verschaffen, manchmal aber auch aus eigenem Geltungsdrang, geben sie nämlich verkürzte Statements oder eilige Talkshowbemerkungen von sich. Dieser Versuchung, mit pastoralen Plattitüden in der Öffentlichkeit zu punkten, sollten sie wiederstehen. Denn nur wenn sie treu, nachdenklich und uneitel ihre Sache vertreten, zeigen sie, dass ihre Kirche ein nützlicher Teil der Polis ist.

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter des Rates der EKD und leitet das EKD-Kulturbüro in Berlin.

Johann Hinrich Claussen

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