Jude werden

Konversion – eine rabbinische Perspektive
Ruth und ihre Schwiegermutter Naomi: Für manche das Beispiel einer Konversion zum Judentum.
Foto: akg-images/UIG/Universal History Archive
Ruth und ihre Schwiegermutter Naomi: Für manche das Beispiel einer Konversion zum Judentum.

Normalerweise muss man in eine jüdische Gemeinschaft hineingeboren werden durch eine jüdische Mutter. Aber in Ausnahmefällen kann man sich entscheiden, ihr beizutreten. Niemand wird dazu gedrängt, niemand dazu gezwungen, niemand will missionieren. Wohl und Wehe des Übertritts zum Judentum, gerade in Deutschland, beschreibt der Berliner Rabbiner Walter Rothschild.

Wer ist ein Jude? Diese scheinbar unwichtige Frage hat die Menschen seit Jahrhunderten beschäftigt. Es gab viele Versuche, sie zu beantworten; die frühe biblische (patriarchalische) Zeit, die spätere biblische (prophetische) Zeit und die nachbiblische (rabbinische) Zeit hatten alle ihre Definitionen. Wie wir wissen, gab es viele, Christen und Faschisten, die Theologie mit Hämatologie verbanden und „jüdisches Blut“ als einen Faktor betrachteten. Für mich als Rabbiner hier und heute ist ein Jude jemand, der jüdische Albträume hat und trotzdem auch einen selbstironischen Sinn für Humor. Es gibt diejenigen, die nur das eine oder das andere haben, und dann fehlt wirklich etwas.

Die Albträume beruhen auf dem, was uns schon einmal passiert ist und was uns so leicht wieder passieren könnte. Diejenigen, die diese Möglichkeit nicht sehen, die blind für die Bedrohungen sind, die mit unseren Gegnern und Feinden zusammenarbeiten, werden von denjenigen, die diese Bedrohungen sehen, oft als „selbsthassende Juden“ bezeichnet – sie sehen nicht die Bedrohungen der Zerstörung, von Reykjavik bis Sydney gegen das einzige winzige Stückchen Land auf dem Globus, in dem Juden tatsächlich willkommen sind und nicht nur als exotische Minderheit toleriert werden. Wem der Humor fehlt, der verfällt in Dogmatismus und Aggression und neigt allzu leicht zu Depression und Selbstmord. Es ist schwierig, dieses Gleichgewicht zu halten, aber es ist wichtig.


Dabei hat Deutschland seine eigenen Probleme, wenn nicht einzigartige, so doch fast. Das eine ist die Vergangenheit, das andere die Gegenwart – und das Dritte ist die Angst vor der Zukunft. Was die Vergangenheit betrifft, so gibt es wenig hinzuzufügen, außer der Feststellung, dass sowohl die Regierung als auch die Kirchen in den 1940er-Jahren beschlossen, sich auf jüdisches Blut zu konzentrieren und es dann zu vergießen, mit großem (sogar überwältigendem) „Erfolg“.

Politische Vorteile

Was die Gegenwart betrifft, so gibt es eine an Psychopathie grenzende Besessenheit, sich in Debatten über die jüdische Identität einzumischen, weil das Jüdischsein – fast nur in Deutschland – politische und finanzielle Vorteile bringen kann. Wenn man hier einen jüdischen Großvater hatte, kann man behaupten, für alle Juden zu sprechen und im Namen aller Juden darüber zu schreiben, was sie denken (oder denken sollten). Niemand wird es wagen, einem zu widersprechen, und man könnte in große Talkshows eingeladen werden. Wenn man der Vorsitzende einer winzigen Provinz-Gemeinde von vielleicht fünfzig Leuten ist, wird man zum Oberbürgermeister eingeladen und hat gute Chancen, ein Bundesverdienstkreuz zu bekommen, weil man so ein netter Kerl ist. (Das gilt selbst dann, wenn man, wie sich später herausstellt, gar kein Jude ist; moderne Politiker hängen lieber ein Kreuz an den vermeintlichen Juden als umgekehrt).

Hier kann man behaupten, Vorfahren in Konzentrationslagern gehabt zu haben, oder einen „Hilfskonvoi“ organisieren, um Kuscheltiere nach Gaza zu bringen – und fast niemand wird einem widersprechen. Hierzulande sehen sich die kleinen, schwachen und überforderten jüdischen Gemeinden mit denjenigen konfrontiert, die von der Sowjetunion als Juden definiert wurden, die zwar väterlicherseits, aber nicht mütterlicherseits jüdische Vorfahren haben, die aber nun verlangen, aufgenommen zu werden. Oder es gibt Juden, die behaupten, man könne getauft werden und trotzdem Jude bleiben; oder man könne Atheist sein und Jude bleiben. Kann die Mitgliedschaft in den Gemeinden wirklich allen gewährt werden, und was würde das bedeuten?

