Lernen von den Kirchen des Südens

Die weltweite Ökumene ist in den Leitsätzen der EKD unterbelichtet
Gottesdienst im Tschad
Foto:Helge Bendl/Brot für die Welt
Gottesdienst unter freiem Himmel im Tschad

Auf der EKD-Synode am kommenden Wochenende sollen die vom „Z-Team“ vorgelegten und nunmehr überarbeiteten Leitsätze zur Kirchenreform diskutiert und beschlossen werden. Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von „Brot für die Welt“ weist nun auf eine Leerstelle in den Thesen hin. Der ‚Weg ins Weite‘ müsse über die weltweite Ökumene führen.   

Dass sich alle Organe der EKD auf die Einsetzung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe, des sogenannten Z-Teams, verständigt haben, um angesichts großer Herausforderungen, namentlich des mittelfristigen permanenten Rückgangs von Mitgliederzahlen der Landeskirchen (der sich als Folge der Pandemie noch einmal beschleunigt), Orientierung für die künftige Aufstellung zu geben, ist sehr begrüßenswert. Profilierung und Konzentration sind bei rückgehenden Einnahmen unumgänglich und müssen den Kirchen keineswegs zum Schaden geraten.

Das biblische Leitmotiv aus Davids Danklied im 2. Samuel 22,20: „Er führte mich hinaus ins Weite“ weckt Assoziationen zum globalen Horizont der Kirche. Und weil es im biblischen Kontext in die spezifische Situation einer dramatischen Rettungserfahrung durch Gott im Angesicht von Katastrophen, Hass und Gewalt hineingesprochen ist, weckt es Hoffnungen auf Orientierung für eine Kirche inmitten der Anfechtungen unserer Zeit. Beides bleibt indes unterbestimmt. Das führt mich zu dreierlei Bemerkungen:

Profiteur der weltweiten Ökumene

I. Die evangelischen Kirchen Deutschlands verdanken ihren ‚Weg ins Weite‘ nach 1945 der Verbindung mit der weltweiten ökumenischen Bewegung. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis hat ihnen geholfen, nach der schuldhaften Verstrickung im Faschismus und nach der tiefen inneren Spaltung im Kirchenkampf Einheit und Versöhnung zurückzugewinnen und hat für ihren Versöhnungsdienst in der Gesellschaft und in der Welt die Basis gelegt. Dieses Schuldbekenntnis - befördert durch den Ökumenischen Rat der Kirchen - war für die evangelischen Landeskirchen in Deutschland der Türöffner zur Wiederaufnahme in den Kreis der weltweiten Christenheit - und damit auch zu weltweiten Geldflüssen. Ohne diese umfangreichen Mittel von Kirchen aus der ganzen Welt hätten sie ihren eigenen Wiederaufbau nicht stemmen können und zur Hungerbekämpfung, Flüchtlingsintegration und zum Wiederaufbau Deutschlands nichts beitragen können. Als Empfänger der Hilfe ökumenischer Diakonie und als akzeptierter Teil der weltweiten Ökumene kamen sie wieder auf die Beine und konnten in den 50er-Jahren selbst zum Akteur weltweiter Diakonie werden (DNK, Kirchen helfen Kirchen, die Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt sind aus diesen Anfängen hervorgegangen.) Weitergeben, was wir empfangen durften, Teilen aus Dankbarkeit, was uns allen von Gott an Gaben und Ressourcen geschenkt wurde – das sollte nicht nur als historische Reminiszenz unseren Weg in die Zukunft bahnen, sondern als theologische Einsicht in unsere Verfasstheit als Glied(er) am weltweiten Leib Christi.

Das biblische Bild des Leibes Christi (1.Kor.12,12ff), auf das im einleitenden Kapitel ‚Auf gutem Grund‘ für die Beschreibung des Zusammenwirkens aller Ebenen und Organe Bezug genommen wird, hat auch eine globale Dimension: Die Kirchen weltweit sind Glieder eines Körpers, dessen Haupt Christus ist. Und darum hat jede Kirche teil an dessen Verheißung und Weg und teil am Leiden und der Freude, am spirituellen und materiellen Reichtum, die Christus seiner Kirche schenkt und am gemeinsamen Auftrag. Über die Zukunftsfähigkeit unserer Kirche nachdenken, lässt sich nicht separat von der Zukunft und den Herausforderungen der weltweiten Kirche Jesu Christi. 

Es ist gut, dass in der 5. These der Leitsätze zum Thema Ökumene die Notwendigkeit interkonfessioneller Dialoge und verschiedener Gestaltungsformen der interkonfessionellen ‚Einheit in Vielfalt‘ nachgedacht wird. Aber Ökumene ist weiter als die Gemeinschaft mit der Römisch-Katholischen Kirche oder der ACK vor Ort - zumal es vor Ort auch um die Gemeinschaft mit Kirchen aus anderen Kulturkreisen gehen sollte, mit denen wir in Zeiten wachsenden Rassismus und Intoleranz gemeinsam Zeugnis von gottgewollter ‚Buntheit‘ ablegen sollten. Ökumene ist auch weiter als die europäische Ökumene. Die Evangelischen Kirchen in Deutschland sind eingebunden in ein globales Netzwerk von Partnerkirchen, das durch Direktpartnerschaften, Missionswerke, sowie durch die Mitgliedschaft in internationalen Kirchenbünden (ÖRK/LWB/WCRC etc.), durch Kirchen helfen Kirchen, und durch die Hilfswerke der ökumenischen Diakonie Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe, gelebt wird.

