„We will rebuild“

Ein subjektiver Blick zurück auf den Pogrom am 7. Oktober 2023

Seit vielen Jahren nutze ich den März, um in Jerusalem Vorlesungen zu halten und Menschen zu treffen, die ich teilweise schon sehr lange kenne und die mir ans Herz gewachsen sind. Natürlich geht es im Rahmen dieser Aufenthalte immer auch um wissenschaftliche Kooperationen und Forschungsprojekte. Weil ich das Land seit nunmehr vierzig Jahren kenne, versuche ich hier erst gar nicht, einen ausgewogenen Text zu schreiben, der allen Seiten irgendwie gerecht zu werden versucht. Er müsste den Rahmen einer Kolumne sprengen und würde sehr lang ausfallen. Und weil ich denke, dass seit dem letzten Jahr die Menge der Probleme, die schier unlösbar scheinen, noch einmal gewachsen ist, versuche ich auch nicht, in meinem Text neunmalkluge Empfehlungen für Problemlösungen zu geben, die in der Regel hier von Touristen mit der Formel „Man müsste ja nur mal …“ eingeleitet werden und von Einheimischen je nach Temperament amüsiert, genervt oder verärgert aufgenommen werden. Ich berichte einfach von Erfahrungen der letzten Tage.

Am Tag, als ich aus Deutschland nach Israel geflogen war (zunächst im Rahmen einer sehr kleinen Wissenschaftsdelegation), besuchte ich einen der vielen überlebenden Opfer der Massaker, die die Hamas-Terrorkommandos in den Morgen- und Vormittagsstunden des 7. Oktober 2023 verübt haben. Was ich hörte, machte mir noch einmal ganz anders klar, dass die Pogrome des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, in der es um die Eliminierung der jüdischen Bevölkerung mit Mann und Maus, Frauen und Kindern ging, an diesem Tag zurückgekommen waren als hätte es keinen Holocaust und keine Staatsgründung Israels gegeben. Ich wusste ja, dass nicht nur die Bewohner mehr oder weniger grenznaher Siedlungen und Städte wahllos umgebracht worden waren an diesem Tag, dazu ihre nichtjüdischen Hausangestellten, die Haustiere und alles, was sich regte. Aber von einem Mann zu hören, wie er mit seiner Familie in den Sicherheitsraum seines Hauses floh und dort die Hälfte seiner Familie vor seinen Augen verblutete, ist doch noch einmal etwas anderes, als Nachrichten zu sehen und Zeitung zu lesen.

Dauerfeuer aus dem Maschinengewehr

Die kleine Familie floh in den safe-room ihres Hauses, der mit verstärkten Mauern eigentlich Schutz vor den häufigen Raketenangriffen der Hamas bieten soll. Als sicherer Raum gegen Mordbanden, die eine Siedlung auf der Suche nach Menschen durchstreifen, ist er natürlich nicht gebaut gewesen. So hielt der Mann, den ich besuchte, krampfhaft die Tür zu, als die Mörder versuchten, die Tür zu öffnen und hielt auch noch fest, als ihm in die Arme, Beine und den Brustkorb durch die Tür hindurch mit Maschinengewehren geschossen wurde. Durch das Dauerfeuer wurde sein rechtes Bein so schwer zerstört, dass es amputiert werden musste; ich traf ihn letzten Sonntag daher in der Reha-Station eines großen Tel Aviver Krankenhauses.

Schlimmer wurden aber seine Frau und einer der Kinder getroffen, die verbluteten neben ihm, während er versuchte, bei Bewusstsein zu bleiben und die Tür zum Raum fest zuzuhalten, um wenigstens die noch Überlebenden zu retten. Nach den Mordkommandos aber kamen die Gruppen, die die Häuser anzündeten, um die Menschen entweder in Panik vor dem Flammentod aus den safe-rooms vor die Mündungen der Maschinengewehre zu treiben oder bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Instinktiv hielt der Mann sich und den Familienmitgliedern, die noch lebten, Handtücher vor den Mund, um nicht zu ersticken und wurde dann ohnmächtig. Nach einer schieren Ewigkeit kamen schließlich Soldaten der israelischen Armee, erschossen die verbliebenen Terroristen und brachten den Mann wie die überlebenden Familienangehörigen an einen wirklich sicheren Platz.

