Gefährlicher Zustand

Nach dem 7. Oktober: Warum unserer Gesellschaft droht, die gemeinsame Basis verlorenzugehen
Propalästinensische Demonstration in Berlin
Foto: picture alliance/dpa | Monika Skolimowska
Propalästinensische Demonstration in Berlin

Hass und die scheinbar unversöhnlichen Konflikte werden in den Monaten nach dem furchtbaren Massaker der Hamas in Israel auch in der deutschen Gesellschaft immer sichtbarer. Was tun? Der ehemalige Berliner Bischof Markus Dröge, der Vorstandssprecher der Stiftung Zukunft Berlin ist, analysiert die Situation und fordert, die Bedeutung der Menschenrechte in der Bildungsarbeit neu zu verankern. 

Nichts ist wirklich neu, aber seit dem 7. Oktober ist alles anders. In Berlin lebt die größte palästinensisch-stämmige Community Europas. Gleichzeitig, so heißt es, könne man als Israeli in Berlin ohne Englisch oder Deutsch zu sprechen gut leben – mit Ivrit sei das gesamte alltägliche Leben zu bestreiten. Junge Israelis leben gerne in Berlin, hier ist es so bunt wie in Tel Aviv, nur sicherer … 

Auch religiös ist Berlin lange schon eine bunte Stadt. Inzwischen bietet ein Rat der Imame eine Plattform für Austausch und Repräsentanz der sehr unterschiedlichen Moschee-Gemeinden. Die christliche Welt Berlins kennt neben den etablierten Christinnen und Christen eine Vielzahl von ethnisch und sprachlich profilierten Gemeinden mit Zuwanderern aus aller Welt. Allein die afrikanischen Gemeinden bilden einen eigenen Konvent. Jüdisches Leben hat sich in Berlin vielfältig etabliert und dynamisch weiterentwickelt – nach der Gewaltgeschichte der Nazi-Zeit ein besonderes Geschenk. 

Dass Vielfalt nicht nur harmonisch ist, sondern auch anstrengend, liegt auf der Hand. Bisher aber gehört es zum Selbstverständnis Berlins, dass es gerade hier, in der „Stadt der Freiheit, in der die Mauern fallen“ genug Respekt, Toleranz und kreative Zukunftshoffnung gibt, um den Zusammenhalt ausreichend zu stärken und die Vielfalt zu einem spannenden Erlebnis machen. 

Wer Kontakte über die eigene Lebensstil-Community hinaus pflegt und den Dialog sucht, der hat allerdings immer schon die keineswegs geringen Spannungen in der Berliner Gesellschaft wahrgenommen: kulturelle Unterschiede, divergierende Familien- und Rollenverständnisse, sehr unterschiedliche ethische Überzeugungen und politische weltweit vernetzte Loyalitäten. Schon innerhalb einer Religionsfamilie gibt es diese Spannungen. 

Auffällig anders

Wenn christliche Gemeinden, die ihre Wurzeln in anderen Erdteilen haben, in öffentlichen, ökumenischen Gottesdiensten gemeinsam mit alteingesessenen Berliner Gemeinden auf die Lage ihrer bedrängten Glaubensgenossinnen und -genossen in der alten Heimat aufmerksam machen, dann kommen dabei vielfach politische Einschätzungen zur Sprache, die irritierend für deutsche Bürgerinnen und Bürger sind. Orthodoxe Christen aus Syrien oder koptische Christen aus Ägypten beurteilen die dort herrschenden Regime auffällig anders als der politische Mainstream bei uns. 

Noch stärker werden Spannungen offensichtlich, wenn Moscheegemeinden ihre Solidarität mit ihren traditionellen Heimatländern artikulieren. Nicht umsonst wird deshalb politisch gefordert und unterstützt, dass die Ausbildung von Geistlichen aller Religionsgemeinschaften in Deutschland stattfindet. Und mit gutem Grund beschränken interreligiöse Feiern in Berlin, etwa anlässlich des Gedenkens an Terroropfer, die Inhalte des Gedenkens auf die existenziellen Fragen des Menschseins, die für alle gleich gelten. 

