Dialektik

Ein Punktum
Foto: privat
Keine Ahnung? Genau das ist es, "Keine Ahnung" - Du wirst jetzt mein Zauberwort.

Die Schlange am Bahnschalter ist lang, und ich konzentriere mich auf die Gespräche der Wartenden. Hinter mir erzählt ein junger Mann von seiner Dienstreise. "Nach Hamburg bin ich gefahren, Alter. Mit dem ICE dauert das von Berlin nur eineinhalb Stunden, Mann Alter, das geht schnell." In jedem Satz steckt ein langgezogenes "Alter". Meine Neugier ist geweckt: Wer wird hier ständig mit "Alter" angesprochen? Ein dezenter Blick über die Schulter offenbart eine modisch gekleidete, adrett frisierte junge Frau. "Ich will nachher noch Potsdamer Platz. Wolln wir S-Bahn oder bist du mit Auto?" "Lassma Bus."

Während ich noch über die fehlenden Artikel und Präpositionen sinniere, eröffnet das ältere Paar vor mir ein Gespräch, das phonetisch in etwa so klingt: "Dia vom grossa Vaddrland dooba schwäddzad schnellr als mir dengad." "So isch nô au wieder", lautet die Entgegnung. Der Diskurs der beiden ist bei mir noch längst nicht geistig transkribiert, da tippt mir ein Mann mit Koffer auf die Schulter. "Dädn Se mal off mei Gelummbe uffbassen?" Ich will nicht länger über den Sinngehalt grübeln, entscheide mich für ein international verständliches Kopfnicken, werde kurz auf das Gepäckstück achtgeben.

Die nächste Ansprache bringt mich dann wider Erwarten an meine intellektuellen Grenzen. "Kenna Sie mià songn, wià ma ins Hotei Oldn Friatz kumma?" Hilfe. Die unumwundene Fragestellung nach dem Sachverhalt stößt mich vor den Kopf, erstens fehlt es mir an Kenntnis, zweitens an den passenden Worten. Ein schnelles "Ähhh..., Ehmm...", "tja also..." wäre weit unter meinem Selbstverständnis. Mein Smartphone mit seinen Wegweisern und unendlichen Optionen wäre jetzt der rettende Ersthelfer. Aber es ist tief in der Handtasche vergraben. Und was die Bedienfähigkeit angeht - mir fehlt es noch am geübten Zugriff. Überforderung, Panik: zeitzeichen-Redakteurin ist sprach- und orientierungslos. Da plötzlich, ein Stück hinter mir schnappe ich Gesprächsfetzen auf: - "Ey Digga, wo haste Dir die fetten Apps gesaugt?" "Keine Ahnung..."

Keine Ahnung? Genau das ist es, "Keine Ahnung" - Du wirst jetzt mein Zauberwort. Die Formel der jungen "Generation maybe", der selbstbewussten Unentschlossenen ohne Eigenschaften, sie trifft den Nerv der Zeit, lässig ins Gespräch gestreut, alle Fragezeichen im Kopf locker überbrückend. So lächle ich dem Fragesteller mein "Keine Ahnung" ins Gesicht und allen Barrieren zum Trotz versteht er mich auf Anhieb.

Bingo. Die Erkenntnis umfängt mich: Du bist angekommen, weil Du weißt, dass Du nichts weißt. Sokratisches Wissen um das Nichtwissen führt zum wissenden Nichtwissen der absoluten Transzendenz. Schon stehe ich am Fahrkartenschalter. "Wohin bitte soll's denn gehen?" "Nach Bielefeld." Nur so viel steht fest, und Ausnahmen bestätigen die Regel. Bis baldio.

Kathrin Jütte

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: privat

Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Meinung"