Rettungsbewegung, nicht Kolonialismus

Mich hat vielleicht am meisten beeindruckt, wie ruhig der Mann diese entsetzliche Geschichte erzählte. Er berichtete von einem Gespräch mit einem Rabbiner, der ihm, einen nicht an Gott glaubenden Menschen geholfen habe, als er ihm empfahl, weniger über das Sterben von Frau und Tochter zu trauern, als vielmehr sich dankbar an die gemeinsamen Jahre zu erinnern. „Dieser Ratschlag hilft mir, dass die Erinnerung immer auch schöne Augenblicke zurückbringt und nicht nur die entsetzlichen“. Nur bei einem Satz, den der Mann mehrfach wiederholte, wurde seine Stimme sehr fest und hart. Gleichzeitig kamen ihm die Tränen. Der Satz lautete: „We will rebuild“. „Wir werden wiederaufbauen“: das heruntergebrannte Haus, die traumatisierte Nachbarschaft, die soziale Gemeinschaft im Kibbuz. „We will rebuild“. 

Vermutlich haben so auch die Menschen, die sich aufgrund der grauenhaften Pogrome im neunzehnten Jahrhundert in Russland und anderswo zur zionistischen Bewegung zusammenfanden, um dem jüdischen Volk eine sichere Heimstatt aufzubauen, geredet: „We will rebuild“. Ich wundere mich immer darüber, wie man diese Rettungsbewegung so einfach mir nichts dir nichts mit dem Versuch europäischer Mächte, sich Kolonien zu erobern, vergleichen kann. Aber wieviele Menschen, die gerade in Berlin „from the river to the sea“ brüllen, wissen eigentlich, um welchen Fluss es da geht?

Einige Tage nach dem Besuch im Tel Aviver Krankenhaus habe ich dann drei Orte besucht, die am 7. Oktober von den Terrorgruppen überfallen worden sind. Darunter war der Kibbuz Nir Oz, nicht weit vom Grenzzaun entfernt. Die Einwohner des säkularen Kibbuz gehören eher zur israelischen Linken, waren am Ausgleich mit den palästinensischen Nachbarn interessiert und kümmerten sich beispielsweise um Kranke aus dem Gaza-Streifen. Geholfen hat ihnen das alles nichts, auch sie wurden von den Mord-Kommandos, wenn es denn irgend ging, getötet.

Spülmaschine in einem zerstörten Kibbuz

Foto: Christoph Markschies

Natürlich ist es noch einmal ein Schock, in den verbrannten Häusern eine rußgeschwärzte Spülmaschine zu sehen, in der noch das saubere Geschirr steht, das hätte herausgenommen werden sollen. Aber noch einmal besonders schockiert hat mich ein Rennrad, dass unter einer grauen Plane steckte und mit einem Schloss fest an die Stange einer Markise vor einem Haus angeschlossen war. Durch den Kibbuz führte mich ein Klinik-Clown, der, wie er selbst mit einem feinen Lächeln sagte, überlebt hatte, „weil ich das Glück hatte wegen eines Herzinfarktes in Tel Aviv im Krankenhaus zu liegen“. Er erzählte, wie nach den verschiedenen Wellen von Kommandos, die im Wechsel töteten, brandschatzten und dann wieder mordeten, Frauen und Kinder aus Gaza kamen, um die Häuser und Leichen zu plündern. 

Das angekettete Fahrrad gehörte einem ermordeten Freund des Klinikclowns und wurde übersehen, weil es unter der Plane verborgen war. Die anderen teuren Rennräder der Freunde und Bekannten aus der Nachbarschaft wurden alle in den Gaza-Streifen mitgenommen (und so auch das Rad des Klinikclowns). Sie wurden so mitgenommen wie die Portemonnaies in den Taschen der Ermordeten, die nicht weit entfernt auf der grünen Wiese feiern wollten und meist der israelischen Friedensbewegung nahestanden. Auf der Wiese stehen jetzt die fast vierhundert Bilder derer, die ihren Besuch auf dem Musikfestival nicht überlebt haben oder immer noch verschleppt sind und in Tunneln oder Wohnungen im Gaza-Streifen festgehalten werden. So sind im Kibbuz Nir Oz, in den die meisten überlebenden Einwohner natürlich noch nicht zurückgekehrt sind, auch an vielen rußgeschwärzten Häusern und solchen, die man nicht angezündet hat, Bilder der Verschleppten befestigt: Säuglinge, junge, alte Menschen, wahllos haben auch da die Terroristen zugeschlagen.