Das alles ist also nicht neu. Aber seit dem 7. Oktober 2023 werden diese spannungsvollen Realitäten in der Stadtgesellschaft sehr viel stärker öffentlich erkennbar. Das sadistische Massaker, das die Hamas an friedlich feiernden Menschen verübt hat, führt zu tiefer, existenzieller Erschütterung, auch zur Erschütterung des Vertrauens in gemeinsame Werte und Grundhaltungen, die ein respektvolles Zusammenleben in Vielfalt ermöglichen. Wer das Massaker, dessen Grausamkeit alle Kategorien eines legitimen Widerstands relativiert oder gar als „Triumph für unsere Märtyrer“ feiert, der entzieht dem gesellschaftlichen und politischen Leben, ja dem menschlichen Zusammenleben generell jede ethische Grundlage!

Was sind Menschenrechte noch wert, wenn Massaker als Befreiungstat gefeiert werden? Diejenigen Kräfte, die sich bisher für einen Frieden im Nahen Osten eingesetzt haben, haben sich auf die Menschenrechte bezogen, seien es israelische NGOs, die Ungerechtigkeiten gegenüber Palästinensern öffentlich machen, oder palästinensische NGOs, die sich um soziale Belange, den Aufbau der Zivilgesellschaft und demokratische Reformen in Palästina kümmern. Oder seien es Institutionen, die von Deutschland aus im Nahen Osten tätig sind, zum Teil mit einer langen Traditionsgeschichte, und die sich bisher im Sinne einer „doppelten Solidarität“ und mit der Überzeugung, dass Menschenrechte unteilbar sind, für den Brückenbau zwischen Israel und Palästina eingesetzt haben. 

Für wen bist du?

Das Massaker von Re'im und in zahlreichen Kibbuzim und Orten im Grenzgebiet zu Gaza am 7. Oktober und dann die hohen Opferzahlen in der Zivilbevölkerung des Gaza-Streifens durch den sich anschließenden Verteidigungskrieg Israels gegen die Hamas haben wie ein Fanal gewirkt. Existenzielle Betroffenheit artikuliert sich öffentlich. Meinungen und Sichtweisen, die lange schon auch in Berlin unterschwellig in den unterschiedlichsten Communities wirksam waren, werden jetzt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt: Ja, es gibt den antisemitischen Vernichtungswillen in arabischen Staaten; die totale Bestreitung des Existenzrechtes Israels durch religiös extreme Muslime, da dieser Staat angeblich illegitimer Weise im Bereich des zu gründenden Kalifates liege, zu dem ganz Palästina zu gehören habe. Ja, an amerikanischen Universitäten wird schon länger die These diskutiert, das Leiden der Palästinenser werde durch den deutschen Schuldkomplex unterstützt („Free Palestine from German Guilt“). 

Die Auffassung, Israel sei ein kolonialistischer Staat, der deshalb grundsätzlich in Frage gestellt werden müsse, lebt auch bei uns, wo es doch zur Staatsräson gehört, für die Sicherheit Israels einzustehen. „Weißt Du, warum Juden aus Europa nach Palästina ausgewandert sind?“, wurde ein 12-jähriger Schüler ohne Migrationshintergrund am 9. November 2023 in einem Gymnasium in Hamburg gefragt. „Ja, weil die Juden die Palästinenser umbringen wollten.“ - „Und weißt Du, was heute für ein Tag ist?“ – „Nein.“  Woher stammen die judenfeindlichen Bilder dieser Kinder? 

