Führ’ mich nicht in die Irre

Über die Recherche von Desinformationen im Internet
Mit angeblichen Untergangsszenarien verdienen selbsternannte Nachrichtenseiten Geld. Foto: Kim Lucia Ruoff
Mit angeblichen Untergangsszenarien verdienen selbsternannte Nachrichtenseiten Geld. Foto: Kim Lucia Ruoff
Sie sehen aus wie Nachrichtenplattformen, imitieren den journalistischen Schreibstil und berufen sich auf die Meinungsfreiheit. Ihre Meldungen sind manchmal nur einseitig, aber oft vorsätzlich hetzend. „Fake News“-Macher vermischen aktuelle Fakten, längst Vergangenes und frei Erfundenes. Kim Lucia Ruoff, Journalismus-Studentin und Hilfskraft im Projekt Dorian, erzählt, wie sie im Netz Fake News auspürt und entlarvt.

Wir sind uns alle sicher. Auf Deutschlands Straßen herrschte 2015 kein Bürgerkrieg. Bürgerkrieg, das würde bedeuten: eine bewaffnete Auseinandersetzung verschiedener Gruppen. Klar, es gibt und gab verschiedene Lager im Land. Es gab Proteste, Parolen wurden skandiert, Steine flogen. Aber ist das bereits ein Bürgerkrieg? „Also rufe ich bei der Bundesregierung an und lasse mir von oberster Stelle widerlegen, dass es hier einen Bürgerkrieg gab?“

Wir lachen. Gerade stellen sich wahrscheinlich alle vor, wie meine Kollegin Regierungssprecher Steffen Seibert bittet: „Eine kurze Frage: Herrschte in Deutschland 2015 per Definition eigentlich ein Bürgerkrieg? Falls nicht - könnten Sie mir das anhand von Fakten falsifizieren?“ Denn: Unser Bauchgefühl zählt nicht. Eine Nachricht wird erst zur Desinformation, wenn sie auch mit Quellen widerlegt werden kann. Wir einigen uns auf einen Blick in das Barometer des Heidelberger Instituts für internationale Konfliktforschung.

"Der Bürgerkrieg hat begonnen. Deutschlands Asylantenheime sind Schauplatz ethnischer Gewalt und Terror. Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Deutsche und echte Flüchtlinge werden zu Opfern hemmungslos prügelnder Clans." (Compact Magazin, 12. November 2015)

Es fühlt sich oft falsch an, bei solchen Thesen zu lachen. In einem Gebäude der Hochschule der Medien in Stuttgart sitzen wir uns gegenüber - fünf angehende Journalistinnen, und diskutieren über die letzten gefundenen Falschmeldungen. Vierzig Stunden Recherche im Monat, Quellen anrufen, Pressemitteilungen durchgehen, Statistiken nachvollziehen und immer wieder belegen, dass es sich um Falschmeldungen handelt. Nicht spüren, nicht glauben, nicht behaupten, sondern belegen. Aber vor allem: lesen.

Meistens geht es in den Artikeln um Kriminalität und Gewalt, um Opfer und Täter, solange das Profil passt. Um das Versagen von Journalisten und Politikern und wie Deutschland seiner Kultur beraubt wird. Der Einfluss solcher selbsternannten Nachrichtenseiten wächst. Sie beeinflussen Wahlentscheidungen und auch immer mehr das Klima zwischen den politischen Lagern in Deutschland.

"Der nächste Weihnachtsmarkt abgeschafft. Heisst in Elmshorn jetzt Wintermarkt. Die avisierte Zielgruppe sind „Flüchtlingskinder“. Also Pack, arbeitet schneller, härter und länger." (Halle-Leaks, 27. November 2017)

Darunter ist das Bild des Lichtermarkt-Plakats zu sehen. Ein Kind trägt weiße Engelsflügel, dahinter ein geschmückter Tannenbaum, Sterne und ein Lebkuchenherz, auf dem steht: „Lichtermarkt Elmshorn“. Die dunkle Hautfarbe des Kindes wird kommentiert mit: „Zutritt vorrangig für Schwarze, Elmshorn zum Lichtermarkt, Weihnachten ade.“ Nicht nur der Autor des Artikels deutet das Plakat so. Auch Erika Steinbach, ehemalige CDU-Politikerin und 27 Jahre Mitglied des deutschen Bundestages, postet ein Bild davon mit der Beschwerde: „Deutschland zerstört seine Identität selbst.“

Dabei ist es selten so einfach, eine Information wie diese zu überprüfen. Es dauert keine zwei Minuten. Ich gebe in die Suchleiste ein: Lichtermarkt Elmshorn.

Ich finde: Eine Stellungnahme des Bürgermeisters, der die Instrumentalisierung seines Lichtermarkts anklagt. Bereits seit 2007 trüge er diesen Namen, aus einem einfachen Grund - die Weihnachtsbeleuchtung wurde damals erneuert, und man war stolz auf die Pracht. Das Kindermodell in Engelsflügeln: eine deutsche Teilnehmerin bei einem Fotoshooting 2011.