Für gemeinsames Leben und Lernen

Mir ist klar, dass man zur gegenwärtigen Situation noch mehr und auch anderes sagen müsste. Aber ich befürchte, dass angesichts des schrecklichen Leids der Bevölkerung im Gaza-Streifen vergessen wird, was die an Versöhnung und Ausgleich interessierten Menschen in den Kibbuzim an der Grenze und die friedensbewegten Besucher des Musikfestivals erleben mussten. Wie gesagt: Die Pogrome, mit denen Antisemiten das jüdische Volk samt allem, was mit ihm zusammenlebt, auslöschen wollten, sind zurück. Die feierlichen Schwüre, dass es nach dem Holocaust nie wieder so weit kommen darf, haben nichts geholfen. Und der Staat Israel war für einen halben Tag nicht in der Lage, seine Bewohner vor dem perfekt geplanten Vernichtungswillen einer Terrorgruppe zu schützen, die wie seinerzeit in Russland auch aus der Bevölkerung unterstützt wird. Eigentlich wollte die Hamas noch viel weiter ins Kernland eindringen; die vielen Menschen auf dem Musikfest haben sie aufgehalten.

Ich bin froh, dass ich in dieses düstere Bild noch einen kleinen Hoffnungsschimmer einzeichnen kann. In diesen Tagen war ich auch in der Hebräischen Universität auf dem Skopusberg oberhalb der Altstadt von Jerusalem. Dort konnte ich mit Menschen sprechen, die aus den jüdischen wie arabischen israelischen, aber auch aus den palästinensischen Studierenden ausgewählt werden, um innerhalb der Universität für „gemeinsames Leben und Lernen“ zu werben (So steht es hebräisch, arabisch und englisch auf den T-Shirts, die diese „Botschafterinnen“ und „Botschafter“ tragen).

Manche Bewährungsprobe

Die Aufgabe dieser Menschen ist es, in der Universität dafür zu sorgen, dass zum Studium zurückkehrende Reservisten und die Kinder der Familien, die Angehörige in Gaza verloren haben oder in den Kibbuzim, friedlich miteinander studieren können, aufeinander hören und mitten im Krieg Frieden ausbreiten helfen. Besonders beeindruckt haben mich zwei befreundete Frauen. Die eine ist Palästinenserin in Ost-Jerusalem und ich werde nie vergessen, wie sie sagte: „Die Hebräische Universität ist für mich als Frau in der männlich dominierten Gesellschaft Jerusalems der einzige sichere Ort“. Die andere ist eine Reservistin, die gerade von ihrem Einsatz im Gaza-Streifen zurückgekommen ist. Beide leben eine Freundschaft, die sicher nicht erst in den letzten Monaten manche Bewährungsprobe zu überstehen hatte, nicht zuletzt in den jeweiligen Familien und Bekanntenkreisen. Aber indem die Universität ihre Studierenden dazu anhält, sich nicht in die eigenen Kreise zurückzuziehen, sondern miteinander zu reden, zu lernen und zu leben, verteidigt sie nicht nur den Raum einer offenen, friedlichen und demokratischen Gesellschaft. Die Hebräische Universität – und genauso die Universitäten von Tel Aviv und Haifa, die ich besucht habe, und sicher auch noch andere – setzt sich mit großem Engagement dafür ein, dass dieser Raum erweitert wird. Das ist sicher das Beste überhaupt, was Wissenschaft tun kann.

Natürlich nicht die Lösung all‘ der vielen unlösbaren Fragen, zu denen jetzt nach Monaten Krieg sicher noch viele weitere gekommen sind. Aber ein Funken Hoffnung inmitten von unendlich viel Leid und Schrecken. Solches Leid lässt sich nicht gegeneinander aufrechnen. Man darf allerdings auch nicht vergessen, was gerade einmal ein halbes Jahr zurückliegt. Eine Welt, in der Pogrome möglich sind, bietet im Grunde niemand und nichts Sicherheit. Schon deswegen kann man das, was am 7. Oktober 2023 geschah, nicht herunterspielen, wegerklären oder sonstwie zu vergessen versuchen. 

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