Verlässliche Partner bleiben

Die Stärkung der Ökumene für die Erneuerung und Zukunftsfähigkeit unserer Kirche sollte darum dringend auch auf die weltweiten ökumenischen Verbindungen bezogen werden und nicht bloß unter dem Vorzeichen der Synergien und des Geldsparens stehen. Sie sollte die positive Bedeutung der kontinuierlichen Einbindung in die Beziehungen ökumenischer Diakonie, der lebendigen Partnerschaften mit anderen Kirchen weltweit und des gemeinsamen Zeugnisses an der Welt in Wort und Tat im Blick haben. Überlegungen zu einer Straffung unserer Strukturen dürfen und sollen nicht zu einer Binnenorientierung der evangelischen Kirchen in Deutschland führen, sondern müssen auch darauf ausgerichtet sein, dass wir verlässliche Partner auch für andere bleiben und uns engagieren – auch finanziell. Darauf sind viele Partner weltweit angewiesen – gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie, die zu beispielloser Verarmung der ohnehin schon armen Länder und Kirchen führt und viele an den wirtschaftlichen Abgrund treibt. Der ‚Weg ins Weite‘ geht nicht ohne weltweite Ökumene.   

Die Einladung an den Ökumenischen Rat der Kirchen, seine nächste Vollversammlung 2022 in Karlsruhe abzuhalten, ist eine Chance, durch den lebendigen Austausch mit Kirchen aus anderen Teilen der Welt gemeinsam durchzubuchstabieren, wie Kirche zukunftsfähig werden kann. Mit geringeren Mitteln und Minderheitenstatus etc. umzugehen, sind viele Kirchen in anderen Kontinenten schon lange gewohnt. Das gilt ebenso für den geistlichen, seelsorgerischen und politischen Umgang mit der Pandemie, mit zunehmender Polarisierung der Gesellschaften, mit der Instrumentalisierung von Religion für Konfliktverschärfung, mit sexualisierter Gewalt, mit den Folgen des Klimawandels etc. Die Kirchen weltweit, mit denen Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe und viele Landeskirchen eng verbunden sind, erleben überdies auch - wie der Beter von Davids Danklied - täglich lebensbedrohliche Bedrängnis. Sie erleben staatliche, politische oder religiöse Anfeindung und Diskriminierung, Gewalt und Katastrophen aller Art – und eben inmitten aller Bedrängnis auch die rettende Kraft des Glaubens und der grenzbeschreitenden ökumenischen Gemeinschaft. Diese Glaubens- und Dienst-Erfahrungen einer vielfach angefochtenen Kirche im weiteren ökumenischen und nicht nur lokalen bzw. interkonfessionellen Kontext können für die Erneuerung und das Zeugnis von EKD und Landeskirchen sehr lehr- und hilfreich sein.

Globale Herausforderungen

II. Vor allem aber sind es die gegenwärtigen globalen Herausforderungen, die einen engeren Austausch und sichtbares Zusammenstehen der Kirchen weltweit nahelegen. Die Pandemie führt uns ein weiteres Mal vor Augen, dass viele heutige Krisen national nicht mehr zu lösen sind – und schon gar nicht mit nationalen Alleingängen – sondern eine abgestimmte globale Antwort erfordern. Das wird auch in den Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) reflektiert, auf die sich die Völkergemeinschaft geeinigt hat: alle Länder müssen gemeinsam je an ihrem Platz einen Beitrag zur Lösung der großen globalen Herausforderungen leisten, damit ‚niemand zurückgelassen wird‘ (to leave no one behind). Das ist Ergebnis und zugleich Erfordernis der Globalisierung. Lange haben wir von ihr profitiert. Nun ist sie aber für Viele nicht mehr fassbar und beängstigend – weil immer mehr Menschen  - auch in den Industrienationen - ihre Schattenseiten zu spüren bekommen. Das wird zum Störpotential für gesellschaftlichen Frieden und Demokratie. In dieser Situation könnte die Kirche ihre globale Verfasstheit als Gegenmodell einer gerechten und friedensfähigen Globalisierung leben und propagieren und zwar unter dem positiven Vorzeichen der Befreiung, Versöhnung und Heilung der Welt von Egoismus/Selbstbezogenheit, Gewalt und Ungerechtigkeit. Dies gemeinschaftlich als weltweite Christenheit und gemeinsam mit Menschen anderer Kulturen am eigenen Ort zu leben und zu demonstrieren, wäre ein Beitrag zur Heilung der Welt in einer Zeit des Kampfes der Kulturen, der aggressiven Abkehr vom Gemeinwohl und Solidarität.

III. Auf UN-Ebene wird derzeit mehr denn je die einzigartige Rolle der Kirchen und der Religionsgemeinschaften für Entwicklung, eine sozial-ökologische Transformation und für den Frieden hervorgehoben. Der einzigartige Dienst der Kirchen in der Bekämpfung von Ebola und Covid-19 haben zu dieser Wertschätzung mit beigetragen. Man setzt große Hoffnung darauf, dass Kirchen überall und in weltweiter Gemeinschaft eine wichtige Rolle dabei spielen, Humanität, Versöhnung, Resilienz, Nachhaltigkeit und Frieden zu fördern und Hoffnung zu stärken.

Angesichts dessen würde man sich in den Leitthesen eine stärkere Betonung der Diakonie in all ihren Formen – auch der prophetischen und der ökumenischen Diakonie - als Teil der Lebensäußerung von Kirche, als Weltdienst der Kirchen wünschen – zumal in ökumenischer Gemeinschaft. Umso mehr, als nationale und internationale Diakonie häufig mit Zielgruppen in Kontakt kommen, die bisher noch wenig Erfahrungen mit geprägter christlicher Identität haben.

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