Was die Zukunft angeht, so ist es einigen denkenden Deutschen (leider bei weitem nicht allen) langsam klar geworden, dass es inzwischen einen großen Teil der Bevölkerung gibt, der jeden, der auch nur etwas Positives über Israel sagt, als „Jude“ angreift. Wenn es keine echten Juden mehr gibt, die man angreifen kann, werden sie vielleicht Verlage, Schulen, Künstler, Autoren angreifen und sie in eine Debatte darüber verwickeln, was jüdische Identität für sie bedeutet. Es wird davon ausgegangen, dass alle Israelis Juden sind, auch wenn sie es nicht sind (etwa 20 Prozent der israelischen Bevölkerung sind Araber, und viele junge Israelis in Europa sind im Wesentlichen säkular oder sogar antizionistisch, aber das scheint für die Antisemiten keinen Unterschied zu machen). Werden also die Christen die nächsten „Juden“ sein? Einige Anzeichen dafür sind für diejenigen, die genau hinschauen, bereits sichtbar.

„Baruch Atah Adonai, Eleohejnu, Melech HaOlam, ascher Bachar-Bahnu miKol ha-Amim, weNatan Lahnu et Torahto …“

„Gelobt seist Du, O Gott, Unser Gott, Herrscher des Universums, der Uns aus allen anderen Völkern gewählt hat und Uns seine Torah gegeben hat …“

Oder „Baruch Atah Adonai, Elohejnu Melech aHaOlam, ascher Kidschahnu beMitzwotaw, vetzivahnu … Gelobt seist Du, Unser Herr, Herrscher der Welt, der uns befohlen hat diese Pflicht zu erfüllen …“

So oder so ähnlich beginnen die Segenssprüche, die Juden (theoretisch) mehrmals pro Tag sagen. Man dankt Gott dafür, dass Gott uns die Gelegenheit gegeben hat, spezifische „Mitzwot“, Pflichten, Verantwortungen, zu erfüllen. Einige sind moralischen Inhalts, einige sind Rituale; zu den Geboten gibt es auch Verbote, und wenn wir nach solchen Regeln leben, dann sind wir Partner Gottes, dadurch ‚heiligen‘ wir uns selbst.Das heißt, wir wenden uns an den einzigen Gott, nicht an uns selbst; wir erkennen an, dass wir uns durch die Befolgung dieser Anweisungen heiligen, was Gottes Absicht ist. Gott hat alle Menschen und Völker geschaffen, und Gott hat beschlossen, uns für bestimmte Aufgaben zu erwählen. Es gibt zwei Bündnisse: das allgemeine, das die gesamte Menschheit umfasst (das nach der Sintflutgeschichte geschlossen wurde), und das besondere, das mit Awraham und zumindest einigen seiner Nachkommen geschlossen wurde.

Dies ist jedenfalls das theologische Verständnis, wie der Begriff „auserwähltes Volk“ zu verstehen ist: nicht als zusätzliche Privilegien, sondern als zusätzliche Verantwortung. Wir müssen uns darum kümmern, was wir essen, wann und wie wir arbeiten und ruhen; wann und was wir feiern; wie wir uns zu unseren Mitmenschen, zu den Tieren, zum Boden unter unseren Füßen und zu den Sternen über unseren Köpfen verhalten. Es gibt Dinge, die geboten sind, Dinge, die erlaubt sind, und Dinge, die verboten sind. Nicht alle Juden halten sich an diese Regeln, nicht alle sind religiös, aber dies ist die grundlegende Selbstdefinition, dass wir zu einer Gruppe von Menschen gehören, die einen besonderen Bund mit Gott hat. Das heißt nicht, dass andere Menschen nicht auch Teil von Gottes Schöpfung sind – aber sie unterliegen nicht denselben Regeln.