Jugendliche können in den Sozialen Medien die grausamsten Fotos und Videos anschauen, die die Fernsehsender aus gutem Grund nicht zeigen. Sie werden dadurch erschüttert und greifen zu den ihnen angebotenen Erklärungsmustern, um das Gesehene zu verarbeiten. Klischees, Vorurteile, Zuschreibungen, Generalverdächte bekommen neue Kraft und neue Wirkung. Und was „Nie wieder“ in unserem Land sein sollte, ist jetzt: Jüdische Kinder- und Jugendliche trauen sich nicht mehr aus dem Haus. „Zeig nicht, dass Du Jude bist!“, werden sie von ihren Eltern gewarnt. Nach dem 7. Oktober ist der Antisemitismus in erschreckender Weise neu erstarkt. 

Auf die Betroffenheit folgt Sprachlosigkeit. Institutionen, die sich bisher auf Grundlage der Menschenrechte darum bemüht haben, Brücken zu bauen, erleben, dass lange gepflegte, partnerschaftliche Beziehungen nicht mehr in der Lage sind, das Gespräch aufrecht zu erhalten. Gefordert werden Bekenntnisse, eindeutige Solidaritätsbekundungen, hier wie dort. Wer ein solches Bekenntnis nicht geben kann oder will, weil sein an die Menschenrechte gebundenes Gewissen zwar die eindeutige Verurteilung des kategoriensprengenden Hamas-Massakers, aber eben auch den Blick auf die Not der leidenden Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen fordert, der wird schnell als unsolidarisch tituliert und als Gesprächspartner ausgeschlossen. „Für wen bist Du?“, werden Lehrerinnen und Lehrer von ihren Schülerinnen und Schülern gefragt, so als handle es sich um ein Fußballspiel. 

Tolerierung des Andersdenkenden

Sprachlose Betroffenheit ist ein gefährlicher Zustand. Es muss gerade jetzt Orte geben, an denen die Verunsicherung, die Sorge, die Existenzängste ausgesprochen werden können. Schulen sind hier in Berlin besonders gefragt, um die Betroffenheit der Jugendlichen aufzufangen, aber auch Moscheegemeinden, jüdische Gemeinden und Kirchengemeinden. Hier wird zurzeit Enormes geleistet. Antirassismus und Antisemitismus-Projekte werden über das leistbare Maß hinaus angefordert. Die zivilgesellschaftliche Vernetzung aller Initiativen, Institutionen und Aktivitäten ist dringend notwendig, all derer, die gerade jetzt dafür einstehen müssen und wollen, dass der unter Druck geratene Zusammenhalt der Stadtgesellschaft gestärkt wird. Informationsaustausch und gegenseitige Unterstützung helfen, damit nicht auch im Bereich der Aktiven, Mut- und Sprachlosigkeit sich breit machen. 

Mittel- und langfristig müssen Bildungsprogramme gestärkt werden, die die Geschichte des Nahen Ostens, speziell die Geschichte Israels und des europäischen Antisemitismus vermitteln und so historische und politische Zusammenhänge aufzeigen, deren Kenntnisse notwendig sind, um die aktuelle Situation im Nahen Osten zu begreifen und ideologische, rassistische und antisemitische Deutungen einordnen und begründet ablehnen zu können. 

Dazu gehört es, jetzt verstärkt die Bedeutung der Menschenrechte in der Bildungsarbeit zu vermitteln. Denn wo die unantastbare Würde und die daraus folgenden Rechte jedes Menschen in Frage gestellt werden, und wo Hass und Terror als Mittel für die Durchsetzung politischer Ziele akzeptiert werden, da verliert eine Gesellschaft die Basis für gegenseitigen Respekt und für Tolerierung des anders Denkenden. Diese Grundlage für ein respektvolles Zusammenleben in Vielfalt muss jetzt, nach dem 7. Oktober, ganz neu und entschieden verteidigt werden.

 

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Monatsausgabe als Web-App.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.

Einzelartikel

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.
Foto: picture alliance

Markus Dröge

Markus Dröge (*1954) war von 2009-2019 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und von 2016-2021 Vorsitzender der Evangelischen Mittelostkommission (EMOK). Aktuell ist er Vorstandssprecher der Stiftung Zukunft Berlin.


Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"