Vielleicht gar nicht so schlecht, denke ich, dass eine bekannte Politikerin dieser Falschmeldung auf den Leim gegangen ist, denn viele Zeitungen berichten in den kommenden Tagen über den Vorfall, berichtigen, liefern Hintergrundinformationen. Dennoch: Je länger ich mich in dieser Einbahnstraße aus Informationen aufhalte, desto weniger glaube ich, dass die Richtigstellung auch wirklich bei den Richtigen ankommt. Weder auf Halle-Leaks, noch auf anderen Seiten, die dieselbe Behauptung veröffentlicht hatten, erschien bis heute eine Korrektur. Auch auf der Facebook-Seite von Erika Steinbach sucht man eine Entschuldigung vergebens.

Sven Liebich, der Betreiber und Autor der Seite Halle-Leaks, streut täglich mehrere solcher Artikel. Im Vergleich zu seinem sonstigen Jargon hat er sich bei der Lichtermarkt-Meldung aber zurückgehalten. In seinen Texten redet er gerne von „Flüchtlings-Bestien“, „Killermigranten“ oder der „Schlepperkönigin und Killermutter Merkel“. Laut dem Medienportal Buzzfeed erreichen manche Beiträge seiner Seite deutlich mehr Likes, Shares und Kommentare als Artikel zum selben Thema auf bild.de oder anderen Nachrichtenplattformen. Es strengt an, solche Seiten zu lesen. Mein Kopf wird zu oft geschüttelt dabei.

"Deutschland: Migration für Tierbordelle verantwortlich? Die Tierschutzbeauftragte des Bundeslandes Hessen, Madeleine Martin, warnt jetzt Regierungsbeamte, dass Gesetze erlassen werden müssen, um die rasche Verbreitung dieser Bordelle zu stoppen (…) Sex mit Tieren scheint unter Moslems durchaus üblich zu sein." (Smopo, 22. Dezember 2017)

Ich wähle Frau Martins Nummer. Ja, sie habe sich für ein Verbot gegen Sodomie eingesetzt. Daraufhin wurde ein Gesetz erlassen, das Sex mit Tieren verbietet. Allerdings bereits 2013 und ohne den kleinsten Zusammenhang zu nennen zwischen Migration und den damalig bekannten Fällen. Sie hört sich an, als wäre sie froh, das endlich richtig stellen zu können. Vor kurzem sei sie darauf angesprochen worden, dass ihr Name auch auf einer Trump-nahen amerikanischen Nachrichtenplattform als Quelle für die steigende Zahl der Tierbordelle in Deutschland genutzt wird. „Ich kann einfach nicht glauben, wie dieses Interview von damals vier Jahre später so instrumentalisiert wird.“

Unter den Seiten, die wir nach solchen Desinformationen durchsuchen, sind viele, die gezielt Zusammenhänge herstellen, wo keine sind, mit dem Zweck zu hetzen, eine bestimmte politische Meinung zu verbreiten. Zusätzlich können die Betreiber über geschaltete Werbung Geld einnehmen. Auf der Seite journalistenwatch.de finden sich Werbebanner von Lieferando, Philips oder Microsoft. In der Nachrichtenleiste links daneben die Überschrift „Herrmann warnt vor Debatten über Zukunft von Führerin Merkel und Führer Seehofer“. Andere Seiten berichten ausschließlich über Gewaltverbrechen und verkaufen in ihrer Werbespalte stichfeste Westen, Elektroschocker und Anleitungen zum Überleben in Krisenzeiten.

Je reißerischer die Überschriften, desto mehr Klicks verzeichnen die Seitenbetreiber. Meine leise Hoffnung dabei: Je ausufernder die Sprache, desto kleiner die Anzahl der Menschen, die davon wirklich angesprochen wird. Aber auch Seiten ohne Agitation bergen Falschaussagen. Das Magazin Zuerst redet zwar nicht von „Killerflüchtlingen“, Wissenschaftler verorten ihre politische Ausrichtung trotzdem im Rechtsextremismus. Die Artikel sind in ihrer Sprache gemäßigt. In der Untermischung von Behauptungen nicht.

"Linksextremisten drohen AfD: 'Wir werden da reingehen und den Parteitag abbrechen.' Dass dies nicht nur Worte sind, zeigt ein Fall vom Wochenende aus Bad Karlshafen: Ein Angehöriger der linken Szene prügelte einen Kreistagsabgeordneten der Alternative für Deutschland ins Krankenhaus.

(Zuerst, 30.November 2017)

Der Pressesprecher der Polizeidirektion Nordhessen weiß davon nichts. „2016 gab es einen Angriff auf den Kreistagsabgeordneten Kohlweg.“ Seitdem sei ihm aber nichts bekannt. Es sind solche „Kleinigkeiten“, die diese Meldungen so gefährlich machen. Die in sich schlüssige Nachricht wurde der Realität vorgezogen. So entstehen einfache Schlussfolgerungen auf einem gepanschten Fundament aus aktuellen Fakten, längst Vergangenem und frei Erfundenem.

Auch in der Bürgerkriegs-Behauptung wurde gepanscht. Entgegen unseres Bauchgefühls listet das Heidelberger Institut zwar wirklich eine gewaltsame Krise in Deutschland, von gewaltsamen Clans ist dabei allerdings keine Rede. Genannte Konfliktpartner: ausländerfeindlich, rechte Gruppierungen versus Asyl-Befürworter und die Regierung.

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Kim Lucia Ruoff

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