Glaube auf Platz 3

In der Shell-Jugendstudie kommt die religiöse Alltagspraxis Jugendlicher nicht vor
Jugendliche beim Abend der Begegnung des Ökumenischen Kirchentages in ­München  im Mai dieses Jahres. (Foto: epd/Stefan Arend)
Jugendliche beim Abend der Begegnung des Ökumenischen Kirchentages in ­München im Mai dieses Jahres. (Foto: epd/Stefan Arend)
Religion ist für die Forscher der Shell-Studie nach wie vor ein jugendliches Praxisfeld, dem sie sich nur mit größtem Unbehagen nähern. Aus religionstheoretischer Sicht weist auch die neue Studie gravierende Mängel auf.

Glaubte man der Agenturmeldung des Evangelischen Pressedienstes vom 14. September, dann wären die religionsbezogenen Ergebnisse der neuen Shell-Jugendstudie ohne Neuigkeitswert. Ein unaufhaltsamer Säkularisierungsprozess nähme weiterhin seinen Lauf, Religion spiele für die Jugend "eine eher mäßige Rolle", in Ostdeutschland sei sie bedeutungslos geworden und "in den alten Bundesländern noch für 44 Prozent der katholischen Jugend wichtig". Lediglich bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund habe die Bedeutung des Glaubens an Gott weiter zugenommen.

Eine sorgfältige Analyse der Shell-Studie zeigt freilich das Gegenteil: Der Glaube an Gott spielt eine wesentliche Rolle für die Zufriedenheit und Zuversicht heutiger Jugendlicher, neben der Fähigkeit, sich von den Zumutungen des Lebens distanzieren zu können und einer gut entwickelten Leistungsbereitschaft.

Großes Unbehagen

Allerdings ist es nicht einfach, diese Ergebnisse im vierhundertseitigen Konvolut der 16. Shell-Jugendstudie "Jugend 2010" ausfindig zu machen. Denn Religion ist für die Forscher der Shell-Studie nach wie vor ein jugendliches Praxisfeld, dem sie sich nur mit größtem Unbehagen nähern. So dauerte es mehr als vierzig Jahre, bis sich die Shell-Studie überhaupt dazu durchrang, Jugendliche nach ihren religiösen Einstellungen zu befragen.

Doch auch dann blieb ihr analytisches Instrumentarium dermaßen grobmaschig, dass Fachleute aus der Religionspädagogik und der Religionssoziologie regelmäßig Verbesserungen anmahnten, die die Designer der Shell-Studie mit ebensolcher Regelmäßigkeit ignorierten. In dieser Hinsicht gleicht die Shell-Studie einem Riesentanker, der seinen Kurs nur sehr, sehr langsam ändert.

Aus religionstheoretischer Sicht weist auch die neue Studie gravierende Mängel auf. Da sind zum einen die Unterbelichtung religiöser Praxis, zum anderen der unterkomplexe Glaubensbegriff und schließlich ein grotesk niveauloses Gottesverständnis. Religion als Alltagspraxis wird unterschlagen.

Eine Frage an die Jugendlichen lautete: "Man kann ja verschieden reagieren, wenn man einmal in Schwierigkeiten ist oder ein größeres Problem hat. Was tun Sie dann gewöhnlich?" Vierzehn verschiedene Antwortmöglichkeiten werden den Jugendlichen angeboten. Sie reichen vom Gespräch mit Eltern und Freunden über aggressives und autoaggressives Verhalten bis hin zum Rauchen, Trinken, Feiern und Verdrängen. Einzig in der Antwortmöglichkeit "Wenn ich ein größeres Problem habe, versuche ich das Ganze mit Humor zu nehmen, es ist schließlich nicht das Ende der Welt" könnte man einen transzendenten Unterton vernehmen. Denn der hier angesprochene Humor ist kein Galgenhumor, sondern verdankt sich der Gewissheit, dass die eigene Bestimmung nicht in den Zumutungen des gegenwärtigen Daseins aufgeht. Theologisch ließe sich dieser Humor auch als ein Effekt von Gottvertrauen deuten.

Fehlende Antwortmöglichkeiten

Verblüffend ist aber das Fehlen einer Antwortmöglichkeit, die damit rechnet, dass Jugendliche auch beten könnten, wenn sie in Schwierigkeiten sind. Obwohl die Shell-Studie seit Mitte der Neunzigerjahre die Jugendlichen nach ihrer Religiosität befragt, obwohl 88 Prozent aller Jugendlichen in Westdeutschland einer Religionsgemeinschaft angehören und obwohl nur für eine Minderheit der Glaube an Gott unwichtig ist, kommen die Designer der Studie nicht auf die Idee, das Gebet für eine jugendliche Handlungsoption zu halten.

