Bitte mehr Gefühl!

Beim Reformationsgedenken fehlen echte Erinnerungen
Foto: privat

Das Reformationsjubiläum ist so etwas wie eine kollektive Gedächtnisübung: Wir üben darin, uns an Dinge zu erinnern, die wir persönlich nie erlebt haben und die höchstens auf indirekte Weise ein Teil unserer biographischen Prägung geworden sind. Sich an ein protestantisches Erbe nicht nur akademisch-historisierend zu erinnern, so wichtig dies ist, sondern auch persönlich und lebendig, ist eine nicht geringe Kunst. Wie ein solches Erinnern aussehen könnte, zeigt mir die Begegnung mit einer anderen Freiheitstradition.

Ich möchte von einer Musikerin erzählen, die sich der eigenen Geschichte zuwendet und darin eine neue Sprache findet. Rhiannon Giddens ist eine US-amerikanische Folkmusikerin. Auf ihrem Album „Freedom Highway“ singt sie über den Rassismus in ihrem Land. Giddens erzählt imaginierte Geschichten aus der Zeit der Sklaverei und der Gegenwart. Es sind bestürzende Geschichten von innigen menschlichen Beziehungen in einer Welt der Gewalt: Etwa ein Lied über eine junge Frau, die auf dem Sklavenmarkt verkauft werden soll und dabei noch ein Baby im Arm hält, und ein Schild informiert den geneigten Käufer, dass er die Möglichkeit hat, das Kind ebenfalls mit zu erwerben - wenn er mag. Ein anderer Song erzählt von den vier Mädchen, die 1964 bei einem Bombenattentat auf eine schwarze Kirche umkamen. Und in „Get it right the first time“ singt eine Mutter über ihren Sohn, der von der Polizei erschossen wurde.

Was mich an dieser Musik berührt, ist die Art und Weise, wie hier an Geschichte erinnert wird. Rhiannon Giddens ist eine großartige Künstlerin und eine Historikerin. Sie erzählt in ihren Songporträts von konkreten Personen und gibt ihnen eine Stimme. Sie singt von Schmerzen und Unfreiheit, aber auch von Liebe und Ironie und ist dabei niemals klischeehaft, sondern immer konkret und poetisch.

Erst vor diesem Hintergrund beginnt das große Freiheitsversprechen zu leuchten, das ebenfalls Teil der afroamerikanischen Erinnerung ist. Der „Freedom Highway“ ist nichts ohne das Gedenken an die Schmerzen und die Opfer der Unfreiheit. Am schönsten sichtbar wird dieser Zusammenhang in einem Song, in dem ein kleines Mädchen fragt, warum Menschen nicht fliegen können, woraufhin die Mutter von der Großmutter erzählt, die einst jede Nacht vom Fliegen träumte und darin der Unfreiheit entkam. Am Ende fliegen Tochter und Mutter gemeinsam davon, hinaus über alle Lande, „always searching for the promised land“.

Die Art, wie Giddens in diesem Stück den uralten Freiheitstraum der Versklavten mit Bildern aus biblischer und afrikanischer Spiritualität verbindet und zugleich als eine Generationenbeziehung gestaltet, ist berührend. Dies ist keine Gospelmusik im Sinne des Mainstream-Genres Gospel. Aber es ist die musikalische Sprache authentischer Erinnerung.

Man soll ja nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, und dennoch, spätestens an diesem Punkt kommen mir Fragen an das Projekt Reformationsgedenken: Auch die Reformation ist eine Freiheitstradition, doch ich finde keine Stimmen, die diese Geschichte in vergleichbar glaubwürdiger Weise artikulieren. Wer erzählt in Bezug auf die Reformation(en) jene Schmerzensgeschichten, ohne die man auch die Freiheitsgeschichten der Evangelischen nicht verstehen kann? Und wo sind die Musiker, die diesen Erfahrungen kraftvollen Ausdruck verleihen? An künstlerisch-intellektueller Überzeugungskraft sind unsere Luther-Oratorien, Kirchentagssongs und Ein-Feste-Burg-Adaptionen von Rhiannon Giddens ungefähr so weit entfernt wie Jürgen Drews von Bob Dylan. Es fehlen innovative Ausdrucksformen auf dem Niveau gegenwärtiger künstlerischer Diskurse. Wo sind die Musiker, die aus dem Schatz des evangelischen Chorals, vieler anderer Traditionen und gegenwärtiger Impulse eine neue Sprache formen, die nicht im epigonalen Einheitsbrei dessen untergeht, was als populäre Musik gilt?

Was in unserem Reformationsgedenken so oft fehlt, sind die starken Gefühle und echten Erinnerungen. Es gibt keine Künstler, die aus dem Erinnern ein Kunstwerk schaffen, das berührt und ins Engagement ruft. Wo sind die Stimmen und Schmerzen der Vorfahren? Am funkelnden Gegenbeispiel Rhiannon Giddens geht mir auf, wie angestrengt, verordnet und wenig berührend das Erinnern an die Reformation hierzulande oft ist. Die unselige Fokussierung auf Martin Luther tut ein Übriges dazu. Die Kirche feiert sich selbst. Die Frage ist, ob die evangelische Kirche lebendige Erinnerungen an menschliche Freiheitsgeschichten bewahrt. Eine Antwort wird man von der Theologie kaum erwarten können, sondern nur von der Kunst.

Ulrich Lincoln

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