Kooperationen

Experiment Ruhrgebiet
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Wirklich unbekannte Experimente bietet der Band nicht, aber er regt zur Kooperation mit auch ungewohnten Partnern an.

Gehört das Kaufhaus mit seiner Eierkartonfassade nach Duisburg, Hagen oder Essen? Die Innenstädte der Megacity Ruhrgebiet wirken für Außenstehende gesichtslos trotz allem Strukturwandel. Doch diese Region zwischen Abgeschriebensein und neuen Aufbrüchen bietet ein beispielhaftes Experimentierfeld für evangelisches Engagement. Denn Diversität und Vielfalt verbinden Mentalitäten von Revier und Protestantismus. Seit dem 19. Jahrhundert prägt Einwanderung das Ruhrgebiet und bietet bis heute unfertige Zwischenräume als Nährböden für Innovationen. So können und müssen ethnische und religiöse, soziale und milieubedingte Unterschiede hier stets neu ausgehandelt werden.

In diesen andauernden Schwellensituationen verlieren sie ihre diskriminierende Kraft leichter als in Gegenden mit festgefügten Traditionen. Dies birgt Chancen für christliche "Orte, an denen die sozialen Unterschiede wie selbstverständlich durchquert werden in Richtung einer Gleichheit aller vor Gott". So liegen gerade hier Chancen für ein zukunftsweisendes Miteinander von Kirche und Kultur in säkularisierter Zeit. Unter dieser Perspektive sind in dem Band Beiträge von 22 Autoren (eine Frau, 21 Männer) veröffentlicht, die vorwiegend an Rhein und Ruhr tätig sind. Am Anfang steht die Frage nach dem Ertrag der biblischen Metropolen Jerusalem, Athen und Rom für die Megacity im Westen: Die heutige urbane Vielfalt weist mit ihren Anforderungen an Dialog und gegenseitige Gastfreundschaft Parallelen zur multikulturellen Antike auf. Als Prozess der Inkulturation wird die Reformationsgeschichte des Ruhrgebietes interpretiert.

Bereits im 16. Jahrhundert prägte sie die Einwanderung niederländischer und französischer Migranten. Später trugen evangelische Arbeiter- und Frauenvereine zur Beheimatung ostpreußischer Zuwanderer bei.In aktuellen Projekten entfaltet der Band die Stärken des Reviers: Rund um die im Krieg zerstörte Bochumer Christuskirche entsteht der "Platz des europäischen Versprechens": Gegenüber der "prekären Gedenkhalle" im stehengebliebenen Turm mit Namen der im Ersten Weltkrieg Gefallenen und einer Liste der damaligen "Feindstaaten", "linkerhand das Rotlicht, rechterhand die stillgelegte Brauerei". Hier kann sich bekenntnisunabhängig mit Namen eintragen, wer ein Versprechen für ein gemeinsames Europa abgeben möchte. Der Inhalt des Versprechens bleibt unsichtbar, also frei, die Namen aber sollen dem Platz sichtbar eingeschrieben werden: "Wir haben die Einladung weit gestreut und sind dahin gegangen, wo man es nicht gewohnt ist, gefragt zu werden..." Gastfreundschaft und vorbehaltlose Einladung ziehen sich wie ein "Cantus firmus" durch die Projekte. Das ökumenische Erntedankfest in Bochum-Wiemelhausen, zu dem auch Muslime eingeladen sind: Im Anschluss an den Gottesdienst werden nach einem gemeinsamen liturgischen Rahmen die mitgebrachten Speisen gegessen. Im Ramadan ist die Kirchengemeinde beim Fastenbrechen dabei.

Als Beitrag der Kulturhauptstadt "Ruhr 2010" gelang es mit der Reihe "BABEL" anspruchsvolle moderne Kirchenmusik publikumswirksam aufzuführen. Hinter dem Titel stand das biblische Bild der Sprachverwirrung verbunden mit dem heutigen Bewusstsein einer komplexen und oftmals misslingenden Kommunikation. Ein Simultankonzert an Pfingsten beschloss als "Anti-Babel" die Reihe in den sieben an der A40 gelegenen, online vernetzten Kirchen. Wirklich unbekannte Experimente bietet der Band nicht, aber er regt zur Kooperation mit auch ungewohnten Partnern an, die nahezu überall ausbaufähig ist. Denn gerade darin besteht der kulturelle Auftrag einer evangelisch profilierten Kirche in säkularer Umgebung.

Peter Noss / Thomas Erne (Hrsg.): Unterwegs im Experiment. Klartext Verlag, Essen 2014, 342 Seiten, Euro 29,95.

Gudrun Mawick

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