Ein Merkposten für die Jugendstudie 2014 sollte also die Aufnahme der Antwortmöglichkeit "Wenn ich ein größeres Problem habe, dann bete ich" in den Antwortenkatalog der Frage F46n sein.

Das würde freilich bedeuten, dass die Shell-Studie ihr gesamtes religionsanalytisches Design zu überarbeiten hätte. Denn bisher interessiert sie sich nicht für die religiöse Praxis der Jugendlichen, sondern lediglich für deren Meinungen zu einem vorgegebenen Gottesbild und ihre Einstellungen zur Kirche. Das ist aber ein Religionsverständnis, das weit hinter dem gegenwärtigen Stand der Forschung zurückbleibt.

In diesem Tagen erscheint die deutsche Übersetzung des neuen Buches von Harvey Cox The Future of Faith, in dem er den Unterschied zwischen "Faith" und "Belief" betont. "Belief" sei eine Meinung zu einem umstrittenen Sachverhalt, "Faith" hingegen sei eine Zuversicht, die uns unmittelbar und unbedingt betrifft. Diese muss nicht frei von Zweifeln sein. Man muss nicht an Gott glauben, um beten zu können.

Überzeugungen versus Praxis

Der Glaube als ein System von Überzeugungen ist nachrangig gegenüber einer religiösen Praxis, die sich auch in einer durchaus paradoxen Konzeptualisierung der religiösen Dimension des eigenen Daseins gründen kann. Auch ein Gebet mit der Anrede:"Wenn es Dich wirklich gibt, lieber Gott, dann..." ist ein Gebet. Und wie uns der Apostel Paulus wissen lässt, kann selbst das Seufzen der geschundenen Kreatur noch als eine Hoffnung gelesen werden, dass Gott alle Dinge zum Besten kehren will.

Die Reduktion des Glaubensbegriffs auf eine beliebige Meinung zu einer vorgegebenen religiösen Semantik führt auch bei der Frage nach den Lebenszielen der Jugendlichen (F37_1) zu einer Unterschlagung der religiösen Dimension. Zwar wird unter F37 danach gefragt, wie wichtig einem der Glaube an Gott sei, es wird aber nicht gefragt, wie wichtig es sei, dass Gott an mich glaubt; mit anderen Worten: welche Bedeutung das Gottvertrauen für die eigene Lebenszuversicht hat.

Das ist umso bedauerlicher, als die Antwortmöglichkeit "Im Leben braucht man Menschen um sich herum, denen man unbedingt vertrauen kann" die höchste Zustimmung, nämlich 95 Prozent, erhalten hat. Hält man sich vor Augen, dass die Verwendung des Begriffs "unbedingt" weit über das sozial Erwartbare hinausreicht, dann wäre es spannend gewesen, zu erfahren, wie hoch die Zustimmung bei einer Antwortmöglichkeit mit folgendem Wortlaut gewesen wäre: "Im Leben braucht man Gottvertrauen, das einen auch dann trägt, wenn man sich von anderen verlassen fühlt."

Andreas Feige hat in seiner zusammen mit Carsten Gennerich im Jahre 2008 veröffentlichten Studie "Lebensorientierungen Jugendlicher. Alltags­ethik, Moral und Religion in der Wahrnehmung von Berufsschülerinnen und -schülern in Deutschland" das Religionskonzept der Shell-Studie einer umfassenden Kritik unterzogen. Mit Recht wirft er ihr einen essentialistischen Religionsbegriff vor, der nicht hinreichend zwischen Kirchlichkeit und Religiosität unterscheide und dessen Gottesbegriff in geradezu grotesker Weise unter dem Reflexionsniveau der Theologien aller Konfessionen liegt.

Entwaffnende Schlichtheit

Diesen Mangel hat auch die neue Shell-Studie nicht beseitigt. In entwaffnender Schlichtheit heißt es dort: "Religiosität definieren wir entweder in Form des Glaubens an die Existenz eines persönlichen Gottes oder eines sachlich-göttlichen Prinzips, das über den Menschen (und ihren irdischen Mächten) steht und sie (wie auch immer) beherrscht und beeinflusst. Wer sich aus Unsicherheit oder Überzeugung zu beiden Varianten Gottes nicht bekennen will, wird als nicht religiös eingestuft."

