Reife Verluste

Little Glass Box
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Ein Kontinent und eine Landnahme nach langer Seefahrt mit zwölf Songs.

Wird wirklich so viel verloren, verlassen, vermisst? Mit viel Ohnmacht laut und oft stumm gescheitert? Standesbeamte wissen es vorab, sie, die, konfrontiert mit höchster Erwartung, unter der Grasnarbe von Contenance und besten Wünschen jenes statistische Mittel mit sich tragen, wonach jeder dritte geschlossene Bund fürs Leben den Bach runtergeht. Ihre Kunden denken nicht daran. Wer wollte es ihnen verdenken?

Der jiddische Theaterstar Aaron Lebedeff brachte es diesseits aller Lebensberatungsbücherlügen auf den Punkt: Vot ken yu makh? Am besten den Schmerz ermessen! Mit dem Potenzial zum Umschlag, also dialektisch, hilft Musik dabei immer schon. Das Album "Little Glass Box" des schottischen, bei uns bisher unbekannten Singer-/Songwriters und Gitarristen Fraser Anderson ist in dieser Hinsicht vom Fleck weg kanonisch. Anderson begann als Tour-Sänger von Folkinstitution Dougie MacLean und nahm 2004 sein erstes eigenes Album auf, kam über den Selbstverlag aber nie hinaus. Gab Konzerte, war Support Act von Joan Armatrading und Chuck Berry, gründete in Südfrankreich eine Familie und brachte sich mit Auftritten durch, bei denen es auch das 2010 eingespielte "Little Glass Box" zu kaufen gab, für das er erst vor kurzem einen Plattenvertrag bekam. Ein Album mit R'n'B-Einschlag, was auch an seiner souligen, treffsicher tastenden Stimme liegt, und mit einem Songwriting, das Vergleiche mit Nick Drake und Joni Mitchell in deren besten Momenten nicht zu scheuen braucht.

Dazu der wunderbare Gesang, oft am Rand zum Falsett, starke Arrangements und eine Besetzung zum Fingerlecken. Doch bei diesem Songmaterial ist es kein Wunder, dass Leute wie Bass-Legende Danny Thompson mit von der Partie sind; außerdem Trompeter Dick Pearce, Percussionist Martin Ditcham und "Fender Rhodes"-Zauberer Max Middleton als Pianist. Der loungige Sound ist im Jazz verwurzelt, aber folky, sehr intim, und arbeitet mit vielen Facetten dicht am Schmerz ohne je zu heulen. Ein Kontinent und eine Landnahme nach langer Seefahrt mit zwölf Songs, die selten in Uptempo-Regionen geraten. Konzentriert und ausbalanciert mit großer Lust am Spiel, am Ermessen.

Der Blick gilt rasch nicht mehr Vergehen und Vergangenheiten, sondern schlägt um in Zustimmung zu Verlusten, wie sie das Leben nun mal ausmachen. "Little Glass Box" schafft Platz dafür; mit Preziosen wie "Your Love", das nach bluesigem Gospelpiano-Intro in sattes Vergewissern mäandert, oder dem sanft pulsenden "Only A Boy" ("I just wasn't strong enough to know"), bei dem Bass, Besen auf den Drums, Gesang und Trompete sich derart entspannt in den Armen liegen, dass der Rest mal wirklich egal ist. Durchlaufender Reim darauf: Das ist es allemal wert gewesen!

Fraser Anderson: Little Glass Box. Membran Records 2015.

Udo Feist

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