Normalerweise muss man in eine jüdische Gemeinschaft hineingeboren werden durch eine jüdische Mutter. Aber in Ausnahmefällen kann man sich entscheiden, ihr beizutreten. Wir drängen nicht, wir zwingen niemanden, wir missionieren nicht, wir verurteilen niemanden als ‚Ungläubigen‘ oder ‚Ketzer‘, wenn er sich entscheidet, unserer Gruppe nicht beizutreten. Es ist eine freiwillige Angelegenheit, und weil es bedeutet, dass man eine Menge darüber lernen muss, wie wir leben und wie wir beten, muss es ernst genommen werden. Es gibt keinen „Weg zurück“. Wenn man sich entscheidet, einen jüdischen Partner zu heiraten und mit ihm das häusliche Leben zu teilen, wenn man sich auf eine bestimmte Weise zu Gott hingezogen fühlt, wenn man einen jüdischen Vater (aber keine Mutter) hatte und dieser Seite der Familie folgen möchte, dann gibt es Kurse und Rituale, die man befolgen muss. Und es gibt ein rabbinisches Gericht, das man von seiner Aufrichtigkeit und seinem Wissen überzeugen muss. Nur dann kann man beitreten. Mit allen Vorteilen und – gerade jetzt – Nachteilen, die das bedeuten kann. Und natürlich bedeutet dies in den meisten Fällen, dass man als Erwachsener beitritt, dass man keine Gelegenheit hatte, das Aufwachsen in einem jüdischen Haus oder einer jüdischen Gemeinde zu erleben. Man kann eine verpasste Kindheit und Jugend nicht „nachholen“.

Psychologische Probleme

Aber es gibt Menschen, die „jüdisch“ sein wollen und sich als solches ausgeben, ohne tatsächlich Juden zu sein. In mehreren Fällen, die ich kenne, haben sie sich sogar geweigert, Unterricht zu nehmen oder zu konvertieren, sie geben sich einfach als Juden aus, und man muss ihnen entweder vertrauen und glauben – oder sie verdächtigen. Dieses Phänomen hat sich sowohl nach der Shoah als auch in Teilen Europas, insbesondere in Deutschland, verstärkt, obwohl ich es auch anderswo erlebt habe. Es handelt sich um eine Mischung aus psychologischen Problemen, von denen einige wirklich problematisch sind, um einen giftigen Cocktail von Einstellungen, und jeder Fall ist anders. Gleichwohl stößt man auf die gleichen Probleme: Es könnte der Wunsch bestehen, sich der Opfergruppe anzuschließen, um das Selbstmitleid zu genießen, das jedes kleine Kind empfindet, wenn es sagt: „Alle hassen mich!“ Es könnte eine verdrehte Schuld für das sein, was die eigenen Vorfahren in der Vergangenheit getan haben, insbesondere in der Nazizeit. Es könnte ein Bewusstsein dafür bestehen, dass in diesem Land bestimmte Privilegien mit dem Jüdischsein verbunden sind, von „freien Tagen“ bis zum vermeintlichen Recht, sich offen über Israel zu äußern (positiv oder negativ!): Nichtjüdische Bürgermeister und Politiker werden zögern, sie herauszufordern. Manche werden Angst haben zu widersprechen, um nicht des „Antisemitismus“ beschuldigt zu werden, nur weil sie anderer Meinung sind. (Das sollte nicht so sein, ist es aber oft.)

Getäuschte Unwissende

Manchmal beschließt eine solche Person, eine Führungsrolle in einer schwachen jüdischen Gemeinde zu übernehmen, die zumeist aus Menschen besteht, die nur wenig über die jüdische Tradition und das jüdische Recht wissen, um sie dann zu lehren, wie sie jüdisch sein sollten. Das heißt, sie lehren nach ihrer eigenen Fantasie und nicht nach den wirklichen Quellen, von denen sie wenig oder nichts wissen. Die Unwissenden lassen sich leicht täuschen; da jedoch „echte Juden“ ihr Selbstbild bedrohen könnten, stehen sie qualifizierten Rabbinern oft feindselig gegenüber. Einige geben sich als Rabbiner aus … . Für Juden wäre es immer besser, wenn Juden entscheiden dürften, wer Jude ist, und nicht Journalisten. Und schließlich brauchen einige das „Judentum als Projektionsfläche‘‘: Seit Jahrhunderten beschuldigen Christen und Moslems die Juden, etwas zu tun, was sie in Wahrheit selbst tun – nämlich die Übernahme der Welt zu planen.

Für mich als Rabbiner ist nicht wichtig, ob jemand in der Öffentlichkeit – in Artikeln, in Talkshows, auf Kundgebungen – behauptet, jüdisch zu sein, sondern ob er auch im Privaten jüdisch lebt. Meiner Erfahrung nach ist das Judentum für viele ein Fake, eine öffentliche Identität, etwas, das entweder für politische Zwecke ausgenutzt wird, um sich bei der nichtjüdischen Mehrheit beliebt zu machen, oder für persönliche Zwecke, um einen Status innerhalb einer Gemeinschaft zu erhalten. In ihrem Privatleben spielt es keine Rolle. Es hat nichts mit Spiritualität oder Moral zu tun, mit Ethik oder mit Gebet oder mit Observanz. Kurzum – es ist ein Fake.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Monatsausgabe als Web-App.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.

Einzelartikel

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Religion"