Unsicherheit gegenüber diesen schiefen Alternativen wird also nicht als Nachdenklichkeit oder als theologische Kompetenz, sondern als Unglaube gedeutet. Die Zahl derer, die sich angesichts der angebotenen Alternativen nicht festlegen wollen, hat um 4 Prozent zugenommen.

Während die Shell-Studie das als weiteren Hinweis für nachlassende Religiosität deutet, kann man auch der Meinung sein, dass dies eine - theologisch positiv zu würdigende - Suchbewegung ausdrückt für das, was uns unbedingt angeht.

Eine solche Interpretation drängt sich vor allem deshalb auf, weil der Glaube an Gott eine wichtige Rolle für die frappierend hohe Zufriedenheit der heutigen Jugend spielt. Dieses Ergebnis dokumentiert die Studie freilich nicht in ihrem Religionskapitel, sondern im Kapitel "Werte und Zufriedenheit" (208 - 242), das zu erklären versucht, woher die erstaunliche Selbstgewissheit und Lebenszuversicht der heutigen Jugendlichen kommt. Man hat deshalb die Wertorientierungen der Jugendlichen mit ihrem Gefühl der Zufriedenheit in Beziehung gesetzt und so den Einfluss der Wertorientierungen auf die Zufriedenheit berechnet.

Soziale Faktoren

Dabei sind soziale Faktoren, auf die Jugendliche keinen Einfluss nehmen kön­nen, von ihrer individuellen "Zufriedenheitsfähigkeit" zu unterscheiden. Ob­jektive Faktoren für Zufriedenheit und Zuversicht können die soziale Schicht, die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht oder die Größe des Haushalts sein, objektive Faktoren für Unzufriedenheit dagegen Arbeitslosigkeit, Migrationserfahrungen und das Leben als Ausländer in Deutschland.

Subjektive Faktoren für Zufriedenheit sind - in dieser Rangfolge - die Fähigkeit, Probleme mit Humor zu nehmen, Fleiß und Ehrgeiz, der Glaube an Gott, ein gutes Gesprächsklima in der Familie, die Anerkennung von Gesetz und Ordnung, zu wissen, was man will, die Fähigkeit zum Feiern, die Bereitschaft, sich um andere zu kümmern und etwas tun, was einem Spaß macht. Unzufriedenheit wird erzeugt - ebenfalls in dieser Rangfolge - durch die Anpassung an andere, das Gefühl der Ohnmacht gegenüber Mächtigen, die Illusion, dass alles von alleine wieder gut wird, das Engagement für sozial Benachteiligte und das Ausagieren von Aggressionen.

Trotz eines beschränkten Religionsbegriffs rangiert der Glaube an Gott auf Platz drei der Zufriedenheit stiftenden Einstellungen. Stellt man darüber hinaus in Rechnung, dass der Glaube an Gott in allen monotheistischen Religionen nicht ohne die Liebe zum Nächsten auskommt, lassen sich die hohe Bedeutung der Familie, die Anerkennung der staatlichen Ordnung und die Bereitschaft zum solidarischen Handeln ebenfalls als Hinweise darauf deuten, dass die heutige Generation der Jugendlichen den Wertesystemen dieser Religionen positiv gegenübersteht.

Zum Schluss sei noch auf die zunehmende Religiosität von Jugendlichen mit Migrationshintergrund hingewiesen. Nur 12 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund halten einen Glauben an Gott für unwichtig. Die Shell-Studie stellt fest: "Die hohe Bedeutung der Religion für die Migranten, besonders für die Ausländer, scheint eine zufriedenheitsstiftende Komponente zu haben, die den negativen Faktor der 'Fremdheit' abmildert." (211) Während eine merkwürdige Koalition aus Alice Schwarzer und Thilo Sarrazin von der neuen Sichtbarkeit der Religion der Migranten auf Integrationsversagen schließt, zeigt die Shell-Studie, dass Religiosität den Migranten hilft, mit Zuversicht ihren Weg in einem nicht sonderlich gastfreundlichen Land zu machen. Auch das ist eine gute Nachricht.

Rolf Schieder lehrt als Professor an der Hum­boldt-Universität zu Berlin Praktische Theologie und Religionspädagogik.

Rolf Schieder

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