Wer seid ihr?

Der Kirchentag ist auch eine Brücke
Foto: Dominik Butzmann
Der Kirchentag kommt in eine Region, in der, wenn überhaupt, nur jeder vierte getauft ist. Im Osten ist vielerorts längst Realität, was manche in westlichen Landeskirchen auf sich zukommen sehen. Aber der Eindruck einer Glaubenswüste ist nur ein Teil der Realität. Denn gerade im Osten bewegt sich etwas.

Hunderttausend. Das ist eine wichtige Zahl beim Kirchentag. Hunderttausend Besucher wollen die, die den Kirchentag vorbereiten, unbedingt in die jeweilige Kirchentagsstadt locken. Manche waren im Vorfeld sehr skeptisch. Wenn Kirchentag in Dresden ist, meinten sie, dann kann diese Marke nicht erreicht werden. Denn nach Dresden kommt der Kirchentag in eine Region, in der, wenn überhaupt, nur jeder vierte getauft ist. Wo Konfirmation oder Firmung die Ausnahme sind. Wo manche Pastorin nur müde lächeln kann beim Lamento des Amtsbruders von Rhein oder Neckar. Denn im Osten ist vielerorts längst Realität, was manche in westlichen Landeskirchen auf sich zukommen sehen: ein Seelsorger nur für mehr als eine Handvoll Gemeinden, überschaubare Konfirmationsjahrgänge, Kirchgebäude, die aufgegeben werden müssen.

Aber der Eindruck einer Glaubenswüste ist nur ein Teil der Realität. Denn gerade im Osten bewegt sich etwas. Aus der Not heraus wird Neues, auch Unkonventionelles geprobt. Es ist wohl ein bisschen wie beim Umzug vom traditionellen Reihenhaus in die interessant geschnittene Dreizimmerwohnung. Man verkleinert sich und nimmt das mit, was einem das Wichtigste ist. Wo Gemeinde schrumpft, da muss sie sich auf das Wesentliche besinnen - und entdeckt oft gerade auf diese Weise neu, was sie im Kern ausmacht. Dass Kirche da lebendig ist, wo Gemeinde zusammenkommt, gut von Gott redet, Gottesdienst feiert, notfalls auch ohne Pastor.

Neugierige Fragen

Immer wieder erlebe ich, wie Ehrenamtliche mit Hilfe einer eigens entwickelten Gemeindeagende Gottesdienst vorbereiten. Und mir mit leuchtenden Augen erzählen, dass sich immer mehr Gemeindeglieder so überhaupt trauen, Gottesdienst zu halten und wie viel sich in Köpfen und Herzen bewegt, wenn mehr vom Priestertum aller Getauften spürbar wird. Viele solcher Aufbrüche gibt es, die eine Gemeinde - vielleicht nicht an Größe aber an Tiefe - wachsen lässt. Und viele Projekte, die sich nicht hinter die verschlossene Kirchentür zurückziehen, sondern das Gespräch suchen mit den Menschen, denen der Glaube fremd oder fremd geworden ist.

Wenn der Kirchentag also nach Dresden kommt, dann kommt er in eine Region, in der es keinen dichten Wald geben mag, aber viele kleine Setzlinge des Glaubens. Und er trifft keineswegs auf ablehnende Menschen. Ich bin im Gegenteil immer wieder berührt von der Offenheit und dem Interesse, das dem Kirchentag entgegengebracht wird. Es wird gefragt: Wer seid ihr? Warum kommen so viele zum Kirchentag? Woran glaubt ihr, worauf vertraut ihr? Auf diese neugierigen Fragen können sich alle, die nach Dresden fahren, einstellen. Und dann - gerne strahlend - von ihrem Glauben erzählen, wie er ihnen Hoffnung gibt, auch, wann er sie zweifeln lässt und wo er sie durchs Leben trägt. Wem von Gott erzählt wird, der begegnet ihm womöglich. Der Kirchentag gibt dazu Gelegenheit.

Wenn die Zahlen derer, die sich zum Kirchentag anmelden, weiter so steigt wie bisher, dann werden womöglich am Ende Hundertzwanzigtausend am Elbufer stehen und gemeinsam Gottesdienst feiern. Das wäre ein ganz wunderbares Zeichen für den Evangelischen Kirchentag. Und ein guter Nährboden für die Kirche im Osten.

Katrin Göring-Eckardt

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